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So­li­da­ri­tät

Noch nie hat die deut­sche Nach­kriegs­ge­ne­ra­ti­on so vie­le Ein­schrän­kun­gen ih­rer Grund­rech­te
er­lebt wie in der Co­ro­na-Pan­de­mie. Po­li­ti­ker, Ärz­te und Kir­chen­ver­t­re­ter ru­fen da­zu auf,
sich in die­ser Kri­se so­li­da­risch zu ver­hal­ten. Was aber be­deu­tet So­li­da­ri­tät wir­k­lich?

So­li­da­ri­tät: mehr als Mit­ge­fühl

So­li­da­ri­tät be­zieht sich auf das rö­mi­sche Recht­s­prin­zip „in so­li­dum“ – al­le für ei­nen, ei­ner für al­le - und be­sch­reibt ei­ne Ver­bun­den­heit, die auf ge­mein­sa­men Wer­ten, Über­zeu­gun­gen oder Vor­ha­ben grün­det. Da­zu ist es nicht nö­t­ig, die an­de­ren zu ken­nen oder ih­nen emo­tio­nal na­he zu ste­hen. So­li­da­ri­tät ist hand­lungs­o­ri­en­tiert und zielt - an­ders als blo­ßes Mit­ge­fühl - auf Ve­r­än­de­rung. Un­ser heu­ti­ges Ver­ständ­nis von So­li­da­ri­tät geht auf den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen und So­zia­lis­ten Pier­re Le­roux (1797-1871) zu­rück. Er nennt So­li­da­ri­tät die Pf­licht je­des Ein­zel­nen, sich um die le­giti­men Be­dürf­nis­se des an­de­ren zu sor­gen. In der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckelt So­li­da­ri­tät – nicht nur im Mar­xis­mus – ei­ne dop­pel­te Be­deu­tung: In­ter­es­sen­ver­t­re­tung nach au­ßen und Für­sor­gepf­licht nach in­nen. Papst Jo­han­nes Paul II. be­sch­reibt sie in sei­ner So­zia­len­zy­k­li­ka „Sol­li­citu­do rei so­cia­lis“ als Ent­sch­los­sen­heit, sich für das Ge­mein­wohl wie für das Wohl je­des Ein­zel­nen ein­zu­set­zen und da­für auf ei­ge­ne Vor­tei­le zu ver­zich­ten. Und schon in der Bi­bel steht: „Wenn je­mand die Gü­ter die­ser Welt hat und sein Herz vor dem Bru­der ver­sch­ließt, den er in Not sieht, wie kann die Lie­be Got­tes in ihm blei­ben?“

Was un­ter­schei­det Nächs­ten­lie­be von So­li­da­ri­tät?

Solidarität Kerzen entzünden @imago images/photosteinmaurer

„Für die meis­ten Men­schen ist die Nächs­ten­lie­be ei­ne un­be­ding­te mo­ra­li­sche Pf­licht. Als sol­che ist sie aber frei­wil­lig; nie­mand kann von mir ver­lan­gen, ge­fäl­ligst ‚Nächs­ten­lie­be zu üben‘. So­li­da­ri­tät ist ur­sprüng­lich ein so­zio­lo­gi­scher Fach­be­griff, der die wech­sel­sei­ti­ge Ab­hän­gig­keit der Men­schen von­ein­an­der be­zeich­net. Wenn wir aber, ob wir wol­len oder nicht, dicht und fest (so­li­da­risch) mit­ein­an­der ver­bun­den sind (et­wa in ei­ner Pan­de­mie), dann ist es klug und rat­sam, fü­r­e­in­an­der ein­zu­ste­hen – ganz un­ab­hän­gig von Tu­gend und Mo­ral.“
Her­mann-Jo­sef Gro­ße Kracht, Aka­de­mi­scher Ober­rat am In­sti­tut für Theo­lo­gie und So­ziale­thik der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt.

