Tag 1
Um 9 Uhr morgens geht es in Stuttgart los. Bei der Mittagsrast kurz hinter der französischen Grenze platzt mit dem Wasserball, denn wir uns zuwerfen sollen, auch das geplante Kennenlernspiel. So wird es eine normale Vorstellungsrunde, in der wir unsere Wünsche und Erwartungen an die Pilgerreise formulieren. Der letzte Beitrag: „Ich wünsche mir, dass wir weiterfahren!“
Romanische Baukunst
Nach sieben Stunden Busfahrt sind wir froh, uns endlich die Beine vertreten zu können. Nur wenige Schritte weiter und wir stehen vor einem mächtigen romanischen Bau: Die Abtei St. Philibert von Tournus aus dem 10. und 11. Jahrhundert gilt als eines der ältesten klösterlichen Zentren Frankreichs. 875 brachten Mönche, die die Normannen von der Atlantikinsel Noirmoutier verjagt hatten, die Reliquien des Heiligen Philibert hierher.
Französische Lebensart
Abends Ankunft im Wallfahrtsort Paray-le-Monial, einem 10 000-Einwohner-Städtchen mit einer Million Besuchern im Jahr. Unser Pilgerhotel ist eine ehemalige Poststation aus dem 18. Jahrhundert. Auf dem Bett die typisch französische Wolldecke mit Laken, Toilette getrennt vom Badezimmer und ohne Waschbecken. Dafür ein Drei-Gänge-Abendessen. Auf dem Tisch stehen Brot und ein irdener Krug mit Wasser für alle. Das Menü serviert ein Ägypter, der perfekt Deutsch spricht und sogar Worte wie „lecker“ beherrscht.
Tag 2
Die Herz-Jesu-Stadt
Heute ist Herz-Jesu-Fest – der Höhepunkt des Jahres in Paray-le-Monial. In dem kleinen Ort im südlichen Burgund hatte die Ordensfrau Marguerite-Marie Alacoque zwischen 1673 und 1675 Visionen, in denen sie Jesus nicht als fernen Herrscher, sondern mit dem Herzen eines Liebenden sah. Die Herz-Jesu-Spiritualität entstand, Paray-le-Monial mit seiner gewaltigen Basilika aus dem 11./12. Jahrhundert wurde zu ihrem Zentrum.
Wir haben Glück: Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der Patriarch von Jerusalem, ist in Paray-le-Monial zu Besuch. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat ihm für seinen Einsatz für Dialog und Frieden im Nahen Osten den Orden der Ehrenlegion, eine der höchsten Auszeichnungen des Landes, verliehen. Die Herz-Jesu-Feierlichkeiten in Paray-le-Monial stehen dieses Jahr unter dem Motto „Jerusalem, die Herzensstadt Jesu“. In seinem Morgenimpuls setzt der Kardinal Jesu Erlebnisse und seine inneren Kämpfe im Garten von Gethsemane in Bezug zur Liebe: „Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Entscheidung.“ Anschließend hat er sogar Zeit für ein Foto mit der missio-Gruppe.
Den anschließenden Gottesdienst feiern wir mit mehr als 1000 Pilgern unter freiem Himmel. Der Einzug der Bischöfe, Priester, Messdiener und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem mit ihrem schwarzen Barett scheint kein Ende zu nehmen. Nach der Stärkung für die Seele geht es, vorbei an einem plätschernden Herz-Jesu-Brunnen, ins Pilgerrestaurant. Selbst für die Massen gibt es ein Drei-Gänge-Menü.
Tag 3
Cluny: Markttag und Abtei
Samstag ist Markttag in Cluny. Vorbei an Ständen mit regionalen Köstlichkeiten – auch solche wie Wachteleier – schlendern wir zur berühmten Abtei. Dort stehen wir erst mal vor verschlossenen Toren. Als sie sich um 9.30 Uhr öffnen, sind wir die ersten Besucher, die das altehrwürdige Gebäude betreten. Cluny, vor mehr als 1000 Jahren gegründet, war über Jahrhunderte eins der wichtigsten geistlichen Zentren Europas. Erhalten sind nur noch Teile.
