Wann gab es in Ihrem Leben Momente, in denen Sie sich einsam fühlten?

Knittel: Ich hatte einen schwerkranken Sohn. Da hatte ich oft das Gefühl, keinen An- schluss zu anderen Familien oder Freunden zu finden. Sie lebten wie in einer anderen Welt mit ihren gesunden Kindern, ihren Plänen, ihrem Urlaub. Sie hatten ganz andere Probleme als ich. Was mir in der Situation geholfen hat, war meine Familie. Das war meine Gemeinschaft, die das ganz nah miterlebt hat. Hattest du auch mal eine Zeit der Einsamkeit?

Rietschel: Ja, beim Studienstart. Ich bin von Münster nach Aachen gezogen und kannte niemanden. Ich musste ankommen und wusste, dass ich dafür etwas machen muss, auf Leute zugehen, offen sein. Dann habe ich Leute kennengelernt wie Merten, einen deiner Söhne, und daraus sind tolle Freundschaften erwachsen. Vor Kurzem, als ich eine Leitungs- position übernommen habe, hatte ich wieder so ein Gefühl: Ich war auf einmal nicht mehr Teil des Teams und stand mit neuen Aufgaben alleine da. Ein paar Tage im Kloster mit den Leitern anderer Abteilungen haben mir sehr geholfen, dieses Gefühl zu überwinden.

Wie würden Sie Einsamkeit beschreiben?

Knittel: Das ist ein Gefühl. Man kann unter vielen Menschen sein und sich einsam fühlen, weil man nicht an die Gemeinschaft andocken kann. Einsamkeit kann aber auch entstehen, wenn man alleine ist und es nicht genießt. Rietschel: Ich sehe das noch krasser: Wenn man alleine ist und es sich anders wünscht.

Wieso ist Einsamkeit in unserer Gesellschaft so ein großes Thema?

Knittel: Ich sehe zwei Tendenzen. Auf der einen Seite gibt es Megaevents, bei denen viele Menschen in der Menge baden: auf Riesenkonzerten oder bei Fußballspielen. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die alleine wohnen. Familienstrukturen lösen sich auf, junge Leute ziehen weiter weg von ihren Eltern. Das trägt bestimmt zur Einsamkeit bei. Rietschel: Megaevents geben einem das Gefühl, dass man Teil von etwas Großem ist, dass man viel unter Leuten ist. Das mag am Wochenende so sein. Aber wie sieht der Alltag der Leute aus? Zu wem geht man, wenn Milch im Kühlschrank fehlt? Fragt man die Nachbarn? Viele kennen die vielleicht gar nicht …

Studien zeigen, dass sich nicht nur Ältere einsam fühlen, sondern auch viele 18- bis 30-Jährige. Wie erklären Sie sich das?

Rietschel: Familie prägt das Gemeinschaftsgefühl. Doch die Familiengründung hat sich immer mehr nach hinten verschoben. Als ich 30 wurde, haben viele meiner Freunde angefangen, Familien zu gründen. Knittel: Als ich 30 war, hatte ich schon zwei Kinder. Rietschel: Siehst du, meine Mutter auch! Die Spanne zur Familiengründung ist länger geworden, dafür haben sich die Bildungsjahre verlängert.

Einsamkeit ist schambehaftet. Warum fällt es schwer, darüber zu reden?

Knittel: Weil es eine soziale Kompetenz infrage stellt: das Kontakteknüpfen. Es ist mir noch nie passiert, dass jemand zu mir gesagt hätte: „Ich fühle mich so einsam.“

Moderation: Pia Scheiblhuber

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