Text und Fotos: Pia Scheiblhuber
Tag 1: von Uden nach Megen
An einem Donnerstagmorgen sitze ich mit einer Tasse Kaffee vor dem Museum Krona in Uden, dem Startpunkt meiner Pilgertour. Die Sonne kämpft unermüdlich gegen die Wolkendecke, bald wird sie gewinnen. Im Kräutergarten des Museumsvorhofs sind Ehrenamtliche am Werk: Pflanzen gießen, Unkraut jäten, Hecken stutzen.
Wouter Prins setzt sich zu mir, er ist inhaltlicher Leiter des Museums für religiöse Kunst, das im Kloster der Birgittinnen beherbergt ist. „In die- sem Teil der Niederlande finden Sie die ältesten Klöster des Landes“, erklärt Prins. „Das hat damit zu tun, dass nach dem Achtzigjährigen Krieg 1648 den Klostergemeinschaften angeord- net wurde, Brabant zu verlassen. Doch in Nordbrabant gab es einen Bezirk, der unter deutschem Adel stand, der das katholische Klos- terleben förderte.“ Der Klosterweg führt an rund 50 Klöstern vorbei. Besonders ist, dass die Pilger in einigen davon übernachten können.
Die Seele summt, die Muskeln brennen
Prins zeigt mir das Museum, in dem Ikonen und mittelalterliche Bildhauerkunst, aber auch moderne Werke zu sehen sind. In einem Saal zeichnen Kinder in weißen Mönchskutten. „Es kommen oft Schulgruppen für Workshops zu Besuch“, sagt Prins. Über Pilger, die einen Zwischenstopp in Uden machen, freut er sich natürlich auch.
Wieder im Museumsgarten angekommen, nehme ich meinen Rucksack und ziehe los. Es ist elf Uhr und ich habe 28 Kilometer vor mir. Also beginne ich meine Wanderung sportlich. Doch als ich durch das Naturgebiet „De Maashorst“ laufe, durch Wald, über Felder, an einem See vorbei, beginne ich, meine Umgebung immer mehr wahrzunehmen: das Blätterrascheln, das Vogelgezwitscher, die frische Luft.
Ich bleibe öfter stehen, um zu staunen. Aber auch, um Fotos zu machen und auf meinem Handy nachzuschauen, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Viele Radfahrer kommen mir entgegen, aber kaum Spaziergänger. Dafür treffe ich auf ein paar Gartenzwerge, einige Pferde, Kühe und Schafe. Meine Gedanken können schweifen. Mit jedem Kilometer werden die Beine schwerer, aber das Herz immer leichter. So als wolle die Seele summen, um vom Muskelbrennen abzulenken.
Zeit für die kleinen Wunder auf dem Kloosterpad
Am späten Nachmittag komme ich erschöpft, aber glücklich in Megen an. Weil es dort sowohl Brüder gibt, die Franz von Assisi folgen, als auch Schwestern, die nach dem Vorbild Klaras von Assisi leben, wird der Ort auch Assisi an der Maas genannt. Ich übernachte bei den Franziskanern im Kloster St. Antonius von Padua. Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, gehe ich in die Klosterkirche zur Messe, danach gibt es Abendessen.
Im Speiseraum ist viel los, denn eine Schulgruppe ist auch zu Gast. Bruder Jan ter Maat fragt mich, ob ich den Klostergarten sehen will. Bei den letzten Sonnenstrahlen des Tages erzählt er mir von den Erfahrungen mit Pilgern, die zu Besuch kommen. „Der Wanderweg ,Ons Kloosterpad‘ führt die Welt zu uns. Viele Pilger sind nicht christlich. Eine Nacht bei uns gibt ihnen die Möglichkeit, an Gebeten und Mahlzeiten mit uns teilzunehmen. Das ist eine niedrigschwellige Art, das Ordensleben kennenzulernen“, erklärt der 46-Jährige. Für die Brüder ist das schön, weil sie verschiedenen Menschen begegnen und einen Platz bieten, an dem man ins Gespräch kommen kann.
Wichtig sei auch, dass die Pilger Ruhe fänden. „Hier kann man sich Zeit nehmen, die Dinge um einen herum bewusst zu sehen, all die kleinen Wunder …“, sagt Bruder Jan. Der vielfältig bepflanzte Garten mit Weiher und Insektenhotel bietet dafür Gelegenheit. So schön es hier auch ist – ich gehe ins Bett, damit ich für den kommenden Tag fit bin.
Tag 2: von Megen nach Velp
Die zweite Etappe führt mich entlang der Maas vorbei an kleinen Dörfern. Auch heute bin ich eine der wenigen, die zu Fuß unterwegs sind. Auf halber Strecke mache ich eine Pause in der Festungsstadt Ravenstein. Sie war Namensgeber des Freistaats, in dem Ordensgemeinschaften im 17. und 18. Jahrhundert Zuflucht fanden, da er nicht zur Republik der Vereinigten Niederlande zählte, wo der Katholizismus unterdrückt wurde.
In der Touristeninformation stellt mir eine Mitarbeiterin prompt ein Visum aus. „Wie lange sind Sie in Ravenstein?“, will sie wissen. „Nur heute“, antworte ich. Sie drückt einen Datumsstempel auf ein bunt bedrucktes Papier, fal- tet es und reicht es mir freundlich lächelnd. „Tagesvisum“ steht darauf.
