Wie Soldaten in Reih und Glied ragen die Sisalagaven in den blauen Himmel rund um die brasilianische Kleinstadt Irecé. Im trockenen Hinterland des Bundesstaates Bahia nennt man sie „das grüne Gold“. Denn diejenigen, die die Pflanzenfasern exportieren, verdienen damit wertvolle Devisen. Für Alexandra Borges sind die Agaven mit den spitzen Stacheln am Blattende eher ein Fluch: Die 44-Jährige arbeitet, seit sie neun Jahre alt ist, auf den Plantagen. Unter sengender Sonne, für einen Hungerlohn, ohne jegliche soziale Absicherung. Das Schneidemesser kauft die dreifache Mutter selbst, ihr Mittagessen bringt sie von zu Hause mit. Jede Woche muss sie zusammen mit drei anderen Arbeitern mindestens 1000 Kilo Agavenblätter schneiden und entkernen – sonst gibt es einen Abzug von ihrem Wochenlohn von umgerechnet 32 Euro.
Borges hat sieben jüngere Geschwister. Alle arbeiteten schon als Kinder auf den Sisalfeldern, statt zur Schule zu gehen. „Meine Eltern waren arm“, erzählt sie, während ihr Mann die Fasern zum Trocknen auf Holzgestänge in die Sonne hängt. „Hier zahlt niemand den Mindestlohn, und es gibt keine anderen Jobs. Wenn mich auf dem Feld ein Skorpion sticht, muss ich mir die Medizin in der Apotheke kaufen.“ Das Geld reiche nicht zum Überleben, sie sei ständig verschuldet und müsse manchmal bei Nachbarn um Lebensmittel betteln. Die anderen Arbeiter nicken stumm. Es sind ausgemergelte Gestalten mit wettergegerbten Gesichtern. Einem fehlt ein halber Zeigefinger, ein anderer ist auf einem Auge blind: Ein Agavenstachel hat seine Netzhaut durchbohrt. Einer ist noch minderjährig.
Strenge Gesetze
Für die brasilianische Gesetzgebung ist das ein Fall moderner Sklaverei: Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, entwürdigende Arbeitsbedingungen, erschöpfende Arbeitszeiten. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO leben weltweit 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. In Brasilien hat Ausbeutung eine lange Geschichte. Es war das letzte Land in Amerika, das 1888 die Sklaverei abschaffte. Heute hat Brasilien eines der strengsten Gesetze zur Bekämpfung ausbeuterischer Arbeitsbedingungen. Wer als Unternehmer erwischt wird, muss Lohn und Sozialabgaben nachzahlen und landet für zwei Jahre auf einer öffentlich einsehbaren schwarzen Liste. In besonders entwürdigenden Fällen droht ein Prozess mit hohen Strafen. VW do Brasil beispielsweise wurde wegen der Ausbeutung von Landarbeitern auf einer Farm im Amazonas in den 1970er-Jahren gerade zu 26 Millionen Euro Strafzahlung verurteilt.
Aber Brasilien hat nicht nur ein Gesetz, sondern auch eine gefürchtete Einheit, die es anwendet: die seit 30 Jahren bestehende Einsatztruppe zur Bekämpfung moderner Sklaverei. Drei nationale Eingreifbrigaden gibt es, weitere arbeiten auf der Ebene der Bundesstaaten. Bei den unangekündigten Inspektionen erscheint ein Respekt einflößender Trupp: ein Dutzend Männer und Frauen, Mitarbeiter des Arbeitsministeriums, der Staatsanwaltschaft, der Ombudsstelle. Begleitet werden sie von sechs bewaffneten Polizisten. Aus gutem Grund: 2004 wurden drei Inspekteure und ein Fahrer erschossen, als sie Bohnenplantagen besuchten. Seither ist bei jeder Operation die Bundespolizei dabei.
Heute haben sie die Plantage besucht, auf der Alexandra Borges arbeitet. Einsatzleiterin ist Ghislene Stacholski, 50 Jahre, resolut, kompetent. Sie hätten nichts zu befürchten, erklärt die gelernte Buchhalterin und Anwältin den verunsicherten Arbeitern. Man habe nur einige Fragen und sei zu ihrem Wohl da. Die Gruppe wird getrennt befragt: Wie lange sie arbeiten, wie viel Geld sie bekommen, an wen sie liefern, ob sie versichert sind, wem die Arbeitsgeräte gehören, ob und was sie zu essen bekommen – der Fragenkatalog ist lang, und die Antworten der Arbeiter sind oft so schwammig, dass die Inspekteure mehrmals nachhaken müssen.
Vor ein paar Jahren gelang es Stacholski, die Sisal-Lieferkette bis zum Exporteur Sisalândia Fios Naturais aufzudecken. Die Firma wies jegliche Verantwortung von sich. Die schrecklichen Arbeitsbedingungen seien in der Branche gängige Praxis, argumentierte der Anwalt, man könne nicht bei jeder einzelnen Ladung die Herkunft überprüfen. Doch die Staatsanwaltschaft verdonnerte das Unternehmen zu einer Strafzahlung von umgerechnet 164000 Euro. Aus Sisal werden Teppiche, Seile, Taschen und Kleider hergestellt. 140000 Tonnen Fasern produziert Brasilien, fast ausschließlich in Bahia und für den Export – auch nach Deutschland.
Von Sandra Weiss
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