Sie sind auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago gepilgert. Wie kamen Sie darauf?

Sr. Simone: Ich wollte ihn schon immer mal laufen. Ich bin gern zu Fuß unterwegs, habe auch einige alpine Hochtouren gemacht. Aber ein Pilgerweg ist doch etwas anderes. Sr. Yira: Als Simone mich fragte, ob ich mitgehen wolle, habe ich mir nicht vorstellen können, auf was ich mich da einlasse. In meiner Heimat Venezuela gibt es keine Wanderkultur wie in Europa. Vielleicht war es Gott selbst, der mich eingeladen hat, meinen Weg auf staubiger Straße, über Berge und unter unerbittlich heißer Sonne zu gehen?

War es für Sie eher eine sportliche Herausforderung oder ein spiritueller Weg?

Sr. Simone: Beides. Wir sind in 14 Tagen 248 Kilometer gegangen. Vorab hatten wir nur zwei Trainingstouren gemacht. Morgens einfach den Rucksack zu nehmen und nicht zu wissen, wo man abends übernachtet … Zu spüren, was ich brauche und was ich loslassen kann, auch innerlich, das war eine tolle Erfahrung. Sr. Yira: Es war schön, inmitten von anderen Pilgern unterwegs zu sein. Wir sind alle auf der Suche nach etwas. Vielleicht nach Frieden, vielleicht nach uns selbst? Vielleicht geht es auch einfach darum, Wege zu laufen und uns in unserer Zerbrechlichkeit und Stärke neu zu erfahren.

Grenzenlos unterwegs sein

Sind Sie an Grenzen gestoßen?

Sr. Yira: Es gab Tage, an denen der Rucksack und die Füße sehr schwer waren. Da war ich kurz davor, aufzugeben. Sr. Simone: Wir haben aber auch ganz leicht Grenzen überwunden, zum Beispiel eine Brücke zwischen Portual und Spanien. Wir sind einfach drüber gelaufen, ohne Zoll und Kontrolle. Sr. Yira: Dass man Grenzen überquert, ohne seinen Pass vorzeigen zu müssen, war für mich ganz neu. Sr. Simone: Uns ist klar geworden, was für ein Geschenk das ist. Besonders vor dem Hintergrund, dass am selben Tag im Juli 2025 die Grenzkontrollen für Migranten in Deutschland und Polen weiter verschärft wurden.

Haben Sie sich als Mitschwestern besser kennengelernt?

Sr. Simone: Ja. Manche Wegstrecken benötigen Durchhaltevermögen. Da brauchen wir einander. Wir beide haben uns erst in London kennengelernt. Aber die Erfahrung „Jakobsweg“ hat uns zusammenwachsen lassen. Auch jetzt, nachdem Yira wieder zurück in ihrer Heimat ist, halten wir den Kontakt.

Was wird Ihnen in Erinnerung bleiben?

SR. Simone: Es heißt in einem geflügelten Wort: „Der Weg sorgt“ – und so haben wir das erlebt. Die Menschen, denen wir begegnet sind, waren sehr gastfreundlich. Gleich am ersten Tag ist uns bei 40 Grad das Wasser ausgegangen. Wir kamen völlig erschöpft an einem Haus an, neben dem ein kleiner Brunnen stand. Die Frau, die dort wohnte, hat ihn für die Pilger gebaut. Sie lud uns auch ein, uns in ihrem Haus auszuruhen und brachte uns Orangen. Sr. Yira: Ich erinnere mich an ein Mädchen, das unter einem Sonnenschirm nur darauf wartete, uns Wasser, Früchte und ein wenig Zeit zu schenken. Und an wunderschöne Landschaften, die mich im Wunsch bestärken, mich für den Erhalt der Schöpfung einzusetzen.

Können Sie Ihre Erfahrungen mit Ihren Mitschwestern teilen?

Sr. Simone: Oh ja! Im Unterschied zu Pilgerern früherer Jahrhunderte nutzen wir ja Facebook und Instagram. Wir haben Fotos geteilt, so dass die Mitschwestern quasi mitwandern konnten. Und natürlich haben wir zu Hause davon erzählt. Der Camino taucht auch in unseren Gebetszeiten immer wieder auf.

Aufgehoben im Strom von Pilgern

Wie war die Ankunft in Santiago?

Sr. Yira: Beeindruckend! Vor der Kathedrale fühlte ich mich klein angesichts von so viel Schönheit und gleichzeitig privilegiert durch die bereichernden Erfahrungen. Sr. Simone: Ich fühlte mich aufgehoben im Strom von Pilgern, die seit Jahrhunderten hierher kommen. Es war schön zu merken: Da sind viele unterwegs, die auch spüren, dass es etwas Heiliges in unserem Leben gibt, auf das wir zuwandern.

Wirkt die Reise weiter?

Sr. Yira: Der Camino markiert einen Wendepunkt in meinem Leben. Nun weiß ich, dass ich in der Lage bin, etwas zu erreichen, was ich im Namen Gottes vorhabe. Ich bin dankbar für die Erfahrung, wie schön und lohnenswert es ist, einfach zu gehen.

Von Eva-Maria Werner

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