Dr. de Franciscis, Sie sind seit 2009 Präsident des Büros für medizinische Befunde in Lourdes. Was ist Ihre Aufgabe?

Ich verantworte drei Bereiche. Der älteste davon ist die Auseinandersetzung mit mutmaßlichen Wunderheilungen. Menschen, die behaupten, in Lourdes geheilt worden zu sein, wenden sich an mich. Wenn ich mir einen medizinischen Fall anschaue, der den sieben Kriterien entspricht, die für eine Wunderheilung vorliegen müssen, berufe ich eine kollegiale Sitzung ein.

Welche sieben Kriterien sind das?

Zuallererst muss die Person eine genaue Diagnose einer bestimmten Krankheit haben. Diese Krankheit muss eine sehr unwahrscheinliche Heilungschance aufweisen. Weitere Kriterien sind, dass die Heilung unvorhergesehen, sofortig, vollständig, dauerhaft und gemäß der aktuellen medizinischen Fachkenntnisse unerklärlich sein muss.

Bischof entscheidet über Wunderanerkennung

Wie geht es dann weiter?

Wenn ich eine Versammlung zur Beurteilung des Falls einberufe, sind alle Ärzte, Medizinstudenten und Krankenpfleger dazu eingeladen, die sich zu diesem Zeitpunkt in Lourdes befinden. Wir beurteilen den Fall gemeinsam anhand klinischer Dokumente. Danach stimmen wir ab. Falls die Abstimmung positiv ausfällt, geht der Fall weiter an das internationale medizinische Komitee von Lourdes, das den Fall ebenfalls bewertet. Dabei ist auch der Bischof von Lourdes anwesend. Nach positiver Beurteilung informiert er den Bischof der Diözese, in der die geheilte Person wohnt, der letztlich darüber entscheidet, das Wunder anzuerkennen oder nicht.

Über die Geschichte des Büros für medizinische Befunde in Lourdes

72 Heilungen sind bereits anerkannt

Welche weiteren Aufgaben fallen in Ihren Bereich?

Ich bin auch für die Kommunikation des Heiligtums in Lourdes zuständig. Ich gebe Interviews und berichte von den Heilungen. Darüber hinaus bin ich Experte und Ratgeber für Hygiene. Ich habe zum Beispiel während der Pandemie Ratschläge gegeben, welche Bereiche der Pilgerstätte geöffnet oder geschlossen werden sollten.

Wie viele Personen pro Jahr wenden sich mit einer mutmaßlichen Wunderheilung an Sie?

Bis 2019 – also bis vor der Pandemie – waren es jährlich zwischen 100 und 120. In den zwei darauffolgenden Jahren null. 2025 haben sich rund 50 Menschen an mich gewandt. In diesem Jahr wurde auch eine Heilung einer Italienerin anerkannt, die an primärer Lateralsklerose litt, die zu einer Muskelversteifung führt. Nach einer Wallfahrt im Juli 2009 konnte sie wieder aufstehen und gehen. Das ist die insgesamt 72. anerkannte Heilung von Lourdes.

Gebet, Krankensegnung, Fackelzug

Was macht Lourdes für viele Pilger zu so einem anziehenden Ort?

Das gemeinsame Gebet, das zweimal pro Tag stattfindet, am Nachmittag die Krankensegnung und um 21 Uhr der Fackelzug bei der gemeinsam der Rosenkranz singend gebetet wird. In diesem Chor treffen unterschiedliche Menschen aufeinander: der praktizierende Katholik und der von der Neugier getriebene Nicht-Gläubige, die Ordensfrau und der verheiratete Mann, die Europäerin und der Amerikaner. Alle haben mit verschiedenen Schwierigkeiten im Leben zu kämpfen. Dass sie hier aufeinandertreffen und gemeinsam beten macht für mich den Reiz dieses Ortes aus.

Interview: Pia Scheiblhuber

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