Frau Gaitano, Sie haben Pharmazie studiert. Wie kommt man da zum Schreiben?

Ich habe schon als Kind Geschichten erfunden. Wenn meine Mutter uns Geschwistern eine Geschichte erzählte, war ich nie mit dem Ende zufrieden. Ich habe mir dann ein anderes ausgedacht, Dinge dazugedichtet und meine Schwestern damit unterhalten. Die mündliche Überlieferung ist in unserer Kultur sehr wichtig. Meine Mutter und Großmutter sind sehr gute Geschichtenerzählerinnen. Und ich glaube, mir liegt das auch im Blut. Nur nehme ich jetzt eben Stift und Papier.

In Darfur haben Sie Bibliotheken eingerichtet. Warum?

Nach der Revolution 2020 im Sudan habe ich dort mit anderen Menschenrechtsaktivisten mit den Opfern der Gräueltaten gesprochen und sie nach ihren Vorstellungen von Justiz gefragt. Wenn man einen Neuanfang will, braucht man einen Übergangsprozess: ein Verfahren, das den Tätern hilft, sich schuldig zu bekennen. Wir wollten das Bewusstsein dafür schärfen. Irgendwann sagte mir ein Jugendlicher: „Wir wollen auch so reden können wie du und helfen, unsere Gemeinschaften weiterzuentwickeln.“ Ich habe geantwortet: „Wenn ihr euren Horizont erweitern wollt, müsst ihr mehr lesen.“ Deshalb habe ich die Initiative „Schenke ein Buch, mach einen Unterschied“ gegründet. Wir haben mehr als 25 000 Bücher gesammelt und 15 Bibliotheken in einem Gebiet eröffnet, wo es keine gab.

"Die Welt sollte mit dem Sudan befreundete Länder in der Region um Hilfe bitten"

Wie wurden Sie zur Menschenrechtsaktivistin?

Mir war immer wichtig, auf das Leid der Menschen aufmerksam zu machen. Ich habe mich vor und nach der Revolution mit Menschenrechtsfragen befasst, weil die Gewalt allgegenwärtig ist. Es gab viele Tote. Wir haben mit Opfern gesprochen und Beweise gesammelt. Damit diese Vorfälle dokumentiert sind, wenn es eines Tages zu Gerichtsverfahren kommt.

Sehen Sie eine Lösung für den Krieg im Sudan?

Die Welt sollte mit dem Sudan befreundete Länder in der Region um Hilfe bitten. Man muss Druck auf die ausüben, die eine der beiden Seiten unterstützen. Zum Beispiel auf die Vereinigten Arabischen Emirate, die die paramilitärischen RSF unter dem Vorwand unterstützen, dass diese Miliz das Interesse der Emirate an Gold und Land im Sudan schützt.

Zwischen Süden und Südsudan: Lesen Sie hier eine kontinente-Reportage über die Nuba-Berge

"Ich sehe mich als sudanesische Staatsbürgerin aus dem Süden"

Sie sind in Khartum aufgewachsen, Ihre Eltern stammten aus dem Süden des Landes. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Schwierige Frage. Der Sudan hat mich geprägt – politisch, sozial, kulturell. Als sich der Südsudan 2011 vom Sudan löste, habe ich meine Heimat verloren. Doch man kann sich nicht wirklich zu Hause fühlen, wenn die Regierung ihre Bürger ungleich behandelt. Sie hat uns Südsudanesen und andere Volksgruppen diskriminiert. Wären die Verantwortlichen klug gewesen, hätten sie die Vielfalt akzeptiert. Stattdessen sagten sie, der Sudan sei ein arabisch-islamisches Land. Als ich 2012 mit meinen zwei Söhnen in den Südsudan einreiste, sprach die Regierung dort von Freiheit. Aber dann hieß es: Solche Artikel brauchen wir nicht! Es war, als hätten sich nur Gesichter und Namen der Täter geändert.

Sind Sie zwischen zwei Ländern hin- und hergerissen?

Wir sind immer noch eins. Ich sehe mich als sudanesische Staatsbürgerin aus dem Süden. Ich will nicht, dass eine Ideologie mir diese Identität nimmt oder bestimmt, wer ich bin.

Interview: Beatrix Gramlich

Sie wollen das ganze Interview mit Stella Gaitano lesen? Bestellen Sie kontinente!