2022 haben Sie nach einer großen Studie in Deutschland festgestellt: „Das häufig gezeichnete Bild einer gespaltenen Gesellschaft trifft nicht zu.“ Stimmt das noch?

Die Erkenntnis stimmt immer noch. Mit Ausnahme des Themas Migration, das hat sich verschärft.

Triggerpunkte sind Themen wie Genderstern, Lastenräder oder Fahrradwege in Peru. Warum regen sich die Menschen so darüber auf?

Wir unterscheiden unterschiedliche Triggerthemen: zum einen Gerechtigkeitsüberzeugungen, wenn Menschen auf ungleiche Behandlungen reagieren. Beim Thema Migration sind Entgrenzungsbefürchtungen typisch. Die Leute sagen: „Erst kommen ein paar Migranten, und nachher ist es eine ganze Welle, die uns überspült.“ Dann gibt es die Normübertretungen, wenn sehr sichtbar allgemein akzeptierte Verhaltensstandards überschritten werden, etwa „provokantes“ Küssen von Homosexuellen in der U-Bahn. Und das Vierte sind Veränderungszumutungen wie sprachliche Vorgaben. Es kann aber genauso gut das Gebäudeenergiegesetz sein oder das Tempolimit. Bei diesen Themen haben Leute häufig das Gefühl, dass ihre Entscheidungsfreiheit eingeschränkt wird.

Und Parteien lassen sich von diesem Triggern anstecken?

Manche besetzen bestimmte Themen und versuchen, darüber Publikum oder Wählerstimmen zu gewinnen, weil man weiß, dass Emotionalisierung die Leute erreicht. Die AfD ist so eine typische Triggerpunkt-Partei, Sarah Wagenknecht hat das längere Zeit gemacht, Heidi Reichinnek damit die Linkspartei über zehn Prozent katapultiert.

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Die Gesellschaft ist veränderungserschöpft

Ungleichheitskonflikte sind ja nicht neu oder die Tatsache, dass Gesellschaften sich verändern. Und trotzdem fällt es uns schwer, damit umzugehen.

Wir haben aktuell viele Veränderungen: Globalisierung, Migration, die Digitalisierung in der Arbeitswelt, geopolitische Konstellationen, die Rückkehr von Kriegen. Das ist eine ganze Menge, was Leute kognitiv, emotional und sozial zu verarbeiten haben. In den 1970er- und 1980er-Jahren haben wir in einer stärker vorhersehbaren Gesellschaft gelebt, die Kontinuität war größer. Jetzt gibt es eine Hyperdynamisierung, das sorgt für Stress.

Buch Triggerpunkte von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser

Verstehen Sie diese Reaktion?

Jede Veränderung fällt schwer. Ich spreche gern von Veränderungserschöpfung. Typisch für eine veränderungserschöpfte Gesellschaft ist, dass Leute sagen: „Ich komme nicht mehr mit, das geht mir alles viel zu schnell.“ Sie fühlen sich ohnmächtig. Dann treten sie oft auf die Bremse und sagen: „Ich mache das nicht mehr mit.“

Führt das dazu, dass Leute sich aus gesellschaftlichen Debatten verabschieden oder radikalisieren?

Es gibt sicher eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass Leute mit diesem Wandel nicht mitkommen und sich verweigern. Progressive Kräfte sagen: „Du musst dich verändern, um dich auf eine sich ändernde Welt einzustellen.“ Populisten behaupten: „Nicht du musst dich verändern, die Welt muss sich auf deine Bedürfnisse einstellen.“ In einer veränderungserschöpften Gesellschaft trifft Letzteres auf fruchtbaren Boden. Deshalb ist der Umgang mit beschleunigtem sozialen Wandel ein wichtiger gesellschaftlicher Auftrag – auch im Hinblick auf Maßnahmen gegen Rechtsextreme und Rechtspopulisten.

Was hilft gegen diese Veränderungserschöpfung?

Man muss Menschen Gestaltungsmöglichkeiten geben, damit sie das Gefühl haben, sie sind noch in der Lage, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Denn leider ist vieles, was mit Hoffnung und Zukunft verbunden ist, von reaktionären Kräften aufgesaugt worden. Populisten versprechen, dafür zu sor- gen, dass nicht alles schlimmer wird. Deshalb müssen die anderen politischen Akteure den Leuten Möglichkeiten aufzeigen, wie die Gesellschaft besser werden kann.

Interview: Christina Brunner

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