INTERVIEW
Interview mit
Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle
„Kommt raus aus euren Sakristeien“
Fotos: Radtke/kna-Bild
Europa muss umdenken. Sonst wird es ein unterentwickelter Kontinent werden. Das ist eine der Botschaften,
die Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle aus Ghana nach der Zweiten Afrika-Synode, die Ende 2009 im Vatikan
stattfand, in Richtung Westen schickt.
„Afrika, steh auf!“, lautete der Schlussappell der 244 Teilnehmer der Afrika-Synode, die im Oktober 2009 im Vatikan stattfand.
Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle aus der Diözese Accra in Ghana lenkt den Blick jedoch weit über Afrika hinaus: Nur, wenn die ganze Kirche
zusammenarbeitet, wird sich etwas verändern — in Afrika und in der Welt.
Sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen der Synode?
Ich bin ganz aufgeregt wegen der Ergebnisse und nutze jede Gelegenheit, darüber zu sprechen und davon zu erzählen!
Es war eine sehr erfolgreiche Synode! Ich hatte außerdem die Chance, anderen Bischöfen aus Afrika, aber auch aus
Lateinamerika oder Asien zuzuhören, die über die gleichen Probleme und Herausforderungen gesprochen haben, die wir in
Ghana haben. Sie haben ganz ähnliche Herausforderungen und Bemühungen, etwa um Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden.
Für mich ist es eine überwältigende Erfahrung, in Rom dabei gewesen zu sein. Wir sind mit einer großen Botschaft an die
Welt herausgekommen: mit 56 sehr umfassenden Vorschlägen für alle Glaubens- und Lebensbereiche, die Papst Benedikt
jetzt für die nach-synodale Arbeit und die Schlussfassung der Synodendokumente nutzen kann.
Was ist der Kern dieser Botschaft?
Wir sagen der Kirche in Afrika, aber auch der Kirche in Europa oder in den Vereinigten Staaten, in Asien, Ozeanien oder
Lateinamerika, was von ihr erwartet wird: mit den politischen Führern zu sprechen und mit denen, deren wirtschaftliche
oder andere Entscheidungen Einfluss haben — auf die Entwicklungen, auf Gerechtigkeit und Frieden besonders, aber
nicht nur in Afrika.
Hat die Stimme der Kirche genug Gewicht?
Wir müssen zunächst selbst vereint, miteinander und mit Gott versöhnt sein. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir eine wahre
Gemeinschaft sind. Wenn wir das schaffen, können wir wirklich das Salz der Erde und das Licht der Welt sein. Wir müssen in
kleinen Schritten arbeiten. In Afrika sind viele Politiker und viele Studenten Katholiken. Wenn wir mit ihnen sprechen und
wenn wir damit beginnen, für sie eine Lobby zu sein, wenn wir ihr Bewusstsein bilden, sodass sie eine christliche, moralische
Perspektive haben, werden wir Entscheidungen beeinflussen können, wenn sie hier ins Parlament gehen oder wenn sie international
Politik machen. Darum haben wir auf der Synode Geistliche gefordert, die diese Menschen begleiten. Wir müssen ihnen die Grundlagen
der christlichen Soziallehre nahebringen. Es ist jede Menge Arbeit zu erledigen. Wir werden die Ergebnisse nicht morgen sehen,
aber in der näheren Zukunft, in den nächsten fünf bis zehn Jahren.
Wie reagierten die Politiker auf die Synode?
Für einige haben die afrikanischen Bischöfe endlich einmal laut und deutlich, laute und harte Worte in Rom gesprochen und sie
schätzen das. Andere sagen, dass die Kirche zu politisch wird. Aber in Afrika ist die einzige Institution, die ohne Angst zu den
Regierungen sprechen kann, die katholische Kirche. Manchmal wissen Politiker nicht, wo sie Antworten auf drängende Fragen finden können.
Sie finden sich mit dem Rücken an der Wand wieder. Ihr Land, aber auch ihre Partei und ihr Stamm haben große Erwartungen an sie.
Das Land will Entscheidungen und Führung, Partei und Stamm erwarten Gunstbeweise und Gefallen. Wenn niemand an ihrer Seite steht,
sie stützt und ihnen Wege weist, enden unsere Führer in Korruption.
Hören die Politiker denn auf die Kirche?
