Magazin > Heft 05-2008

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 — Zurück auf die Straße
REPORTAGE 2 — Unterm Schleier
INTERVIEW — Andrea Nahles
HINTERGRUND — Lob für die Idee — Tadel für die Machtart
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 05-2008:

Zurück auf die Straße

Sie werden gefoltert und ins Gefängnis gesteckt, obwohl das gesetzlich strikt verboten ist. Ein katholischer Priester und Jugendrichter kämpft für die Rechte krimineller Minderjähriger in Indien und hilft ihnen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Text: Veronika Buter

Fotos: Paul Hahn

   

Raju hat den Mundschutz in die Hosentasche gesteckt. Zwischen seinen Zähnen klemmt eine schwarze Trillerpfeife. Die Nachmittagssonne knallt unbarmherzig auf den 22-Jährigen. Giftige Abgase nebeln ihn ein. Seit Stunden steht Raju mitten auf einer großen Kreuzung in Bangalore. Quer über seine Brust trägt er eine weinrote Schärpe mit vier Buchstaben darauf: ECHO, die Abkürzung für „Empowerment of Children and Human Rights Organization “. Seine Hände stecken in weißen Stoffhandschuhen. Sie winken und wedeln, sind ständig in Aktion, weisen mal in die eine, mal in die andere Richtung, eine lebende Ampel. Inmitten des tosenden Verkehrs wirkt der junge Mann klein und verloren. Dennoch respektieren ihn alle, denen er sich in den Weg stellt: heranbrausende Motorräder, knatternde Rikschas, monströse LKW und hupende Busse.

Raju ist hoch konzentriert, schweißnass — und stolz. Auch wenn sein Job als Hilfs-Verkehrspolizist in der Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka anstrengend, ungesund und schlecht bezahlt ist — für den vermeintlichen Vergewaltiger, der beinahe für immer hinter Gittern verschwunden wäre, bedeutet es jedoch viel, Schulter an Schulter mit der Staatsgewalt seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ohne Pater Antony Sebastion Koottungal wäre Raju nie so weit gekommen. Das „Traffic Police Assistant Program“ (TPAP) ist die jüngste Initiative des katholischen Priesters zur Wiedereingliederung jugendlicher Straftäter in die indische Gesellschaft.

 

 

REPORTAGE 2 – 05-2008:

Unterm Schleier

Das Klima für religiöse Minderheiten verschlechtert sich im Iran. Doch viele Christen wollen oder können ihre Heimat nicht verlassen. Sie suchen und finden Wege, ihr Christentum in der islamischen Welt lebendig zu erhalten.

 

Text: Hildegard Mathies

Fotos: Isabelle Eshragi/Vu/LAIF

 

Die Mädchen tragen weder Kopftuch noch Burka. Dabei besteht seit fast einem Jahr auch für die christlichen Schülerinnen Schleierzwang in den iranischen Schulen. Hier, im Katechismus-Unterricht der Bethlehem-Gemeinde in Jolfa, sieht man unbedeckte Haarschöpfe. Und auch die Lehrerin zeigt ihr braunes Haar und die Jeans ganz selbstverständlich. Hinter den Mauern der Kirchen und Gemeindezentren sind die Christen im Iran freier als auf den Straßen oder an ihrem Arbeitsplatz.
 

Aber diese Freiheit ist relativ. Aufpasser kontrollieren immer wieder offen oder getarnt, wer in die Gottesdienste und zu Gemeindetreffen kommt. Und wie sich die Christen verhalten, wenn ein Moslem sich für ihre Kirche interessiert. Wer verdächtigt wird, Mission zu betreiben, schwebt in Lebensgefahr. Denn Mission, die „Anstiftung zum Abfall vom Islam“ ist ein staatsfeindlicher Akt. Gefängnis, Folter und Tod in der Haft oder „Verschwinden“ können die Folgen sein.

