Text: Bettina Tiburzy; Fotos: Hartmut Schwarzbach

Schüsse zerreißen die Stille über Loikaw. Menschen fliehen in Panik. Hunderte suchen Schutz auf dem Gelände der Kathedrale. Sie stehen unter Schock, sind völlig verängstigt. Der Bischof von Loikaw, Celso Ba Shwe, zögert nicht. Er öffnet die Türen, bringt Geflüchtete im Pastoralzentrum und im Priesterseminar unter und hofft, dass sich die Lage wieder beruhigt.

Loikaw im Osten Myanmars ist die Hauptstadt des Kayah-Staates. Viele Angehörige der ethnischen Minderheit der Karenni leben hier, überwiegend Katholiken und Baptisten. Nach dem Putsch 2021 bildet sich hier wie in vielen Regionen Myanmars Widerstand gegen die Militärjunta. Deren Soldaten greifen immer wieder gezielt christliche Dörfer an, bombardieren Schulen, Kirchen und Krankenhäuser. Im November 2023 gerät die Stadt ins Kreuzfeuer zwischen Militär und Widerstandsgruppen, die eine gemeinsame Offensive gegen die Regierungsarmee begonnen haben. „Mit einem solchen Gewaltausbruch in der Stadt hatten wir nicht gerechnet“, erzählt Bischof Shwe, ein ruhiger, bescheidener Mann, der eine weiße Soutane und Sandalen trägt. Erst wenige Monate zuvor war er zum Bischof geweiht worden.

Auch der Bischof muss fliehen

Als sich die Kämpfe in der Stadt zuspitzen, organisiert der Bischof die Evakuierung der Menschen, die auf dem Kirchengelände Zuflucht gesucht haben. Er selbst will mit einigen Priestern und Schwestern bleiben, um Kathedrale und Bischofssitz zu schützen. Doch dann fallen Schüsse auf dem Grundstück. Eine Granate schlägt ins Pastoralzentrum ein. Soldaten der Militärjunta besetzen das Kirchengelände. Schließlich muss auch der Bischof fliehen.

Seitdem lebt er bei den Menschen im Dschungel oder in Flüchtlingscamps. 160 solcher Lager in der Region werden von der Kirche betreut. 150 000 Vertriebene haben dort Zuflucht gefunden: unter Bambusstangen, mit Planen überspannt, daneben Kochstellen aus Lehm und Stein. Doch selbst solche Lager in Myanmar werden von der Militärjunta bombardiert. Trotz der Bedrohung kümmert sich die Kirche um Hilfe, vor allem um Nahrungsmittel, um das Überleben der Menschen zu sichern. „Als ich aus Loikaw floh, rieten mir viele, an einen sicheren Ort zu gehen, wo es keine Kämpfe gibt“, erzählt der Bischof. „Aber wie kann ich meine Leute verlassen?“

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Schwierige Aufgabe inmitten des Chaos

So zieht Bischof Shwe von Camp zu Camp und sucht den Kontakt zu den Menschen, nicht nur zu den Christen. Religion spielt für ihn dabei keine Rolle: „Das sind meine Brüder und Schwestern, ob katholisch oder buddhistisch. Sie sind meine Familie.“

Immer wieder ist der 61-Jährige gefordert: Wenn die Lebensmittel ausgehen. Wenn es einen medizinischen Notfall gibt. Manchmal scheint es keine Lösung zu geben. „Doch dann kommt jemand, der mir hilft“, berichtet der Bischof. So gelingt es ihm, die Flüchtlinge zu versorgen und sogar Unterricht für Kinder und Jugendliche anzubieten.

So wie den Bewohnern von Loikaw geht es vielen in Myanmar. Mehr als drei Millionen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Mehr als eine Million muslimische Rohingyas haben sich vor Verfolgung ins Ausland gerettet, vor allem nach Bangladesch. Tausende Menschen aus Loi- kaw haben in Thailand Zuflucht gesucht. In Myanmar selbst versorgen an vielen Orten kirchliche Mitarbeiter die Binnenflüchtlinge. Eine schwierige Aufgabe inmitten des Chaos und der Ungewissheit, wann dieser Konflikt enden wird.

Sorge um Zukunft der Kinder in Myanmar

Besonders sorgt sich Bischof Shwe um die Zukunft der Kinder. Seit Jahren können viele nicht zur Schule gehen. Die Kirche versucht mit informellem Unterricht, grundlegende Bildung zu sichern. Doch anerkannte Abschlüsse können die Schüler so nicht erwerben. Hinzu kommt die ständige Bedrohung durch Angriffe. „Wer dauernd Angst hat, kann nicht lernen“, so der Bischof.

Trotzdem bleibt er hoffnungsvoll. „Ich habe gelernt, dass wir Schwierigkeiten in Chancen verwandeln müssen“, sagt er. „Dies ist die Zeit, in der Gott uns aufruft, uns zu vereinen. Wir spüren, dass er mit uns ist.“ Manchmal, erzählt Bischof Shwe, fragten ihn Gläubige, wann sie zurück in die Kathedrale von Loikaw könnten. „Dann sage ich: ,Die Kirche ist kein Gebäude. Wenn wir zu- sammen beten, zusammenbleiben und füreinander sorgen, dann ist die Kirche da.‘“

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