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„Wel­che Schu­le hat uns das ge­lehrt?“

Erz­bi­schof Fran­­cois-Xa­vier Ma­roy Ru­­sen­­go aus dem Kon­go zu Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gung und Roh­stoff­han­del

mis­sio un­ter­stützt Erz­bi­schof Ma­roy von Bu­ka­vu bei sei­ner Frie­dens­mis­si­on im Kon­go. ©KNA

Erz­bi­schof Fran­cois-Xa­vier Ma­roy Ru­sen­go.
Fo­to: KNA

Erz­bi­schof Fran­cois-Xa­vier Ma­roy Ru­sen­go (56) steht mit sei­nem Le­ben für Ver­söh­nung und Frie­den in der Kri­sen­pro­vinz Ki­vu im Os­ten der De­mo­k­ra­ti­schen Re­pu­b­lik Kon­go - nur knapp ist er ei­nem Mord­an­schlag ent­gan­gen. Wo Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen ein Mit­tel der Kon­f­likt­par­tei­en sind und Aus­beu­tung und Ver­schleu­de­rung von Bo­den­schät­zen die Ma­schi­ne­rie des Kriegs be­feu­ern, pre­digt er Ge­rech­tig­keit. Da­für er­hielt er am 10. Dezm­ber 2012 den Men­schen­recht­s­preis der Stadt Wei­mar. Im In­ter­view in Aa­chen er­klärt Ru­sen­go, was er von den Eu­ro­päern er­war­tet.

Herr Erz­bi­schof, Ih­re Re­gi­on Ki­vu ist in die­sen Ta­gen im Blick der Welt­öf­f­ent­lich­keit. Go­ma, nicht weit von Ih­rer Bi­schofs­stadt Bu­ka­vu, wur­de vor­über­ge­hend von der Re­bel­len­grup­pe „M23“ be setzt. War es schwer, Ih­re Diöze­se in die­ser Pha­se zu ver­las­sen?
Ma­roy:
Wäh­rend der Be­set­zung von Go­ma war die La­ge un­klar. Aber zu­letzt schi­en es mir doch mög­lich zu rei­sen. Ich stand hier im Wort, war vom Hilfs­werk mis­sio ein­ge­la­den und möch­te auch hier in Deut­sch­land et­was be­wir­ken. mis­sio kann un­se­re Stim­me wei­ter­tra­gen, als wir das im Kon­go könn­ten. Ich be­te, dass in die­ser Zeit nicht wie­der noch Sch­lim­me­res in mei­nem Land ge­schieht.

Die Nach­rich­ten über sch­limms­te Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen im Os­ten des Kon­go rei­ßen nicht ab. Hat die Kir­che ir­gend­ei­nen ver­nünf­ti­gen An­sp­rech­part­ner, mit dem po­li­tisch et­was zu er­rei­chen ist?
Die Kri­se ist per­ma­nent, ei­ne Ab­wärts­spi­ra­le. Wir kön­nen nur un­se­re Kon­tak­te stär­ken, noch mehr ap­pel­lie­ren, die Waf­fen nie­der­zu­le­gen. Wir kön­nen nicht ein­fach je­dem ver­trau­en; wir dür­fen aber auch nicht je­dem mis­s­trau­en, son­dern müs­sen die Men­schen und die Re­gie­ren­den er­mu­ti­gen, ge­mein­sam Schrit­te in Rich­tung Frie­den zu ge­hen.

Wel­che Rol­le spielt Ru­an­da in dem Kon­f­likt?
Die Re­bel­len in Bu­ka­vu ha­ben ih­re Ba­sis in Ru­an­da. Aber es han­delt sich nicht um ei­nen eth­ni­schen Kon­f­likt. Die Gren­zen sind of­fen, die Leu­te rei­sen, kön­nen sich frei be­we­gen. Es gibt Schü­ler und Stu­den­ten, die in Bu­ka­vu zur Schu­le ge­hen. Wenn das ein Krieg zwi­schen Völ­kern wä­re, dann müss­ten die Gren­zen ge­sch­los­sen wer­den. Wer sich aber für Frie­den ein­setzt, der lebt in Bu­ka­vu ge­fähr­lich.

Was er­war­ten Sie von Eu­ro­pa?
Selbst der Papst hat am Mitt­woch zum Frie­den im Kon­go auf­ge­ru­fen. Es gibt so viel Elend, so vie­le To­te, so viel Lei­den. Es könn­te in der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft viel mehr In­i­tia­ti­ven da­ge­gen ge­ben, die ein Echo ha­ben könn­ten. Al­le aus­län­di­schen Ag­gres­so­ren raus aus dem Land - sol­che Ap­pel­le wä­ren wich­tig.

Wür­den die denn ge­hört?
Es wä­re ein Zei­chen der So­li­da­ri­tät, des gu­ten Wil­lens.