 

 

 

 

 

 

INTERVIEW 05-2008

Interview mit Andrea Nahles

„Es ist nicht leicht,
Christus zu folgen“

Sie vergleicht die vollstreckten Todesurteile in China mit den Hexenverbrennungen in Europa, die Begeisterung für den Dalai Lama erinnert sie an die Fußballweltmeisterschaft 2006 — und Jesus bezeichnet sie als ihr „linkes Idol“: Die SPD-Spitzenpolitikerin Andrea Nahles, 38.

Foto: Frommann

Gehen Sie in die Kirche?

Ja. Regelmäßig. In meinem Dorf Weiler in der Eifel. Ich bin katholisch und katholisch sozialisiert. Ich heiße Maria mit Zweitnamen, wie alle meine Cousinen — das hat schon System bei uns (lacht). Ich war auch Messdienerin, das war wirklich was Besonderes: Ich war in der ersten Gruppe von jungen Frauen, die das überhaupt durfte, 1979 war das. Und ich habe auch die missio-Hefte rundgetragen.

Spielt Ihr Glaube bei Ihrer Arbeit eine Rolle?

Ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich Ihnen überhaupt ein Interview geben soll, weil ich meinen Glauben nie vor mir hergetragen habe. Das ist für mich etwas, womit ich nicht hausieren gehen muss — und möchte. Aber es gibt Fragen, wo ich mich definitiv auch über die Fraktionsgrenzen als Christ positioniere, bei der Stammzellendiskussion oder bei der Frage, ob Gott in die EU-Verfassung soll. Das sind Punkte, bei denen ich mir sagen muss: Ja, da musst du dich jetzt als Christin bekennen. Andererseits trage ich ungern meine christliche Verankerung auf der Fahne durch die Gegend, weil ich finde, dass Politik einem auch viel an Privatheit und Ressourcen zur eigenen Stärkung nimmt: Ich habe wenig Zeit, den Akku auch mal wieder aufzuladen. Dabei hilft mir die Religion. Und deshalb möchte ich daraus für mich persönlich nicht allzu sehr eine öffentliche Angelegenheit machen.

Ist der Glaube etwas, das Politiker über Parteigrenzen hinweg verbindet?

Man weiß im Bundestag voneinander, dass man sich christlich verortet. Aber nichts gegen die Kollegen aus dem Bundestag: Ich möchte manchmal mit Leuten zusammen sein, die überhaupt keine Politik machen. Nach meiner Ministrantenzeit bin ich in einen ökumenischen Jugendgesprächskreis gegangen. Wir treffen uns seit 22 Jahren zweimal im Jahr. In dieser Gruppe sind Freunde von mir, Leute, die ich vor allem kenne, weil ich mit ihnen eine Form von Religiosität lebe.

Auf die Frage nach einem linken Idol haben Sie einmal „Jesus“ genannt. Warum?

Ich habe mich mit keiner Person der Zeitgeschichte, wenn man es mal so nennen will,so auseinandergesetzt wie mit Jesus von Nazareth. Wenn man mich fragt, was meine Beweggründe sind, mich über den eigenen Tellerrand hinaus mit anderen Leuten zu beschäftigen, hat das zunächst mal überhaupt keinen politischen Impetus. Das ist etwas, das ich von meinen Eltern mitbekommen habe, da herrschte ein gelebter christlicher Geist. Und was heißt schon „ linkes Idol“? Wenn man überhaupt was sagen kann: Es ist nicht leicht, Christus zu folgen, er ist absolut anspruchsvoll, der Kerl, und nebenbei — er ist auch radikal, was die Gerechtigkeitsfrage angeht.

Kann man mit seinem Verhalten in Europa auf Entwicklungen in der sogenannten Dritten Welt Einfluss nehmen?

