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Un­ter­wegs in ... Afri­ka

Zwei Wo­chen be­sucht kon­ti­nen­te-Re­dakteu­rin Bea­trix Gram­lich ge­mein­sam mit Fo­to­graf
Hart­mut Schwarz­bach den Ni­ger und die El­fen­bein­küs­te.

Text: Bea­trix Gram­lich; Fo­tos: Hart­mut Schwarz­bach

Schwarzbach

5. Fe­bruar

Heu­te kei­ne Flughun­de

Es däm­­mert be­­reits, als wir un­­se­­re Un­­ter­kunft in Nia­­mey, der Haup­t­­stadt des Ni­­ger, er­­rei­chen. Das „Grand Ho­­tel“ hat schon be­s­­se­­re Zei­­ten ge­­se­hen. Von den Tü­­ren blät­­tert der Lack, die Möb­­el sind ab­­ge­­sto­­ßen, aus der Du­­sche fließt nur kal­­tes Was­­ser. Aber der Blick aus dem Fen­s­­ter ist gran­­di­os: Vor uns wälzt sich trä­­ge der Ni­­ger gen Sü­­den – der Fluss, der dem Land den Na­­men gab, es aber nur im äu­­ßer­s­­ten Süd­wes­­ten durch­­qu­ert. Die von den USA fi­n­an­­zier­­te Ken­­ne­dy-Brü­­cke war die er­s­­te Brü­­cke im Ni­­ger, die den rie­­si­­gen Strom über­­spannt. Mit Son­­nen­un­­ter­­gang, heißt es, sol­­len hier am Was­­ser scha­­ren­wei­­se Flughun­­de – ei­­ne bis zu 1,1 Ki­­lo schwe­­re Fle­­der­m­aus­art – auf­­tau­chen und aus dem Flug trin­ken. Die­­ses Spe­k­ta­kel je­doch bleibt uns lei­­der ver­­­wehrt.



Schwarzbach

6. Fe­bruar

Am Tor zur Sa­ha­ra

Ni­­ger Air­­li­­nes hat den Flu­g­­plan kur­z­­fris­­tig ge­än­­dert. Es gibt zwei un­er­war­­te­­te Zwi­­schen­lan­­dun­­gen, und wir kom­­men mit zwei Stun­­den Ver­­­spä­t­ung in Aga­­dez an. Die al­­te Wüs­­ten­­stadt mit ih­­rer ty­pi­­schen Leh­­mar­chi­­te­k­­tur ist das Tor zur Sa­ha­­ra und war schon im 14. Jahr­hun­­dert Tref­f­­punkt für Hän­d­­ler aus Län­­dern im Nor­­den und Sü­­den. Wahr­zei­chen ist die gro­­ße Mo­­schee aus dem 15. Jahr­hun­­dert. Die Sa­ha­­ra be­­ginnt nur we­­ni­­ge Ki­­lo­­me­­ter hin­­ter den let­z­­ten Häu­s­ern. Auf ih­­rem Weg nach Eu­­ro­­pa zah­­len Mi­­gran­­ten Sch­­le­p­pern hor­­ren­­de Sum­­men, um sie zu durch­­qu­e­­ren. Aga­­dez ist die let­z­­te Sta­­ti­on vor der ge­­fähr­­li­chen Pas­­sa­­ge. Vie­­le Mi­­gran­­ten sit­­zen hier mo­na­­te­lang fest. Wir tre­f­­fen sie – zu­­­sam­­men mit Pa­­ter Ma­­xi­­me Pa­s­­cal und Ah­­med Ba­­gou­che, ei­­nem Mit­­ar­bei­­ter der Ca­ri­­tas.


