|
|
Magazin > Aktuelles Heft > Nachrichten
ÜBERSICHT
Aufruf für eine prophetische Kirche — Höchste Zeit für eine neue Vision AUFRUF FÜR EINE PROPHETISCHE KIRCHEHöchste Zeit für eine neue VisionDer Deutsche Katholische Missionsrat (DKMR), dem Orden, Hilfswerke und Diözesen angehören, hat einen „Aufruf für eine prophetische Kirche“ herausgegeben. Die Kernbotschaft: Angesichts von Klimawandel, Finanzkrise und Armut in der Welt ist es Zeit für die Kirche und alle Christen zu handeln. „Kehrt um“ lautet die zentrale Aufforderung des Aufrufs, bei dem es um ein „Leben in Fülle für alle“ geht. Höchste Zeit sei es, dass sich die Kirche und alle Christen daran machen, eine biblisch-christliche Vision der Welt- und Werteordnung zu entwickeln und zu verwirklichen. Es soll die Antwort sein auf globale Probleme wie Ungerechtigkeit und Armut, Diktat der Finanzmärkte, Umweltzerstörung und Klimawandel. Die Kirche muss die Rolle des Vordenkers übernehmen und ihre prophetische Kraft entfalten, die ein Bild dieser gerechten Welt zeigt und an ihrer Verwirklichung arbeitet. „Die meisten Menschen haben begriffen, dass wir so nicht weiter wirtschaften können, ohne uns selbst zu zerstören“, sagt Pater Wolfgang Schonecke von den Weissen Vätern, der als Vertreter des Netzwerks Afrika-Deutschland zu den Initiatoren des Aufrufs gehört, der auch von vielen kontinente-Herausgebern unterzeichnet wurde. „Viele arbeiten an Alternativen. Die Kirche muss sich in diesen Prozess einbringen, wenn sie relevant bleiben will.“ In den kommenden Monaten soll auf breiter Basis in der Kirche diskutiert werden, wie man den Aufruf umsetzen kann. Angeregt werden zum Beispiel ein genügsamer, nachhaltiger Lebensstil, soziale Grundsicherung und der Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheit für alle sowie eine solidarische Wirtschaftsordnung, welche die kirchliche „Option für die Armen“ umfasst. Darunter versteht man die im Evangelium begründete Vorrangigkeit der Sorge für die Armen und der Solidarität mit ihnen. Im November sollen Ideen und Erfahrungen ausgetauscht werden. „Ziel des Aufrufes ist es, die Dramatik der weltweiten Krisen ins Bewusstsein zu bringen und gleichzeitig das generelle Gefühl der Hilflosigkeit zu überwinden“, sagt Schonecke. „Prophetisch ist ein überstrapaziertes, missverständliches Wort. Wir haben es trotzdem benutzt. Denn Propheten im biblischen Israel erheben ihre Stimme immer dann, wenn sich lebensbedrohende nationale Krisen anbahnen. Propheten reden, wenn die offiziellen religiösen Autoritäten schweigen oder mit ungerechter Macht kollaborieren und so ihre Glaubwürdigkeit verlieren.“ Patentlösungen habe niemand, so Schonecke. „Auch unser Aufruf gibt keine Antworten. Er stellt Fragen. Er fordert die Kirche auf, sich den großen Fragen unserer Zeit mutiger zu stellen. Er will auf allen Ebenen einen Denkprozess anstoßen und verstärken.“ (hm) Der Aufruf kann im Internet unterzeichnet werden: www.leben-in-fuelle-fuer-alle.de STANDPUNKTSchwester Alosia Höing, 66
„Leben in Fülle für alle!“: Traum oder hoffnungsvolle Wirklichkeit? Der Aufruf des DKMR für eine prophetische Kirche fordert
Christen heraus, verhärtete Krusten zu lösen, geistlose Gewohnheiten zu hinterfragen, den Schein zu meiden und das Sein zu pflegen. Das erfordert
grundlegendes Umdenken und überzeugendes Handeln. Es bedeutet zuerst, dass wir die Gottverbundenheit stärker pflegen und bezeugen, um der Strahlkraft
des Evangeliums wieder eine Chance zu geben und als universale Kirche und als einzelner Christ sich davon durchdringen zu lassen. Es bedeutet,
aus einer Haltung des Hinhörens und des Dialogs ein konsequentes Leben aus dieser Gottesbotschaft zu führen und den Mut zur Verkündigung und zur
Anklage zu haben. Prophetisches Handeln erfordert die leidenschaftliche Suche nach neuen Wegen, um eine kirchliche Gemeinschaft aufzubauen, die
erfüllt ist von Gott, um ihn erfahrbar zu machen und verwandelnd in unsere Welt hineinzuwirken; todbringende Strukturen zu durchbrechen, Leben
stiftende aufzubauen, damit sich Jesu Wort erfüllt: „Ich will, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben!“
VERSTÄDTERUNGImmer mehr leben im SlumKnapp die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Slums am Rande oder in den Großstädten. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass es im Jahr
2050 rund 70 Prozent aller Menschen sein werden.
