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REPORTAGE

Jamaikas barmherzige Brüder

Selbst die kriminellsten Banden in Kingston können sie nicht davon abhalten: Tag für Tag schwärmen im gefährlichsten Viertel der Hauptstadt Jamaikas Dutzende junger Ordensleute aus, um Ausgestoßenen zu helfen.

 

Text: Franz Jussen

Fotos: Fritz Stark

 

So schnell lässt sich Bruder Maximo Medina, 40, durch Nichts aus der Ruhe bringen. Eigentlich wird sein Geschick jetzt dringend bei seinen Mitbrüdern gebraucht, die damit begonnen haben, den maroden Dachstuhl des Häuschens abzureißen, in dem Jay Thomas, 52, und ihre zwölfjährige behinderte Tochter Daisha leben. Doch mit einer Engelsgeduld hört sich der stämmige Belizer, den alle nur Max rufen, die Bitten und Sorgen der Frauen an, die ihn umringen, seit der Lastwagen der „Missionare der Armen“ mit den Wellblechen in der Straße eingetroffen ist. Die Wunschliste der Damen ist lang: Der Einen würden ein paar Lebensmittel reichen, eine Andere hofft, dass auch der Dachstuhl ihres Hauses bald von den Brüdern repariert werden kann, und eine Weitere fleht den Bruder an, ihrer verwirrten Mutter einen Platz im Altersheim zu geben. Sorgfältig notiert Bruder Max Anliegen und Adressen. In den kommenden Wochen werden er und seine Mitbrüder jedem einzelnen Hilferuf nachgehen, verspricht er.
 

Die Missionare der Armen sind eine beliebte Anlaufstelle für Notleidende aller Art in Kingston. Doch seit Hurrikan „Dean“ im vergangenen August Spuren der Verwüstung hinterlassen hat, überblicken die Brüder kaum noch, bei wem der Schuh am stärksten drückt. Die Wut des Wirbelsturms, der mit Windstärken von 240 Kilometern in der Stunde über die Karibik jagte, hat unzählige Dächer in den ohnehin verwahrlosten Vierteln der Stadt verwüstet. Die Brüder rechnen seither in einer neuen Zeiteinheit: Die Baustelle, der sie sich heute mit ihrem Spezialtrupp annehmen, ist „ die 265. seit Dean“.

Die Missionare der Armen sind ein junger Orden. Zusammen mit ihrem Gründer Pater Richard Ho Lung leben und arbeiten Ordensmänner aus aller Welt in Kingston. Sie lassen sich nicht davon schrecken, dass die Stadt einen Spitzenplatz in der internationalen Verbrechensstatistik belegt und dass zwei der Ihren schon zu Märtyrern geworden sind…

     

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