Mittagsgebet in Taizé
Am späten Vormittag nehmen wir in Taizé am Mittagsgebet teil. Das Dorf in Burgund, das Frère Roger Schütz im Zweiten Weltkrieg begann, zu einem Ort der Versöhnung zu machen, hat sich längst zu einem Magnet für Jugendliche aus ganz Europa entwickelt. Die Schlichtheit, Stille und Spiritualität beeindrucken auch uns. „Ich war als Student hier“, sagt Willi Moosmann, 75. „Jetzt habe ich mich sehr gefreut wiederzukommen. Taizé ist der Inbegriff für Ökumene, Frieden, Versöhnung.“
Der Pfarrer von Ars
Letzte Etappe auf dem Weg der Pilgerreise nach Lyon: Ars-sur-Formont, Wirkungsstätte und Wohnhaus des Heiligen Jean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars. Der Reliquienschrein mit seinem Herzen wird in einer Kapelle neben der Kirche verehrt.
Tag 4
Der Einkehrtag heute steht unter dem Leitwort „Sei mutig und stark“. Auf unserem Emmausweg zur Pfarrkirche Notre-Dame Du Bon Secours in Lyon geht es um die Frage „Wie können wir trotz Erschöpfung aufbrechen“? Denn Mut beginnt oft im Kleinen – zum Beispiel damit, ehrlich zuzugeben, wo einem die Puste ausgeht. Auch Pauline Jaricot, die Mutter der Laienmission, ging ihren Weg nicht im Gefühl, perfekt zu sein, sondern weil sie entschlossen war, trotz aller Hindernisse und eigener Schwächen den ersten Schritt zu tun.
Tag 5
Glücksfall
Die Zwei haben sich gefunden: Monika Abel, 74, (li.) und Christa Maria Hauck, 71, kannten sich vor der Reise nicht. Beide aber hatten „Biblische Reisen“, das die Fahrt mit organisiert hat, ihre Bereitschaft bekundet, mit jemanden ein Doppelzimmer zu teilen. Schon beim Telefonat im Vorfeld hatten die beiden das Gefühl: Das passt. Jetzt sagen sie: „Wir hatten so viel Spaß miteinander! Abends haben wir den Tag immer nochmal Revue passieren lassen. Das war ein Glücksfall!“
Drei Flüsse: Rhône, Saône, Beaujolais
Mit unserer französischen Reiseführerin Claire tauchen wir ein in die bewegte Geschichte, Lyons. Die 500 000-Einwohner-Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saône gilt als Wiege der Christen in Frankreich. Die ersten lebten bereits Mitte des zweiten Jahrhunderts hier; unter den römischen Machthabern, die seit 43 v. C. über Lyon herrschten, bezahlten viele ihren Glauben mit dem Leben.
Geheime Abkürzungen
Ihre Blütezeit erlebte die Stadt im 15./16. Jahrhundert, nachdem der König ihr das Monopol auf die Seidenweberei gewährt hatte. In dieser Zeit entstand das Altstadt-Viertel St. Jean mit der gleichnamigen Kathedrale. Heute ist es mit seinen engen Gassen, die oft durch schmale Hausdurchgänge, die sogenannten Traboules, miteinander verbunden sind, und den Bouchons, Gaststätten mit einfacher lokaler Küche, ein beliebter Treffpunkt. Die Lyoner sagen, in ihrer Stadt gebe es eigentlich drei Flüsse: Rhône, Saône und Beaujolais.
Die Bewohner von Lyon traboulieren gerne: Sie nutzen die schmalen Gänge durch Häuser, Treppenaufgänge und Innenhöfe als Abkürzung. Die Seidenweber versteckten sich während ihrer Aufstände im 19. Jahrhundert in den Traboules vor der Polizei, Mitglieder der Résistance im Zweiten Weltkrieg vor den deutschen Besatzern. Traboule kommt übrigens vom lateinischen transambulare, hindurchgehen.