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7. Fe­bruar

Im Ghet­to

Fast al­­le Mi­­gran­­ten in Aga­­dez le­­ben in „Ghet­tos“: So nen­­nen die Ein­hei­­mi­­schen die Un­­ter­­kün­f­­te, in de­­nen die Flüch­t­­lin­­ge oft mo­na­­te­lang fest­­sit­­zen, bis sie ge­nü­­gend Geld für die Fahrt durch die Sa­ha­­ra bei­­sam­­men ha­­ben. Pa­­ter Ma­­xi­­me Pa­s­­cal und Ah­­med Ba­­gou­che von der Ca­ri­­tas be­g­­lei­­ten uns in ein Ghet­­to, das nicht mehr ist als ein Leh­m­­bau mit zwei nack­­ten Zim­­mern und um­­­mau­er­­tem Hof. 35 Men­­schen le­­ben hier – ver­­zwei­­fel­­te jun­­ge Män­­ner aus Li­be­ria, Ma­­li, Si­er­­ra Leo­­ne, Ni­­ge­ria, Gha­­na. Die Flucht nach Eu­­ro­­pa ist der Stroh­halm, an den sie sich klam­­mern. Vie­­le ha­­ben es schon ein­­mal ver­­­sucht, sind in der Wüs­­te über­­fal­­len, ein­­ge­­sperrt und ge­­fol­­tert wor­­den und sch­­lie­ß­­lich nach Aga­­dez zu­­rück­­ge­kehrt. Hier fin­­den sie kei­­ne Ar­beit, wis­­sen nicht, wie sie die nächs­­te Mie­­te be­­zah­­len sol­­len, aber trau­en sich auch nicht, mit lee­­ren Hän­­den in ih­­re Hei­­mat zu ge­hen. Kir­che und Ca­ri­­tas hel­­fen ih­­nen mit De­­cken, Ma­t­­ra­t­­zen, Le­ben­s­­mit­­­teln. Vor al­­lem aber sind Pa­­ter Ma­­xi­­me und Ah­­med Bar­­gou­che da und hö­­ren zu. „Sie nen­­nen mich al­­le Ba­­ba, Pa­­pa,“, sagt Bar­­gou­che.



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8. Fe­bruar

Brand­an­schlag auf die Mis­si­ons­sta­ti­on

Auf dem Weg nach Ma­ra­­di, wo wir ei­­ne Re­­por­ta­­ge über christ­­lich-mus­­li­­mi­­schen Dia­­log re­cher­chie­­ren wol­­len, ma­chen wir Halt bei den Wei­­ßen Vä­t­ern in Zin­­der. Vor vier Jah­­ren, am 16. Ja­­nuar 2015, hat ein Mob auf­­­ge­brach­­ter Mus­­li­­me ih­­re Mis­­si­on­s­­sta­­ti­on in Brand ge­­setzt und ver­­wüs­­tet. Aus­­lö­­ser wa­­ren die Mo­ham­­med-Kar­ri­­ka­­tu­­ren in Char­­ly He­b­­do. Das Pfar­r­haus ist mit­t­­ler­wei­­le re­­no­viert, aber Kir­che, Kin­­der­­gar­­ten, Schu­­le, die Räu­­me für Al­­pha­be­­ti­­sie­rungs- und Näh­kur­­se für Frau­en sind noch im­­mer ru­ß­­ge­­schwärzt, das In­­ven­tar ge­­stoh­­len oder ver­­­kohlt. „Wir fan­­gen wie­­der bei Null an“, sagt Pa­­ter Ser­­ge Kab­­sa­ki­­la.



