Pflichtjahr – das klingt nicht besonders einladend. Kritiker sehen dadurch ihre individuelle Lebensplanung bedroht, warnen vor Zwangsengagement und staatlichem Zugriff auf ihre Zeit. Ältere fühlen sich an das Pflichtjahr im Nationalsozialismus erinnert. Trotzdem: Ich finde es gut, wenn jeder Bürger im Lauf seines Lebens einige Monate in den Dienst der Gesellschaft stellt, wie Bundespräsident Steinmeier es zu Beginn seiner zweiten Amtszeit vorschlug.
Alle müssen sich engagieren
Denn ein Gemeinwesen funktioniert nur, wenn alle sich dafür engagieren. Und wer das Auseinanderdriften der Gesellschaft beklagt, muss auch bereit sein, etwas dagegen zu tun! Das Ehrenamt allein genügt da nicht, zumal es immer dieselben sind, die sich für andere einsetzen.
Manche mögen mäkeln, dass sie für kleines Geld soziale Dienste verrichten sollen. Aber wo sonst arbeitet die Zahnärztin im besten Alter mit dem jungen Dönerverkäufer zusammen?
Gegenseitiges Verständnis fördern
Eine Pflichtzeit bis 65 (bevor Rücken- oder sonstige Leiden zum Hinderungs-grund werden!), bringt uns womöglich mit Menschen und Bereichen in Kontakt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Das fördert gegenseitiges Verständnis, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und baut Brücken zwischen den Generationen.
Ein Pflichtjahr nur für Senioren, wie es der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, fordert , tut das nicht. Es ersetzt weder fehlende Fachkräfte noch stopft es die Lücken in der Rentenkasse. Seine Idee spielt die Generationen nur gegeneinander aus.
Von Beatrix Gramlich