Die Wur­zeln der An­teil­nah­me

In al­len Kul­tu­ren hel­fen Kin­der spon­tan, wenn Men­schen in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten. Sie trös­ten, sor­gen für ge­rech­te Ver­tei­lung, su­chen Lö­sun­gen für die Be­trof­fe­nen. Der Evo­lu­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Mi­cha­el To­ma­sel­lo glaubt, dass die­ses Ver­hal­ten, das er be­reits bei Kin­dern im Al­ter von zwölf bis 14 Mo­na­ten be­o­b­ach­tet hat, an­ge­bo­ren ist. Der Al­tru­is­mus der Klei­nen führt zu so­li­da­ri­schem Han­deln mit den Be­trof­fe­nen. Erst spä­ter, wenn Kin­der Nor­men über­neh­men, Vor­bil­der su­chen und sich mit an­de­ren iden­ti­fi­zie­ren, wird So­li­da­ri­tät an die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Grup­pe ge­bun­den und we­ni­ger selbst­los. In der Co­ro­na-Pan­de­mie je­doch ha­ben sich un­zäh­l­i­ge jun­ge Men­schen so­li­da­risch ge­zeigt und zu­guns­ten der Äl­te­ren auf vie­le Pri­vi­le­gi­en der Ju­gend ver­zich­tet.

Ve­r­än­dert sich So­li­da­ri­tät im Lauf des Le­bens?

„Ak­tu­ell wird in der Co­ro­na-Pan­de­mie von der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on So­li­da­ri­tät zum Schutz der Äl­te­ren er­war­tet, was um­ge­kehrt an­ge­sichts der Kli­ma­kri­se un­denk­bar er­scheint. Denn mit ih­rem Res­sour­cen­ver­brauch le­ben vie­le äl­te­re Men­schen seit Jah­ren auf Kos­ten künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen. An­de­rer­seits spen­den über 70-Jäh­ri­ge von al­len Be­völ­ke­rungs­gru-ppen am meis­ten. Auch das ist so­li­da­ri­sches Han­deln. Vi­el­leicht bie­tet die Pan­de­mie die letz­te Chan­ce, dass sich al­le Ge­ne­ra­tio­nen in ge­mein­sa­mer Ver­ant­wor­tung und So­li­da­ri­tät auf ei­ne nach­hal­ti­ge Le­bens­wei­se be­sin­nen. Ei­ne glo­ba­le nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung ba­siert auf in­ter­ge­ne­ra­tio­nel­ler Ko­ope­ra­ti­on und Ge­rech­tig­keit.“
Nor­bert Frie­ters-Re­er­mann, Pro­fes­sor für So­zia­le Ar­beit, Schwer­punkt Bil­dungs- und Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­ten an der Ka­tho­li­schen Hoch­schu­le NRW.

Die Bi­bel for­dert so­zia­len Aus­g­leich

Solidarität Bibel @Janina Mogendorf

In der Bi­bel taucht der Be­griff So­li­da­ri­tät nir­gend­wo auf. Von so­li­da­ri­schem Han­deln aber ist an vie­len Stel­len die Re­de. Im Buch der Weis­heit, in Gleich­nis­sen, Er­zäh­lun­gen, der Ge­richts­re­de des Matt­häu­sevan­ge­li­ums (Mt 25, 34-36): Im­mer wie­der be­to­nen die Sch­rei­ber: Ge­mein­schaft mit Gott ist oh­ne So­li­da­ri­tät nicht zu ha­ben. „Amen, ich sa­ge euch: Was ihr für ei­nen mei­ner ge­rings­ten Brü­der ge­tan habt, das habt ihr mir ge­tan.“ Weil Gott al­le Men­schen gleich liebt, sol­len wir un­se­re Nächs­ten lie­ben wie uns selbst. Das ist die Quin­tes­senz, Grund­la­ge der Op­ti­on für die Ar­men und be­deu­tet mehr als Al­mo­sen ge­ben.

