Manchmal muss man erfinderisch sein, um sein Ziel zu erreichen. Mitunter hilft es auch schon, die Wahrheit etwas großzügig auszulegen. Schwester Bindu Joseph jedenfalls hat ihr Einfallsreichtum die Türen geöffnet. „Anfangs wollten uns die Bauern nicht in ihre Häuser lassen“, erzählt sie. „Wenn du aus einer niedrigen Kaste kommst, halten sie Abstand.“

Ordensfrauen sind exotisch wie Flamingos

Die 47-Jährige gehört zu den „Töchtern vom heiligen Kreuz“ und arbeitet als Krankenschwester in Nepal. In dem Himalayastaat sind 80 Prozent der Bevölkerung Hindus und Ordensfrauen so exotisch wie Flamingos im Hochgebirge. Die Bewohner begegnen ihnen mit Zurückhaltung, wenn nicht gar Argwohn. Wer mit wem welchen Umgang pflegen darf, bestimmt das Kastenwesen. „Wir haben gesagt, wir gehören zur Kaste FC“, erklärt Schwester Bindu und schmunzelt. „FC wie ,Filles de la Croix‘.“ So lautet der französische Name ihres 1833 im belgischen Lüttich gegründeten Ordens. „Die Leute wussten nicht, was das ist, aber sie haben es akzeptiert.“

Die Kornkammer Nepals

Das ist jetzt 16 Jahre her. Seitdem touren die „Töchter vom heiligen Kreuz“ mit ihrer mobilen Klinik durch den Distrikt Jhapa im Südosten Nepals: ein fruchtbarer Landstrich in der tropisch heißen Terai-Ebene voll wogender Reisfelder, die der sommerliche Monsun regelmäßig mit Wasser flutet, und Teeplantagen, soweit das Auge reicht. Jhapa ist die Kornkammer Nepals. Doch davon profitieren nur wenige. Die Menschen hier sind arm – kleinbäuerliche Selbstversorger, die vom Ertrag ihrer Felder mehr schlecht als recht leben. Oder sie arbeiten in den „Teegärten“, was idyllisch klingt, aber in Wahrheit Lohnsklaverei in riesigen Monokulturen bedeutet.

Unterwegs mit der mobilen Klinik

Nach dem Frühstück machen sich die Ordensfrauen von ihrem Konvent in der Kleinstadt Maheshpur auf den Weg. Sie leben zu Dritt hier: Schwester Bindu Joseph, Schwester Rita Murmun und Schwester Mallika Neraparamban – alle drei Inderinnen und ausgebildete Krankenschwestern. Auf dem Hof wartet schon die mobile Klinik: ein Kastenwagen mit Kartons voller Krankenakten und Medikamente, Klapptisch und Stühlen auf der Ladefläche. „Christalaya“ prangt in blauen Lettern auf der Windschutzscheibe, „Zentrum der Christen“.

Zum Team gehören neben Schwester Bindu und Schwester Rita der Fahrer Rubin Kamala und Krankenschwester Manita Sita Ramchandra. Früher war auch Schwester Mallika mit von der Partie, eine Spezialistin für Lepra. Sie hat sich nicht nur um die Erkrankten gekümmert, sondern auch mit Argusaugen auf erste Anzeichen der Infektion geachtet, die, rechtzeitig erkannt, gut heilbar ist.

Sechs Tage pro Woche unterwegs

Mittlerweile ist sie 81 und schafft die strapaziöse Tour in die Dörfer nicht mehr. Doch die anderen ziehen Schwester Mallika mit ihrem Fachwissen immer wieder zu Rate.
An sechs Tagen pro Woche sind die Ordensfrauen im cremefarbenen Sari mit ihrer rollenden Gesundheitsstation unterwegs. Aus der Ebene, wo 70 Meter über dem Meeresspiegel der tiefste Punkt Nepals liegt, geht es hinauf ins mehrere hundert Meter hohe Hinterland. An den Hängen wachsen Mais, Kartoffeln, Ingwer. Die Erde ist fruchtbar, doch die Kleinbauern müssen sie mühsam von Hand bestellen – eine Knochenarbeit.

Von Beatrix Gramlich

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