Was drängt Menschen, einzugreifen, wenn andere bedroht oder diskriminiert werden, und was hält andere davon ab?

Es gibt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die Zivilcourage fördern.Emotional stabile Personen sind zum Beispiel eher in der Lage, in kritischen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Ein weiterer Faktor ist Empathie. Menschen, die sich emotional und gedanklich in die Situation einer anderen Person hineinversetzen können, beweisen eher Zivilcourage. Und auch wer Empörung empfindet, wenn andere diskriminiert oder herabgewürdigt werden, hat eine stärkere Tendenz, einzugreifen.

Welche Rolle spielen Wertvorstellungen?

Eine große. Im Grunde geht es um die feste Überzeugung, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Was hemmt Menschen, couragiert einzugreifen?

Die allererste Hürde ist: Man bekommt ein Ereignis überhaupt nicht mit, weil man Kopfhörer aufhat, hinter der Zeitung steckt. Außerdem sind Situationen häufig nicht eindeutig. Diese Uneindeutigkeit ist ein Hemmfaktor – etwa, wenn es im hinteren Teil des Busses einen lauten Wortwechsel gibt und man nicht weiß: Kennen die sich oder ist das jetzt ein Übergriff? Oder Mobbing. Am Arbeitsplatz sind Schikanen manchmal sehr subtil. Wenn ein tätlicher Angriff stattfindet oder jemand eine andere Person anschreit, ist die Tendenz, etwas zu unternehmen, höher.

Egal, ob man allein ist oder andere dabei sind?

Die Psychologie spricht vom sogenannten Bystandereffekt: Je mehr Menschen anwesend sind, desto weniger wird geholfen – weil niemand etwas falsch machen möchte, weil jeder sagt, der andere ist näher dran, die haben bestimmt schon Hilfskräfte verständigt. Diesen Bystandereffekt beobachtet man im Übrigen schon bei Kindern. In einer Studie halfen sie einer erwachsenen Person, der ein kleines Missgeschick passiert war, eher, wenn sie allein, als wenn sie zu mehreren im Raum waren. Es ist also ein weit verbreitetes Phänomen.

Die Situation beeinflusst also das Verhalten?

Ja, etwa die soziale Nähe zum Opfer. Wir helfen eher Menschen, die uns ähnlich sind. Aber auch das gesellschaftliche Klima spielt eine Rolle: Wie sehr wird Zivilcourage in der Öffentlichkeit thematisiert? Appellieren Schulen, Firmen, Universitäten, Unrecht entgegenzutreten? Ist es in ihrer Leitlinie verankert? Werden Führungskräfte auch nach ihrer Entschlossenheit ausgewählt, bei Grenzüberschreitungen zu handeln? Lehrpersonen, Eltern, Sporttrainer, alle haben eine Vorbildfunktion. Wenn sie adäquat eingreifen, kann das anderen Mut machen.

Mut, der Leben kosten kann

Welche Rolle spielt das kulturelle Umfeld?

Je nach Kultur entscheidet sich, was überhaupt als Übergriff, als Verletzung der Rechte oder der Integrität einer anderen Person gilt. Und wie gewertet wird, wenn sich jemand dafür einsetzt. In einer Diktatur kann der Mut, für andere einzustehen, das Leben kosten.

Wir erleben eine wachsende Polarisierung der Gesellschaft, zunehmende Intoleranz und Diskriminierung von Minderheiten. Ist Zivilcourage nötiger denn je?

Ich glaube, dass man sie immer braucht. Denn Demokratie ist ein ungeheures Privileg und kein Selbstläufer. Sie ist auf das aktive Engagement der Bürger angewiesen.

Wie kamen Sie dazu, Zivilcourage zu Ihrem Thema zu machen?

Bei mir war es ein Ereignis in meinem Wohnbezirk. Ich habe damals in München gewohnt, und wenige Straßen weiter gab es einen fremdenfeindlichen Übergriff. Menschen sind eingeschritten und haben den angegriffenen Mann gerettet. Daraufhin habe ich mit einer Gruppe von Studierenden und Kollegen begonnen, ein Zivilcourage-Training zu entwickeln. Ich bin Motivationspsychologin. Ich beschäftige mich damit, wie Werte, Überzeugungen, Absichten, Vorhaben in die Tat umgesetzt werden. Für mich war dieses Training der Versuch, Erkenntnisse der Wissenschaft für gesellschaftliche Fragen nutzbar zu machen.

Kann man Zivilcourage lernen?

Ja, indem man die Hürden dafür senkt. Wenn ich Trainings gebe, höre ich häufig: „Ich habe gespürt, dass ich etwas hätte tun sollen, aber ich wusste nicht, was.“ Dieses Wissen können wir vermitteln. Allerdings wird das in einer Stresssituation oft nicht umgesetzt. Bei unserem Training gibt es Übungen, die die Handlungskompetenz erhöhen, etwa indem man sich bestimmte Reaktionen oder Sätze für kritische Situationen überlegt. Wir haben eine ganze Palette von Rollenspielen. Und man kann sich selbst sensibilisieren und Selbstvertrauen gewinnen.

Gibt es trotzdem Grenzen?

Ich denke, das Schwierigste ist, wenn körperliche Gewalt im Spiel ist. Männer agieren oft sehr impulsiv. Sie wollen helfen und bringen sich selbst in Gefahr. Ich arbeite ich mit Präventionsexperten der Polizei zusammen, und deren Empfehlung lautet ganz klar: nicht selbst ins Geschehen eingreifen, sondern Hilfe holen! Zivilcourage wird oft mit Heldenmut in Verbindung gebracht. Aber es geht bei tätlichen Angriffen nicht darum, körperlich einzugreifen, sondern darum, Hilfe zu holen oder andere zu organisieren, mit denen man sich dem Geschehen nähert. Oft wirkt schon das Auftreten einer Gruppe deeskalierend. Denn Täter suchen Opfer und keine Gegner. Es geht um das, was ich in meinen Zivilcourage-Trainings immer wieder als Slogan formuliere: Kleine Schritte statt Heldentaten.

Interview: Beatrix Gramlich