Herr Behboudi, wie sind Sie zum Theaterspielen gekommen?
Durch Zufall. In meiner Heimatstadt Semnan wurde ein Kinder- und Jugendkulturzentrum eröffnet. Anfangs hatte das keine eigenen Räume und kam in meiner Schule unter. Als in der Theatergruppe jemand krankheitsbedingt ausfiel, fragte man mich, ob ich einspringen könne. Offensichtlich habe ich meine Sache nicht schlecht gemacht. Als Jugendlicher habe ich mit Freunden dann eine eigene Theatergruppe gegründet, in der wir uns mit politischen Themen befasst haben.
Nach der iranischen Revolution konnten Sie nicht weiterarbeiten und sind aus Ihrer Heimat geflohen. Was hat Ihnen geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen?
Menschen, die keine Vorurteile hatten, die mir das Leben hier und den Zugang zur Theaterlandschaft ermöglicht haben. Aber auch mein eigener Wille: Ich habe sehr intensiv angefangen, Deutsch zu lernen. Zeitweise habe ich bis zu 100 Bewerbungen pro Jahr geschrieben. Und natürlich habe ich auch immer wieder Glück gehabt. Zum Beispiel, als ich in Zürich das „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal kennengelernt habe.
Motivation zu politischem Handeln
Eine Theaterform, die Kunst und Selbsterfahrung kombiniert. Das Publikum soll zu politischem Handeln motiviert werden …
Diese Vision, dass man die Grenzen der Sprache überwinden und gemeinsam ein Vorhaben umsetzen kann, indem alle einbezogen werden, hat mich bei der Gründung meines „Welttheaters“ begleitet. Ich habe Künstler aus unterschiedlichen Ländern, mit verschiedenen Hautfarben und Akzenten zusammengebracht. In all unseren Stücken steht der Mensch im Mittelpunkt. Solange es noch Fremdenfeindlichkeit gibt und die Menschenrechte noch nicht für alle umgesetzt sind, werden uns diese Themen in unserer Arbeit beschäftigen.
Sie sind zu Theaterfestivals in Brasilien und Burkina Faso gereist. Spielt man dort wie in Deutschland?
Nein. Theater hat dort eine gesellschaftliche Aufgabe, will aufklären, etwas erzählen. Es geht nicht um die Perfektion der Performance, sondern um Inhalte. In Burkina Faso war Aids ein großes Thema. Nach der Aufführung der Stücke in der Hauptstadt Ouagadougou zogen die Schaupieler in die Dörfer und spielten auf öffentlichen Plätzen. Das ist Theater, das mich interessiert! Das ist etwas anderes als Staatstheater.
Sie spielen im „Tatort“ ebenso wie in klassischen Stücken. Welche Rolle hat Ihnen bisher am meisten abverlangt?
Auf der sprachlichen Ebene der „Saladin“ aus dem Stück „Nathan der Weise“. Den klassischen Text verständlich zu sprechen, war nicht einfach. Die Rolle des palästinensischen Arztes in „Ich werde nicht hassen“ hat mich auf andere
Weise gefordert. Denn das ist eine reale Geschichte. Izzeldin Abuelaish, der während eines israelischen Angriffs drei seiner Töchter verloren hat und auf dessen Biografie das Stück basiert, saß bei der Premiere in Stuttgart im Publikum.
Gefiel es ihm?
Ja, zum Glück! Er hat uns einen Dankesbrief geschrieben. Ich habe seine Geschichte in den vergangenen 13 Jahren mehr als 230 Mal gespielt – in Theatern, Schulen, Gefängnissen.
Warum berührt seine Geschichte so viele Menschen?
Weil Abuelaish sich nach dem Verlust seiner Töchter und seiner Frau, die allein im Krankenhaus sterben musste, weil man ihm an einem israelischen Checkpoint die Weiterreise verweigerte, entschlossen hat: Ich werde trotzdem nicht
hassen. Diese Haltung ist zu seiner Lebensphilosophie geworden, an der er festhält – auch, nachdem er im Gazakrieg seit 2023 mehr als 20 Familienmitglieder verloren hat. Das zeigt seine enorme menschliche Größe. Jemand muss
aufhören zu hassen, um die Gewaltspirale zu durchbrechen.
Ohne Gewalt zum Seelenfrieden
Wie blicken Sie auf den Krieg im Iran?
Dieser Krieg war zu erwarten, aber er hat mich trotzdem erschüttert, da ich überzeugt davon bin, dass Gewalt nichts bringt. Die Situation für die Iraner hat sich seit den Angriffen verschlechtert: Sie haben monatelang kaum Internetzugang. Die Zahl der Hinrichtungen und Repressionen hat massiv zugenommen. Jetzt, im Kriegszustand, können die Leute nicht auf die Straße gehen und demonstrieren. Irgendwann wird die iranische Bevölkerung sich von diesem Regime befreien. Aber das braucht Zeit. Man kann von außen keine Demokratie installieren. Das hat noch nie funktioniert.
Interview: Eva-Maria Werner
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