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ÜBERSICHT

Irak— Hoffnung für Flüchtlinge
Standpunkt — Otmar Oehring
Brasilien — Gesetz gegen Kindstötungen geplant
Gesundheit — Die weiße Pest: Tuberkulose
Abschiebung — Zynische Fluglinie
Bolivien — Keine Sklaven?
Nachrichten Kompakt
Studie — Die Freiheitsträume der Muslime
Bio-Siegel — Öko bringt Geld

         

IRAK

Hoffnung für Flüchtlinge

Sie fliehen vor Tod, Folter und Vergewaltigung. Doch Christen und nicht-muslimische Minderheiten aus dem Irak sind in den Nachbarländern wenig willkommen. Nun will Deutschland sie aufnehmen.

Sie treibt die nackte Angst: Viele flüchten Hals über Kopf und lassen ihr gesamtes Hab und Gut in der Heimat zurück. Seit 2003 sind Angehörige nicht-muslimischer Minderheiten im Irak immer mehr zur Zielscheibe für islamische Extremisten geworden: Irakische Christen berichten von Drohbriefen, die sie zwingen, innerhalb von 24 Stunden zum Islam zu konvertieren oder das Land zu verlassen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Sie berichten von Schutzgelderpressungen, Überfällen, Folter und Vergewaltigung. Trauriger Tiefpunkt dieser Gewaltspirale ist der Tod des chaldäisch-katholischen Erzbischofs von Mossul, Paulos Faraj Rahho, der nach seiner Entführung an den Strapazen der Haft starb. Viele Stadtteile haben radikal-muslimische Milizen bereits zu christenfreien Zonen erklärt.

2,2 Millionen Menschen, schätzt das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen UNHCR, sind bereits aus dem Irak geflohen. Knapp anderthalb Millionen haben in Syrien Zuflucht gesucht, halb so viele leben offiziell in Jordanien, 45000 im Libanon, 10000 in der Türkei. Knapp zehn Prozent sind Christen, vor allem chaldäisch-katholische und assyrische, aber auch syrisch-orthodoxe, syrisch-katholische und armenische Christen. Ebenso bedroht sind Angehörige anderer nicht-muslimischer Minderheiten wie Mandäer und Jesiden.

Im Exil sind sie ungeliebte Gäste. Die Flüchtlinge erhalten weder Arbeitserlaubnis noch ein dauerhaftes Bleiberecht und versuchen mit Gelegenheitsjobs in den Armenvierteln der Städte zu überleben. Wenn sie das Geld für Visa nicht mehr aufbringen können, tauchen viele illegal unter.

Otmar Oehring verfolgt diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Wie ein Rufer in der Wüste hat der missio-Menschenrechtsexperte schon früh auf die Lage der Christen im Irak aufmerksam gemacht und beharrlich im Hintergrund daran gearbeitet, Politik und Gesellschaft für ihr Leid zu sensibilisieren. Im Herbst reiste er mit Bundestagsabgeordneten, hohen Beamten und Journalisten nach Jordanien, Syrien und in den Libanon und konfrontierte sie mit der Situation der Flüchtlinge. Diese Begegnungen hatten Folgen: Wenig später machte sich Innenminister Wolfgang Schäuble bei seinen europäischen Kollegen für die Aufnahme religiöser Minderheiten aus dem Irak stark. Deren Rückkehr und ein friedliches Zusammenleben der Religionen, so Oehring, sei derzeit schwer vorstellbar, auch wenn Kritiker vor einem christenfreien Orient warnen. Wie kontinente kurz vor Drucklegung erfuhr, gibt es Anzeichen, dass Deutschland möglicherweise schon vor der Konferenz der EU-Innen- und -Justizminister im September Flüchtlinge aus dem Irak aufnehmen könnte.   (bg)
 

STANDPUNKT

Otmar Oehring, 43,
missio-Menschenrechtsexperte, zur Lage der Christen im Irak

Seit einigen Monaten diskutieren Politiker in Berlin und in den Bundesländern über die Aufnahme irakischer Flüchtlinge in Deutschland und in anderen EU-Mitgliedsstaaten. Die Kirche im Irak ist dagegen, weil sie die Entchristianisierung des Landes fürchtet. Das fürchten auch die Kirchen in den angrenzenden Staaten. Mittlerweile haben sie jedoch, genauso wie die Kirchen im „Westen“, das Dilemma erkannt: Die Flüchtlinge aus dem Irak können weder in ihre Heimat zurückkehren noch haben sie Zukunftsperspektiven in den Erstaufnahmeländern Syrien, Jordanien, Libanon und in der Türkei.