Es heißt, Stel­lung für Be­nach­tei­lig­te be­zie­hen, Dis­kri­mi­nie­run­gen über­win­den, Ge­rech­tig­keit ein­for­dern, Be­trof­fe­nen die Chan­ce ge­ben, ihr Le­ben selbst zu ge­stal­ten. Die kirch­li­che So­ziale­thik nennt das „so­zia­le Ge­rech­tig­keit“. Sie geht über So­li­da­ri­tät weit hin­aus und ver­langt per­sön­li­che Zu­wen­dung, Lie­be, Barm­her­zig­keit.

Wem es gut geht, der kann mit­lei­den. Aber was ist mit den an­de­ren?

„‚Mir geht es gut. Wenn es den an­de­ren auch gut gin­ge, gin­ge es mir noch bes­ser.‘ Die­ser Spruch drückt aus, was So­li­da­ri­tät meint. So­li­da­ri­tät ist exis­ten­zi­ell, nicht mo­ra­lisch. Sie be­zeich­net die um­fas­sen­de Ab­hän­gig­keit der Men­schen von­ein­an­der. Kei­ner ist ei­ne In­sel, nie­mand lebt für sich al­lein. Wenn es mir dre­ckig geht, will ich nur mit klei­nen, ein­fa­chen Leu­ten zu­sam­men sein. Die tei­len im­mer und hal­ten zu dir. Die le­ben nach dem Köl­schen Grund­ge­setz: ‚Ich loss dich nit im Riss‘ (Ich lass’ dich nicht im Stich). Das ist Au­f­er­ste­hung auf Kölsch.“
Franz Meu­rer, Pfar­rer in zwei der ärms­ten Stadt­tei­le Kölns. Sei­ne Ge­mein­den bie­ten von der Klei­der­kam­mer bis zur Fahr­rad­werk­statt zahl­rei­che Hil­fen an.

So­zial­staat: Aus­g­leich durch Ab­ga­ben

Be­ruf­s­tä­ti­ge si­chern mit ih­ren Bei­trä­gen in die Ren­ten­kas­se das Ru­he­stands­geld der Äl­te­ren. Wer viel ver­di­ent, zahlt ei­nen höhe­ren Kran­ken­kas­sen­bei­trag als der Ge­ring­ver­die­ner. Er­werb­s­tä­ti­ge sor­gen für die, die noch in Schu­le oder Aus­bil­dung sind, wer Ar­beit hat, zahlt für die Ar­beits­lo­sen und Ar­beit­s­un­fähi­gen. Oh­ne So­li­da­ri­tät sähe es sch­lecht aus im So­zial­staat. Aber So­li­da­ri­tät lässt sich nicht ver­ord­nen – an die­sem Trug­schluss sind auch schon so­zia­lis­ti­sche Re­gi­me ge­schei­tert. Nach der rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on 1917/18, die sich die Brü­der­lich­keit auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat­te, be­stimm­te die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, wer für die So­li­da­ri­tät le­ben durf­te und wer in de­ren Na­men ster­ben muss­te. Ge­n­au­so we­nig lässt sich So­li­da­ri­tät durch klu­ge Ve­r­ein­ba­run­gen oder tak­ti­sche Über­le­gun­gen er­rei­chen. Tritt­b­rett­fah­rer, die die Vor­tei­le des So­zial­staats, Er­run­gen­schaf­ten von Ge­werk­schaf­ten oder der Frau­en­be­we­gung ger­ne in An­spruch neh­men, dar­aus aber kei­ner­lei Verpf­lich­tung für sich ab­lei­ten, sind kei­nes­wegs so­li­da­risch. Denn es ge­nügt nicht, Steu­ern und So­zial­ab­ga­ben zu zah­len. So­li­da­ri­tät braucht Nähe, Ver­bun­den­heit, En­ga­ge­ment.