Ja, auf jeden Fall! Wir sind ja ein Role Model, ein Vorbild. Die aufstrebenden asiatischen Länder orientieren sich nicht nur bei Musik und Kultur am Westen. Deshalb müssen wir auch im Bereich Entwicklung Pfade aufzeigen, die für die ganze Welt vernünftig sein können. Wir können nicht einfach sagen: Jetzt seid ihr da unten mal ökologisch, weil wir es uns hier gut gehen lassen wollen. Eine der zentralen Formen ist für mich die Solarenergie. Das ist für mich die einzige Energie, die in südlichen Hemisphären Sinn ergibt, weil sie nämlich nicht monopolisiert werden kann. Wir haben das ja beim Genfood gesehen, sofort bilden sich wieder Abhängigkeitsstrukturen über das Saatgut. Aber die Sonne ist eine herrschaftsfreie Energieform. Dafür, dass das preiswert auf technologisch höchstem Niveau einsetzbar ist, müssen wir hier den Weg bereiten.

Im Bereich Energie ist also eine sinnvolle Zusammenarbeit möglich.

Ja. Dritte-Welt-Länder nur als Markt zu betrachten, ist kein ideales Entwicklungsmodell. Aber China nimmt die afrikanischen Staatenals Handelspartner ernst. Und es tritt ihnen so entgegen und nicht mit dem Gestus „Wir helfen euch, Kiddys“. Das kann man gut oder schlecht finden, solange wir kein besseres Modell anbieten, soll man sich, bitte schön, nicht wundern. Ich glaube, dass einiges unseres kollektiven Helferansatzes, den wir bisher hatten, überdacht werden muss. Wobei einiges auch schon überdacht wurde, indem man zum Beispiel den Ansatz mit Mikrokrediten stärkt. Diese Idee finde ich sehr zukunftsfähig. Es gibt immer mehr Genossenschaftsbanken, die Kleinstkredite vergeben. Das sind keine großen Summen, das Geld hilft aber, wenn zum Beispiel mal die Ernte schlecht war und ein Bauer neues Saatgut kaufen muss.

Während der Olympischen Spiele wurde viel über Menschenrechte in China und das Verhältnis zu Tibet gesprochen…

Dieser ganze Dalai-Lama-Kult. Entschuldigung. Es ist doch nicht mehr normal. Aber offenbar haben wir hier ein religiöses Bedürfnis in unserer Gesellschaft, das sich im Christentum nicht abbildet. Das ist so eine semireligiöse Welle — das erinnert mich an ganz andere Sachen, an den Tod von Lady Di und die Fußballweltmeisterschaft 2006. Das hat recht wenig mit Menschenrechten in Tibet zu tun. Da verdient die chinesische Politik Kritik, gar keine Frage. Aber wir können nicht einfach mit China brechen. Ich bin für Wandel durch Annäherung, nicht für Belehrungen wie „We have a mission, wir haben eine Mission“. China verändert sich schon, aber nur, indem wir sachlich kritisieren und diskutieren und nicht, indem wir einen Riesenmumpitz veranstalten.

Wie sollte Europa sein Verhältnis zu China künftig gestalten?

Es muss eine Chance geben, dass China nicht wieder Schritte zurückgeht. Wenn man mal guckt: Wann sind die meisten Hexen verbrannt worden? Nicht im Mittelalter, sondern zu Beginn der Neuzeit, im 16. Jahrhundert. Weil es eine Zeit der Veränderung, der Unsicherheit war. Der Anstieg der vollstreckten Todesurteile in China erinnert mich fatal daran. Die haben enorme Umbrüche in diesem Land. In China steigt die Sündenbocktendenz. Das will ich nicht rechtfertigen, da passiert nur einfach etwas psychologisch Ähnliches, wie wir das hier hatten. Wir müssen den Ausbau eines echten Rechtsstaates fördern. Pressefreiheit. Daran besteht kein Zweifel.

Sind Sie ein heimatverbundener Mensch?

Ja, ich wohne immer noch in meinem 500-Ei-wohner-Dorf Weiler. Ich habe da ein Pferd und ein Haus. Ich bin dort, so oft es geht. Je weiter ich aber in den letzten zehn Jahren politisch vorangekommen bin, desto weniger Zeit konnte ich dort verbringen. Und so wird das wohl auch bleiben. Das ist ein Preis, den ich ungern entrichte, aber den muss ich entrichten.

