Schwester Manna Awala lenkt einen schweren Geländewagen über die Gebirgsstraße. Auf beiden Seiten breiten sich mächtige, mit dürrem Gestrüpp bewachsene Berge aus. Die Landschaft hier im Norden Äthiopiens ist von karger Schönheit. Unvermittelt deutet die Ordensfrau auf ein Felsmassiv zur Rechten. „Früher hieß es Emba Fikada, Gottesberg. Jetzt nennen wir es Emba Hiwet, Berg des Lebens. Es hat uns geschützt.“
Von 2020 bis 2022 tobte im Norden Äthiopiens ein blutiger Bürgerkrieg. Mit 600000 Toten und mehr als zwei Millionen Binnenflüchtlingen galt er als einer der brutalsten der Welt. Auslöser war ein Machtkampf zwischen Premierminister Abiy Ahmed und Tigrays Volksbefreiungsfront TPLF, die seit fast drei Jahrzehnten die Politik Äthiopiens beherrschte. Als der Staatschef die von der TPLF organisierten Kommunalwahlen in Tigray nicht anerkannte, eskalierte der Konflikt. Ahmed, der ein Jahr zuvor für die Aussöhnung mit Eritrea den Friedensnobelpreis erhalten hatte, wurde zum Kriegstreiber. Im Kampf gegen die TPLF bat er das lange verfeindete Nachbarland und ethnische Milizen um Unterstützung.
Noch immer unter Besatzung
Wenige Kilometer entfernt vom Emba Hwit, dem Berg des Lebens, zweigt die Straße nach Alitena ab. Doch wer kann, meidet die Route. Dreieinhalb Jahre nach Kriegsende ist das Gebiet noch immer von Milizen und eritreischen Truppen besetzt, die laut Friedensabkommen längst hätten abziehen müssen. Bewohner berichten von gewaltsamen Übergriffen, Plünderungen und Diebstählen. Menschen werden willkürlich verhaftet und verschleppt, junge Frauen und Männer zum Dienst an der Waffe gezwungen.
„Die Besatzer dringen nachts in die Häuser ein und vergewaltigen die Mädchen“, berichtet Mary Teum. Die 17-Jährige stammt aus Alitena. Von ihrem Haus konnte ihre Familie die Truppen kommen sehen. Dreimal ist Mary mit ihren Eltern und Geschwistern geflohen. Dreimal haben Soldaten ihren Vater abgeholt und tagelang festgehalten. „Sie haben uns beschuldigt, wir würden Waffen verstecken. Aber wir hatten keine. Sie haben uns alles gestohlen, Möbel, Lebensmittel, unsere beiden Ziegen.“ Die Angst wurde ihr stummer Begleiter, jeder Tag ein verzweifelter Versuch, sie in Schach zu halten. Doch ein normales Leben gab es nicht mehr.
Bis heute sind hunderte Schulen in den besetzten Gebieten geschlossen, mehr als eine Million Kinder erhalten keinen Unterricht. Mary Teum hatte Glück. Schwester Manna und ihre Mitschwestern haben sie aufgenommen. Zusammen mit elf anderen Mädchen lebt sie bei den Ordensfrauen in Adigrat und kann hier die Oberschule besuchen.
Zuflucht im Kornspeicher
Ihr neues Zuhause ist ein alter Getreidespeicher. Die Schwestern haben eine Küche und Zimmer für sich und die Mädchen abgetrennt und versuchen, dem kahlen Bau mit Sofa und Spitzendeckchen ein wenig Behaglichkeit abzutrotzen. Kalt bleibt er trotzdem. Drei Wochen vor Kriegsende schlug hier eine Bombe ein. Ein zerborstenes Fenster, durch das kühle Luft strömt, zeugt davon. „Aber wie durch ein Wunder“, sagt Schwester Manna „wurde niemand verletzt.“
Abends, wenn die Mädchen in der ehemaligen Lagerhalle auf einem Holzkohleofen kochen, schaut sie oft vorbei, hilft ihnen, lacht und plaudert mit ihnen. Die agile Mitfünfzigerin und ihre Mitschwestern haben das abweisende Gemäuer in einen Ort der Gastfreundschaft verwandelt. Für Brhan Bruh war das die Rettung. Mitten im Krieg stand die junge Witwe mit ihren zwei kleinen Kindern vor der Tür – verzweifelt, hilflos, in Trauer erstarrt, ihr Mann in den Kämpfen gefallen, ihr 14-jähriger Bruder von Regierungstruppen verschleppt. Die Ordensfrauen nahmen sie auf, suchten ein Häuschen für sie und übernahmen die Miete. Trotzdem kommen Brhan Bruh und ihre Kinder jeden Morgen wieder. Die Ordensfrauen und Mädchen sind ihre neue Familie. Hier sind sie willkommen. Hier gibt es immer jemanden, der die Kinder herzt, mit ihnen spielt und die Mutter aus ihrer Sprachlosigkeit reißt. Hier geht das Leben weiter.
So wie in Adigrat, einer quirligen Stadt auf 2500 Metern Höhe: Händler lenken Eselskarren, randvoll beladen mit Wassermelonen, Heu oder Säcken voll Hirse durch die Straßen. An Bekleidungsgeschäften flattern Blusen und Hemden im Wind, auf dem Gehweg davor posieren kopflose Schaufensterpuppen in buntgemusterten Röcken. Wenige Meter weiter hat ein Korbflechter seine Ware ausgebreitet. Dreirädrige Taxis drängen sich hupend an Fußgängern und Pferdekutschen vorbei. Die Zerstörungen fallen erst bei genauerem Hinsehen auf: Einschusslöcher, zersplitterte Glasscheiben, mit Brettern vernagelte Türen.
Die Angst bleibt
Bei den Menschen ist es ähnlich. „Wir sehen normal aus“, sagt Schwester Manna. „Aber wir sind es nicht. Wir haben immer noch Angst. Wir durchleben das alles immer wieder – wenn die Kinder erzählen, wenn wir hören, wie Mädchen vergewaltigt wurden.“ Selbst in einem ihrer Waisenheime ist das passiert. Soldaten hatten sich gewaltsam Zugang verschafft und die Ordensfrauen in einen Raum eingesperrt.
Während des Krieges blockierte die Regierung monatelang Hilfslieferungen nach Tigray. „Wir haben alle gehungert“, erinnert sich Schwester Manna. „Wir hatten kein Wasser, keinen Strom. Wir haben Blätter gegessen und Regenwasser getrunken.“ Der Überlebenskampf und die ständige Angst haben Spuren hinterlassen. Sie alle, glaubt die Ursulinin, seien in dieser Zeit um Jahre gealtert.
Von Beatrix Gramlich
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