Von Christina Brunner

Ausgelassen rennt Benedicta über den Platz, der Hut mit der riesigen Krempe fliegt ihr vom Kopf. Sie stülpt ihn unwillig wieder auf, nur zwei Minuten später ist er erneut weg. Der Hut ist lästig, aber kostbar: Er beschattet ihr ganzes Gesicht, den Nacken und die Schultern und schützt die helle Haut der Fünfjährigen vor der gleißenden Sonne Tansanias. Denn Benedicta hat Albinismus. Menschen wie sie fallen auf in den Dörfern. In der St. Francis Schule ist sie nur ein Kind unter vielen.

Schwester Mary Benedicta Mosha von den „Schwestern von unserer Lieben Frau vom Kilimanjaro“ hat die Schule für bedürftige Kinder im Norden von Tansania vor 30 Jahren gegründet. Unter einem Baum versammelte sie ein paar Kinder, die nicht zur Schule gingen. Inzwischen lernen 400 Mädchen und Jungen mit zehn Lehrern in den Klassenräumen, die längst viel zu klein geworden sind. Sie haben keine Familie mehr, sind gehörlos oder blind, manche körperlich eingeschränkt. Für die Kinder mit der weißen Haut haben die Schwestern auch ein Internat angebaut, ein Wachdienst patroulliert auf dem Gelände.

Häufig stigmatisiert

Sechs Prozent der Bevölkerung Tansanias – mehr als in jedem anderen Land weltweit – sind von Albinismus betroffen. Ursache dafür ist ein Gendefekt, der im südlichen Afrika bis zu 20-mal häufiger auftritt als anderswo und einen Mangel an Melanin verursacht: ein Pigmentstoff, der für die Farbe von Haut und Haaren sorgt. Die geringe Pigmentierung von Iris und Netzhaut schränkt auch das Sehvermögen ein und führt zu Augenentzündungen. Die Betroffenen leiden häufig unter Schwerhörigkeit und erblinden oft sehr früh. Ihre trockene, empfindliche Haut ist sehr anfällig für Sonnenbrand und Hautkrebs. Sie brauchen Hüte, Brillen und schützende Kleidung. „Aber das einzige, was ich von der Regierung bekomme, ist Sonnenmilch!“, seufzt Schwester Mary Benedicta.

Weil sie anders sind, werden Menschen mit Albinismus von klein auf stigmatisiert. Als Erwachsene finden sie häufig keine Arbeit und keinen Ehepartner; Ärzte wollen sie nicht behandeln aus Angst, sich zu infizieren. Albinismus, heißt es, sei ein Fluch. Die „Weißen“ seien „Geister“, und der Kontakt mit ihnen bringe Unglück.

Für andere sind sie ein lukratives Geschäft: Hexendoktoren behaupten, ein Talisman oder ein Trank aus den Körperteilen eines „Albinos“ schütze vor bösen Kräften und bringe Glück, Wohlstand und Erfolg. Für einen Getöteten werden auf dem Schwarzmarkt angeblich bis zu 70 000 Euro gezahlt, für einen Arm oder ein Bein bis zu 2000. Seit den 1990er-Jahren wurden in 30 afrikanischen Ländern hunderte Menschen mit Albinismus getötet. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Auch viele Kinder in der St. Francis-Schule wurden Opfer von Angriffen und Verdächtigungen. „Die Kinder haben Angst, in den Ferien nach Hause zu gehen“, sagt Schwester Mary Benedicta. „Sie erleben, dass man sie nicht als Menschen behandelt.“

Viele Familien wollen kein weißes Kind im Haus haben. Vielleicht war das auch bei Benedicta der Fall. Eines Morgens lag das Baby vor dem Tor der St. Francis Schule, niemand wusste, woher sie kam. Schwester Mary Benedicta nahm sie auf und gab ihr ihren eigenen Namen. Seitdem ist die Fünfjährige hier zu Hause.

Mit einer Ausbildung in die Zukunft

„Manchmal kann ich nicht schlafen vor Sorgen, was aus den Kindern werden soll“, gibt die Kilimanjaro-Schwester zu. Die einzige Chance ist eine gute Ausbildung für ihre Schützlinge. „Eine junge Frau, die eine Nähmaschine besitzt, oder ein Mann mit Werkzeug hat vielleicht eine Chance im Dorf“, hofft sie. Deshalb gehört zu ihrer Schule auch ein Ausbildungszentrum, in dem Menschen mit Behinderung ein Handwerk lernen können.

Helena Musa Nyecha hat dunkle Haut, aber auch für sie gibt es keinen anderen Platz zum Lernen, weil sie behindert ist. „Ich mag die Schule sehr“, sagt die Neunjährige. „Klar ist es manchmal schwierig, weil wir so viel brauchen. Manchmal gibt es nicht für alle Schuhe, Bücher fehlen, und nicht jeder hat einen Stuhl.“ Aber für Helena ist viel wichtiger, dass sie miteinander spielen und Spaß haben. „Ich helfe den anderen Kindern gern und lerne mit ihnen in den Ferien. Ich finde sie überhaupt nicht unheimlich!“ Im gemeinsamen Lernen steckt auch eine große Chance, denn es spornt an, hat Schwester Mary Benedicta beobachtet. „Allein fühlen sich die Kinder mit Albinismus minderwertig. Hier lernen schwarze und weiße Kinder miteinander und helfen sich gegenseitig.“

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