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9. Fe­bruar

Be­schnei­dung, Zwang­se­he, Po­ly­ga­mie

Aus dem Lau­t­­sp­­re­cher schallt Afro­­pop, der Wind spielt in den Blät­­tern der Flam­­boyant-Bäu­­me, wäh­­rend sich im Scha­t­­ten der Pa­vil­­lons im­­mer mehr Men­­schen ver­­­sam­­meln. 350 wer­­den es am En­­de sein – mehr als je zu­­vor. Schwes­­ter Ma­rie Ca­the­ri­­ne King­­bo von der Ge­­mein­­schaft der Die­­ne­rin­­nen Chris­­ti hat zum Tre­f­­fen von Dor­f­­chefs, Ima­­men und Frau­en ein­­ge­la­­den. Seit fünf Jah­­ren ver­­an­­stal­­tet die 65-Jäh­ri­­ge die­­se Ver­­­sam­m­­lun­­gen – und packt da­bei hei­­ße Ei­­sen an. Heu­­te geht es um Be­­schn­ei­­dung, Zwangs­­hei­­rat, Po­­ly­­ga­­mie, He­­xe­­rei: für Schwes­­ter Ma­rie Ca­the­ri­­ne En­t­­wick­­lungs­­­hem­m­­nis­­se, für vie­­le Män­­ner hier Teil ih­­rer Ku­l­­tur, die sie aus dem Ko­ran ab­­lei­­ten. Der Ni­­ger ist ein mus­­li­­mi­­sches Land. 94 Pro­­zent der Be­völ­ke­rung be­ken­­nen sich zum Is­lam, nur 0,5 Pro­­zent zum Chris­­ten­­tum. Die Tre­f­­fen, die die Or­­den­s­frau ver­­an­­stal­­tet, sind auch ein Bei­­trag zum in­­­ter­­re­­li­­giö­­sen Dia­­log. „Wir tei­­len die­­sel­­ben Wer­­te, weil wir an den­­sel­­ben Gott glau­ben“, sagt Ibra­him Mous­­sa, Imam in Sa­­bon Ga­ri Gan­­ga­­ra. Er ist 80 Jah­­re alt, hat zwölf Kin­­der, 70 En­kel und ist zum er­s­­ten Mal hier. Die The­­men ha­­ben ihn in­­­ter­es­­siert. Er freut sich, dass Chris­­ten und Mus­­li­­me hier un­­ter ei­­nem Dach sit­­zen. Es wird nicht sein let­z­­tes Tre­f­­fen sein.


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10. Fe­bruar

Im Pa­last des Sul­t­ans

Vor dem Pa­last des Su­l­t­ans wacht sei­­ne Gar­­de: Män­­ner in präch­­ti­­gen ro­­ten Ge­wän­­dern, an de­­nen nie­­mand vor­­bei­­kommt, oh­­ne ih­­nen ei­­nen Um­­­schlag zu­­zu­­s­te­­cken. Sie sind Wür­­den­trä­­ger – doch oh­­ne Ein­­kom­­men, das Trin­k­­geld ist ihr ein­zi­­ger Ver­­­di­enst. Als wir durch das ho­he, aus Lehm ge­­mau­er­­te Ein­­gangs­­­tor tre­­ten, durch­­qu­ert ge­ra­­de ei­­ne Vieh­her­­de den In­­­nen­hof. Der Su­l­­tan er­war­­tet uns im Em­p­­fangs­­raum. Fo­tos an den Wän­­den zei­­gen ihn und sei­­ne Vor­­­gän­­ger mit Tur­­ban und in vol­­lem Or­­nat; an der Stirn­­sei­­te thront ein Bro­­ka­t­­ses­­sel, in dem er Hof hält. Heu­­te je­doch em­p­­fängt der Her­r­­scher in Ja­la­­bia, dem lan­­gen, mus­­li­­mi­­schen Ober­hemd, und Hou­l­­la Kou­­be, ei­­ner be­stick­­ten Stof­f­­müt­ze – Al­l­­tags­­k­­lei­­dung, in der er nicht fo­to­­gra­­fiert wer­­den will. Ab­dou Bal­­la Ma­ra­­fa ist Su­l­­tan der Gou­bur, ein Volk, das vor 1500 Jah­­ren zwi­­schen Me­k­­ka und Me­­din le­b­­te und im Lauf der Jahr­hun­­der­­te bis in den Ni­­ger und nach Ni­­ge­ria wan­­der­­te. Sein Wort hat Ge­wicht. Der Su­l­­tan er­­teilt Rat, ver­­­mit­­­telt bei Kon­f­­li­k­­ten und über­wacht die Um­­­set­zung staa­t­­li­cher Pro­­je­k­­te. Auch Schwes­­ter Ma­rie Ca­the­ri­­ne hat er ge­hol­­fen, als sie das Grun­d­­stück für ihr Klos­­ter kau­­fen wol­l­­te und der Ei­­gen­tü­­mer Schwie­­ri­g­kei­­ten mach­­te. Ma­ra­­fa un­­ter­­stützt ihr En­­ga­­ge­­ment. Im ver­­­gan­­ge­­nen Jahr hat er den na­­ti­o­na­­len Run­d­­fun­k­­sen­­der ein­­ge­la­­den, über die von der Or­­den­s­frau or­­ga­­ni­­sier­­ten in­­­ter­­re­­li­­giö­­sen Tre­f­­fen zu be­rich­­ten.