Bei den vergangenen Wahlen in Ghana kamen die Politiker und die traditionellen Führer zur Kirche, um Rat zu suchen. Wir, aber
auch andere Konfessionen und der Islam, waren fähig dem Land zu helfen, weil wir uns Einfluss aufgebaut haben. Ich sehe dies jetzt
auch in Togo und in Nigeria, in Sierra Leone und Liberia. Und ich spüre, dass in Kenia etwas geschehen wird. Immer ist die Kirche
beteiligt. Sie hat eine große Rolle zu spielen! Ich wünsche mir, dass die Kirche in Deutschland, in Frankreich, in England, in Amerika,
wo auch immer, ebenfalls aufsteht und mit den Politikern spricht. Ich habe oft das Gefühl, dass die Kirche in Europa sich zu sehr in
den Sakristeien versteckt wegen einiger Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Dass sie zu ängstlich ist. Es ist Zeit
aufzustehen! Ihr müsst aus euren Sakristeien heraustreten! Die Menschen sind bereit zuzuhören!
Kann die Kirche Afrikas hier ein Vorbild sein?
Wir sind es schon! Ich bin überzeugt, wenn wir zusammenarbeiten, als die EINE Kir-che, die wir ja sind, wird einiges geschehen.
Aber wir müssen eine echte Gemeinschaft sein. Es muss das geben, was wir organische pastorale Solidarität nennen. In Afrika wollen viele
junge Männer Priester werden, aber wir haben zu wenige Plätze in den Priesterseminaren. In Europa stehen viele Priesterseminare leer.
Warum können wir nicht unsere jungen Männer nach Europa bringen? Nach fünf Jahren Studium gehen fünf von zehn nach Afrika zurück und
fünf bleiben als Missionare in Europa. Wenn sie fünf Jahre dort gearbeitet haben, gehen sie zurück und die nächsten kommen. Religiös,
spirituell, personell — wir sind bereit zu teilen. Aber Europa muss es auch sein. Wir sind bereit, unsere Missionare zu euch zu
senden — seid ihr bereit, sie willkommen zu heißen? Das ist die Frage!
Vielen Menschen in Europa, auch vielen Kirchengemeinden fällt das schwer.
Es gibt ein Sprichwort: „Ex Africa semper aliquid novum“ — aus Afrika kommt immer etwas Neues. Es gibt mehr als
Kriege und Probleme in Afrika. Was haben wir Europa zu sagen? Die Welt ist jetzt ein globales Dorf. Europa will sich isolieren und macht
seine Grenzen dicht. Aber es kann nicht ohne Afrika, Asien oder die anderen Teile der Welt existieren. Europa wird ein unterentwickelter
Kontinent werden, wenn es sich abschottet. Es sollte keine Angst haben: Die Menschen kommen nicht nur, um teilzuhaben an den Gaben, mit
denen Europa gesegnet ist. Sie kommen auch, um ihren Beitrag zu leisten: zur religiösen, humanen Entwicklung und zu den Herausforderungen,
die sich uns allen stellen. Ich flehe die Menschen in Europa an, besonders die Christen, sich nicht selbst einzuschließen und uns auszuschließen!
Weder religiös und spirituell, noch wirtschaftlich oder kulturell. Das wäre Heidentum. Das ist meine Botschaft!
Welche Rolle spielen dabei die Laien? Die Synodalen haben ihre Rolle, vor allem die Rolle der Frauen, sehr betont.
Es ist sehr wichtig, dass wir mehr Frauen in führenden Positionen bekommen, nicht nur in der Kirche. Wir brauchen gut ausgebildete Frauen,
die das einbringen, was Gott ihnen geschenkt hat und was uns Männern fehlt. Auf der Synode haben zum Beispiel eine Frau aus Burundi und eine
Frau aus Ruanda gesprochen, die eine Laiin, die andere eine Ordensschwester. Beide haben im Völkermord Furchtbares erlebt. Sie haben die
Männer, die ihnen das angetan haben, wiedergetroffen und sie haben ihnen die Hand zur Versöhnung gereicht. Männer können das nicht.
Wir würden Rache nehmen und wieder einen Krieg anfangen. Wir brauchen die Frauen besonders in der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Heute
arbeitet einer der Männer mit im Friedensprozess.
Das Gespräch führte Hildegard Mathies
Das Abschlussdokument der Bischöfe (Holy See Press Office — Presseamt des Heiligen Stuhls) finden Sie hier
ZUR PERSON
Erzbischof Palmer-Buckle
Charles Gabriel Palmer-Buckle gilt als einer der profiliertesten Bischöfe Afrikas. Er wurde 1950 in Axim, im Westen Ghanas, geboren. Er
studierte Theologie und Philosophie in Rom und wurde 1976 zum Priester geweiht. 1992 wurde Palmer-Buckle der erste Bischof der neu gegründeten
Diözese Koforidua. Von 2002 bis 2004 war er Mitglied der Nationalen Versöhnungskommission. 2004 wurde er Stellvertretender Vorsitzender der
Ghanaischen Bischofskonferenz. Seit 2005 ist Palmer-Buckle Metropolitan-Erzbischof von Accra.