Deshalb fordert missio seit Monaten die Aufnahme von bis zu 30000 Angehörigen nicht-muslimischer Iraker — vor allem Christen, aber auch Mandäer und Jesiden.

Gemeinsam mit dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) kann die Aufnahme dieser Menschen zeitnah realisiert werden. Für die Flüchtlinge ist das eine Chance, für unsere Gesellschaft eine Bereicherung. Und nicht zuletzt ein Zeichen christlicher Nächstenliebe..
 

BRASILIEN

Gesetz gegen Kindstötungen geplant

Mehrere hundert Indio-Babys werden in Brasilien jedes Jahr umgebracht — weil sie eine Behinderung haben, Zwillinge sind oder weil ihre Mütter alleinstehend sind. Das Töten muss die Mutter meist selbst ausführen, durch Vergiften, lebendiges Begraben, Schüsse mit Bogenpfeilen, Ablegen im Wald oder andere Methoden. Bei mindestens 3 Ethnien in Brasilien sei der Infantizid verbreitet, haben Wissenschaftler laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Isto e“ festgestellt. Per Gesetz soll dies nun verboten werden.

Der brasilianische Abgeordnete Henrique Afonso sagte jedoch, dass das Gesetz für die Indigenen keine Strafen vorsehe. Bei diesen Stämmen sei die Kindstötung eine gesellschaftlich akzeptierte Vorschrift. Dagegen sollen Nicht-Indios wie Missionare und Anthropologen, die von vorgesehenen Kindstötungen wissen und nicht eingreifen, wegen unterlassener Hilfeleistung zur Rechenschaft gezogen werden.Deutschland möglicherweise schon vor der Konferenz der EU-Innen- und -Justizminister im September Flüchtlinge aus dem Irak aufnehmen könnte.   bly/kna
 

GESUNDHEIT

Die weiße Pest: Tuberkulose

Grafik zur Verbreitung der Tuberkulose

An keiner anderen Infektionskrankheit sterben so viele Menschen wie an Tuberkulose: 1,5 Millionen Tote forderte die weiße Pest 2006. 14,4 Millionen Menschen sind infiziert, die meisten in Afrika. 500000 Kranke tragen Erreger in sich, gegen die gängige Antibiotika machtlos sind.
 

ABSCHIEBUNG

Zynische Fluglinie

„Asylum Airlines“ ist der Name einer neuen Fluglinie, die drei Österreicher europaweit etablieren wollen. Die Flugzeuge des Managers Heinz Berger, des Rechtsanwalts Hermann Heller und des Luftfahrtexperten Carl Julius Wagner sollen künftig Abschiebehäftlinge transportieren. Menschen, die in ihre Heimatländer abgeschoben werden, weil ihre Gründe für die Bitte um Asyl nicht anerkannt werden. Das Leben vieler Flüchtlinge ist in ihrer Heimat jedoch in Gefahr. „Asylum Airlines“ propagiert eine kostengünstige, Personal sparende Abschiebung. Auf zwei „ Schüblinge“, wie die Fluglinienbetreiber die Abschiebehäftlinge nennen, käme jeweils ein Bewacher — derzeit ist das Verhältnis noch umgekehrt. Seine Fluglinie versteht Berger auch als „Beitrag zu einer humaneren Abschiebung“. Statt die Menschen zu knebeln oder zu fesseln, sollen sie bei ihm in speziell gepolsterten Sitzen transportiert und mit Bügeln „fixiert“ werden, wie es sie bei Sesselliften oder Karussels gibt. Derzeit lotet der Flugliniengründer Heinz Berger den Markt in Europa aus; die ersten Interessenten hat er bereits. Mehrere europäische Länder, darunter Deutschland, versuchen seit längerem grenzüberschreitende Sammelabschiebungen zu organisieren, um Kosten zu sparen.   (hm)

 

BOLIVIEN

Keine Sklaven?

Ob es in Bolivien Sklaven gibt, ist eine Frage, die seit Jahresbeginn heiß diskutiert wird. Im Verlauf der Debatte war auch Kardinal Julio Terrazas, Erzbischof von Santa Cruz, in die Kritik geraten. Auslöser für die Diskussion waren Ankündigungen von Präsident Evo Morales, dass Landgüter enteignet werden sollten, auf denen Arbeiter wie Sklaven gehalten würden. Terrazas soll in einer Predigt die Sklaverei geleugnet haben. Eine Kommission mit Vertretern der Regierung, der Kirche und der Parteien hatte im April dann eine viertägige Rundreise unternommen und verkün-dete als Ergebnis, sie habe extreme Armut, aber keine Sklaverei vorgefunden. Die Internationale Arbeitsorganisation spricht allerdings von 130000 Menschen, die in sklavenähnlichen Verhältnissen gehalten werden. Die meisten sind Guarani-Indianer und arbeiten unter extremen Bedingungen auf großen Plantagen. Noch ist die Frage unbeantwortet, in Kirchenkreisen werden allerdings Gegenfragen gestellt: „Welche Motive stecken hinter den Äußerungen von Morales? Warum spricht die Regierung gerade in dieser Region von Sklaverei, da es die gleiche Struktur der Armut auch in anderen Gebieten gibt?“   (hm)