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11. Fe­bruar

Ex­t­re­me Ar­mut und Hun­ger

Zu Be­­such in Sa­b­i­ro, ein Dorf wie tau­­send an­­de­­re im Ni­­ger: um­­­mau­er­­te Ge­­höf­­te, hin­­ter de­­nen sich nie­d­ri­­ge Leh­m­­bau­­ten ver­­ber­­gen. Die Ar­­mut ist scho­­ckie­­rend: Kin­­der mit auf­­­ge­bläh­­ten Bäu­chen, ei­­ne Han­d­voll ma­­ge­­rer Hüh­­ner, die im Stroh pi­­cken, in den kar­­gen Räu­­men ein paar Klei­­der an ei­­ner Na­­gel­­leis­­te. Die höl­zer­­nen Mör­­ser, in de­­nen die Frau­en die Hir­­se stam­p­­fen, lie­­gen im Hof am Bo­­den – ein Zei­chen da­­für, dass die Ern­­te auf­­­ge­braucht ist. Der Ni­­ger liegt in der Sa­hel­zo­­ne und be­­legt auf dem Uno-In­­­dex für men­­sch­­li­che En­t­­wick­­lung von 189 Staa­­ten den let­z­­ten Platz. In den ver­­­gan­­ge­­nen zwei Jah­­ren ist die Saat zwar auf­­­ge­­gan­­gen, aber dann blieb der Re­­gen aus, und die Pflan­­zen ver­­dor­r­­ten un­­ter der sen­­gen­­den Son­­ne. Die Men­­schen hun­­gern, lei­­den un­­ter Ma­la­ria, Durch­­­fall, Bron­chi­­tis. Sie sind ver­­zwei­­felt, weil ih­­re müh­­sa­­me Ar­beit auf dem har­­ten Bo­­den um­­­sonst war. „Wir ra­­ckern uns ab, und am En­­de ist al­­les ver­­­lo­­ren“, sa­­gen die jun­­gen Män­­ner. Vie­­le wol­­len we­g­­­ge­hen und an­­der­s­wo ihr Glück su­chen – in Li­­by­en vi­el­­leicht oder Eu­­ro­­pa.

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12. Fe­bruar

Bus­fahrt mit Ge­bet

Elf Stun­­den Bus­­fahrt von Ma­ra­­di zu­­rück in die Haup­t­­stadt Nia­­mey. Auf Bil­d­­schir­­men, die von der De­­cke hän­­gen, lau­­fen non­­stop Mu­­si­k­vi­­de­os. An den vier Bus­­bahn­­hö­­fen auf der St­­re­­cke be­­steht die Mög­­li­ch­keit, sich hin­­ter Hol­z­ver­­­schlä­­gen dis­k­­ret zu er­­leich­­tern. Die La­­tri­­nen be­­tritt man mit ei­­ner Tee­­kan­­ne voll Was­­ser, um nach­­zu­­­spü­­len und sich die Hän­­de zu wa­­schen. Am Nach­­­mit­­­tag legt der Fah­­rer drei zu­­­sät­z­­li­che Stopps ein: Um 16, 18 und 19 Uhr ist für die Mus­­li­­me Zeit zum Ge­­bet. Mit klei­­nen, zu­­­sam­­men­­ge­rol­l­­ten Te­p­pi­chen un­­ter dem Arm ver­­las­­sen sie den Bus, um ihn in der Dor­f­­mo­­schee gen Os­­ten aus­­zu­­rol­­len.


