Beim Bäcker beobachte ich, wie sich Geschäftsleute vor eine alte Dame drängeln. In der Straßenbahn belästigt eine Gruppe alkoholisierter Jugendlicher eine Frau ausländischer Herkunft. Eine Kollegin lässt keine Gelegenheit aus, um über einen Mitarbeiter herzuziehen. Immer wieder erlebe ich solche Situationen. Aber die einzige, die etwas sagt, bin ich. Ansonsten: betretenes Schweigen, bestenfalls beiläufiges Kopfnicken.

Kann man Zivilcourage lernen?

Warum zeigen viele Menschen so wenig Zivilcourage? Was drängt die einen, beherzt einzugreifen, und hält andere davon ab? Kann man Zivilcourage lernen? Diese Fragen beschäftigen mich. Und so sitze ich an einem Samstagmorgen in einem Seminarraum in München. Mit mir im Stuhlkreis 18 Teilnehmer – von der jungen Jobcenter-Mitarbeiterin aus Halle über den IT-Techniker aus Nigeria bis zum Urmünchner Rentnerpaar, weit über 70.

Alle, das stellt sich schnell heraus, treibt die Frage um, wie man in kritischen Situationen einschreiten kann, ohne sich selbst zu gefährden. Der Kurs, den der Verein „Zivilcourage für alle“ regelmäßig in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung anbietet, verspricht, darauf Antworten zu geben. Drei Ehrenamtliche – Psychologin Lilly Beerman, Pädagoging Heike Mais und Herwin Lesch, Techniker im Ruhestand – wollen uns beibringen, wie man im Ernstfall richtig reagiert. Das klingt spannend!

Ich stehe anderen bei

Doch was genau ist eigentlich Zivilcourage? In Dorschs Lexikon der Psychologie heißt es dazu: „Als Zivilcourage versteht man mutiges prosoziales Verhalten zugunsten schwächerer Dritter, bei dem ohne Rücksicht auf negative Konsequenzen Wertüberzeugungen und Normen verteidigt werden.“ „Zivil“ geht auf das lateinische „civis“, Bürger zurück. „Courage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet Mut. Trainerin Heike Mais, 56, übersetzt den Lexikon-Sprech für diesen „Bürgermut“ so: Ich stehe anderen bei. Ich handle aus persönlicher Überzeugung. Ich stehe für demokratische Grundrechte ein. Und dabei riskiere ich etwas – möglicherweise auch negative Folgen.

Ein Dreiecksverhältnis

Anders als bei der „bloßen“ Hilfe – wenn ich etwa einen Rollstuhlfahrer über die Straße schiebe – besteht bei Zivilcourage immer ein Dreiecksverhältnis zwischen Täter, Opfer und demjenigen, der eingreift. Zu diesem Thema forscht Veronika Brandstätter-Morawietz, 63. Sie ist Professorin für Psychologie an der Universität Zürich und hat den Workshop „Kleine Schritte statt Heldentaten“ entwickelt, auf dem auch das Training des Münchner Vereins fußt.

Lesen Sie hier das ausführliche Interview mit Veronika Brandstätter-Morawietz

Im Grunde, sagt sie, gehe es bei Zivilcourage immer um Menschenwürde. Wie sensibel jemand darauf reagiert, wenn diese Würde verletzt wird, hängt von individuellen Wertvorstellungen, der Persönlichkeit, aber auch von der konkreten Situation ab. Wer empathisch, hilfsbereit, emotional stabil ist und zudem über eine gute Portion Selbstvertrauen verfügt, so Brandstätter-Morawietz, sei eher bereit, in kritischen Situationen einzugreifen. „Worin sich Menschen allerdings deutlich unterscheiden“, betont sie, „ist das Wissen, was man dann tun und was auf keinen Fall machen sollte“.

Dieses Wissen will das Training in München vermitteln. Es ist eine Voraussetzung, um im Zweifelsfall richtig zu handeln. „Ich merke, dass Eingreifen manchmal nötig wäre“, sagt Brigitte, 62, Krankenschwester. „Aber ich traue mich nicht. Ich will das Handwerkszeug dafür lernen.“ Ein Mann gesteht, er habe sich in kritischen Situationen oft hilflos gefühlt. „Ich will aus der Starre kommen.“

Im Kurs wird es nun praktisch. Die Übung heißt „Neulich in der Kantine“: Unter Kollegen am Nachbartisch entwickelt sich ein Gespräch, das zunehmend ausländerfeindliche Tendenzen annimmt. Weghören oder sich einschalten?

Klare Worte wirken

Manchmal, lernen wir, genügt schon Aufstehen und ein laut und vernehmliches „Damit bin ich nicht einverstanden!“ Klare Worte wirken – auch auf die stummen Mithörer ringsum. Schweigen indes wird von den Tätern häufig als Zustimmung gewertet. Deshalb ist es so wichtig zu widersprechen („Du bist nicht das Volk!“), nachzuhaken („Wieviele Muslime kennst Du?“) oder Zweifel zu säen („Du meinst, Ausländer nehmen uns den Job weg. Dein Pizzabäcker Giovanni aber nicht, oder?“) Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan hat es bei einer Holocaust-Gedenkveranstaltung so ausgedrückt: „Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Von Beatrix Gramlich

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