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Samir mit seiner Mutter @ Jonas Opperskalski/laif

Die sanf­te Macht der Müt­ter

Wenn Ju­gend­li­che sich ra­di­ka­li­sie­ren, se­hen Müt­ter die Warn­zei­chen oft als Ers­te. Sta­bi­le Be­zie­hun­gen
in der Fa­mi­lie und ein star­kes Selbst­be­wusst­sein der Frau­en kön­nen Sch­lim­me­res ver­hin­dern.
Ge­nau da set­zen die Mo­ther Schools von Frau­en oh­ne Gren­zen an.

Ein Last­wa­gen rast in den Ber­li­ner Weih­nachts­markt, ge­steu­ert von ei­nem Tu­ne­si­er, der sich in Ita­li­en ra­di­ka­li­sier­te. Ein 20-jäh­ri­ger IS-Sym­pa­thi­s­ant schießt in der In­nen­stadt von Wi­en. Rechts­ra­di­ka­le zie­hen mit der Reichs­kriegs­flag­ge durch die Stra­ßen. Kaum ge­hen sol­che Mel­dun­gen durch die Me­di­en, wird sch­nell der Ruf nach Druck und Kon­trol­le laut. „Aber dann ist es ei­gent­lich schon zu spät“, sagt die So­zial­wis­sen­schaft­le­rin und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Edit Schlaf­fer. „Hard po­wer hat un­se­re Welt nicht si­che­rer ge­macht.“

Die ös­t­er­rei­chi­sche Fe­mi­nis­tin setzt auf „soft po­wer“, die sanf­te Macht: auf Dia­log, Fa­mi­li­en­be­zie­hun­gen, Stär­kung von Frau­en. „Kein Ge­heim­di­enst kommt den klei­nen all­täg­li­chen Schrit­ten in den Ab­grund näh­er als Müt­ter. Wir müs­sen da an­set­zen, wo die Pro­b­le­me be­gin­nen: in den Fa­mi­li­en.“

2013 grün­de­te Edit Schlaf­fer mit ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on „Wo­men wi­t­hout bor­ders/Frau­en oh­ne Gren­zen“(WwB) die „Mo­ther Schools: Pa­ren­ting for Pe­ace/Müt­ter­schu­len: El­tern­schaft für Frie­den“. Welt­weit ha­ben be­reits 2000 Frau­en in 16 Län­dern an den Pro­gram­men teil­ge­nom­men. Sau­san Sa­na, die vor 20 Jah­ren aus dem Irak nach Bay­ern kam, war 2019 und 2020 Leh­re­rin für Mo­ther Schools in Nürn­berg. Zwei ara­bisch-spra­chi­ge Grup­pen hat sie durch das zehn­wöchi­ge Pro­gramm be­g­lei­tet: „Als wir erst mal ihr Ver­trau­en ge­won­nen hat­ten, wa­ren die Müt­ter sehr of­fen“, be­rich­tet die 55-Jäh­ri­ge. „Wir ha­ben viel ge­re­det: über Kin­der­er­zie­hung, Iso­la­ti­on durch Sprach­pro­b­le­me, feh­len­des Selbst­be­wusst­sein, Re­li­gi­on und Frei­heit...“

Ge­walt in der Fa­mi­lie

Die Müt­ter wuss­ten von Hin­ter­hof­mo­sche­en, in de­nen jun­ge Män­ner in­dok­tri­niert wer­den, ein Sohn war schon ins Vi­sier der Po­li­zei ge­ra­ten. Ag­gres­si­on und Ge­walt in der Fa­mi­lie wa­ren ein gro­ßes The­ma, ge­ra­de auch wäh­rend der Mo­na­te im Lock­down. „Die Frau­en wa­ren stark, aber durch un­ser Pro­gramm sind sie noch stär­ker ge­wor­den“, freut sich Sau­san Sa­na. „Sie wur­den selbst we­ni­ger ag­gres­siv ge­gen­über den Kin­dern und hö­ren ih­nen bes­ser zu. Man­che ha­ben so­gar ih­ren ge­walt­tä­ti­gen Ehe­mann ver­las­sen.“ Sie hofft, dass sich die Frau­en nach der Co­ro­na-Pan­de­mie wei­ter tref­fen und ge­gen­sei­tig un­ter­stüt­zen kön­nen.

Ei­ne der ers­ten Schu­len er­öff­ne­te WwB 2013 in Kash­mir. In der Kon­f­likt­re­gi­on zwi­schen In­di­en und Pa­kis­tan wer­den Kin­der in ei­ner ex­t­rem ge­fähr­li­chen Um­ge­bung groß, ih­re Müt­ter er­fah­ren täg­lich Ge­walt und Un­si­cher­heit. Sie hat­ten nie ge­lernt, über ih­re Er­fah­run­gen und ih­re Ge­füh­le zu sp­re­chen. Die Mo­ther Schools er­mu­tig­ten die Frau­en, ih­re Angst­star­re auf­zu­ge­ben und nach Lö­sun­gen zu su­chen. Sie lern­ten, bes­ser mit ih­ren Kin­dern zu re­den, aber auch bru­ta­les Ver­hal­ten in Fa­mi­li­en nicht mehr zu dul­den. Sch­nell ka­men auch die Män­ner in den Blick: In Work­shops für Vä­ter und Söh­ne konn­ten auch sie ih­ren Frust, ih­re Angst und ih­re Re­si­g­na­ti­on an­ge­sichts staat­li­cher Will­kür aus­sp­re­chen.