Macht Politik eigentlich Spaß?

Ja. Natürlich. Man erlebt in der Politik seine Gegenwart viel intensiver. Man ist in seiner Zeit nicht nur der Zuschauer im Ohrensessel. Ich finde diese Arbeit wirklich interessant und spannend, und manchmal ist sie sogar befriedigend. Und man braucht wesentlich mehr Geduld, als ich gedacht habe, als ich in die SPD eingetreten bin. Politik ist nichts für Grashüpfer…

Das Gespräch führte Barbara Leyendecker, kontinente Aachen  

 

ZUR PERSON
Andrea Nahles

Andrea Maria Nahles, 38, kommt aus einer katholischen Familie: Ihre Großmutter war Pfarrhaushälterin, ihr Vater, ehemaliger Maurermeister, leitete den Kirchenchor in Weiler, dem Heimatdorf von Andrea Nahles. Mit 19 Jahren gründete sie den dortigen Ortsverein der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands). Bekannt wurde sie als Bundesvorsitzende der Jusos (Jungsozialisten, 1995-1999). Die studierte Literaturwissenschaftlerin ist Mitglied des Deutschen Bundestages und arbeitsmarktpolitische Sprecherin ihrer Partei. Seit einem Jahr ist sie außerdem stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD.

 

Lesen Sie den ausführlichen Wortlaut des Interviews mit Andrea Nahles hier als pdf zum Download.

 

 

HINTERGRUND 05-2008

Lob für die Idee, Tadel für die Machart

„weltwärts“ erfreut die Freiwilligen — und verärgert die Träger wegen seiner Unausgereiftheit.

Unvergessliches Erlebnis: Dorothee Scheibel war als Missionarin für ein Jahr im Amazonasgebiet.

Ein Beitrag von Franz Jussen
 

Foto: privat

Sie tritt vermutlich die Reise ihres Lebens an: Ende September wird Susanna Schüller, 19, ihre Familie in der Westerwaldgemeinde Steinefrenz verlassen und ins afrikanische Kamerun gehen. Als „MaZlerin“, Missionarin auf Zeit, wird sie für ein ganzes Jahr ihr neues Zuhause in einer Schwesterngemeinschaft der Diözese Bafia finden. „Den Wunsch, nach Afrika zu gehen, habe ich schon lange“, sagt die frisch gebackene Abiturientin, die sich mit Hilfe des Ordens der Pallottinerinnen auf Land, Leute und Religion in Westafrika vorbereitet hat. In Bafia, wo der Anteil der christlichen, animistischen und islamischen Bevölkerung gleich groß ist, wird sie den Schwestern nach Kräften in Hospital, Kindergarten oder Schule helfen. Mitten in die Vorbereitung auf ihren Einsatzfiel die Nachricht von der Gründung des Dienstes „weltwärts“. Mit ihm will das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren fördern, die Erfahrungen in der Entwicklungshilfe sammeln wollen. Weil die Pallottinerinnen als Trägerorganisation vom BMZ anerkannt ist, wird Susanna Schüller zu den ersten rund 1000 Jugendlichen gehören, die über „weltwärts“ entsendet werden. Nach den ehrgeizigen Plänen von Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sollen künftig bis zu 10000 junge Freiwillige pro Jahr mit „weltwärts“ auf Reise gehen. Im Etat des Ministeriums werden dafür jährlich rund 70 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Allerdings wäre Susanna Schüller auch ohne den ministeriellen Ansporn ausgereist, denn sie hat lange für den Einsatz gespart und fühlt sich von den Pallottinerinnen gut betreut…
 

 

 

Nachrichten 05-2008:

URANMUNITION

„Atomarer Holocaust“

Babys, die ohne Augen, Nase, Mund geboren werden; Menschen, die scheinbar an kleinen Wunden sterben: In Afghanistan, Irak und vielen anderen Ländern leiden Menschen unter den Folgen von Uranmunition.

