Text: Beatrix Gramlich; Fotos: Hartmut Schwarzbach
Jeden Sonntag schnürt Schwester Pasqua Binen Anena ihre Sportschuhe und läuft durch Juba. Südsudans heiße, staubige Hauptstadt ist zwar nicht gerade ein Joggingparadies. Aber die resolute Ordensfrau hat die sandigen Straßen zu ihrem persönlichen Fitnessparcours erkoren. Ihren überschüssigen Pfunden rückt sie mit demselben Elan zuleibe wie Problemen, die ihr begegnen.
Den Tag, als sie die Laufschuhe kaufte, wird die 62-Jährige nicht vergessen. Zwei Wochen davor war sie aus Uganda gekommen, wo sie ein Waisenheim geleitet hatte. Jetzt hatte ihr Orden, die Sisters of the Sacred Heart of Jesus, sie als Generalvikarin ins Mutterhaus nach Juba im Südsudan geholt.
Die Suche nach passendem Schuhwerk führt Schwester Pasqua zum Konyokonyo-Markt, dem größten der Stadt. Unter einem riesigen Wellblechdach ist hier von Obst und Gemüse über Stoffe und Schuhe bis hin zu Fußbällen und Haushaltswaren so ziemlich alles zu finden: „Da habe ich die Straßenkinder gesehen“, erinnert sich Schwester Pasqua. „Ich habe mich geschämt, weil wir drei Mahlzeiten am Tag haben …“
Dass die Jungen und Mädchen, die sich zwischen den Ständen herumdrücken, Hunger haben, ist offensichtlich. Denn ihre abgetragene, schmutzige Kleidung flattert wie Fähnchen an den dünnen, kleinen Körpern. Schüchtern bieten sie den Passanten Pfennigsartikel an: Wäscheklammern, Haarspangen, eine Packung Kaugummi für 20 Cent. Manche sind erst fünf oder sechs Jahre alt. John ist elf und mit einem alten Lappen bewaffnet. Auf der Straße passt er Kunden ab, die mit dem Auto einkaufen kommen. Was sie ihm für die Scheibenwäsche geben, ist kaum mehr als ein Almosen. Normalerweise geht John morgens zum Gesundheitszentrum der Sacred Heart Schwestern. Da gibt es Essen, trifft er Kameraden, darf Kind sein. Aber heute muss er für die Familie sorgen. Weil seine Mutter krank ist, wurde ihm aufgetragen, Geld zu verdienen. Wie ihm geht es vielen Kindern im Südsudan.
Südsudan: ein Land, vom Krieg gezeichnet
Der Südsudan ist ein kriegsversehrtes Land. Nach jahrzehntelangen Kämpfen erklärte der christliche Süden 2011 die Unabhängigkeit vom dominanten muslimischen Norden: der jüngste Staat der Welt und bitterarm. 80 Prozent der zwölf Millionen Einwohner leben von weniger als umgerechnet 1,60 Euro pro Tag, drei von vier Kindern gehen nicht zur Schule. Bis heute flammen immer wieder Konflikte zwischen den mehr als 60 Volksgruppen auf. 1,8 Millionen Menschen sind Vertriebene im eigenen Land.
„Schon Dreijährige werden von ihren Müttern zum Betteln geschickt“, empört sich Schwester Pasqua. „Das ist Kindesmissbrauch!“ Für die Ordensfrau und passionierte Lehrerin war klar: Diese Kinder müssen weg von der Straße! Doch manche in ihrem Orden hatten Bedenken. Auch Priester erklärten, sie solle lieber zur Kirche gehen und beten. Doch eine Mitschwester in den USA sammelte binnen kürzester Zeit 20 000 Dollar. Es war das Startkapital für Schwester Pasquas Projekt im Südsudan. Drei Monate, nachdem sie in Juba angekommen war, füllte sich der Hof am Gesundheitszentrum der Sacred Heart Schwestern mit Leben.
Hier, einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt, kümmern sich Schwester Pasqua und ihre Helfer seitdem von Montag bis Freitag täglich um bis zu 350 Jungen und Mädchen, die jüngsten gerade drei Jahre, die Großen nicht älter als zwölf – aber so genau kontrolliert das hier niemand. Morgens um halb acht, wenn sich das blaue Metalltor öffnet, warten draußen schon die Ersten aufs Frühstück. Und mittags bekommen sie eine zweite Mahlzeit. In der Zwischenzeit können sie spielen, lernen, sich waschen. Wer krank ist, wird behandelt.
„Unsere Hilfe ist bedingunglos“
Die Gesundheitsstation ist ein bescheidenes Haus mit Behandlungs- und Lagerraum, Büro, Toiletten und Waschbecken. Im Sprechzimmer steht Alfred Loka, auf dem Arm die vierjährige Jamela. Sie fiebert. Die Krankenschwester wird einen Malariatest machen und ihr Medikamente geben. Die meisten Patienten kommen mit Tropenkrankheiten, Husten oder Durchfall, viele auch mit Wunden, die versorgt werden müssen. Loka hat einen wachen Blick für die Kleinen. Der 19-Jährige wuchs in dem Waisenheim auf, das Schwester Pasqua in Uganda geleitet hat. Nun hat sie den jungen Mann zurück in seine südsudanesische Heimat geholt. Er hilft, die Kinder zu betreuen, und bringt ihnen ein wenig Lesen, Schreiben und Rechnen bei. „In der Bibel heißt es: Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt er. „Das tun wir. Unsere Hilfe ist bedingungslos.“
Wenig später stellt er in einem Pavillon eine Tafel auf. Mit Kreide hat er eine Reihe Wörter darauf geschrieben. Sofort strömen aus allen Ecken Jungen und Mädchen herbei und quetschen sich dicht aneinander gedrängt auf den Boden. Dann wiederholen sie im Chor, was Loka vorliest: Kreuz, Weihwasser, Rosenkranz. Unterricht ist das kaum zu nennen. Aber die Kinder sind mit Feuereifer dabei. „Ich komme, weil ich hier lernen kann, spielen und essen“, sagt Mary, eine barfüßige Achtjährige im karierten Rock. „Zu Hause haben wir nicht genug. Manchmal gehen wir hungrig schlafen.“
Draußen köcheln derweil in einem Wellblechverschlag Reis, Maisbrei, Erbsen und Bohnen in gewaltigen Alutöpfen und Mengen, mit denen sich mühelos eine ganze Kompanie versorgen ließe. Währenddessen turnen Kinder über die Mauern, spielen Ball, quasseln. Die Luft ist erfüllt vom Gewirr ihrer hohen Stimmen. Sie sind aufgeregt. Gleich wird es Essen geben. Und wie auf ein geheimes Zeichen stellen sich plötzlich alle hintereinander auf: vorne die Kleinsten, hinten die Größten. So ziehen sich die Schlangen über den gesamten Hof, niemand schubst oder drängelt. Nachdem die Köchinnen die Teller gefüllt haben, setzen sich die Kinder auf Treppenstufen oder Plastikplanen am Boden. „Am Anfang war das nicht so“, erzählt Schwester Pasqua. Denn Disziplin musste sie ihren Schützlingen erst beibringen.
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