Christen sind in der Türkei Bürger zweiter Klasse. Wie gehen Sie und Ihre Gemeinde mit dieser Herausforderung um?
Als sehr kleine christliche Minderheit in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft müssen wir diskret sein. Das Haupttor und die Türen der Kirche bleiben geschlossen und werden nur an Wochentagen für kurze Zeit geöffnet, um Besucher zu empfangen. Auch sonntags stehen sie für die Eucharistiefeier offen. Diejenigen, die an der täglichen Messe teilnehmen, nutzen unter der Woche eine kleine Seitentür. Diese Umstände schränken uns ein, eröffnen uns aber auch einen einzigartigen Weg, Zeugnis abzulegen. Unsere Mission hier besteht nicht in großen Gesten, sondern in stiller Präsenz – in Freundschaft, Dienst und Offenheit. Als Marist in der Türkei zu leben bedeutet, den Menschen nahe zu sein, ihre Freuden und Nöte zu teilen. Wir möchten ein sanftes Zeichen der Hoffnung sein.
Müssen Sie als Minderheit in der Türkei vorsichtig sein?
In der Türkei leben religiöse Minderheiten friedlich, aber die Präsenz auf öffentlichen Plattformen kann manchmal unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aus diesem Grund sind wir vorsichtig mit dem, was wir veröffentlichen: Wir konzentrieren uns darauf, unsere Mission mit vertrauenswürdigen Netzwerken zu teilen, anstatt sie breit zu streuen. Auf diese Weise schützen wir sowohl unsere Gemeinschaft als auch die Menschen, die ihr angehören.
Hier berichtet Donato Kivi von seinen ersten Eindrücken in der Türkei
Herausforderung und Privileg zugleich
Wie ist es für Sie als Ordensmann, in der Türkei zu leben?
Es ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Privileg, weil dieses Land tief in der christlichen Geschichte verwurzelt ist. Der heilige Paulus besuchte diese Region auf jeder seiner drei großen Missionsreisen, und der Überlieferung zufolge verbrachte die Gottesmutter ihre letzten Lebensjahre in der Nähe von Ephesus in der Obhut des heiligen Johannes. Für uns Maristen hat dieses Erbe eine besondere Bedeutung.
In unserer Pfarrkirche Mater Dolorosa steht hinter dem Altar eine Statue der Schmerzensreichen Muttergottes. Darüber stehen in lateinischer Sprache die Worte: „Gemitus Matris Tuae Ne Obliviscarius“ – „Vergiss nicht die Schmerzen deiner Mutter“. Dieser Satz ist fast zu einem Motto für unsere Mission geworden und erinnert uns daran, im Geiste Mariens zu leben: mitfühlend, treu und aufmerksam gegenüber den Bedürftigen.
Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Türkei gegangen und inwiefern entsprechen sie der Realität?
Ich kam mit der Erwartung, in einer kleinen, fragilen Gemeinschaft zu dienen und davon zu lernen. Die Realität ist sowohl anspruchsvoller als auch lohnender, als ich sie mir vorgestellt hatte. Der Empfang war sehr herzlich, und der Reichtum der Kulturen hier ist ein Segen. Gleichzeitig sind die Herausforderungen in Bezug auf Sprache, Verwaltung und die Unsicherheit des Lebens als Minderheit größer, als ich erwartet hatte.
Dringender Bedarf, Arabisch zu lernen
Wie sieht Ihre christliche Gemeinde in Samsun, der größten Stadt der Schwarzmeerregion, aus?
Die christliche Gemeinde hier ist klein, aber vielfältig. Sie besteht aus Gläubigen aus der Region, die sich der Katechismusgruppe angeschlossen haben, Migranten und Flüchtlingen aus dem Irak und Iran sowie afrikanischen Studenten. Es ist eine herzliche und widerstandsfähige Gemeinde, die jedoch vor großen Herausforderungen steht: Sprachbarrieren, die soziale Realität, als Minderheit zu leben, und die Tatsache, dass die Pfarreien im Vikariat Anatolien weit auseinanderliegen. Unsere nächstgelegene Nachbargemeinde innerhalb des Vikariats befindet sich in Trabzon – sechs Autostunden östlich von uns an der Schwarzmeerküste. Darüber hinaus machen wir regelmäßig Pastoralbesuche in drei anderen Städten, um den irakisch-chaldäischen katholischen Gemeinden zu dienen. Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es einen starken Geist der Solidarität und einen lebendigen Glauben, der uns stärkt und verbindet.
Was sind Ihre Pläne und Wünsche für Ihre Gemeinde in der Türkei?
Wir möchten in unserer Pfarrgemeinde besonders die Jugend- und Flüchtlingsarbeit stärken. Auch die Katechese auf Türkisch ist ein zentraler Bestandteil unserer Mission. Gleichzeitig besteht auch ein dringender Bedarf, Arabisch zu lernen, um unserer irakisch-chaldäischen Gemeinde besser dienen zu können. Derzeit feiere ich mit ihnen während Hausbesuchen die Messe auf Englisch, aber eine tiefere Seelsorge erfordert eine größere sprachliche und kulturelle Nähe. In Zukunft möchten wir Katechese, pastorale Begleitung und kleine Gemeinschaftsinitiativen aufbauen, die den Menschen ein echtes Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Wir beten dafür, dass die Gemeinde eine starke und einladende Präsenz entwickelt – offen für alle, die auf der Suche nach Glauben, Gemeinschaft und Hoffnung sind.
Interview: Pia Scheiblhuber
Info: Religionsfreiheit in der Türkei
„Jedermann genießt die Freiheit des Gewissens, der religiösen Anschauung und Überzeugung“, heißt es in Artikel 24 der türkischen Verfassung. Faktisch sind die Freiheiten in der Religionsausübung aber beschränkt, was unter anderem die rund 100 000 Christen (0,1 Prozent der Bevölkerung) in der Türkei zu spüren bekommen.
Im Vertrag von Lausanne, der 1924 die Grenzen der modernen Türkei festlegte, verpflichtet sich der Staat zum Schutz nicht-muslimischer Minderheiten. Offiziellen Minderheitenstatus haben aber nur die arme- nischen, bulgarischen, griechischen und jüdischen Gemeinden, die römisch-katholische Kirche gehört nicht dazu. Das bedeutet: Sie darf kein Eigentum erwerben, keinen Nachwuchs ausbilden und kann offiziell kein Geld einnehmen und nutzen. Diözesen, Patriarchate und das Oberrabbinat haben keine Rechtspersönlichkeit, wodurch es ihnen kaum möglich ist, Gebetsstätten zu errichten.
2023 wurde die erste seit Republikgründung 1923 offiziell gebaute Kirche in der Türkei eröffnet. Das Präsidium für Religionsangelegenheiten, das einst zur Trennung von Religion und Staat im Sinne des Laizismus gegründet wurde, ist heute ein rein sunnitisches Präsidium und verwaltet den Staatsislam.