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Ausstellung Raubkunst @ Jens Büttner/picture alliance

Es ist höchs­te Zeit, Raub­kunst zu­rück­zu­ge­ben

Wäh­rend der Ko­lo­nial­zeit ka­men vie­le Kunst­wer­ke, re­li­giö­se und po­li­ti­sche Ob­jek­te nach Eu­ro­pa.
Lan­ge wei­ger­ten sich die Mu­se­en die­se zu­rück­zu­ge­ben. For­scher wie Bé­né­dic­te Sa­voy set­zen sich
da­für ein – und wer­den an­ge­fein­det. Doch „die Zeit des Lü­gens und Mau­erns ist vor­bei“, sagt sie.

Wel­che Be­deu­tung hat Kunst für Ein­zel­ne und Ge­sell­schaf­ten?

Zu­nächst zum Be­griff Kunst: Er ist nicht auf al­le Ob­jek­te an­wend­bar, die in der Ko­lo­nial­zeit weg­ge­kom­men sind. Dar­un­ter sind re­li­giö­se und po­li­ti­sche Ob­jek­te, aber auch men­sch­li­che Schä­d­el. Grund­sätz­lich ist es so, dass Ob­jek­te in der Re­gel nicht nur Ge­gen­stän­de sind, wie wir in Eu­ro­pa oft den­ken, son­dern sie ha­ben in vie­len Fäl­len Funk­tio­nen ei­nes Sub­jekts. Sie ord­nen die Ge­sell­schaf­ten um sie her­um. Man macht et­was mit ih­nen. In man­chen Re­gio­nen spricht man zu ih­nen. Wenn sie feh­len, fehlt ein Kri­s­tal­li­sa­ti­ons­punkt für vie­le Hand­lun­gen. Oh­ne die kö­n­ig­li­chen Ge­gen­stän­de et­wa, die ei­nem Hof weg­ge­nom­men wur­den, kön­nen be­stimm­te Hand­lun­gen – wie die Krö­nung – nicht mehr statt­fin­den. Oder es sind re­li­giö­se Ob­jek­te, die für be­stimm­te Ri­tua­le not­wen­dig sind. Sie hin­ter­las­sen so et­was wie Phan­tom­sch­mer­zen, wenn sie nicht mehr da sind.

Wel­che Kon­se­qu­en­zen hat es, dass man sich wei­ger­te, Ob­jek­te zu­rück­zu­ge­ben?

Es ist ein zwi­schen­men­sch­li­cher Scha­den ent­stan­den. In­dem man Ob­jek­te zu­rück­be­hält, ver­län­gert man das ko­lo­nia­le Ge­ha­be. Man setzt ei­ne ver­ach­ten­de Art des Um­gangs mit­ein­an­der fort. Es ist ei­ne Form der Ar­ro­ganz, die gu­te zu­künf­ti­ge Be­zie­hun­gen ver­hin­dert.

Ko­lo­nial­beam­te, Wis­sen­schaft­ler und das Mi­li­tär brach­ten Ob­jek­te, die heu­te in Mu­se­en aus­ge­s­tellt wer­den, nach Eu­ro­pa. Wel­che Rol­le spiel­ten die Mis­sio­na­re?

Die­se Fra­ge ver­di­en­te ein gan­zes Buch als Ant­wort. Die Mis­sio­na­re hat­ten ei­nen pri­vi­le­gier­ten Zu­gang zu der lo­ka­len Be­völ­ke­rung, mit der sie leb­ten. An­ders als Ko­lo­nial­beam­te und Sol­da­ten blie­ben sie oft lan­ge vor Ort, lern­ten die Spra­che, hat­ten ei­ne be­son­de­re Nähe zu den Men­schen. Vie­le Kraft­fi­gu­ren über­ga­ben die neu­en Chris­ten als Be­weis ih­rer er­folg­rei­chen Be­keh­rung an den Mis­sio­nar. Das ist das ste­reo­ty­pe Bild, und tat­säch­lich muss es das so auch ge­ge­ben ha­ben. Viel span­nen­der aber ist et­was an­de­res.

Näm­lich?

Dass die Mis­sio­na­re sehr bald von den Mu­se­en als Leu­te er­kannt wur­den, die Zu­gang zu tol­len Sa­chen hat­ten. Die Mu­se­en be­nutz­ten die Mis­sio­na­re, da­mit die­se sie mit wert­vol­len Ob­jek­ten be­lie­fern, und sie be­zahl­ten sie auch.

Könn­te die ka­tho­li­sche Kir­che in der Dis­kus­si­on um Rück­ga­be von Ob­jek­ten und Ver­söh­nung ei­nen Bei­trag leis­ten?

Ja, ab­so­lut. Aber es muss ehr­lich sein. Ich bin sel­ber christ­lich er­zo­gen und glau­be an Grund­sät­ze wie Nächs­ten­lie­be. Wenn mein Kol­le­ge Fel­wi­ne Sarr und ich von ei­ner neu­en Ethik der Be­zie­hun­gen sp­re­chen, dann wei­sen wir ge­nau auf ei­nen sol­chen Punkt hin: Wie wol­len wir in die­ser Welt wei­ter mit­ein­an­der um­ge­hen? Und da hat die Kir­che ganz be­stimmt et­was zu sa­gen.