„Der ewige Tod“ ist nur einer der Namen für das, was in hunderttausenden Körpern von Menschen und Tieren sowie in unzähligen Quadratkilometern Erde und ’zig Tonnen von Waffenschrott lauert: abgereichertes Uran, kurz DU, vom englischen Depleted Uranium. Das Abfallprodukt der Kernenergie ist äußerst begehrt bei Kriegsherren, denn Uranmunition ist von einzigartiger Durchschlagskraft. Die USA und Großbritannien haben sie großflächig eingesetzt, etwa auf dem Balkan und im Irak. Und die USA tun es bis heute im Irak und in zuvor nie gekanntem Ausmaß in Afghanistan, dem Land, in dem Al-Kaida-Chef Osama bin Laden lange Unterschlupf fand.

Die Benutzer von Uranmunition nehmen mindestens in Kauf, dass sie nicht nur ihre eigentlichen „harten Ziele“ treffen, wie Panzer und deren Besatzung, sondern auch die Zivilbevölkerung und die Umwelt. Auf Generationen hinaus leidet ein Land unter den Folgen des todbringenden Uranstaubs, der im Moment des Aufpralls freigesetzt wird und sich überall verteilt. Menschen, Tiere, Wasser, Luft, Pflanzen: alles ist verseucht. Zu den entsetzlichsten Auswirkungen gehören die Bildung großer Geschwüre, der Zusammenbruch des Immunsystems, Krebs und schwerste Missbildungen bei Neugeborenen. Der zweifache Grimmepreisträger Frieder Wagner, der den Film „Deadly Dust/Todesstaub“ über Uranmunition und die Folgen gedreht hat und Aufklärungsarbeit über dieses Thema leistet, spricht von einem „atomaren Holocaust“.

In die Medien schafft es das Thema nur hin und wieder, meist verschwindet es dann schnell wieder. Das liege auch daran, dass kaum jemand die drastischen Bilder zeigen wolle, vermutet Wagner. Und nicht zuletzt an den Beschwichtigungen der Politiker. Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im Herbst soll es zwar um Uranmunition und „die Auffassung der Mitgliedstaaten und internationaler Organisationen zu den Auswirkungen“ gehen. Doch noch im April hat etwa die deutsche Bundesregierung in einer Antwort auf die Kleine Anfrage mehrerer Abgeordneter der Fraktion DIE LINKE geantwortet, es gebe „ keinen nachweislichen Zusammenhang“ zwischen der Uranmunition und den Krankheiten. Allerdings existieren zahlreiche Untersuchungsberichte internationaler Wissenschaftler, die diesen Zusammenhang nachweisen und mancher Wissenschaftler hat wegen der Veröffentlichung solcher Ergebnisse seine Stelle verloren.(hm)

Die DVD „Deadly Dust/Todesstaub“ gibt es für 25 Euro bei der Filmfirma von Frieder Wagner, Telefon 0221-322518, ochowa-film@t-online.de. Wagners Materialsammlung zu Uranmunition finden Sie hier als pdf-Datei zum Download.


 

STANDPUNKT

Prof. Dr. Rüdiger Funiok SJ, 66
Sprecher Netzwerk Medienethik; Hochschule für Philosophie

Medien als Wegbereiter von Kriegen? Mindestens im Vorfeld, wenn in der Bevölkerung eine Akzeptanz des geplanten Kriegs zu schaffen ist, werden Gräuelbilder lanciert.

Wir erinnern uns: Vor dem 1. Irakkrieg warfen angeblich Irakis Babies aus einem Brutkasten in Kuwait. Alles manipulierte Bilder, wie wir heute wissen.

Von den Folgen der letzten Kriege — mit ihren angeblich chirurgisch exakten und sauberen Waffen — ist weit seltener die Rede. Noch weniger gibt es Bilder. Bilder vom Leiden der Soldaten und der Zivilbevölkerung. In die Mauer des Verschweigens und Nichtzeigens wenigstens einige Löcher zu brechen, ist nötig. Das entspricht journalistischer Verantwortung.

