Als die deutschen Missions-Benediktinerinnen im Januar 1954 nach fünfjähriger Lagerhaft Nordkorea verlassen mussten, durften sie kein einziges Schriftstück mitnehmen. Die Gedichte, die Schwester Gertrud Link im Lager Oksadok verfasst hatte, lernten die Schwestern auswendig, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten. Die Freigelassenen hatten Unvorstellbares erlebt, wie Schwester Gertrud später in ihrer Autobiografie „Mein Weg zu Gott“ und im Gedichtband „Seele du, in Sturm und Nacht …“ beschreibt.
Schon unter der kommunistischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutschen Benediktinerinnen zunehmend Repressionen ausgesetzt. 1949 wurden sie als „Volks- schädlinge“ inhaftiert und in das Arbeitslager Oksadok gebracht. Im zerrissenen Habit und mit schützenden Laubblättern auf dem Kopf, die nur durch kleine Äste zusammengehalten wurden, mussten sie in brütender Hitze auf steinigem Gelände das Feld bestellen. Quälender Hunger, gehässige Wärter, Todesfälle, Zweifel und Ungewissheit begleiteten die Ordensfrauen während ihrer Lagerhaft ständig. Und die Sorge um die koreanischen Mitschwestern, von denen sie getrennt wurden und über deren Verbleib sie nichts in Erfahrung bringen konnten.

Die Hoffnung nicht aufgeben

„Der einzige Anker, den wir auswerfen konnten, war der des blinden, unüberwindlichen Gottvertrauens“, schreibt Schwester Gertrud. Aus heutiger Sicht klingt es fast übermenschlich, wie die Schwestern ihr Schicksal annehmen, sich auch in tiefster Verzweiflung immer wieder an Gott halten, die Hoffnung nicht aufgeben. Schwester Gertrud erzählt in ihrem Buch, wie die Messe in der kleinen improvisierten Lagerkapelle den Gefangenen Trost und Kraft spendet. Den Weizen für die Hostien säen sie heimlich zwischen den Mais und die Hirse, für den Messwein sammeln sie wilde Trauben.
Nachdem Abt-Bischof Bonifatius Sauer der Abtei Tokwon die Tutzinger Missions-Benediktinerinnen um Unterstützung in Nordkorea gebeten hatte, waren die ersten vier Schwestern im November 1925 nach Asien gereist. Sie halfen in Pfarreien, unterrichteten, nahmen sich der Alten und Kranken an. Ganz besonders aber kümmerten sie sich um die Frauen, die in der Gesellschaft viel weniger Rechte hatten als die Männer. Nach Flucht, Gefangennahme und Vertreibung endete die Arbeit der Missions-Benediktinerinnen in Nordkorea. Bis heute gelten einige Schwestern und Novizinnen dort als verschollen. Die Ordensmitglieder, die während der Haft ums Leben kamen, gehören zu der Gruppe der „38 Märtyer“, die in Südkorea verehrt werden und deren Seligsprechung bevorsteht.

Schwester Ruth Schönenberger, die 2025 zusammen mit Mitschwestern zur Feier des 100-jährigen Jubiläums der Mission der Benediktiner- innen in Korea in den Süden des Landes gereist ist, hat erlebt, wie wertschätzend die Schwestern mit der Geschichte umgehen. „Was Schwester Gertrud und die anderen durchleiden mussten, kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt sie. „Das hat nichts mit Wohlfühlspiritualität zu tun. Die Liturgie hat die inhaftierten Schwestern durch das grausame Lagerleben getragen. Sie haben dadurch zu einer besonderen menschlichen Reife und Gottesnähe gefunden.“ Schwester Ruth, die die 1999 verstorbene Schwester Gertrud noch persönlich kannte, erinnert sich an eine „kluge, herzensgute und weise Frau“.
Auch die jüngeren Missions-Benediktinerinnen, die heute in Südkorea die Mission fortführen, tragen die Geschichte im Herzen: „Wir sind dankbar für die Schwestern, die sich vor mehr als 100 Jahren auf den Weg nach Korea gemacht haben, die sich geopfert haben. Sie leben in uns und unserer Arbeit weiter“, sagt Schwester Ha Sang Chong, die in Seoul lebt.

Eine andere Form von Not

Einige der überlebenden Schwestern gingen nach einer Zeit der Erholung in Deutschland Mitte der 50er-Jahre nach Südkorea, um dort mit ihren koreanischen Mitschwestern neue Missionsstationen aufzubauen. Heute betreiben die Missions-Benediktinerinnen in Südkorea unter anderem moderne Kliniken, ein Exerzitienhaus, ein sozial-pastorales Zentrum, ein Altenheim, Kindergärten sowie ein Missionszentrum für schwerhörige Menschen. Schwester Matthia Kim-Dunge, die als Kranken- schwester arbeitet, erzählt von einer neuen Form von Not im Land: „Südkorea ist innerhalb kürzester Zeit sehr reich geworden. Der Leistungsdruck ist enorm, viele Menschen empfinden großen Stress. Bei all dem kommen die Kinder und Jugendlichen zu kurz. Viele fühlen sich vernachlässigt und einsam.“
Derzeit arbeiten 330 Schwestern im Priorat Daegu, 130 im Priorat Seoul. Ihr Missionsauftrag bleibt derselbe, auch wenn sich die äußeren Umstände gewandelt haben: Da sein für die Menschen am Rande der Gesellschaft, für Ausgebrannte, Arme, Alte und Kranke. Wach bleiben für die Not, in welcher Form auch immer sie sich zeigt.

Von Eva-Maria Werner