Weite beim auf dem Kloosterpad genießen
Die Kloosterpad-Route geht weiter entlang der Maas. Meine Seele summt vor sich hin, weil sie die Weite genießt. Eine Ahnung von Unendlichkeit tut sich auf: Da sind die großen Felder, das von flockigen Wolken besprenkelte Blau des Himmels und das schier endlose Glitzern der Wasseroberfläche, als ich eine Brücke über den Fluss überquere. Nach stundenlangem Gehen ist der Kopf nicht mehr mit Denken beschäftigt, sondern nur noch mit Sehen. Ich nehme die Schönheit der Schöpfung wahr und bin dankbar.
Die zweite Nacht verbringe ich im Emmauskloster in Velp, in dem seit Anfang des Jahres eine internationale Gemeinschaft von sechs Kapuzinern wohnt. „Ich hatte den Auftrag, einen Ort für einen Neuanfang des Ordens in den Niederlanden zu finden“, erzählt Bruder Christophorus Goedereis. „Das Kloster in Velp ist der richtige Ort dafür: Der franziskanische Geist erfüllt diese Gemäuer seit 1645.“ Gemeinsam mit einem niederländischen, einem indonesischen, einem tansanischen und zwei indischen Mitbrüdern will der 59-Jährige das Charisma der Ka- puziner in den Niederlanden lebendig halten.
In der Mitte des mit Gemälden geschmückten Speisesaals bilden Brüder und Gäste einen Kreis. Jeder stellt sich vor, bevor das Abend- essen beginnt. So gibt es schnell Anknüpfungs- punkte für Gespräche. Neben mir sitzt Bruder Theo Jansen. „Es ist schön, dass ich mit meinen 83 Jahren bei so einem spannenden Neubelebungsprojekt dabei sein darf“, sagt er begeistert.
Der Gastbetrieb ist neu für die Gemeinschaft. „Wie gestalten wir Gebetszeiten mit den Gästen? Brauchen wir Pilger-Programme? Da müssen wir noch einen Weg finden“, meint Bruder Christophorus. Bedarf an Orten der Stille nicht nur für Kloosterpad-Pilger scheint es aber genug zu geben. „Je säkularisierter ein Land, desto mehr sind die Leute auf der Suche nach Spiritualität durch die Hintertür“, erklärt sich der deutsche Kapuziner den Pilgertrend.
Tag 3: von Velp nach Sint Agatha
Heute habe ich 26 Kilometer des Kloosterpad vor mir. Meine Knie stechen, meine Oberschenkel sind müde – trotz- dem freue ich mich auf den letzten Wander- abschnitt. Ich merke, dass Samstag ist: Schon auf den ersten Kilometern kommen mir einige Wan- derer und Radfahrer entgegen. Ich halte mich an die Route, die mir mein Handy anzeigt. Ab und zu hat es mich schon auf Umwege geschickt.
Auf einmal bin ich mir unsicher, ob ich so abbiegen soll, wie es die digitale Karte vorschlägt. Ein Mann mit Wanderschuhen und Rucksack überholt mich und läuft durch ein kleines Holztor geradeaus weiter an einem Fluss entlang. Ich packe mein Handy weg und laufe ihm nach. Oft ist es besser, einem Menschen zu folgen als der Technik.
Nach zehn Kilometern nehme ich die Beinschmerzen kaum mehr wahr, so können meine Gedanken wieder frei kreisen. In einer kleinen Waldkapelle zünde ich eine Kerze an.
Das Etappenziel ist schon ganz nah, als ich die Stadt Cuijk erreiche. Eine Dreiviertelstunde später stehe ich vor dem Kloster Sint Agatha, dem ältesten noch bewohnten Kloster der Nie- derlande. Im ehemaligen Schweinestall hat Bruder Edgard Claes sein Buchbinder-Atelier. Der 71-Jährige ist einer von drei Kreuzherren, die mit zwölf anderen Menschen die 15 Apartments von Sint Agatha bewohnen. „Die Umgestaltung des Klosters vor fünf Jahren war wichtig, um ihm eine Überlebenschance zu geben. Die Leute, die hier leben, setzen sich für das Kloster ein: im Garten, am Empfang, als Tourführer“, erzählt der Belgier.
Freier Geist, frischer Kopf
Der Klostergarten ist jeden Tag zugänglich, Gästezimmer gibt es aber keine. „Es ist ein ruhiger Ort hier, ideal für mich zum Arbeiten“, sagt Bruder Edgard. Er war Werbezeichner, malt gerne und gehört zu den renommiertesten Buchbindern der Welt. Er führt mich durch sein Atelier: vom Computer über die Fräsmaschine und die Sandstrahlkabine zu den Farblacken.
„Wenn die Hände beschäftigt sind, ist der Geist frei“, sagt Bruder Edgard Claes. Er macht eine Pause und grinst. „Dann kann ich beten.“ Ich kann nach meiner Wanderung auf dem Kloosterpad Ähnliches behaupten: Wenn die Beine beschäftigt sind, ist der Geist frei. Auch wenn mir die Anstrengung in den Knochen steckt – ich bin glücklich, mein Kopf ist erfrischt. Und aus dem Seelensummen wird ein Singen.
Lust, den Kloosterpad zu laufen?
– 330 Kilometer in 15 Etappen
– zusätzlich kürzere Rundwanderwege
– GPS-Download der Route ratsam
– alle Infos mit Routenbeschreibungen des Kloosterpad finden Sie hier (Niederländisch)