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Süd­s­u­dan

Mis­si­on in ei­ner mi­li­ta­ri­sier­ten Kul­tur

In mis­sio­na­ri­schen Über­le­gun­gen hat das Wort „In­kul­tu­ra­ti­on“ in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gro­ße Be­deu­tung er­fah­ren. So ha­be ich in mei­nem Le­ben als Mis­sio­nar fest­ge­s­tellt, dass es kei­ne nur gu­te oder nur sch­lech­te Kul­tur gibt. In der Tat, ich ha­be in mei­nem Le­ben viel durch die Au­s­ein­an­der­set­zung mit dem „An­de­ren/Frem­den“ ge­lernt. Mit dem Stu­di­um von Latein ha­be ich die deut­sche Spra­che bes­ser ver­stan­den. Nach­dem ich mich vor 30 Jah­ren auf die Kul­tu­ren in Ke­nia ein­ge­las­sen ha­be, ha­be ich mei­ne ei­ge­ne Kul­tur neu und be­wuss­ter wahr­ge­nom­men und auch schät­zen ge­lernt. Eben­so ha­ben Freun­de mir ge­hol­fen, in­dem sie mir auch mal den Spie­gel vor­ge­hal­ten ha­ben.

Nun bin ich im Süd­s­u­dan ge­lan­det und er­le­be mich mit­ten in ei­ner mi­li­ta­ri­sier­ten Kul­tur. Ich fra­ge mich: „Was kann ich die­ses Mal ler­nen?“ Vie­le Jah­re Bür­ger­krieg ha­ben gro­ßen Scha­den an der Be­völ­ke­rung an­ge­rich­tet. Aber auch oh­ne den Feind im Nor­den wa­ren sich die ver­schie­de­nen Völ­ker des jüngs­ten Staa­tes Afri­kas nicht grün. Seit neun Mo­na­ten ist der jun­ge Staat, nach nur zwei­ein­halb Jah­ren re­la­ti­ven Frie­dens, wie­der im Aus­nah­me­zu­stand. Ei­ne jun­ge Na­ti­on ist da­bei, sich selbst zu zer­stö­ren. Es hat sich nach grau­sa­men Massa­kern im De­zem­ber 2013 ei­ne Op­po­si­ti­on ge­bil­det, die das Land wirt­schaft­lich fast lahm legt. Durch den Griff der op­po­nie­ren­den Re­bel­len nach den Öl­qu­el­len, die ein­zi­ge Ein­nah­me des Lan­des, fehlt es an je­g­li­chen Leis­tun­gen, die man von ei­ner Re­gie­rung er­war­ten könn­te. Die ge­sam­te In­fra­struk­tur des Lan­des, die oh­ne­hin kaum ent­wi­ckelt war, ist da­bei, to­tal zu­sam­men­zu­b­re­chen. Selbst Haupt­ver­bin­dungs­stra­ßen se­hen aus wie Schlacht­fel­der. Lie­gen­ge­b­lie­be­ne LKWs, die we­gen der Un­tie­fen in der Stra­ße um­ge­kippt sind, be­hin­dern das Vor­wärts­kom­men, das meist eh nur im Schritt­tem­po mög­lich ist.

Ju­ba, die Haupt­stadt, ist ein El­do­ra­do und in der Hand von Aus­län­dern (aus den Nach­bar­län­dern und Asi­en). Nir­gend­wo in Afri­ka ist die Ren­di­te, aber auch das Ri­si­ko grö­ß­er als hier. Da­zu kom­men un­zäh­l­i­ge Nicht­re­gie­rung­s­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs). Ge­schäf­tig ge­hen sie ih­rem „Bu­si­nes­s“ nach und die Men­schen vor Ort schau­en zu was da ab­geht, und das nicht oh­ne Neid. Nur der Volks­stamm an der Macht sahnt durch Kor­rup­ti­on ab und pro­fi­tiert von die­ser un­ge­sun­den Ent­wick­lung. Nur we­nig Ki­lo­me­ter au­ßer­halb von Ju­ba ist man sch­nell im Busch und hat den Ein­druck, dass das Le­ben dort ste­hen ge­b­lie­ben ist und die Fahr­zeu­ge ste­cken­b­lei­ben. Man hat den Ein­druck, dass das nicht so wei­ter ge­hen kann, aber wir wis­sen, dass Un­rechts­struk­tu­ren nicht nur in Afri­ka sich zäh und lan­ge hal­ten.

