Es gibt Momente, in denen man spürt, dass man zu etwas berufen ist. Dass es in dieser Situation allein auf einen selbst ankommt und kein anderer einspringen kann. Vielleicht war es ein solcher Moment, als Schwester Ann Rose Nu Tawng im Frühjahr 2021 in Myanmar vor Soldaten und Po- lizisten auf die Knie sank. Das Bild ging um die Welt: eine Ordensfrau im weißen Habit, die vor schwer bewaffneten Sicherheitskräften auf dem Boden kniet und sie anfleht, den Demonstranten nichts anzutun. „Ich wollte ihr Leben retten“, er- innert sich die 49-Jährige. „Ich habe gesagt: ,Tötet keine unschuldigen Menschen. Erschießt mich, wenn ihr wollt.‘“ Ihr beherztes Einschreiten verschafft den jungen Leuten Zeit, sich in das kirchliche Krankenhaus von Myitkyina zu retten.

In ihrer Heimat nicht mehr sicher

Seit sich das Militär am 1. Februar 2021 in Myanmar an die Macht putschte, beantwortet die Armee den Kampf des Volkes nach Freiheit und Demokratie mit brutaler Gewalt. 800 000 Menschen wurden bisher in dem blutigen Konflikt getötet, 3,5 Millionen zu Vertriebenen im eigenen Land.

Als Fotograf Hartmut Schwarzbach Schwester Ann Rose vor einem Jahr im Auftrag von missio trifft, erlebt er eine zurückhaltende, bescheidene Frau, die ihre Worte behutsam wählt. Leise beginnt sie in gebrochenem Englisch zu erzählen, doch mit den Erinnerungen, die auftauchen, werden auch ihre Sätze flüssiger. Immer wieder kämpft sie mit den Tränen. Dass sie ihre Heimat verlassen musste, weil sie ihres Lebens dort nicht mehr sicher war, bleibt für die Ordensfrau und Krankenschwester ein nagender Schmerz. „Ich denke ständig daran, wie ich den Menschen in Myanmar helfen kann“, sagt sie.

Für ihre Patienten würde sie alles tun

Bei ihrer Arbeit in der katholischen Maligindai-Klinik in Myitkyina erlebte Schwester Ann Rose täglich, wie der Krieg Leben zerstört. Als sie erzählt, werden die Bilder von damals wieder wach: wie sie Wunden und Schussverletzungen versorgt, Notoperationen durchführt. An manchen Tagen ist sie rund um die Uhr in der Klinik. Denn überall fehlt Personal. Auch Krankenschwestern und Ärzte sind geflohen. Wenn Zeit bleibt, geht Schwester Ann Rose noch in die Flüchtlingslager, bringt Medikamente und Blutspenden, kümmert sich um Kranke. Für ihre Patienten würde sie alles tun.

Text: Beatrix Gramlich; Fotos: Hartmut Schwarzbach

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