„Frieden schaffen ohne Waffen“ – hat sich das erledigt?
Br. Stefan: Das ist die spannende Frage. Statt von „friedensbereit“ oder „friedensbewegt“ sprechen wir jetzt von „kriegstüchtig“. Es istja berechtigt, dass die Friedensbewegung sich kritisch anfragt. Aber mir geht es zu radikal in die Gegenrichtung.
Wieder Militarisierung, Aufrüstung, Abschreckung – ist das nicht zu einseitig?
Br. Natanael: Ich bin aufgewachsen mit der Idee von Frieden. Von Deutschland wird nie wieder ein Krieg ausgehen, wir brauchen keine schlagkräftige Armee. Heute bin ich vorsichtiger: Deutschland braucht ein gut eingebundenes und verteidigungsfähiges Militär. Ich sehe mich nach wie vor als Pazifist, auch wenn ich es für richtig halte, der Ukraine in ihrem Verteidigungskrieg gegen Russland Waffen zu geben, auch für Gegenangriffe auf russischem Territorium. Br. Stefan: Ich sehe auch das unendliche Leid. Aber wie lange soll sich das fortsetzen? Es zeichnet sich keine Lösung ab. Deshalb sehe ich es skeptisch, die Ukraine weiter mit Waffen zu beliefern, weil das, glaube ich, nicht zum Ende des Krieges führen wird. Es muss auf eine diplomatische Lösung hinauslaufen. Br. Natanael: Aber für die Diplomatie braucht es starke Vertragspartner. Sonst ist der Friede eine Kapitulation. Klar: Wenn wir der Ukraine mit Waffen helfen, verlängern wir den Krieg. Die Ukrainer zahlen einen hohen Preis. Aber es geht für sie nicht nur um Frieden, sondern um Freiheit und Selbstbestimmung.
Deutschland gibt mehr als 88 Milliarden für Verteidigung aus. Eine enorme Summe …
Br. Natanael: Unser Land hat über die letzten Jahrzehnte das Militär kaputtgespart, weil wir uns auf die Nato-Partner verlassen haben. Im Moment ändert sich die Situation, deshalb verstehe ich, dass wir Unsummen bereitstellen, um diesen Rückschritt im Eiltempo und mit einer gewissen Panik aufzuholen. Aber diese Investitionen müssen Grenzen haben. Wenn Deutschland vier Prozent seines Bruttoinlandsprodukts investiert, dann haben wir eine Militärausgabengröße wie China! Deutschland braucht kein Militär, um allein mächtig zu werden. Es geht nur im Zusammenspiel mit anderen in Europa. Br. Stefan: Was gibt denn Sicherheit? Es galt lange Zeit ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte. Und wenn man nur mal rein zahlenmäßig guckt: Die Kapazität der NATO ist in allen Belangen Russland weit überlegen! Wir können uns die riesigen Rüstungsausgaben vielleicht als reiches Land leisten. Aber viele Länder investieren Geld in Rüstung, das für anderes dann nicht zur Verfügung steht.
Was fördert eigentlich Frieden? Und ist es nicht gefährlich, die Ausgaben für Entwick- lungshilfe so herunterzufahren?
Br. Stefan: Friedens- und Versöhnungsdienste haben Finanzierungsprobleme, und gleichzeitig wird mal eben ein 100-Milliarden- Euro-Paket für die Bundeswehr freigeschaltet. Br. Natanael: Die Investition in Frieden kommt finanziell gesehen viel zu kurz. Durch Entwicklungszusammenarbeit verringern wir die Gefahr, dass Krieg ausbricht, und bekämpfen auch Fluchtursachen, was wiederum unsere Gesellschaft stabilisiert. Insofern wäre dieses Geld gut angelegt in internationalen Hilfsprogrammen.
Ist Jesu Friedensauftrag nur noch eine verrückte Idee oder lebt die noch?
Br. Natanael: Die lebt absolut noch! Und ich persönlich kann anfangen, Frieden zu schaffen, indem ich mit den Menschen in Frieden lebe, die um mich herum sind. Das heißt nicht Konfliktlosigkeit, aber eben diese Konflikte im Dialog und im gegenseitigen Akzeptieren zu leben und nicht zu einem großen Streit ausarten zu lassen. Br. Stefan: Die Kirche hat immer schon versucht, die Botschaft Jesu ins Politische zu übertragen und das Konzept des gerechten Krieges aufgestellt: Es braucht strenge Kriterien, nach denen Kriegshandlungen stattfinden dürfen. Alle gewaltfreien Möglichkeiten müssen ausgeschöpft sein, bevor man sich mit Waffen verteidigen darf.
Moderation: Christina Brunner
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