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12. Fe­bruar

Tro­pen­holz und Cas­hewnüs­se

Wir fah­ren nach Kor­ho­go, die größ­te Stadt im Nor­den der El­fen­bein­küs­te. Rechts und links der Stra­ße wach­sen mäch­ti­ge Mango­bäu­me, ve­r­ein­zelt re­cken Teak­bäu­me ih­re kah­len Äs­te gen Him­mel. Der Fe­bruar ge­hört zur kal­ten Jah­res­zeit, in der die Tro­pen­rie­sen ih­re Blät­ter ab­wer­fen. Dann pas­sie­ren wir ei­ne Cas­hew-Plan­ta­ge. Zwi­schen den dun­kel­grü­nen, fächer­ar­ti­gen Blät­tern schim­mern ro­te und gel­be Früch­te, an de­ren En­de wie ein ge­krümm­ter Wurm­fort­satz die von ei­ner grü­nen Scha­le um­hüll­te Cas­hew­nuss bau­melt. Bald be­ginnt die ers­te Ern­te für die be­gehr­ten Nüs­se. Ei­ne zwei­te folgt im April. Die Bau­ern war­ten, bis der Cas­hew-Ap­fel samt An­hang zu Bo­den fällt und sam­meln die Nüs­se auf, de­ren Scha­len spä­ter beim Rös­ten auf­sprin­gen.. Die säu­er­li­chen Früch­te blei­ben un­ge­nutzt lie­gen Wer Hun­ger hat, darf sich kos­ten­los be­die­nen.



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16. Fe­bruar

Heil­kun­de und Geis­ter­glau­be

Ba­ka­ry So­ro emp­fängt in ei­nem klei­nen, sch­muck­lo­sen Raum. Auf dem Bo­den la­gern Ton­töp­fe und Sä­cke, voll­ge­stopft mit Wur­zeln und Blät­tern, stau­bi­ge Plas­tik­fla­schen, bis zum Rand ge­füllt mit tr­ü­b­en Flüs­sig­kei­ten: Kräu­ter­sud für die Kran­ken. So­ro ist Hei­ler und kennt die Wir­kung zahl­rei­cher Heilpflan­zen, die er mit sei­nen Söh­nen im Busch sam­melt. Doch der 57-Jäh­ri­ge ar­bei­tet auch mit Schul­me­di­zi­nern zu­sam­men. Sie könn­ten häu­fig die ge­naue­re Diag­no­se stel­len, meint er. Psy­chisch Kran­ke, die zur Be­hand­lung oft wo­chen­lang bei ihm blei­ben, for­dert er auf, das Team von Kran­kenpf­le­gern und Psy­cho­lo­gen zu kon­sul­tie­ren, die ein­mal im Mo­nat in sei­nem Hof Sprech­stun­den ab­hal­ten. „Wir ar­bei­ten Hand in Han­d“, sagt So­ro. Be­vor er ei­ne Be­hand­lung be­ginnt, st­reift er sein brau­nes Lei­nen­hemd über, an dem recht­e­cki­ge Stoff­säck­chen mit ein­ge­näh­ten Fe­ti­schen bau­meln, spuckt drei mal in sei­ner Le­der­kap­pe und stülpt sie sich auf den Kopf. Dann wirft er Kauri­mu­scheln auf den mit Sand be­st­reu­ten, quad­ra­ti­schen Tisch, der ei­nen Groß­teil des Rau­mes ein­nimmt, zeich­net Wel­len­mus­ter, Li­ni­en und tupft mit den Fin­ger­kup­pen hin­ein. Mehr­fach wie­der­holt er das Ri­tual, be­vor er am En­de mit Hil­fe ei­nes Spie­gels die Geis­ter be­fragt. „Eu­re Rei­se wird gut ver­lau­fen“, er­klärt er den ver­blüff­ten Be­su­chern aus Deut­sch­land.


