Text: Beatrix Gramlich; Fotos: Hartmut Schwarzbach
Eine Straße gibt es nicht. Die Online-Suche endet mit der Auskunft: „Keine Routen verfügbar“. Seit vor zweieinhalb Jahren im Sudan der Krieg ausbrach, sind die Nuba-Berge nur noch über einen einzigen sandigen Weg aus dem Nachbarland Südsudan erreichbar. Kurz hinter Yida, den trostlosen Überresten eines ehemaligen Flüchtlingscamps, geht es über die Grenze, markiert von einer Schnur, die sich an zwei Stöcken über die Straße spannt. Milizen kontrollieren die Pässe.
Dann beginnt eine abenteuerliche Reise über 200 Kilometer. Mit etwas Glück schafft man sie in acht Stunden; in der Regenzeit, wenn sich der Boden in Schlamm auflöst und die Räder im Morast stecken bleiben, kann die Fahrt Tage dauern. Sie führt in eine abgeschiedene Welt mit mächtigen Felsen bis auf 1300 Meter Höhe, fruchtbaren Tälern und strohgedeckten Rundhütten, die im Geviert wie kleine Burgen wirken. Ihre Bewohner betreiben Ackerbau, manche halten ein paar magere Rinder und Ziegen.
Hitlers einstige Propagandaregisseurin Leni Riefenstahl, die in den 1960er- und 1970-Jahren hierher reiste, setzte den Menschen mit ihren Bildern ein Denkmal und nannte sie schwärmerisch „meine Nuba“. Tatsächlich zählen zu den Nuba mehr als 50 Volksgruppen mit ebenso vielen Sprachen, bei denen sich oftmals nicht ein Wort überschneidet. Allen gemeinsam ist ihre schwarzafrikanische Identität. Bei den muslimischen Arabern im Sudan gelten sie deshalb als minderwertig. In 200 Jahren arabischer Kolonisation wurden die Nuba erniedrigt, ihres Landes beraubt, versklavt. Kinder, die in der Schule wagten, ihre Muttersprache zu sprechen, wurden als Tiere verhöhnt.
Patienten auf nackten Matratzen
Für Bettzeug fehlt das Geld. Die Patienten liegen auf nackten Gummimatratzen. In manchen Sälen stehen bis zu 50 Betten, auch in den schummrigen Gängen dämmern Kranke auf den abgestoßenen Metallgestellen vor sich hin. Angehörige wedeln ihnen Luft zu. Die Klinik ist auf ihre Hilfe angewiesen: Die Verwandten kochen für die Patienten, waschen deren Wäsche, übernehmen Pflegedienste. „Wir akzeptieren maximal zwei Familienangehörige“, erklärt ein Mitarbeiter. „Die braucht man, wenn jemand bettlägerig ist.“
Das Mother of Mercy Hospital in der Nuba- Kleinstadt Gidel ist Anlaufstelle für eine Million Menschen in einem Gebiet von der Größe Baden-Württembergs. Ob Schwangere, Krebskranke, unterernährte Kinder, Patienten mit Lepra, Malaria, Tuberkulose, Aids oder Augenleiden: In einer der 14 Fachabteilungen bekommen sie Hilfe. Manche haben tagelange Fußmärsche hinter sich, wenn sie ankommen. Andere werden von Verwandten in die Klinik getragen.
Zwischen Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten, die aus aller Welt kommen, um hier ein paar Wochen oder Monate ehrenamtlich zu arbeiten, ragt ein hagerer Mann im blauen Kittel heraus: Tom Catena, medizinischer Direktor und einziger Chirurg an der Klinik. Im Krankenhaus nennen ihn alle nur „Doktor Tom“. Seit dem Morgen hat er Patienten aufgenommen, untersucht, behandelt. „Ein schrecklicher Tag!“, sagt er zur Begrüßung. „Wir hatten 600 Leute in der Ambulanz! In der Nacht haben wir ein Baby verloren. Darmverschluss. Ich hätte es operieren müssen, aber es war zu schwach.“
Fälle wie diese nehmen den 60-Jährigen immer noch mit. Den Armen zu helfen ist für ihn Berufung. Er arbeitet sieben Tage pro Woche, die Klinikkluft legt er auch nach Feierabend nicht ab. Selbst in den kostbaren Stunden zu Hause bei seiner Nuba-Frau und ihren zwei Adoptivkindern bleibt der US-Amerikaner in Bereitschaft – jederzeit erreichbar, um Rat zu geben oder zurück in die Klinik zu eilen.
Die Spuren des Krieges
Bis heute liegen in den Nuba-Bergen unzählige Blindgänger. Die Spuren des Krieges sind allgegenwärtig – in den Köpfen der Menschen, in ihren Ängsten, im Verlust von Angehörigen und Möglichkeiten. „Manchmal gab es fünf, sechs Tage keine Bombardements. Du fingst an, es zu vergessen“, erinnert sich Krankenhauschef Catena. „Dann kamen die Flugzeuge wieder – und mit ihnen die Angst. Wir haben uns in Erdlöchern versteckt. Ich zittere noch heute, wenn ich eine Antonow höre.“
Omar al-Bashir, der sich 1989 im Sudan an die Macht putschte, hatte aus der Verachtung der Nuba einen „Heiligen Krieg“ gemacht. Er befahl Luftangriffe, ließ ganze Dörfer auslöschen, Menschen vertreiben und aushungern. „Sie wollen, dass wir sterben“, sagt der Sekretär der sudanesischen Bischofskonferenz, Stephen Biong Kuol Deng. „Khartum beansprucht die Nuba-Berge, aber tut nichts für uns.“ So zynisch es klingt: Erst der Krieg, der seit 2023 im Sudan tobt, hat der Region Frieden, aber auch fast eine Million Flüchtlinge beschert.
Zukunft schneidern
Der Bestseller ist ein Häkelrock für Mädchen. Stolz halten die Frauen ein Modell in die Höhe, das sie unter Anleitung von Rose Escobar gefertigt haben. Die Combonischwester bietet im Pfarrzentrum von Gidel werktags von neun bis 15 Uhr Näh- und Handarbeitskurse an. Dazu gibt es jeden Tag eine Dreiviertelstunde Englisch und Mathematik.
Heute sind zwölf Frauen zum Nähen gekommen. Manche haben dafür stundenlange Wege in Kauf genommen. Aber die Mühe zahlt sich aus. „Hier können wir für uns und unsere Kinder Kleidung nähen. Das spart Geld“, erklärt Kachiri Adam. Denn Stoff, Garn und Nähmaschinen stellen die Schwestern zur Verfügung.
Außerdem haben sie ein Geschäft mit dem Mother of Mercy Hospital eingefädelt: Kleider, Höschen und Decken für Neugeborene aus den Kursen verkaufen sie an die Klinik. Den Erlös erhalten die Frauen. Das Krankenhaus schenkt jeder Mutter, die dort entbindet, eine dieser Decken: eine kluge Werbung nicht nur für die Nähkurse, sondern auch dafür, das sichere Hospital einer riskanten Hausgeburt vorzuziehen.
Sie wollen die gesamte Myanmar-Reportage lesen? Dann bestellen Sie hier das kontinente-Magazin!