Ist un­ser So­zial­sys­tem so­li­da­risch?

Solidarität Bettler in der Stadt @Oppitz/KNA

„Der Staat muss Frei­heit und Ge­rech­tig­keit si­chern. So­li­da­ri­tät kann er er­mög­li­chen, nicht er­zwin­gen. Sie gibt es von Men­schen zu Men­schen – oder nicht: ‚Hel­fen und sich hel­fen las­sen.‘ Ka­pi­ta­lis­mus, Kom­mu­nis­mus und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus woll­ten men­sch­li­che So­li­da­ri­tät nicht wir­k­lich. Zwei da­von sind bei uns Ver­gan­gen­heit. Die Idee des Ka­pi­ta­lis­mus lobt zwar die De­mo­k­ra­tie, aber mis­sach­tet die Gleich­wer­tig­keit al­ler Men­schen. Geld soll viel Geld er­brin­gen, oh­ne wah­re Be­ach­tung men­sch­li­cher So­li­da­ri­tät welt­weit. Die Hoff­nung: So­li­da­ri­tät gibt es in­di­vi­du­ell und auch or­ga­ni­siert de­mo­k­ra­tisch. Wir ha­ben die Wahl.“

Franz Münte­fe­ring, ehe­ma­li­ger SPD-Frak­ti­ons- und Bun­des­vor­sit­zen­der, heu­te Vor­sit­zen­der der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Se­nio­ren­or­ga­ni­sa­tio­nen.

So­li­da­ri­tät ist kein Ku­schel-Kurs

So­li­da­risch zu sein, fällt leicht – so­lan­ge es um Men­schen geht, die zur ei­ge­nen Grup­pe oder so­zia­len Schicht ge­hö­ren. Sich für die glei­che Be­zah­lung von Frau­en oder mehr Rad­we­ge ein­zu­set­zen, kos­tet al­len­falls Zeit, um da­für auf die Stra­ße zu ge­hen. Auch die Pe­ti­ti­on ge­gen den Han­dy­mast oder zum Schutz der be­droh­ten Zeit, um er­for­dert kaum Auf­wand. Doch das En­ga­ge­ment fühlt sich gut an – ge­n­au­so wie dem Ob­dach­lo­sen im Vor­über­ge­hen ei­nen Eu­ro in den Be­cher zu wer­fen. Ste­hen­zu­b­lei­ben, sich auf ein Ge­spräch mit ihm ein­zu­las­sen hin­ge­gen kos­tet Über­win­dung. So­li­da­ri­tät ist kein Ku­schel- Kurs. Es geht dar­um, die ei­ge­ne Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen, die An­ders­ar­tig­keit der an­de­ren an­zu­neh­men und sich auch de­nen, die nicht so sind wie man selbst, zu­zu­wen­den. Wer an ei­ner Mahn­wa­che ge­gen die Ab­schie­bung von Flücht­lin­gen teil­nimmt, ver­tritt ei­ne Po­si­ti­on, die man­chen nicht passt, und ris­kiert, an­ge­fein­det zu wer­den. Das heißt aber auch: Wer Par­tei für die ei­ne Sei­te er­g­reift, grenzt die an­de­re aus.

Grenzt So­li­da­ri­tät an­de­re aus?