Auf dem Weg zur Basilika Notre Dame, die hoch über der Stadt auf dem Hügel „La Fourvière“ thront, hält unser Bus vor einem Wohnhaus. Ein Künstlerkollektiv hat die Fassade mit Szenen aus der Stadtgeschichte bemalt. Über Sternekoch Paul Bocuse und dem „Kleinen Prinzen“ entdecken wir Pauline Jaricot. Neben ihr die Schutzpatronin Lyons, die heilige Blandine.
Über den Rosengarten unterhalb der Basilika erreichen wir das Haus Lorette: Hier hat Pauline Jaricot gelebt. Von hier aus hat sie zusammen mit ihren Gefährtinnen, den „Töchtern Mariens“, ihr Werk zur Glaubensverbreitung vorangetrieben. Ihre Idee war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Jedes Mitglied betet täglich ein Vaterunser, spendet wöchentlich den kleinen Geldbetrag von einem Sou für die Mission und sucht zehn weitere Mitstreiter. Entstanden ist daraus eine weltweite Bewegung.
Am Nachmittag treffen wir die Jesuiten, die mitten im Zentrum von Lyon leben. Sie berichten, dass sie in ihrem Konvent regelmäßig Asylbewerber aufnehmen, an Schulen und Hochschulen arbeiten, Exerzitien und Ehevorbereitungskurse anbieten. Da Staat und Kirche in Frankreich seit 1905 per Gesetz strikt getrennt sind, sind Orden wie Bistümer auf Spenden angewiesen. In der Stadtpfarrei St. Blandine berichtet uns Pfarrer Xavier Grillon, wie rasant seine Gemeinde in den vergangenen zehn Jahren gewachsen ist. Zum Sonntagsgottesdienst kommen knapp 1000 Besucher. An Ostern hat er 52 Erwachsene getauft. Das Erfolgsrezept: charismatische Erneuerung. Messen, in denen Lobpreis eine wichtige Rolle spielt und eine Profi-Band Musik macht – dazu ein großes Team von ehrenamtlichen Helfern. Auf jedem Platz klebt ein QR-Code, über den man sich für einen Dienst eintragen kann. Bei der Kollekte kann man nicht nur bar, sondern auch per Bankkarte spenden. „Gemeinde“, so Xavier Grillon, „wächst da, wo die Gläubigen von Konsumenten zu Handelnden werden.“
Tag 6
Früher No-go-Area, heute Szeneviertel
Letzter Tag und ein neuer Rekord im Frühaufstehen: Um sieben Uhr sitzen alle beim Frühstück, eine dreiviertel Stunde später im Bus. Wir starten zu einem Rundgang über Lyons zweiten Hügel Croix Rousse, der Stadtteil der Seidenweber. Früher, erklärt unsere französische Reiseführerin Isabelle, eine No-go-Area, heute ein gefragtes Viertel. Die Lyonaiser nennen es ironisch „BoBo“ für die Bourgeois (Bürger) und Bohemien (Freigeister), die es für sich entdeckt haben. In den schmucklosen Mietskasernen haben im 19. Jahrhundert die Seidenweber mit ihren Kindern und Gesellen gelebt und täglich zwölf Stunden und mehr geschuftet. So lange brauchte es, um fünf Zentimeter Seide zu weben.
Perspektivwechsel
Um elf Uhr treten wir die Heimreise an. Sechs prall gefüllte fünf Tage voller Geschichte(n), Begegnungen, und spirituellen Anregungen gehen zu Ende. „Vielleicht“, so Dorothée Kissel in ihrem Schlussimpuls, „ist das Entscheidende nicht, was wir alles gesehen haben, sondern was wir nun anders sehen“.