Geht sie denn mit gu­tem Bei­spiel voran? Der Va­ti­kan hat ja selbst be­deu­ten­de Mu­se­en mit Ob­jek­ten aus Über­see...

Er be­sitzt be­stimmt ei­ne der größ­ten und reichs­ten Mis­si­ons­samm­lun­gen, aber nein: Der Va­ti­kan hat sich bis­her kom­p­lett aus der Dis­kus­si­on her­aus­ge­hal­ten. Es wä­re sc­hön, wenn wir mehr über die Be­stän­de dort wüss­ten. Aber es gibt kei­nen Ka­ta­log, kei­ne Da­ten­bank, nichts. Als wir be­gan­nen, uns mit Re­sti­tu­ti­on (Rück­ga­be) von Raub­kunst zu be­fas­sen, ha­be ich au­gen­zwin­kernd ge­sagt, dass wir auch mit dem Papst re­den müs­sen.

Schon vor 40 Jah­ren wur­de um die Rück­ga­be ko­lo­nia­ler Raub­kunst hef­tig de­bat­tiert, wie Sie in Ih­rem Buch „Afri­kas Kampf um sei­ne Kun­st“ be­le­gen. Sind die Chan­cen für ei­ne Rück­ga­be heu­te bes­ser?

In den 1970er- und 1980er-Jah­ren wa­ren die Chan­cen auch nicht sch­lecht. Die öf­f­ent­li­che Mei­nung war da­mals schon sehr of­fen für Re­sti­tu­tio­nen. Aber die Mu­se­en hat­ten noch die Mög­lich­keit zu mau­ern, In­for­ma­tio­nen zu­rück­zu­hal­ten, so­gar zu lü­gen – oh­ne Kon­trol­le durch die Öf­f­ent­lich­keit. Heu­te ist das an­ders. Wir fin­den Mög­lich­kei­ten, doch an die In­for­ma­tio­nen zu kom­men.

Wird Deut­sch­land in ab­seh­ba­rer Zeit Kunst­wer­ke zu­rück­ge­ben?

Ja! Wenn die Wahr­heit raus­kommt, dann ist es schwie­rig, nicht mehr zu rea­gie­ren. Über Jah­re hat Ber­lin be­haup­tet: Wir ha­ben kei­ne Rück­for­de­run­gen aus Ni­ge­ria, aber es gibt sie seit 1972! Die Ver­hand­lun­gen mit Ni­ge­ria sind ge­ra­de sehr be­sch­leu­nigt wor­den. Die Tref­fen auf po­li­ti­scher Ebe­ne, die kürz­lich statt­ge­fun­den ha­ben, zei­gen, dass et­was pas­sie­ren wird. Es ging im Üb­ri­gen nie um die Rück­ga­be al­ler Ob­jek­te, im­mer nur um paar we­ni­ge mit be­son­de­rer Be­deu­tung für die je­wei­li­ge Ge­mein­schaft.

Ist Deut­sch­land da­mit Vor­rei­ter?

Nein, der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Em­ma­nu­el Macron war der Ers­te, der an­ge­kün­digt hat, Rück­ga­ben durch­füh­ren zu wol­len. Da­nach ka­men die Nie­der­lan­de mit ei­ner gu­ten Hand­rei­chung und tat­säch­li­chen Re­sti­tu­tio­nen. Sie wa­ren un­ter den Ers­ten, die er­folg­rei­che Ver­hand­lun­gen mit In­do­ne­si­en ge­führt ha­ben.

„Das Hum­boldt-Forum ist wie Tscher­no­byl. Wie un­ter ei­ner Blei­de­cke la­gert hier die konta­mi­nier­te Ver­gan­gen­heit.“ Dies wa­ren Ih­re Wor­te 2017 nach dem Au­s­tritt aus dem Ex­per­ten­bei­rat des Forums. Wel­che Wir­kung er­ziel­ten Sie da­mit?

Ich wur­de mas­siv an­ge­fein­det. Aber es war mir egal, weil ich wuss­te, mein Kom­pass ist die his­to­ri­sche Wahr­heit. Es gibt nicht ei­ne his­to­ri­sche Wahr­heit, aber es gibt be­leg­te his­to­ri­sche Fak­ten, und die lie­gen in Ar­chi­ven. Ich kann­te die Ar­chi­ve, und ich ken­ne sie jetzt noch bes­ser.

In­ter­view: Eva-Ma­ria Wer­ner; Fo­tos: Jens Bütt­ner/dpa, Ant­je Berg­häu­ser

Bénédicte Savoy @ Antje Berghäuser

Zur Per­son

Bé­né­dic­te Sa­voy, 49, ist Pro­fes­so­rin für Kunst­ge­schich­te am Col­lè­ge de Fran­ce in Pa­ris und an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin. Als Ex­per­tin für ko­lo­nia­le Raub­kunst hat sie mit dem se­ne­ga­le­si­schen So­zial­wis­sen­schaft­ler Fel­wi­ne Sarr für den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Macron ei­ne Stu­die zur mög­li­chen Rück­ga­be von ge­raub­ten Ob­jek­ten an­ge­fer­tigt.



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