„Iden­ti­täts­po­li­tik, die ak­tu­ell mit un­ter­schied­li­chen Ziel­set­zun­gen von rechts wie von links be­trie­ben wird, ist für un­se­re Ge­sell­schaft ge­fähr­lich. Die au­to­ri­tär be­trie­be­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen ‚Wir‘- und ‚Die‘-Grup­pen zer­stört so­zia­le So­li­da­ri­tät. Ste­hen ein­zel­ne Grup­pen­in­ter­es­sen ge­gen ei­ne wel­t­of­fe­ne Kul­tur der An­er­ken­nung, för­dert die Ideo­lo­gi­en der Un­g­leich­wer­tig­keit. Sie zeich­nen sich da­durch aus, dass ei­ne grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit ent­steht. Das be­deu­tet, dass Men­schen, vor al­lem aus Min­der­hei­ten, al­lein durch ih­re Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit ab­ge­wer­tet und dis­kri­mi­niert wer­den.“
Wil­helm Heit­mey­er, Pro­fes­sor für So­zia­li­sa­ti­on und Lei­ter des In­sti­tuts für in­ter­dis­zi­p­li­nä­re Kon­f­likt- und Ge­walt­for­schung der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld.

Vor­aus­set­zung für glo­ba­le Ge­rech­tig­keit

Wel­che Reich­wei­te hat So­li­da­ri­tät? Wenn sie Nähe und Ver­bun­den­heit vor­aus­setzt, kann sie dann Kaf­fee­bau­ern in Äthio­pi­en, Nähe­rin­nen in Ban­g­la­desch, ver­folg­te Chris­ten im Irak ein­sch­lie­ßen? In ei­ner glo­bal ver­netz­ten Welt ste­hen al­le mit­ein­an­der in Be­zie­hung. Des­halb darf es nie­man­dem egal sein, wenn Men­schen we­gen ih­res Glau­bens be­droht sind und der Kon­sum der Wohl­ha­ben­den auf Kos­ten der Ar­men geht. Auch ei­ne welt­wei­te Pan­de­mie geht al­le an.

Solidarität Flüchtlingsboot @picture alliance

Trotz­dem er­le­ben wir ge­ra­de, dass In­du­s­trie­na­tio­nen weit über ih­re Be­völ­ke­rungs­zah­len hin­aus Co­ro­na- Impf­do­sen auf­kau­fen und ar­me Län­der leer aus­ge­hen. Statt ei­ner neu­en glo­ba­len So­li­da­ri­tät droht der Rück­fall in al­te So­li­da­ri­tä­ten. Die Op­ti­on für die Ar­men aber hat uni­ver­sa­len Cha­rak­ter. Die­je­ni­gen, die kei­ne Stim­me ha­ben, brau­chen Für­sp­re­cher, die Miss­stän­de und Un­recht an­pran­gern und Ve­r­än­de­rung for­dern. Sie brau­chen Kon­su­men­ten, die kri­tisch ein­kau­fen und auf fai­re Prei­se, Pro­duk­ti­ons- und Han­dels­be­din­gun­gen drin­gen – da­mit glo­ba­le So­li­da­ri­tät kei­ne Uto­pie bleibt und sch­ließ­lich zu so­zia­ler Ge­rech­tig­keit führt.

Hat An­teil­nah­me Gren­zen?

„So­li­da­ri­tät hat viel mit Iden­ti­tät zu tun. Je mehr sich je­mand ei­ner so­zia­len Grup­pe zu­ge­hö­rig fühlt, des­to stär­ker grenzt er sich von an­de­ren ab. Un­se­re So­li­da­ri­tät gilt da­her oft nicht den Hilfs­be­dürf­tigs­ten, son­dern Men­schen, mit de­nen wir uns iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Ge­sell­schaft­li­cher Fort­schritt ent­stand je­doch vor al­lem dann, wenn Ar­bei­ter, Frau­en oder Schwar­ze auch au­ßer­halb ih­rer Grup­pe So­li­da­ri­tät er­lebt ha­ben. Des­halb brau­chen wir So­li­da­ri­tät über so­zia­le und Län­der­g­ren­zen hin­weg: übe­rall, wo Men­schen aus­ge­beu­tet und ih­rer Rech­te be­raubt wer­den.“
Ju­le Specht, Psy­cho­lo­gie­pro­fes­so­rin an der Hum­boldt- Uni­ver­si­tät Ber­lin, forscht zur Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit, be­son­ders im Er­wach­se­ne­nal­ter.

