Sr. Carmen, warum leiden Obdachlose besonders unter Hitzestress?
Sie finden oft keine kühlen Räume, wo sie sich aufhalten können, tragen mehrere Schichten Kleidung übereinander aus Angst, dass sie ihnen ansonsten gestohlen wird. Viele sind suchtabhängig und depressiv. Sie sind also besonders verletzlich und vorbelastet. Und: Sie unterschätzen die Gefahr von Hitze.
Obwohl sie die Auswirkungen direkt am eigenen Leib spüren?
Ja, denn ihnen stellen sich andere existenzielle Fragen: Wo bekomme ich etwas zu essen? Wo kann ich einigermaßen sicher schlafen? Gesundheitsfragen kommen da erst an zweiter Stelle. Und Prävention spielt keine Rolle.
Sonnencreme und isotonische Getränke
Wie helfen Sie?
In der Elisabeth-Straßenambulanz in Frankfurt sprechen wir das Thema „Hitzestress“ an. Wir bieten den obdachlosen Menschen Sonnencreme, Mützen, Sandalen, leichte
Kleidung und isotonische Getränke an. Auch eine zusätzliche Dusche.
Aber dabei belassen Sie es nicht …
Genau, weil auch strukturelle Veränderungen nötig sind. Bei der Caritas bin ich für Gesundheit und Prävention in der Wohnungsnotfallhilfe zuständig. Mir ist wichtig, dass wir die Caritas-Mitarbeiter im Umgang mit dem Thema schulen. Und die Stadt Frankfurt hat mich als Expertin angefragt, um am Klimawandelaktionsplan mitzuwirken.
Aufmerksamkeit ist wichtig!
Welche Angebote gibt es in Frankfurt für Obdachlose in den Sommermonaten?
Wir haben einen „Hitzebus“, der als Anlaufstelle dient. Außerdem eine Kühleorte-Karte, auf der man sieht, wo man der Hitze – ohne zu bezahlen – entkommen kann, etwa im Eingangsbereich von Museen. Beim Erstellen der Karte ist aufgefallen, dass Kirchen oft gar nicht so kühl sind, wie angenommen. Und nicht alle wollen verzeichnet werden aus Angst, für die Klientel besonders anziehend zu werden. Trinkwasserbrunnen gibt es auch. Aber einen gekühlten Ort, wo speziell Obdachlose willkommen sind, den haben wir noch nicht.
Andere Städte sind nicht so gut vorbereitet …
Deshalb ist Aufmerksamkeit wichtig. In der Stadt sind immer Leute unterwegs, die Leben retten könnten. Ich würde das Risiko eingehen, einen in der Sonne schlafenden Obdachlosen zu wecken und ihn zu bitten, in den Schatten zu gehen, auch auf die Gefahr hin, angepflaumt zu werden. Manche befinden sich in Not.
Interview: Eva-Maria Werner