Fotojournalismus ist professionelle Zeitzeugenschaft. Man muss nicht nur vor Ort sein — und das ist oft gefährlich — und nicht nur flink mit der Kamera. In der Auswahl und Nachbearbeitung der Bilder gilt es auch, politisch unabhängig zu bleiben. Das bedeutet freilich auch, notwendige Bilder zu bringen. Zumal von Kindern, den am meisten Unschuldigen.
 

KINDERSOLDATEN

Warten auf die Befreiung

300000 Jungen und Mädchen werden derzeit nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UNO) weltweit als Kindersoldaten missbraucht. Im Kampf gegen diese verbrecherische Menschenrechtsverletzung hatte die UNO auf den Internationalen Strafgerichtshof gehofft, der im Juni erstmals ein Verfahren gegen einen Warlord — Kriegsherr Thomas Lubanga aus der Demokratischen Repubik Kongo — eröffnet hatte. Dass er Kinder an die Waffen gezwungen hatte, war einer der Hauptanklagepunkte. Doch bereits Anfang Juli war Lubanga auf unbestimmte Zeit freigelassen worden. Netzwerke wie das Deutsche Bündnis Kindersoldaten, zu dem auch missio gehört, erhofften sich von einem starken Internationalen Gericht und einer Verurteilung von Warlords wie Lubanga Fortschritte im Kampf gegen den Einsatz von Kindern als Kriegern. Nun heißt es weiter warten und hoffen. In 20 Kriegen werden Kinder weltweit als Soldaten missbrauch.   hm
 

MANDÄER

Religion vorm Aus

Vor dem Ende ihrer fast 2000-jährigen Geschichte im Irak steht augenscheinlich die Religionsgemeinschaft der Mandäer. Anfeindungen, Entführungen und andere Übergriffe haben 25000 der 30000 Mandäer vertrieben, meldet die Gesellschaft für bedrohte Völker (gfbv). Sie leben jetzt in der Diaspora, es gibt nur wenige größere Gemeinden. Regelmäßig werden Mandäer entführt und von ihren Angehörigen werden fünf- bis sechsstellige Lösegelder in US-Dollar erpresst. Im Februar hatte es einen nach Angaben der gfbv gezielten Raketenangriff auf das Haus einer mandäischen Familie im Gebiet Alaza in Kut gegeben. Zehn Familienmitglieder starben dabei. Mit den Mandäern verschwindet eine kultur- und religionsgeschichtlich wichtige Größe aus dem Irak. Einst hatte die Gemeinschaft den Status einer Weltreligion. Die Glaubensgemeinschaft führt ihren Ursprung auf den heiligen Johannes den Täufer zurück, die Taufe spielt eine wichtige Rolle für sie. Die Mandäer haben viele Einflüsse aus Judentum, Christentum und Buddhismus sowie aus dem persisch-zarathrustischen Manichäismus und der Gnosis aufgegriffen. Spuren mancher untergegangener Religionen finden sich nur noch bei ihnen. Ihrerseits haben die Mandäer auch viele Religionen Vorderasiens beeinflusst.   hm
 

KOMPAKT

Gewalt gegen Frauen

Jede dritte Frau wird in ihrem Leben mindestens einmal geschlagen, missbraucht oder zu Sex gezwungen, so eine Studie der Vereinten Nationen. Sexuelle Gewalt bedroht das Leben von jungen Frauen stärker als beispielsweise Krebs, Krieg oder Malaria.

Bibellose Sprachen

Das Buch der Bücher, die Bibel, liegt derzeit in 2454 Sprachen vor. Damit ist die Zahl der Übersetzungen zwar gestiegen, aber noch immer fehlen viele Ausgaben: Weltweit gibt es 3000 Hauptsprachen und insgesamt werden rund 6700 Sprachen gesprochen.