 

KOMPAKT

Kindersterblichkeit

Jeden Tag sterben laut Unicef mehr als 26000 Kinder unter fünf Jahren. 5000 Kinder sterben täglich, weil sauberes Wasser und Toiletten fehlen. Die höchste Kindersterblichkeit haben Angola, Sierra Leone und Afghanistan, die niedrigste Rate hat Kuba.

Verschwindende Sprachen

Mehr als 3000 Sprachen sind nach Angaben der Unesco vom Aussterben bedroht. Alle zwei Wochen verschwindet eine von der Welt. Mit der Sprache verliert eine Kultur Geschichte und Traditionen. Die Aktion „Language matters“ („Sprache zählt“) soll abhelfen.

Volle Priesterseminare

In Afrika und Asien steigt die Zahl der Priester- und Ordensberufungen stetig. Die jetzt für das Jahr 2005 veröffentlichten Daten der letzten Erhebung verzeichnen 23580 Seminaristen in Afrika (gegenüber 19078 im Jahr 1997) und 30066 in Asien (1997: 25342). In Europa sank die Zahl auf 22958 (1997: 27853).

 

STUDIE

Die Freiheitsträume der Muslime

Freiheit, Wohlstand, die Gleichberechtigung der Frau: für die Mehrheit der Muslime sind dies laut einer Gallup-Studie wichtige Werte. „Wer spricht für den Islam — was eine Milliarde Moslems wirklich denken“ lautet der Titel der Studie, die Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und westlichen Nichtmuslimen ergründet hat. Wie die meisten Menschen wünschen sich Muslime demnach Sicherheit und einen besseren Arbeitsplatz und wollen keine Gewalt oder Konflikte. Gewalt gegen Zivilisten lehnten 81 Prozent von ihnen ab, so die Studie. Als Gemeinsamkeit stuft die Studie auch die Besorgnis von Muslimen und Westlern über den moralischen Verfall und den Zusammenbruch traditioneller Werte wie der Familie im Westen ein. Allerdings benennen fundamentale oder terroristische Muslime diese Besorgnis auch als Grund für ihre anti-westliche Haltung oder Gewaltakte. Die Studie wurde in 35 Ländern durchgeführt; es wurden 50000 Muslime befragt. Das Problem dieser — wie jeder — Studie ist die Repräsentativität. Hinzu kommt, dass es keine gemeinsame und gemäßigte „Stimme der Muslime“ gibt, die ein ausgewogenes Bild der Muslime zeichnen könnte. Als „politisch moderat“ können aber laut Studie 93 Prozent der Muslime gelten.   (hm)

 

BIO-SIEGEL

Öko bringt Geld

Asnakech Thomas war es leid: Die äthiopische Kaffeeproduzentin sah, dass die kleinen Kaffeebauern aus ihrer Region „bio“ produzierten, sich ihre Erträge aber zu „miesen Preisen“ von Zwischenhändlern abkaufen lassen mussten — weil sie sich das Bio-Siegel nicht leisten können.

Für die roten Kaffeebohnen zahlt die Geschäftsfrau ihren Pflückern inzwischen das Doppelte der ortsüblichen Summen und verkauft ihren Arabica-Kaffee als „bio-zertifiziert“, berichtet sie in einem Artikel der Berliner tageszeitung (taz). Asnakech Thomas hat sich dafür eine Exportlizenz besorgt und arbeitet mit einer deutschen Öko-Kontrollstelle zusammen, denn „Bauern sollen mehr verdienen“ — das ist möglich, solange der Bioboom in Europa anhält.

Und während der Leiter der UN-Organisation für Welternährung, Jacques Diouf, erklärt, nur der „vernünftige Einsatz von chemischem Dünger“ könne Nahrungsmittelsicherheit garantieren, sieht Sophia Twarog von der UN-Organisation für Handel und Entwicklung im Bioboom laut taz-Artikel Chancen für afrikanische Bauern, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.   (bly)