SENEGALGewalt in KoranschulenMindestens 50000 Jungen werden in senegalesischen Koranschulen unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten und schwer misshandelt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch legt dies in einem 114-seitigen Bericht dar. Viele Lehrer zwingen die Kinder zu stundenlangem Betteln auf den Straßen. Die Kinder müssen bis zu zehn Stunden lang Geld, Reis und Zucker sammeln und dem Lehrer geben. Die Jungen werden selbst nicht gut ernährt, sondern vernachlässigt. Mehr als 40 Prozent der von Human Rights Watch für die Studie befragten Koranschüler hat kein einziges Paar Schuhe. Körperliche Gewalt ist an der Tagesordnung, viele Jungen werden mit elektrischen Kabeln, Knüppeln oder Stöcken verprügelt. Viele werden auch Opfer von Menschenhandel. Human Rights Watch fordert von der Regierung, die Koranschulen staatlich zu regulieren und die Zustände zu bessern. (hm) Die englischsprachige Studie gibt es unter www.hrw.org
CHINAZwangssterilisiertWeil in Chinas Bezirk Puning viele Paare gegen die Ein-Kind-Politik des Regimes verstießen und zwei, drei oder mehr Kinder in die Welt setzten, rief die dortige Familienplanungsbehörde eine „Sterilisierungskampagne“ aus. Innerhalb von 20 Tagen sollten sich 9556 Frauen und Männer sterilisieren lassen. Weil Kampagnen in China keine freiwilligen Programme sind, „half“ die Behörde nach, um „widerspenstige Paare“ an der Flucht zu hindern: Ihre Familien wurden in die Kreisverwaltung beordert, um sich dort einer „Schulung“ über die Vorschriften zur Familienplanung zu unterziehen. Tatsächlich wurden sie als Geiseln genommen und mussten so lange bleiben, bis ihre Enkel, Kinder oder Neffen und Kusinen sich dem Eingriff unterzogen hatten. Nachts wurden die Häuser durchkämmt, um Paare aufzuspüren und in die Kliniken zu bringen. Stolz meldeten die Funktionäre schließlich, sie hätten nur zehn Tage gebraucht, um die Kampagne durchzuführen. Wie viele Paare tatsächlich sterilisiert wurden, ist nicht bekannt. Manche Kliniken berichteten, dass sie „rund um die Uhr“ zu tun gehabt hätten. Währenddessen wird in vielen Großstädten dringend um Kinder geworben. Paare sollen möglichst mehr als ein Kind bekommen. Der Grund: Wirtschafts- und Bevölkerungswissenschaftler warnen davor, dass es bald zu wenige junge Chinesen geben wird, um die Alten zu versorgen. (hm) KOMPAKTEingebürgertMit Freudentänzen feiert dieser junge Burundier, dass er und 162000 andere burundische Flüchtlinge in Tansania eingebürgert worden sind und die Staatsbürgerschaft erhalten haben. Niemals zuvor hat ein Land so viele Flüchtlinge eingebürgert. Willkommen?Parlamentarier aus 155 Ländern und UNAIDS, die Aidshilfe der Vereinten Nationen, setzen sich dafür ein, dass es für Menschen mit HIV/Aids keine Reisebeschränkungen mehr gibt. Die existieren in 52 Ländern — von begrenztem Aufenthalt bis zum Einreiseverbot. VerfehltDie Europäische Union (EU) hat 2009 weniger Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen als versprochen. Zugesagt hatte die EU die Aufnahme von bis
zu 10000 Flüchtlingen. Laut der EU-Kommission wurden 4240 Iraker aufgenomen, laut dem Flüchtingshilfswerk der Vereinten Nationen nur 3382, 2000
davon in Deutschland.