„Kloster auf Zeit“ zieht

Mehrtägige Aufenthalte im Kloster liegen im Trend. Dies ergab eine Umfrage der Deutschen Ordensobernkonferenz unter 300 Klöstern. 39 Prozent der Gäste suchen eine geistliche Erfahrung, 35 Prozent nehmen eine Auszeit vom Alltag. Über ihre mögliche Berufung wollen sich 15 Prozent klar werden.

 

THAILAND

Spielen im Tempel

Um Jugendliche besser vor Gewalt und schädlichen Einflüssen schützen zu können, ist das thailändische Büro für Buddhismus offen für den Vorschlag, Internetcafés und Spielhallen in Tempeln unterzubringen. Auslöser dieser Idee waren Berichte über Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch, Prostitution und Drogenhandel in Computerspiel-Läden. Rund 10000 Betreibern nicht-registrierter Spielstätten droht der Entzug ihrer Automaten und die Schließung, wenn dort illegale Aktivitäten ermittelt werden. Eine landesweite Überprüfung sollte im Sommer beginnen. Ein Mitarbeiter des Büros für Nationalen Buddhismus berichtet, dass viele Tempel bereits Internetcafés für Kinder eingerichtet haben, die sie auch als „Dienst an der Öffentlichkeit“ betrachten. Unter der Aufsicht von Mönchen würden pornografische und andere, für Kinder ungeeignete Internetseiten blockiert. Die Mönche könnten auch die Zeit begrenzen, die die Kinder am Computer verbringen. Sie könnten darüber hinaus dafür sorgen, dass die kleinen Internetsurfer „aufbauende Inhalte“ und qualitätsvolle Internetseiten anklickten. In Thailand gibt es rund 32000 buddhistische Tempel.   (kna/hm)

 

FORSCHUNG

Warum Pygmäen so klein sind

Pygmäen, wie die kleinwüchsigen Völker verschiedener Kontinente genannt werden, stellen im Kindesalter das Wachsen ein, um schnell fortpflanzungsfähig zu werden. Das ist eine der neuen Erkenntnisse, die ein Team von Anthropologen bei ihren Forschungen gewonnen hat. Die britische Wissenschaftlerin Andrea Migliano von der Universität Cambridge und ihre Kollegen haben die Körpergröße, Fruchtbarkeit und Lebenserwartung von Pygmäen in Afrika und auf den Philippinen analysiert. Weil die meisten dieser Völker eine geringe Lebenserwartung haben, sorgt die Natur dafür, dass Pygmäenkinder spätestens mit 13 Jahren aufhören zu wachsen. Wer früh ausgewachsen ist, kommt auch früher ins gebärfähige Alter und kann das Überleben des Volkes sichern. Pygmäen haben überall auf der Welt eine niedrige Lebenserwartung, egal, ob sie in Afrika, Asien oder Lateinamerika leben: im Durchschnitt werden sie 25 Jahre alt. Es gibt aber auch Völker, deren Lebenserwartung bei weniger als 20 Jahren liegt. Nur ein Drittel bis die Hälfte der Pygmäen-Kinder erreicht überhaupt das 15. Lebensjahr. Die kleinen Pygmäen wachsen zunächst genauso schnell wie ihre europäischen oder anderen Altersgenossen. Männer werden 1,55 Meter groß, Frauen 1,50 Meter.   (hm)

 

