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Christof Mattes

Der Azt der Ar­men

Ger­hard Tr­a­bert ist seit Jahr­zehn­ten als Arzt für be­nach­tei­lig­te Men­schen in Deut­sch­land und für Op­fer von Na­tur­ka­tastro­phen, Krie­gen und Ar­mut welt­weit im Ein­satz. Die Lin­ke stell­te ihn als Kan­di­dat bei der Wahl zum Bun­des­prä­si­den­ten auf. Ge­won­nen hat er nicht, sei­nem Her­zens­an­lie­gen „so­zia­le Ge­rech­tig­keit“ aber konn­te er zu mehr Auf­merk­sam­keit ver­hel­fen.

Herr Tr­a­bert, was treibt Sie der­zeit um?
So ei­ni­ges. Ich flie­ge in we­ni­gen Ta­gen nach Mal­ta, um mit der See­no­t­or­ga­ni­sa­ti­on RES­QSHIP un­ter­wegs zu sein. Im ver­gan­ge­nen Jahr war die­ser Ein­satz sehr be­las­tend, weil wir Er­trin­ken­de aus dem Was­ser ge­zo­gen ha­ben. Die Tat­sa­che, dass Eu­ro­pa nicht in der La­ge ist, das stil­le Ster­ben im Mit­tel­meer zu ver­hin­dern, macht mich trau­rig und wü­tend. Mich be­schäf­ti­gen aber auch die Ein­sam­keit vie­ler woh­nungs­lo­ser Men­schen, die in der Co­ro­na-Zeit noch zu­ge­nom­men hat und der ak­tu­el­le Ar­muts­be­richt vom Pa­ri­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­band. Er do­ku­men­tiert, dass Ar­mut in Deut­sch­land zu­nimmt, die Sche­re zwi­schen Arm und Reich wei­ter auf­geht.

Warum ge­schieht nichts da­ge­gen?
Ich glau­be, dass vie­le Ent­schei­dungs­trä­ger in Ber­lin so weit weg von der Rea­li­tät der Men­schen sind, die Hartz IV be­kom­men, dass sie nicht ver­ste­hen, was es be­deu­tet, mit 449 Eu­ro le­ben zu müs­sen. Dass es ei­nen ohn­mäch­tig macht, wenn man sich kei­ne Bril­le leis­ten kann, weil ab dem 18. Le­bens­jahr Bril­len nur noch in sel­te­nen Fäl­len von der Kran­ken­kas­se be­zahlt wer­den. Man könn­te, wenn man woll­te, doch es wird nicht ge­gen­ge­steu­ert.

Was müss­te ge­tan wer­den?
Ich wün­sche mir – und sa­ge das ganz be­wusst – mal schwe­re Waf­fen zur Ar­muts­be­kämp­fung. Al­so Bür­ger­ver­si­che­run­gen, Ver­mö­gens­steu­ern, Um­ver­tei­lung von oben nach un­ten, Re­zept­ge­büh­ren-be­f­rei­ung, ei­nen Hartz IV-Satz, der um 200 Eu­ro er­höht ist. Arm zu sein be­deu­tet in die­sem Land, früh­er zu ster­ben: Frau­en 4,4, Män­ner 8,6 Jah­re früh­er.

Ist die so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit auch ei­ne Ge­fahr für die De­mo­k­ra­tie?
Ja. Wenn im­mer mehr Men­schen sich ab­ge­hängt füh­len und se­hen, dass sie nicht aus­rei­chend un­ter­stützt wer­den, ver­lie­ren sie den Glau­ben an die De­mo­k­ra­tie und ge­hen nicht mehr zur Wahl.
Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass Ras­sis­ten, Fa­schis­ten und die rech­te Sze­ne die­ses The­ma in­stru­men­ta­li­sie­ren. Das Au­s­ein­an­der­drif­ten der Ge­sell­schaft wird kaum ge­se­hen. Das ist so ge­fähr­lich!

De­mo­k­ra­tie muss nicht nur von in­nen, son­dern auch nach au­ßen ver­tei­digt wer­den, wie das Bei­spiel der Ukrai­ne zeigt. Sie wa­ren mal er­klär­ter Pa­zi­fist ...
Mei­ne Er­fah­run­gen in Kri­sen­re­gio­nen der Er­de ha­ben mir ge­zeigt, dass manch­mal ein Ag­gres­sor nur mit Waf­fen­ge­walt zu­rück­ge­hal­ten wer­den kann. Auch, um die Zi­vil­be­völ­ke­rung zu schüt­zen. Ja, man muss die Ukrai­ne jetzt mit Waf­fen un­ter­stüt­zen. Aber das darf nicht ins Ufer­lo­se ge­hen. Kei­ne Es­ka­la­ti­on! Die Di­p­lo­ma­tie muss wie­der die Ober­hand ge­win­nen.

Aus­drü­cke wie „so­zial Schwa­che“ mö­gen Sie nicht. Wes­halb?
Weil da­rin ei­ne Schuld­zu­wei­sung ent­hal­ten ist und ei­ne In­di­vi­dua­li­sie­rung des Pro­b­lems. Die Men­schen sind doch nicht so­zial schwach! Vie­le Al­lein­er­zie­hen­de ha­ben ei­ne ho­he so­zia­le Kom­pe­tenz. So­zial schwach ist der Un­ter­neh­mer, der un­ter Um­ge­hung der Min­dest­löh­ne in Ban­g­la­desch pro­du­zie­ren lässt.Wir sp­re­chen bes­ser von so­zial Be­nach­tei­lig­ten. Au­ßer­dem: Kein Mensch ist il­le­gal. Das gibt es nicht. Das Ge­sell­schafts­sys­tem il­le­ga­li­siert Men­schen.