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16. Fe­bruar

Um­schwärm­ter Fisch

Sonn­tag ist Markt­tag in Kor­ho­go, der Haupt­stadt des Nor­dens. Ent­lang der Stra­ße du­cken sich stroh­ge­deck­te Stän­de, an de­nen die Händ­ler ih­re Wa­re feil­bie­ten: Ba­na­nen, Gur­ken, To­ma­ten, Yams­wur­zeln, Kräu­ter, Fleisch und Fisch – von Flie­gen um­schwärmt – bis hin zu Klei­dung und Na­tur­kos­me­tik wie But­ter­bäll­chen aus der Frucht des Ka­ri­té-Baums. Kun­den und flie­gen­de Händ­ler mit Schüs­seln voll Brot oder zu Py­ra­mi­den ge­türm­tem Obst zwän­gen sich durch die Gas­sen zwi­schen den Stän­den. Das Markt­ge­sch­rei ist oh­ren­be­täu­bend und wird nur noch über­tönt vom Ge­hu­pe der Las­ter, Pkw und Mo­tor­rä­der, die sich ih­ren Weg durch die Men­ge bah­nen. Manch­mal hilft nur mit ein be­herz­ter Sprung zu Sei­te, um sich in Si­cher­heit zu brin­gen.


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18. Fe­bruar

Mor­bi­der Char­me und tro­pi­sches Ge­wit­ter

Es kommt an­ders, als er­war­tet. Ei­gent­lich war mit RAIDH, ei­ner Men­schen­recht­s­or­ga­ni­sa­ti­on in der El­fen­bein­küs­te ve­r­ein­bart, dass wir heu­te zu Ka­kao­bau­ern fah­ren, um zu be­rich­ten, wie sie die Macht der gro­ßen Scho­ko­la­den­fir­men und de­ren Preis­dik­tat in die Ar­mut zwingt. Dann er­öff­nen uns un­se­re Part­ner, die Pflan­zer, mit de­nen sie zu­sam­men­ar­bei­ten, leb­ten 500 Ki­lo­me­ter von Abid­jan, der Haupt­stadt der El­fen­bein­küs­te, ent­fernt – un­mög­lich, in un­se­ren letz­ten zwei Ta­gen dort­hin und zu­rück zu fah­ren. Wir nut­zen den Nach­mit­tag, um Bas­sam, das ehe­ma­li­ge Ko­lo­nial­vier­tel, vor den To­ren von Abid­jan zu be­su­chen, das die UNES­CO 2008 zum Welt­kul­tur­er­be er­klärt hat. Am Bou­le­vard Treich-La­plè­ne lässt sich noch die Pracht ver­gan­ge­ner Zei­ten er­ah­nen. Der 1902 er­bau­te präch­ti­ge Gou­ver­neur­s­pa­last wur­de mit Hil­fe von UN-Gel­dern re­stau­riert und be­her­bergt heu­te ein Tex­til­mu­se­um. Doch Jus­tiz­pa­last, Te­le­gra­fen­sta­ti­on und vie­le einst herr­schaft­li­che Vil­len um­weht ein mor­bi­der Char­me. In Fens­ter- und Tü­ren­öff­nun­gen gäh­nen schwar­ze Löcher, tro­pi­sche Pflan­zen kral­len sich in die Fas­sa­den, von den De­cken brö­ckelt der Stuck. Am Abend zieht ein tro­pi­sches Ge­wit­ter über dem At­lan­tik auf. Bin­nen Mi­nu­ten schiebt sich ei­ne schwar­ze Wol­ken­wand über die Son­ne, das Was­ser türmt sich zu me­ter­ho­hen Wel­len, glei­ßen­de Blit­ze schla­gen in die auf­ge­wühl­te See.