Ös­t­er­reich, Ko­so­vo, In­do­ne­si­en, Tad­schi­kis­tan – übe­rall, wo Ex­t­re­mis­mus ge­fähr­lich wird, wol­len die Mo­ther Schools Frau­en zu­sam­men­brin­gen. So auch 2018 und 2019 in Bel­gi­en. Aus kei­nem an­de­ren Land in Eu­ro­pa gin­gen mehr jun­ge Kämp­fer nach Sy­ri­en. Al­lein 30 stamm­ten aus Vil­vo­or­de, ei­ner klei­nen Stadt nörd­lich von Brüs­sel. 31 Müt­ter aus Vil­vo­or­de und Ant­wer­pen wur­den nach zehn Wo­chen in­ten­si­ven Aus­tau­sches für ih­re Be­reit­schaft ge­ehrt, ih­re Kin­der und ih­re Ge­mein­den zu schüt­zen.

Aufmarsch rechter Jugendlicher @ Hendrik Schmidt Picture alliance

Ein­s­tieg mit zwölf Jah­ren

„Mit dem Kind durch Höhen und Tie­­fen ge­hen, das ist die be­­son­­de­­re Stär­ke der Müt­­ter“, sagt Thor­s­­ten Nie­b­­ling, Lei­­ter von „Ro­­te Li­­nie – Päd­a­­go­­gi­­sche Fach­s­­tel­­le Rechts­ex­t­­re­­mis­­mus“ in Hes­­sen. Hier mel­­den sich El­­tern von Ju­­gen­d­­li­chen, die sich in der rech­­ten Sze­­ne ra­­di­­ka­­li­­sie­­ren. „Zu den Müt­­tern kann man im­­mer zu­­rück­­kom­­men, da gibt es im­­mer ei­­ne neue Chan­ce. Wir ver­­­su­chen, die­­se Ver­­­bin­­dung zu stär­ken, denn die rech­­te Sze­­ne ver­­­sucht ge­nau des­halb, die Be­­zie­hung zu den El­­tern zu zer­­stö­­ren.“

Die Ro­te Li­nie ar­bei­tet vor al­lem mit Ju­gend­li­chen in der Ein­s­tiegs­pha­se, und die be­ginnt oft schon mit zwölf Jah­ren. Für die El­tern ist es dann zu spät, das rich­ti­ge Welt­bild zu ver­mit­teln, die Ju­gend­li­chen ori­en­tie­ren sich längst an Gleichal­t­ri­gen und Me­di­en. Trotz­dem: Dass El­tern ih­re ei­ge­nen Wer­te vor­le­ben und er­klä­ren, bleibt sinn­voll, be­tont Nie­b­ling. „Denn die Ju­gend­li­chen hö­ren sie, auch wenn sie sie im Mo­ment nicht le­ben wol­len.“

Auf­merk­sam sein für das, was der Nach­wuchs liest und sagt, Of­fen­heit zei­gen, im Ge­spräch blei­ben, das ist auch für El­tern rechts­ex­t­re­mer Kin­der wich­tig. „Wir hel­fen den Müt­tern, die Stär­ken in der Be­zie­hung wie­der­zu­ent­de­cken.“ Denn vie­le El­tern sind mü­de von jah­re­lan­gen Au­s­ein­an­der­set­zun­gen und ha­ben den Blick ver­lo­ren für das Gu­te, das ihr Kind mit­bringt. Das sechs­köp­fi­ge Team der Ro­ten Li­nie er­mu­tigt sie, auch für sich selbst et­was zu tun, um die ei­ge­nen Kräf­te wie­der auf­zu­bau­en.

Die Macht der Müt­ter zeigt sich aber nicht nur, wenn Söh­ne und Töch­ter sich ra­di­ka­li­sie­ren. Yayi Bo­yo­um Diouf im Se­ne­gal wuchs über sich hin­aus, nach­dem sie 2006 ih­ren Sohn ver­lor.

Yayi Boyoum Diouf am Strand @ Kristin Palitza Picture Alliance

Er er­trank bei dem Ver­such, mit sei­nem Fi­scher­boot nach Eu­ro­pa zu ge­lan­gen. Das Un­glück ve­r­än­der­te das Le­ben der heu­te 62-Jäh­ri­gen: Sie half Müt­tern, klei­ne Ge­schäf­te auf­zu­bau­en, da­mit sie nicht nur vom Fisch­fang le­ben müs­sen. Sie wag­te sich als Fi­sche­rin selbst hin­aus – ge­gen den Wi­der­stand der Män­ner, die kei­ne Frau im Boot ha­ben wol­len. Und sie wan­dert die Strän­de an der Küs­te ent­lang, um jun­gen Män­nern ih­re Ge­schich­te zu er­zäh­len und sie von dem ge­fähr­li­chen Weg übers Meer ab­zu­hal­ten. „Ich sa­ge ih­nen: Willst du, dass dei­ner Mut­ter das­sel­be pas­siert wie mir? Und ei­ni­ge ha­be ich so wir­k­lich über­zeugt zu blei­ben.“

Text: Chris­ti­na Brun­ner, Fo­tos: Jo­nas Op­pers­kal­ski/laif, Kris­tin Pa­litz/pic­tu­re al­li­an­ce, Hen­drik Sch­midt/pic­tu­re al­li­an­ce


Le­sen Sie das ak­tu­el­le In­ter­view zum The­ma:

Die Sor­ge um die Kin­der ist uni­ver­sal - Eli­sa­beth Kas­bau­er über Mo­ther­Schools

Mehr über Frau­en oh­ne Gren­zen/Wo­men wi­t­hout Bor­ders (WwB)


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