Trotz vie­ler Hilf­s­an­ge­bo­te fal­len so vie­le Men­schen durchs Ras­ter, wie­so?
Das ist kom­plex. Oft in­for­mie­ren die Kran­ken­kas­sen, Job­zen­t­ren oder So­zia­l­äm­ter nicht kom­pe­tent und rechts­kon­form. Dann kom­men Men­schen zu uns in die „Me­di­zi­ni­sche Am­bu­lanz oh­ne Gren­zen“, die glau­ben, nicht mehr kran­ken­ver­si­chert zu sein. Un­se­re Mit­ar­bei­ter schau­en dann: Ist das wir­k­lich so oder gibt es ei­nen Weg zu­rück in die Ver­si­che­rung? Bei den meis­ten Men­schen ist doch noch Ver­si­che­rungs­schutz da oder in an­de­ren Ta­ri­fen mög­lich. Auch die For­mu­la­re der Be­hör­den sind – vie­leicht ge­wollt? – sprach­lich so kom­p­li­ziert, dass vie­le da­ran schei­tern. Wich­tig wä­re, dass die Be­hör­den pro­ak­tiv un­ter­stüt­zen, nicht di­rekt Säum­nis­zu­schlag ein­for­dern, falls je­mand ei­nen Bei­trag nicht ge­leis­tet hat.

Wie ve­r­än­dert es Sie, Men­schen in Not und Kri­sen­si­tua­tio­nen zu be­geg­nen?
Ich füh­le mich be­schenkt durch Be­geg­nun­gen. Mit Men­schen, die von Ar­mut be­trof­fen sind, gibt es in der Re­gel ei­nen sehr au­then­ti­schen, in­ten­si­ven Kon­takt. Es ist ein Ge­ben und Be­kom­men. Aber ich bin auch fru­s­triert, dass sich so we­nig ve­r­än­dert für die­se Men­schen.

Er­hebt die Kir­che laut ge­nug ih­re Stim­me für Ar­me und Be­nach­tei­lig­te?
Sie muss viel lau­ter und en­ga­gier­ter sein und Ge­rech­tig­keit ein­for­dern. Das ist doch ein ur­christ­li­ches The­ma. So­zia­le Ver­ant­wor­tung hat nichts mit So­zia­lis­mus zu tun, son­dern mit ei­nem ge­leb­ten christ­li­chen Selbst­ver­ständ­nis.

Sind Sie Christ?
Ich ver­su­che, ei­ner zu sein und fun­da­men­ta­le Nächs­ten­lie­be zu le­ben.

Was trägt Sie an­ge­sichts der Not?
Die wert­vol­len Be­geg­nun­gen, Ge­spräche mit mir Na­he­ste­hen­den, das Lau­fen in der Na­tur – ich war ja mal Leis­tungss­port­ler: All das sind für mich Kraft­qu­el­len. Das Le­ben kann so sc­hön sein, wenn man das Sc­hö­ne zu­lässt. Es tut auch gut, Für­sor­ge zu er­le­ben: Et­wa, wenn ich schon seit Stun­den im Arzt­mo­bil ste­he und mü­de bin, und auf ein­mal klopft es, und ei­ne afg­ha­ni­sche Fa­mi­lie steht mit Tee und Ge­bäck vor der Tür und sagt: „Dok­tor, du brauchst mal ei­ne Pau­se!“

Sie ler­nen Kul­tu­ren ken­nen, de­ren Wer­te und Frau­en­bild sich von un­se­rem un­ter­schei­den. Wie ge­hen Sie da­mit um?
Ich war mal in In­di­en, da ha­ben mich die Män­ner be­grüßt, in der Küche wa­ren die Frau­en beim Ko­chen. Ich ha­be dar­um ge­be­ten, auch die Haus­her­rin ken­nen­ler­nen zu dür­fen, denn in mei­ner Kul­tur ist es so, dass man auch die Frau be­grüßt. Ich ver­su­che, nicht bes­ser­wis­se­risch zu sein oder im Sinn ei­ner Ko­lo­nia­li­sie­rung un­ser Wer­te­sys­tem zu über­tra­gen, aber schon zu zei­gen, was für mich rich­tig ist. Und dass ich dann bei be­stimm­ten Din­gen nicht mit­ge­hen kann. Manch­mal ist es ei­ne Grat­wan­de­rung.

Wer oder was hat Sie auf die Spur ge­setzt, sich für Be­nach­tei­lig­te stark zu ma­chen?
Ich bin als Pri­vi­le­gier­ter in ei­nem Wai­sen­haus auf­ge­wach­sen. Mein Va­ter war Er­zie­her dort. Sch­nell ha­be ich ge­merkt, dass es mei­nen Spiel­ka­me­ra­den nicht so gut ging wie mir. Die Un­g­leich­heit und auch die dar­aus ent­ste­hen­de Ver­ant­wor­tung, die ich ge­spürt ha­be, ha­ben mich ge­prägt. Wenn ich als Pri­vi­le­gier­ter auf­hö­re, So­li­da­ri­tät ein­zu­for­dern, wer soll es sonst ma­chen? Die Be­trof­fe­nen selbst sind zu er­sc­höpft und re­sig­niert.

Das In­ter­view führ­te Eva-Ma­ria Wer­ner
Fo­to: Chri­s­tof Mat­tes

Zu­rück zur Nach­rich­ten­über­sicht Sep­tem­ber/Ok­tober 2022




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