Text: Bettina Tiburzy; Fotos: Hartmut Schwarzbach

Der Regen hat die Erde aufgeweicht. In hohen Gummistiefeln steigt Schwester Claudine vorsichtig den Hang hinauf, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie sucht nach einer Pflanze, die hier zwischen Büschen und Gräsern wild wächst.

Inmitten von feuchten Gräsern bleibt Schwester Claudine stehen, biegt die störrischen Zweige eines Strauchs zur Seite. Darunter breitet sich eine Pflanze aus, deren feine Triebe flach über die Erde kriechen, ein Geflecht aus dünnen Stängeln mit zarten Blättern. Mit einem kleinen Messer schneidet sie den Stängel sauber durch, legt das Kraut in ihren Beutel. Seit Jahren sammelt Schwester Claudine auf diesem Land Heilpflanzen.

Schwestern leiten ein Agroforstprojekt

Wenig später erreicht sie eine Anhöhe. Der Hang liegt oberhalb von Amalonabe, einer kleinen Siedlung im Osten Madagaskars. Von hier öffnet sich der Blick auf das gesamte Land, das ihr so sehr am Herzen liegt: 15 Hektar fruchtbarer Boden, eine Farm, auf der sie gemeinsam mit ihren Mitschwestern ein Agroforstprojekt aufgebaut hat. Das Gelände ist eines von zwei Grundstücken, die ihr Orden erworben hat.

Ein graues Band durch sattes Grün

Grüne Felder ziehen sich den Hang hinauf. Dazwischen wachsen Bananenstauden, junge Obstbäume und Gewürzsträucher. In der Talsenke erstrecken sich Reisfelder und Wasserbecken mit lebhaftem Fischbestand. Der Himmel spiegelt sich im Wasser.

Aus der Ferne ist ein tiefes Dröhnen zu hören. Es kommt von der Nationalstraße 2. Sie verbindet die Hafenstadt Toamasina mit der Hauptstadt Antananarivo und bestimmt hier den Alltag der Menschen.

Die Straße zieht sich wie ein graues Band durch das satte Grün. Lastwagen mit Containern passieren Amalonabe im Minutentakt, manche halten an. Männer waschen die Fahrzeuge an natürlichen Wasserstellen am Rand der Straße. Doch die Straße bringt mehr als nur Verkehr. Viele Menschen leben hier direkt am Straßenrand in einfachen Behausungen aus Holzbrettern, manche Dächer sind mit Palmblättern gedeckt. Das Bett nimmt oft fast den gesamten Raum ein, Kleidung hängt an Nägeln an den Wänden.

Chemikerin, Ordensfrau, Professorin

Schwester Claudine Aimée Rasolohery ist nur gelegentlich in Amalonabe. Die 62-jährige Ordensfrau ist Chemikerin und arbeitet eigentlich als Professorin an der Universität von Fianarantsoa. Doch wenn sie hier ist, nimmt sie sich Zeit für die Familien am Straßenrand.

Im Eingang einer der Hütten sitzt Razaiaeivao Laleo. Die 52-Jährige trägt allein die Verant- wortung für ihre sieben Kinder. Sie lebt von ihrem Mann getrennt. Ihre Tochter Rasoarivelo Sahaza, 23, steht neben ihr. Sie hält ihr kleines Mädchen auf dem Arm. „Der Vater meiner Enkelin lebt nicht bei uns“, sagt Razaiaeivao Laleo. Sie hebt kurz die Hand und weist ins Un- bestimmte. „Weg. Er ist verschwunden.“

Für manche Familien ist die Armut so groß, dass die Lkw-Fahrer zur einzigen Einnahmequelle werden. In ihrer Verzweiflung schicken Eltern ihre Töchter zu den Fahrern, um Geld zu erbit- ten. „Es ist eine Form von Prostitution“, sagt Schwester Claudine leise. „Manchmal werden sehr junge Mädchen schwanger, manche nicht älter als zwölf oder 13 Jahre.“ Sie hält kurz inne. „Es ist beschämend, aber es ist die Realität.“

Die Farm schafft Arbeit

Schwester Claudine hört zu. Sie stellt keine schnellen Fragen, verspricht nichts. Sie weiß, dass sie nicht allen helfen kann. Doch Wegsehen kommt für sie nicht infrage. Schwester Claudine hilft, indem sie Arbeit schafft. Auf ihrer Farm fin- den Frauen und Männer aus der Umgebung beim Anbau von Nutzpflanzen und Sammeln von Heilkräutern ein Einkommen.

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