Hier arbeite ich sehr gern. Es sind einfach besondere Menschen!“ Was macht sie besonders? Schwester Barbara Witing schmunzelt. „Sie sind gnadenlos ehrlich, die müssen nichts mehr beblümeln!“
„Beblümelt“ wird hier wirklich nichts mehr, soviel wird klar, wenn die Missionsdominikanerin von ihrer Mission im Haus Bethanien erzählt. 23 Frauen haben hier ein Zuhause gefunden – Gestrandete, könnte man denken, aber hier strandet man nicht. Hier findet man ein Zuhause, in dem man bleiben darf bis zum Tod. Einen Lebensplatz, wie Schwester Barbara es nennt.
Für Karin Hofmann* ist das ganz wichtig. Die 70-Jährige ist trockene Alkoholikerin, und wenn sie von ihrem Leben erzählt, ahnt man, warum sie ihr kleines Zimmer gegenüber der Dachterrasse so liebt. Ein Mann, der „zum Teufel“ wurde, wenn er getrunken hatte. Ein anderer, der alles verspielte, bis Karin Hofmann die Miete nicht mehr zahlen konnte. „Dann bin ich rausgeflogen, hab’ mal hier, mal da gewohnt. Es gab Situationen, da hab’ ich wirklich nicht mehr geglaubt, dass es noch einen Gott gibt.“ Mehr sagen will sie nicht, hektisch drückt sie die Zigarette aus, zündet gleich die nächste an. Dass sie überhaupt so viel erzählt, ist ein Glücksfall, die meisten Bewohnerinnen können oder wollen nicht mehr viel von sich preisgeben. „Hier fühle ich mich zu Hause“, sagt sie noch. „Ich hab’ ein schönes Zimmer – es geht weiter. Gott ist überall.“
Sobald Schwester Barbara etwas Zeit hat, spielen die beiden zusammen Karten, und wenn es Karin Hofmann gut geht, bringt sie Flaschen zum Container oder holt beim Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF) Post ab. „Ein bisschen was Ehrenamtliches, das ist mir wichtig. Aber rausgehen, in die Stadt oder so – das mache ich nicht mehr.“
Mitmachen ist erwünscht
Alkohol, Drogen, Angststörungen, Depressionen, Krebserkrankungen – die Bewohnerinnen bringen viele Probleme mit. Die jüngste ist 50, die älteste 87 Jahre alt. Jede hat ein eigenes Zimmer mit Kochnische und einem kleinen Bad. Alkohol und Tabak sind erlaubt. Wer eine Rente oder Vermögen hat, zahlt für die Unterbringung. Die Einrichtung, die vom Bezirk Oberbayern, der Erzdiözese München und dem SkF finanziert wird, ist die erste Langzeiteinrichtung für von Wohnungslosigkeit bedrohte ältere Frauen in Deutschland. Angefangen hatte alles ganz klein, als die Missionsdominikanerin Schwester Ortrud Fürst neun Frauen am Münchener Hauptbahnhof aufsammelte und ihnen ein Zuhause schuf. Heute sind im Haus Bethanien 23 Mitarbeiterinnen – von der Ergotherapeutin bis zur Hauswirtschafterin – angestellt, geleitet wird es von Marianne Kopietz, 63.
Pizza mögen alle
Zum Konzept gehört, dass die Frauen mithelfen können und sollen. Sophia Fels kümmert sich liebevoll um die Eichhörnchen und Vögel im Garten: „Ich bin halt sehr tierlieb!” Eine andere hackt und jätet stundenlang den Efeu, wenn sie eine manische Phase hat – „macht nichts, da kann man nichts kaputtmachen“, sagt Schwester Barbara und lacht. Der Garten ist sehr wichtig für Frauen, die sich nicht mal bis zur Straße trauen. Hier kann man die Seele baumeln lassen.
Gertrud Werner und Konstanze Klöckner helfen regelmäßig in der Küche mit. Für das gemeinsame Mittagessen ist eine Menge Gemüse zu schneiden. „Man braucht ja mal eine Abwechslung, sonst wird es hier zu langweilig“, sagt Konstanze Klöckner. Hauswirtschafterin Petra Müller guckt in die Schüsseln und bestellt mehr Zucchini für die Gemüsepizza. Pizza mögen alle, auch Schweinebraten, Kaiserschmarrn und Pfannkuchen kommen gut an. Dass die Teller voll sind, ist wichtig, erklärt Schwester Barbara. „Essensentzug wurde vielen als Strafe auferlegt. Deshalb darf nie die Angst aufkommen, man könne nicht genug bekommen.“
Text: Christina Brunner
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