Die­ses Afri­ka ist so ganz an­ders als ich es von früh­er her ken­ne; viel här­ter, an­ge­spann­ter und per­spek­tiv­lo­ser. Das Le­ben wird hier von Sol­da­ten be­stimmt und ent­sp­re­chend ist der Um­gangs­ton. Es herrscht das Recht des Stär­ke­ren und je­der, der ein we­nig mehr Macht hat, kom­man­diert den an­de­ren. Die­se mi­li­ta­ri­sier­te Kul­tur färbt auf al­le Le­bens­be­rei­che ab und ich stel­le bei mir sel­ber fest, dass ich mich schon der Kul­tur hier an­ge­passt ha­be, in­dem ich ein Stück­weit mei­ne Men­sch­lich­keit ein­ge­büßt ha­be. Die Le­bens-Wahr­neh­mung ist ei­ne ganz an­de­re hier und ich ver­ste­he lang­sam, warum sich die ara­bi­sche Welt und die west­li­che nicht tref­fen und ver­ste­hen. Wir sind hier zwar nicht in ei­ner klas­sisch ara­bi­schen Um­ge­bung, aber Dia­log und ob­jek­ti­ve Dis­kus­sio­nen um die Sa­che gibt es hier kaum. Ent­we­der stimmt man zu und man ist Freund oder man hin­ter­fragt und man ist kein Freund mehr und u.U. schon ein Feind. Selbst bei Kin­der ist ei­ne Ag­gres­si­on und Här­te vor­han­den, die er­sch­re­cken lässt. Na­tür­lich fin­den sich im­mer und übe­rall Aus­nah­men und bei man­chen Men­schen fra­ge ich mich, wie sie es bis­lang ge­schafft ha­ben, ei­ne Wür­de und Freund­lich­keit zu er­hal­ten. Die­se zu se­hen und zu för­dern se­he ich als un­se­re Auf­ga­be. Der Grund­te­nor je­doch, ins­be­son­de­re in der Stadt hier, ist kom­man­die­rend und mi­li­tärisch.

Es ist kein Wun­der, dass sich in so ei­ner Si­tua­ti­on ei­ne Kul­tur des „Über­le­ben­s“ ent­wi­ckelt hat. Je­der kämpft sich ir­gend­wie durch. Kei­ner denkt an mor­gen. Selbst im Stra­ßen­ver­kehr gibt es kei­ne Re­geln. Es wird ge­fah­ren wie es ei­nem in den Sinn kommt und das stär­ke­re Au­to bzw. die Sol­da­ten auf ih­ren Land-Crui­sern mit auf­ge­setz­ten Ge­weh­ren ha­ben au­to­ma­tisch Vor­fahrt. Ei­nen Sinn für das Ge­mein­wohl gibt es nicht, so­mit ist je­dem und je­der der ei­ge­ne Stamm näh­er als der Staat, der sich in kür­zes­ter Zeit zu ei­ner Dik­ta­tur ent­wi­ckelt hat. Ganz im Sinn des Über­le­bens gilt das Ge­setz des Mo­se: „Aug um Au­ge, Zahn um Zahn“.

Trotz der grund­sätz­lich re­li­giö­sen Hal­tung der Leu­te greift der Glau­be mei­nes Er­ach­tens we­nig in den Le­bens­voll­zug. Die Bot­schaft ei­nes Got­tes, der selbst die Fein­des­lie­be for­dert, klingt wie von ei­nem an­de­ren Stern. Und doch ist nur so die Ket­te der Feind­schaft und des Has­ses lang­sam zu durch­b­re­chen. Aber wer fängt an, gibt nach und gibt sich als der Schwäche­re? Für die Mi­li­tärs ist das schier un­mög­lich.