So­li­da­ri­tät – ein Zu­kunfts­mo­dell?

So­li­da­ri­tät fin­det stän­dig statt, wo Men­schen fü­r­e­in­an­der da sind. Wer Nach­bar­schafts­hil­fe an­bie­tet, dem ge­stress­ten Kol­le­gen un­ter die Ar­me greift, ein gu­tes Wort für den Flücht­ling an der Su­per­markt­kas­se ein­legt, der mit dem frem­den Geld nicht zu­recht­kommt, han­delt so­li­da­risch. Man­che mö­gen die­ses Ver­hal­ten für über­flüs­sig hal­ten und mei­nen, sie kä­m­en al­lein bes­ser zu­recht. So­li­da­ri­tät, so der So­zio­lo­ge Heinz Bu­de in sei­nem gleich­na­mi­gen Buch, er­schei­ne oft sinn­los fürs Gan­ze und teu­er für den Ein­zel­nen. Sie be­deu­tet, Unan­nehm­lich­kei­ten in Kauf zu neh­men, er­for­dert Mut, mit­un­ter Ver­zicht oder so­gar Op­fer. Doch oh­ne So­li­da­ri­tät funk­tio­niert kei­ne Ge­mein­schaft. Des­halb muss sich je­der fra­gen, wel­che Wer­te und Prin­zi­pi­en für ihn im men­sch­li­chen Zu­sam­men­le­ben fun­da­men­tal und nicht ver­han­del­bar sind. Wer sich da­für ent­schei­det, an ein Mit­ein­an­der zu glau­ben, kommt an So­li­da­ri­tät nicht vor­bei. „Die So­li­da­ri­schen“, so Bu­de, „fin­den sich zu­sam­men, um den Be­weis zu er­brin­gen, dass wir zu­sam­men wei­ter­ma­chen kön­nen.“

Er­öff­net Ein­schrän­kung neue Per­spek­ti­ven?

„Na­tür­lich! Ein­schrän­kun­gen lo­ckern Denk­schran­ken. Das lässt uns er­sta­unt fest­s­tel­len: Vie­les kann ganz an­ders sein. Im Lock­down ha­ben wir neue Kleino­de im ei­ge­nen Um­feld ent­deckt, die ver­bor­gen blie­ben, so­lan­ge wir die Welt an­ders­wo er­kun­det ha­ben. Wir kön­nen auch vor je­dem Ein­kauf kurz nach­den­ken: ‚Was brau­che ich wir­k­lich?‘ Dann hät­ten wir ein geld­leich­te­res Le­ben und mehr zum Tei­len. Mit ein bis­schen Übung ve­r­än­dern sich so un­se­re ‚men­ta­len In­fra­struk­tu­ren‘, wie der So­zio­lo­ge Ha­rald Wel­zer sagt. Wir kön­nen mit we­ni­ger Din­ge tun, die wir nicht für mög­lich hal­ten, wenn al­les mög­lich ist.“ Sil­ke Hel­f­rich, So­zial­wis­sen­schaft­le­rin, freie Au­to­rin und Vor­den­ke­rin der Com­mons-Be­we­gung, die die Idee des Wohl­stands durch Tei­len ver­folgt.
Sil­ke Hel­f­rich, So­zial­wis­sen­schaft­le­rin, freie Au­to­rin und Vor­den­ke­rin der Com­mons-Be­we­gung, die die Idee des Wohl­stands durch Tei­len ver­folgt.

Text: Bea­trix Gram­lich; Fo­tos: ima­go ima­ges/pho­to­stein­mau­rer.com, pho­to­ca­se, Op­pitz/KNA, pic­tu­re al­li­an­ce/AP ima­ges/Gre­go­ria Bor­gia, Jan­i­na Mo­gen­dorf

Zu­rück zur Nach­rich­ten­über­sicht Mai/Ju­ni 2021

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