In Ih­rem rie­si­gen Land le­ben Hun­dert­tau­sen­de, ja Mil­lio­nen Men­schen als aus­län­di­sche Kriegs­flücht­lin­ge und als Bin­nen­ver­trie­be­ne. Se­hen Sie für die­se Men­schen ei­ne Per­spek­ti­ve?
Den Frie­den. Ei­nen an­de­ren Aus­weg gibt es nicht. Oh­ne Frie­den ist kei­ne Rück­kehr zu sich selbst mög­lich, und auch nicht in die Hei­mat. Die Lei­den sind so un­be­sch­reib­lich groß und viel­sei­tig: kör­per­lich, psy­chisch, ma­te­ri­ell. Warum? Weil Krieg ist. Und warum ist Krieg? Weil die Men­schen Waf­fen ha­ben. Weil sie ih­nen je­mand ge­ge­ben hat. Weil sie da­mit Men­schen ver­t­rei­ben sol­len. Weil mit dem Land, dem Bo­den Ge­schäf­te zu ma­chen sind. Weil, weil, weil. Und die­se gan­ze Ket­te führt ganz am En­de auch zu uns, zu uns al­len. Wir sind nicht un­be­tei­ligt, auch wenn wir so tun.

Sie mei­nen et­wa den il­le­ga­len Han­del mit Kol­tan, das zur Her­stel­lung von Han­dys be­nö­t­igt wird - und mit dem die Re­bel­len durch Prei­se un­ter Welt­markt­ni­veau Hun­der­te Mil­lio­nen Eu­ro er­wirt­schaf­ten.
Gott hat das Kol­tan nicht nur für die Kon­go­le­sen in die Er­de ge­legt. Es soll al­len ge­hö­ren, wie die Luft zum At­men. Aber es muss auch den Men­schen hier zu­gu­te­kom­men, es muss der Be­völ­ke­rung Ein­kom­men ver­schaf­fen. mis­sio sam­melt Un­ter­schrif­ten für fai­re Han­dys, da­mit künf­tig Kol­tan aus kor­rekt ge­führ­ten Mi­nen kommt. Und wenn die in Eu­ro­pa ei­nen Eu­ro mehr kos­ten wür­den - wä­re das so sch­limm? Ein klei­ner Bei­trag.

Der Dia­log mit den Han­dy­her­s­tel­lern über die Äch­tung von blu­ti­gem Kol­tan ist of­fen­bar nicht ein­fach. Nur No­kia zeigt sich auf­ge­sch­los­sen und die Te­le­kom. Die an­de­ren schwei­gen.
Die Fir­men rea­gie­ren nicht? Dann müs­sen wir sie um­so stär­ker ein­la­den, mit uns zu re­den. Las­sen wir nicht lo­cker. Ein Pri­vat­ver­mö­gen von ei­ner Mil­li­ar­de? Wie vie­le Le­bens­jah­re kann man sich da­für kau­fen? Je­der muss ster­ben, auch die Rei­chen. Es hat sechs Mil­lio­nen To­te durch Ge­walt im Kon­go ge­ge­ben. Wir müs­sen al­le Un­ter­neh­men, al­le Ge­sell­schaf­ten, al­le Men­schen er­rei­chen, die vom Lei­den so vie­ler Men­schen pro­fi­tie­ren.

Da ist ein di­ckes Brett zu boh­ren. Wo­her neh­men Sie Ih­ren Opti­mis­mus?
Wir er­le­ben 2012 grau­sa­me Ge­walt­ta­ten. Wir ha­ben sie 2011 er­lebt, 2004, 1998. Die Men­schen ha­ben nie be­g­rei­fen wol­len, dass man nichts ge­winnt, wenn man Un­recht tut. In der Ko­lo­nial­zeit: Tod, Aus­beu­tung, Un­ter­drü­ckung. Chris­tus wur­de vor 2.000 Jah­ren ge­tö­tet, ge­k­reu­zigt, weil man sei­ne Bot­schaft nicht hö­ren woll­te. Seit­dem ver­sucht die Kir­che nun, die Bot­schaft von Frie­den und Er­lö­sung zu ver­mit­teln. Mei­nen Sie, dass man in Deut­sch­land schon al­les be­grif­fen hat, was Je­sus woll­te? Je­den Tag se­he ich die Lei­den der Men­schen im Kon­go, und des­halb ma­che ich da­mit wei­ter, was Chris­tus uns auf­ge­tra­gen hat - auch mit aus Deut­sch­land ge­för­der­ten Hilf­s­pro­jek­ten für die Trau­ma­ti­sier­ten.

Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen sind im Kriegs­ge­biet an der Ta­ges­ord­nung, teils aus Will­kür, teils als Mit­tel zur Zer­stör­ung des Zu­sam­men­halts gan­zer Dorf­ge­mein­schaf­ten. Re­bel­len, aber auch re­gu­lä­re Trup­pen grei­fen zu die­ser grau­sa­men Will­kür.
In un­se­rer Spra­che gibt es das Wort Ver­ge­wal­ti­gung gar nicht. Das heißt, in un­se­rer Kul­tur gab es die­ses Phä­no­men bis­lang nicht; es ist neu bei uns. Das ist pu­re Bar­ba­rei, so schwer zu be­g­rei­fen: Wie kann man in Wut „Lie­be ma­chen“? Das ist ein Wi­der­spruch in sich. Ei­nen Akt der Lie­be und des Vergnü­gens so in Ge­walt zu ver­keh­ren. Wel­che Schu­le hat uns das ge­lehrt?

Das In­ter­view führ­te Alex­an­der Brüg­ge­mann (KNA)

(C) KNA



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Zur Län­der­über­sicht De­mo­k­ra­ti­sche Re­pu­b­lik Kon­go von mis­sio Aa­chen
Vi­deo zur Ver­lei­hung des Men­schen­recht­s­p­rei­ses der Stadt Wei­mar an Erz­bi­schof Ma­roy



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