Die Kir­chen sind lei­der nicht der Ort, wo ei­ne ehr­li­che Au­s­ein­an­der­set­zung mit den Pro­b­le­men der Men­schen ge­schieht. Es wird ge­sun­gen und ge­tanzt, aber ich spü­re hier we­nig Tief­gang. Kaum je­mand er­scheint er­schüt­tert dar­über, was in den letz­ten Mo­na­ten an Blut­ver­gie­ßen zu­erst im De­zem­ber 2013 in Ju­ba und dann im Nor­den des Lan­des ge­sche­hen ist. Hilf­s­or­ga­ni­sa­tio­nen, die sich hier in Ju­ba auf die Fü­ße tre­ten, sind be­schäf­tigt mit der durch­aus nö­t­i­gen hu­mani­tä­ren Hil­fe, aber un­ter dem Strich bringt die­se kaum ei­ne Ve­r­än­de­rung. Kur­se mit gro­ßen Wor­ten wie: „Ca­pa­ci­ty buil­ding, Pe­ace buil­ding, Trau­ma hea­ling” etc. fin­den in Ho­tels statt, weil es kei­ne pas­sen­den Or­te gibt, wo über sol­che The­men ge­spro­chen wer­den könn­te. Die­se auf Pro­fit aus­ge­rich­te­ten Ho­tels sind nicht nur un­pas­send für sol­che Ver­an­stal­tun­gen, son­dern auch völ­lig überteu­ert.

Die Or­dens­ge­mein­schaf­ten hier im Land ha­ben sich des­halb ent­schie­den, ein Zen­trum zu ent­wi­ckeln in dem Frie­dens­ar­beit, Auf­bau von Ge­mein­wohl, men­sch­li­ches Zu­sam­men­le­ben und die Ver­tie­fung des Glau­bens ge­för­dert wer­den. Am 11. Ok­tober hat der Erz­bi­schof den Start­schuss mit der Seg­nung des Ge­län­des ge­ge­ben. Die Or­den hof­fen durch die­sen Bei­trag die ver­schie­de­nen Stäm­me und die ge­spal­te­ne Kir­che zu­sam­men­zu­brin­gen. Mit viel Ge­duld kann hof­f­ent­lich in die­sem Land, das wie ein Fass oh­ne Bo­den ist, ei­ne Ba­sis ent­ste­hen, wo das Gu­te hän­gen bleibt und Wer­te ver­mit­telt wer­den. Es ist Zeit, von der Not­la­gen­hil­fe zu wahr­haf­ti­ger Ent­wick­lungs­ar­beit zu kom­men. Nur so wer­den die Waf­fen zu Schwer­tern um­ge­wand­let wer­den und die hier herr­schen­de, mi­li­täri­sche Kul­tur sich lang­sam zu ei­ner le­bens­wer­ten, fried­li­chen Kul­tur ve­r­än­dern.

Ich schrie­be die­se Zei­len, wäh­rend es an vie­len Or­ten der Welt von heu­te brennt. Ebo­la, IS, Sy­ri­en, Ukrai­ne... An­ge­sichts die­ser Kon­f­lik­te ist un­se­re Wir­k­lich­keit hier ja nur ei­ne un­ter vie­len. Ab­sch­lie­ßend ei­ne in­ter­es­san­te Be­o­b­ach­tung mit der Na­tur, die ich hier ge­macht ha­be. Wa­ren noch an­fangs im­mer wie­der Mos­qui­tos in mei­nem Zim­mer, so ha­ben sie deut­lich in dem Ma­ße ab­ge­nom­men, wie die Netz­wer­ke der Spin­nen zu­ge­nom­men ha­ben. So er­weist sich doch wie­der, mit der Na­tur und nicht ge­gen die Na­tur zu ar­bei­ten.


Von Bru­der Hans Eig­ner, Com­bo­ni-Mis­sio­nar in Ju­ba

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