ORDEN

Erfolgsbilanz

„Es gibt Gemeinschaften, die mit drei oder vier Schwestern mehrere Millionen Euro im Jahr mobilisieren.“ Pater Jean Paul Muller, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft deutscher Missionsprokuren (AGMP), wünscht sich, dass die Arbeit der Orden in der Öffentlichkeit und von der Politik besser wahrgenommen wird. Denn die Bilanz in der Entwicklungsarbeit kann sich sehen lassen: mit 118 Millionen Euro haben deutsche Ordensgemeinschaften 2007 Entwicklungsländer unterstützt. Bei ihren Einnahmen verzeichneten sie einen Zuwachs um zwei Millionen Euro auf 117,1 Millionen. Pluspunkte der Orden seien ihre Unabhängigkeit von Parteipolitik, Pfarreien oder Diözesen und vor allem, dass sie vor Ort lebten. Sie genössen nicht nur das Vertrauen der Menschen, mit denen sie leben und die in ihre Krankenhäuser, Schulen oder Flüchtlingslager kämen, sondern seien auch wichtige Ansprechpartner für die Entwicklungspolitik. Zudem seien sie wichtige Kooperationspartner für Hilfswerke. Dass ihre Leistung oft unzureichend wahrgenommen wird, führt der Salesianer Muller auch auf eine „falsche demütige Bescheidenheit“ der Orden zurück.   (hm/kna)

 

 

 

MENSCHEN 05-2008

DECHEN SHAK-DAGSAY

Friedensmusik für Tibet und China

„Statt unsere Unterschiede hervorzuheben, sollten wir die Gemeinsamkeiten betonen“, sagt die tibetische Sängerin Dechen Shak-Dagsay. Die 49-Jährige, die als Kind mit ihren Eltern vor den chinesischen Besatzern floh und seitdem in der Schweiz lebt, singt für die Versöhnung von Tibetern und Chinesen. Im April hatte sie ein großes Solidaritätskonzert gegeben für die tibetischen Demonstranten, deren Protest gegen China brutal niedergeschlagen wurde. Im Juni dann gab sie ein Solidaritätskonzert für die Opfer des Erdbebens in China. Das ist kein Widerspruch für Dechen Shak-Dagsay. „Tibet gut, China schlecht — solche Rückschlüsse zu ziehen, ist gefährlich“, hat sie damals der Neuen Zürcher Zeitung gesagt. Mit ihren sanft gesungenen buddhistischen Mantras will sie zum Frieden beitragen, denn die Religion verbinde die Völker. „Der Buddhismus ist unsere Medizin, wir müssen sie nur nehmen.“     (hm)

 

JOHAN VONLANTHEN

Fußballstar und Kirchenbauer

Gott spielt eine Hauptrolle im Leben von Johan Vonlanthen, 22. Wenn der Schweizer Fußballnationalspieler nicht mit dem Ball auf Torejagd geht, studiert er Theologie. „Um die Bibel besser zu verstehen“, sagt er. In seinem kolumbianischen Geburtsort Santa Maria hat er nun eine Kirche gebaut. Für die Menschen, die mit ihm Gottesdienst feiern und beten wollen, wenn er in der Stadt ist. „Wenn ich dort bin, kommen immer 20 bis 30 Menschen zu mir nach Hause. Da ist zu wenig Platz und so kam mir die Kirchenidee“, sagt Vonlanthen. In dem Gotteshaus soll nicht nur die Heilige Messe gefeiert werden, die Gemeindemitglieder sollen dort auch Feste feiern können. Der Fußballer von Red Bull Salzburg bekennt sich offen zu seinem Glauben. Er gehört zu den freikirchlichen Adventisten.     (kna/hm)

 

KORBINIAN KANTENWEIN & ODIN MÜHLENBEIN

Shoppen und spenden

„Wir könnten jedes Jahr zehn Millionen Euro Spenden sammeln.“ Das ist das Ziel der beiden Münchener Studenten Korbinian Kantenwein, 26, und Odin Mühlenbein, 23, mit ihrem Internet- Spendenportal „clicks4charity“, klicken für Wohltätigkeit. Wer über ihre Webseite Anbieter wie Amazon, Quelle, Ebay oder Air Berlin besucht und dort einkauft oder bucht, tut Gutes. Einen Teil des Kaufpreises gibt der Anbieter an den Spendenempfänger weiter, den der Kunde vorher auswählt. Meist sind es 4,5 bis 9 Prozent. Mehr als 400 Firmen, mehrere Suchmaschinen und ein Dutzend Hilforganisationen, die alle das Spendensiegel tragen, machen schon mit.     (etd/hm)