Gibt man „Biodiversität“ in die Suchmaske einer beliebigen Suchmaschine ein, tauchen die schlechten Nachrichten ziemlich weit oben auf. Keine Frage: Mit der biologischen Vielfalt ist es überall auf dem blauen Planeten schlecht bestellt. Besonders im Fokus steht das Artensterben. Dass Tiere und Pflanzen aussterben, ist kein neues Phänomen. Aber so schnell wie jetzt ging es noch nie. Nach Schätzungen des WWF verschwinden täglich 150 Pflanzen- und Tierarten. Die Internationale Liste der bedrohten Arten („Rote Liste“) verzeichnet 172620 Arten. Ein Drittel davon gilt als bedroht. Kaiserpinguine, Igel, Roter Panda und Meeresschildkröten bekommen viel Aufmerksamkeit und besorgte Sympathie. Dabei ist der Schwund bei den Insekten viel dramatischer.
Angesichts all der schlechten Zahlen und Fakten: Lassen sich Ökosysteme auch wieder herstellen? In einigen Fällen ist das geglückt. Seit der kommerzielle Walfang fast überall auf der Welt verboten ist, ziehen mehr Barten- und Buckelwale durch die Weltmeere. Fachleute sprechen von „passiver Wiederherstellung“: Die Natur erholt sich, wenn alle zerstörerischen Eingriffe gestoppt werden.
Rettunsgsmaßnahmen brauchen Zeit
Von der „aktiven Wiederherstellung“ profitierten zum Beispiel die Seegraswiesen im Nordfriesischen Wattenmeer. Das grüne Gewoge unter Wasser ist ein Hotspot der Artenvielfalt, Lebensraum für Würmer, Krebse und Muscheln, eine wichtige Zugvögelweide, Kinderstube für viele Fische und nicht zuletzt ein bedeutender Faktor beim Küstenschutz. Seit Mitte der 1990er-Jahre sind die Seegraswiesen Nordfrieslands durch Neupflanzungen von drei Prozent auf 17 Prozent der Wattfläche angewachsen, es ist das größte zusammenhängende Seegrasvorkommen Europas. Das gelang nur, weil viel weniger Schadstoffe aus Waschmitteln und Haushalten ins Meer geleitet werden als früher.
Doch solche Rettungsmaßnahmen brauchen Zeit: Die geplante Wiedervernässung von Mooren wird Jahre dauern und bedeutet einen großen Flächenverlust für die Landwirte. Ohne finanziellen Anreiz wird das nicht gelingen.
Bei den Blühstreifen hat es geklappt. Viele Bauern pflügen ihre Äcker nicht mehr bis zum äußersten Rand oder säen breite Wildblumenstreifen quer durchs Feld. Je länger die stehen bleiben dürfen, desto besser: Insekten überwintern in den Stängeln, Feldhasen verstecken hier ihre ersten Jungen. Nur wenn Blühstreifen mehrjährig wachsen dürfen, leisten sie einen Beitrag zum Klimaschutz. Auch wenn dieser Beitrag klein ist: Nur auf einem Prozent der deutschen Ackerfläche in Deutschland blüht es bunt.
Unser Konsum muss sich verändern
Für Sebastian Meyer, Professor für Ökosystemforschung und Biodiversität an der TU München, ist eine große, beispiellose Anstrengung nötig, um die biologische Vielfalt zu retten und damit auch uns Menschen. Er fordert verstärkten Naturschutz durch die Wiederherstellung von Millionen Quadratmetern verödeter Flächen bis 2050. Bereits genutzte Böden müssten nachhaltig und ertragreich bewirtschaftet werden. Und: Unser Konsum muss sich verändern, indem die Lebensmittelverschwendung halbiert und deutlich weniger tierische Produkte konsumiert werden. Nur so lasse sich der Biodiversitätsverlust tatsächlich umkehren. „Die Zeit drängt. Je länger wirksame Maßnahmen aufgeschoben werden, desto schwieriger und teurer wird die Umkehr der Trends.“
Hätten Sie´s gewusst? Rund 80 Prozent aller registrierten Arzneimittel und mehr als 70 Prozent aller Krebsmedikamente werden aus Pflanzen gewonnen oder sind von der Natur inspiriert. Darunter sind so bekannte Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure aus Mädesüß, das zum Beispiel in Aspirin verarbeitet wird, oder Digitalis, das für Herzpatienten unverzichtbar ist. Auch von Tieren möchte man für die Humanmedizin lernen: Giraffen haben ständig Bluthochdruck, damit ihr Kopf am Ende eines langen Halses durchblutet werden kann. Warum schadet es ihnen nicht, fragen sich die Froscher.
Gefährlicher Schwund
Die Wissenschaft schätzt, dass es etwa acht bis 15 Millionen verschiedene Arten auf der Welt gibt. Nur 2,1 Millionen sind bisher wissenschaftlich erfasst. Vor allem Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen bilden eine wahre Schatz-kammer für Arzneimittelhersteller. Traditionelle Heilmittel, die aus Pflanzen oder Tieren gewonnen werden, sind in vielen armen Ländern oft die einzigen bezahlbaren Medikamente. Entdeckungen wie die von Schwester Claudine können Leben retten (siehe Seite 8-13).
Auch deshalb ist der Schwund der Biodiversität gefährlich. Da immer mehr Pflanzen aussterben, geht die Forschung davon aus, dass alle zwei Jahre mindestens ein unentdeckter Wirkstoff verloren geht. Heilpflanzen verschwinden, bevor sie in ihrer Wichtigkeit überhaupt erkannt worden sind. Und dass grüne und blaue Räume wie Parks, Wälder und Seen für unsere psychische Gesundheit und Stressbewältigung heilsam sind, ist inzwischen unbestritten.
Von Christina Brunner
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