INDIENS MEGASLUMWirtschaftserfolgIn einem Slum vermutet niemand Erfolgsgeschichten. Doch Dharavi, der größte Slum Indiens und einer der dichtbesiedeltsten Flecken der Erde,
ist anders. Buchstäblich aus dem Müll kommt eine Heerschar erfolgreicher Kleinunternehmer: Jährlich erwirtschaften Dharavis Bewohner 650 Millionen
Dollar, Tendenz steigend. 15000 Klein- und Kleinstunternehmer nähen, töpfern, schreinern, bauen, schweißen und verwandeln das, was sie auf den
Müllkippen finden, in Handelsware. Rund 70 Euro im Monat beträgt der Durchschnittslohn. Der Einzelne kann sich davon zwar auch kein Leben nach unseren
Lebensstandards leisten, aber die Bewohner sind zufrieden: Es reicht für einige kleine Annehmlichkeiten. Mancher entscheidet sich bewusst dafür, in
Dharavi zu leben: Der Zusammenhalt und die Solidarität halten sie dort, wo mindestens 700000 und geschätzt bis zu 1,5 Millionen Menschen leben und
arbeiten. Gemeinsam hoffen die Bewohner auch, ihren Slum vor Bauinvestoren und Immobilienspekulanten zu retten, die dort ein Megaprojekt für Reiche
planen. (hm)
RELIGIONENWeltweit sind Religionen im AufwindGehören Sie zu den Menschen, die das Gefühl haben, die Welt lebe immer gottferner und religiös lebende Menschen würden vom Rest der Menschheit als
Spinner angesehen? Professor Dr. José Casanova würde Ihnen da gerne widersprechen: Der Soziologe aus den USA, der als einer der weltbesten Religionssoziologen
gilt, sagt: „Religionen werden künftig weltweit eine wichtige Rolle in Politik und Gesellschaft spielen.“ Sie seien keineswegs in einem Prozess
des Verschwindens. Vielen Menschen sei ihre Religion erst in letzter Zeit bewusst geworden, erklärte der Wissenschaftler der Washingtoner
Georgetown-Universität bei einer Veranstaltung des sogenannten Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster. „Die meisten Hindus bezeichnen sich erst seit der Globalisierung als Hindus“, sagt Casanova. In Deutschland habe es im Sprachgebrauch
vor 40 Jahren noch keine Muslime gegeben, sondern Türken — heute gebe es dort Muslime, aber keine Türken mehr. Anders als noch vor einigen Jahren
geht der Wissenschaftler heute davon aus, dass Religion nicht zu einer unbedeutenden, rein privaten Angelegenheit werden wird. Wichtig sei aber auch, dass
die typisch europäische Vorstellung, eine religiöse Gesellschaft sei eine weniger moderne Gesellschaft aufgegeben werde, so Casanova. Für eine freie und
tolerante Gesellschaft müsse die Vorstellung, dass Religion zwangsläufig zu Gewalt und Intoleranz führe, überwunden werden. „Religion ist für die
Selbstbeschreibung und Selbstvergewisserung gesellschaftlich wichtiger Kräfte und Gruppen zunehmend wichtig.“
(hm)
TANSANIAKino-GeflüsterWas hierzulande wütende Reaktionen hervorruft, etabliert sich in Tansania als neuer Beruf: Der Filmerzähler ist ein professioneller „ Dazwischenquatscher“. Er erklärt und kommentiert einen Kinofilm, während der gerade auf der Leinwand flimmert, hat Sandra Groß im Rahmen einer Forschungsarbeit an der Uni Mainz herausgefunden. Die Zuschauer schätzen das Sie lieben Hollywoodfilme, verstehen sie aber oft nicht. Aus sprachlichen Gründen, aber auch, weil der kulturelle Abstand zu Amerika so groß ist, dass gewisse Szenen erklärt werden müssen. Wenn Leonardo DiCaprio in „ Titanic“ etwa an der Reling lehnt und schreit „Ich bin der König der Welt, juhu!“ kommentiert Filmerzähler DJ Mark: „Der Mann, den wir hier sehen, schreit laut und sagt, dass er Amerika schon sehen kann. Er fährt nach Amerika! Jetzt lehnt er sich nach vorn und fühlt sich, als würde er übers Meer fliegen.“ Jeder Film habe eine Botschaft, sagt Filmerzähler Kaptain Mukandala. Das Publikum zu bilden und zu unterrichten, sei die Aufgabe des Filmerzählers. (vb) |