Wichtig für das heilende Wir-Gefühl: Gemeinschaft

Ein verbindendes Wir-Gefühl stärkt Körper und Geist. Das beweist eine Studie der Universität Harvard, die seit mittlerweile 85 Jahren läuft und bestätigt: Gute Beziehungen machen glücklicher und gesünder. Ähnlich wie Sport und gesunde Ernährung hat das Gefühl, in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein, positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Wer in einem Orchester musiziert, in einer Gruppe tanzt oder in einem Verein Handball spielt, hat ein geringeres Risiko, an Depressionen zu erkranken, chronische Krankheiten zu entwickeln oder schneller zu altern als Einzelgänger. Wissenschaftler der Osaka Metropolitan University in Japan haben in einer Studie nachgewiesen, dass ältere Menschen, die Tagesangebote in Gemeinschaft wahrnehmen, ein um 40 Prozent geringeres Risiko haben, gebrechlich zu werden als Gleichaltrige, die stattdessen persönliche Assistenzdienste nutzen.

Gut für Körper und Seele: Berührung

Jesus trägt den Begriff „Heilung“ schon in seinem Titel „Heiland“. Die Bibel erzählt, wie er Blinde, Gelähmte, Gehörlose und Aussätzige erlöst. Jesu Worte, der Glaube der Kranken, aber vor allem die Berührung machen die Menschen gesund. Doch Heilung und Wertschätzung durch Berührung funktioniert nicht nur in biblischen Geschichten. Es ist belegt, dass regelmäßige Berührung, Körperkontakt und In-den-Arm-Nehmen Menschen sowohl körperlich als auch seelisch guttun. Berührungsmangel kann bei Säuglingen zu Entwicklungsstörungen führen, aber auch Erwachsene können daran psychisch und physisch leiden. Denn Berührung reduziert Stress und fördert die Ausschüttung des „Kuschelhormons“ Oxytocin, das für ein Geborgenheitsgefühl sorgt.

Experteninterviews

Wie kann Heilung gelingen?

Interview mit Giovanni Maio

Prof. Dr. Giovanni Maio, 61, ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und berät die Deutsche Bischofskonferenz wie auch die Bundesregierung und die Bundesärztekammer.

Wie würden Sie Heilung definieren?

Heilung ist mehr und anderes als Reparatur. Sie bezieht sich vielmehr auf den ganzen Menschen. So bedeutet Heilung, dem Menschen die Fähigkeit zurückzugeben, das eigene Leben selbst zu leben und sich nicht äußeren Bedingungen ausgeliefert zu fühlen.

Wie kann Heilung gelingen?

Heilung ist ein innerer Prozess, der dadurch angestoßen werden kann, dass man dem Menschen in seiner Verschränktheit von Körper, Seele und Geist begegnet. So ist der Mensch Zeit seines Lebens in einer Entwicklung begriffen, in der er ständig nach einem neuen Gleichgewicht sucht. Die Heilung ist eben kein statischer Zustand, sondern es ist ein dynamischer Prozess, bei dem immer wieder neu ein Gleichgewicht hergestellt wird, und dies kann nur gelingen in der Verknüpfung von Aktion am und Interaktion mit dem Menschen.

Wie ausschlaggebend ist das Arzt-Patienten-Verhältnis bei der Heilung? Wie sollte dieses Verhältnis idealerweise aussehen?

Wichtig bei dem Arzt-Patient-Verhältnis ist es, dass der Befund des Patienten genauso Beachtung findet wie sein Befinden. Menschen kann man nicht allein dadurch heilen, dass man sie zum Objekt einer Behandlung macht. Sie müssen zugleich als Subjekte anerkannt werden, die je auf ihre eigene Weise krank werden, weil sie auf ihre je eigene Weise auf das Krankwerden reagieren. Es gilt, die Krankheit festzustellen und zugleich das Kranksein zu verstehen, wenn man wirklich heilen will.

Sie plädieren für eine Medizinkultur der Besonnenheit und Demut. Was meinen Sie damit?

Besonnenheit ist wichtig, weil wir nur so erreichen können, dass die Medizin einen maßvollen Umgang mit den Möglichkeiten findet. Medizin ist nur dann Medizin, wenn sie sich am gesunden Maß hält. Und die Demut ist wichtig, weil bei allem Können und Wissen in der Behandlung von Patienten immer noch ein Rest an Unwägbarkeit übrig bleibt. Eine Heilung lässt sich in der Medizin nicht einfach garantieren. Man kann viel dafür tun, aber am Ende gilt es anzuerkennen, dass die Heilung nicht allein von außen gemacht werden kann, sondern sie muss am Ende von innen her ermöglicht werden.

Bücher von Giovanni Maio 

Spiritual Care

Interview mit Eckhard Frick

Prof. Dr. Eckhard Frick ist Jesuit, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Professor für Spiritual Care an der Technischen Universität München.

Was ist Spiritual Care?

Das ist die Sorge um die spirituellen Bedürfnisse und Ressourcen, Nöte und Probleme kranker Menschen. Dazu gehört auch die Selbstfürsorge des medizinischen Fachpersonals. Ich würde Spiritual Care am ehesten als Begleitung bezeichnen, eine therapeutische Haltung, die Zeit in Anspruch nimmt.

Wie sieht diese Begleitung für Patienten aus?

Sie beginnt mit der spirituellen Anamnese und den Fragen: Sind Sie ein gläubiger Mensch? Woraus schöpfen Sie Kraft? Damit öffnet die Ärztin oder die Pflegekraft das Gespräch für die spirituelle Dimension. Der Patient hat die Möglichkeit, etwas dazu zu sagen. Spirituelle Einstellungen haben auch etwas mit Gesundheit, Krankheitsbewältigung und am Ende mit dem Sterben zu tun. Dahin- gehend ausgebildete Ärzte gehen offen damit um, drängen aber nichts auf.

Wie sind die Rückmeldungen?

Wir haben Senioren in Hausarztpraxen gefragt, wie sie es empfinden, wenn Ärzte sie auf die spirituelle Dimension ansprechen. Es kam heraus, dass ein zu großes Machtgefälle ein Hindernis ist, um offen zu reden. Wenn es also einem Arzt gelingt, auf Augenhöhe zu reden, ist es wahrscheinlicher, dass auch die spirituelle Anamnese akzeptiert wird.

Wie schafft man Augenhöhe?

Manchmal hilft es, einen Moment still zu sein und nicht sofort eine Antwort zu haben.

Wie kann Spiritual Care heilend wirken?

Wenn kranken Menschen der Sinn abhanden kommt, sie verzweifelt sind, hilft eine spirituelle Erdung. Spiritualität gibt nicht Antworten auf alles, kann aber in Grenzsituationen helfen, Sinn zu finden – egal, ob bei einem vorübergehenden Umstand wie einem gebrochenen Bein oder einer bleibenden Krankheit wie einem künstlichen Darmausgang. Man muss lernen, damit umzugehen.

Mehr über Spiritual Care finden Sie auf der Website der Professur für Spiritual Care

Das kontinente-Interview mit Eckhard Frick können Sie sich hier ansehen

Text und Interviews: Pia Scheiblhuber

Im Dossier der aktuellen kontinente-Ausgabe (1/2026) finden Sie noch mehr Wissenswertes zum Thema Heilung.

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