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19. Fe­bruar

Au­to­pan­ne im Kaut­schuk­wald

Un­se­re Part­ner ha­ben doch ei­ne Mög­lich­keit ge­fun­den, uns Ka­ka­o­plan­ta­gen zu zei­gen. Wir sind auf dem Weg nach Abo­is­so Co­moé, ein Dorf, 100 Ki­lo­me­ter öst­lich von Abid­jan. Auf dem ers­ten Stück kom­men wir gut voran. Die Stra­ße ist as­phal­tiert, vor den Fens­tern fliegt die Land­schaft vor­bei – ei­ne Sin­fo­nie in Grün: Pal­men, Ba­na­nen­bäu­me, Ana­nas­sträu­cher, ein­zel­ne Ur­waldrie­sen, die da­von zeu­gen, wie es hier aus­sah, be­vor der Re­gen­wald den Ka­kao- und Kaut­schuk­plan­ta­gen zum Op­fer fiel. In den 1960er-Jah­ren wa­ren noch 16 Mil­lio­nen Hektar des Lan­des mit Wald be­deckt, heu­te sind es noch drei Mil­lio­nen. Auf der Hälf­te der St­re­cke bie­gen wir ab auf ein Ge­wirr von san­di­gen Pis­ten, die ki­lo­me­ter­weit an Kaut­schuk­bäu­men vor­bei­füh­ren. An die Stäm­me ge­bun­de­ne Plas­tik­ei­mer fan­gen den gum­mi­ar­ti­gen Saft auf, der aus der ge­ritz­ten Rin­de tropft. Im­mer wie­der müs­sen wir nach dem Weg fra­gen. Plötz­lich blo­ckiert ein Rad, ein Brems­be­lag hat sich ge­löst. Doch die Leu­te sind hilfs­be­reit. Der nächs­te Au­to­fah­rer, den wir an­hal­ten, kennt im na­hen Dorf ei­nen Me­cha­ni­ker. Ihn ru­fen wir an. We­nig spä­ter rauscht er an – ein jun­ger Mann mit Mo­tor­rad und Um­hän­ge-Werk­zeug­ta­sche. Nach ei­ner hal­ben Stun­de hat er den Scha­den be­ho­ben – un­se­re Fahrt geht wei­ter.


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19. Fe­bruar

Bit­te­rer Ka­kao

Cle­ment Aboyé Al­lou ist Ka­kao­bau­er in Abo­is­so Co­moé. Das ein­fa­che Haus, das er mit sei­ner Frau und fünf Kin­dern be­wohnt, steht fern­ab des Dorfs, in­mit­ten sei­ner Fel­der. Auf vier Hektar Land hat er Ka­kao, Kaut­schuk und Pal­m­öl gepflanzt. Was sei­ne klei­nen Plan­ta­gen ab­wer­fen, reicht ge­ra­de zum Über­le­ben. Ka­kao­boh­nen, die in gro­ßen gel­ben oder ro­ten Früch­ten her­an­rei­fen, kann er das gan­ze Jahr über ern­ten. Die Haup­tern­te ist April und Ok­tober. Rund ei­nen Eu­ro be­kommt Al­lou für ein Ki­lo Ka­kao – min­des­tens ein­ein­halb mal so viel bräuch­te er, um ein men­schen­wür­di­ges Le­ben zu füh­ren. Sei­ne Ern­te gibt der 40-Jäh­ri­ge an Zwi­schen­händ­ler, die die ge­trock­ne­ten Boh­nen bei ihm ab­ho­len und im Ha­fen von Abid­jan an in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne ver­kau­fen. Geld er­hält er oft erst nach Mo­na­ten, wenn fest­steht, wie­viel sie pro Ton­ne zu zah­len be­reit sind. Die gro­ßen Scho­ko­la­den­fir­men wie Nest­lé, Mars oder Lindt sträu­ben sich, den Bau­ern Preis­ga­ran­ti­en zu ge­ben. An­s­tel­le der Land­wir­te pro­fi­tie­ren sie da­von, wenn die Ern­ten gut sind, weil dann der Welt­markt­preis für Ka­kao sinkt. So­lan­ge sich das nicht än­dert, wird Al­lou wie un­zäh­l­i­ge Ka­kao­bau­ern in der El­fen­bein­küs­te arm blei­ben.

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D-88339 Bad Waldsee
www.kloster-reute.de

Herz-Jesu-Missionare

Herz-Jesu-Missionare
Schönleitenstraße 1
A-5020 Salzburg
www.msc-salzburg.at

Institut St. Dominikus

Institut St. Dominikus
Vincentiusstr. 4
D-67346 Speyer
www.institut-st-dominikus.de

Kapuziner

Deutsche Kapuzinerprovinz
Kapuzinerstr. 34
D-80469 München
www.kapuziner.org

Maristenbrüder

Maristenbrüder
FMS Sektor Deutschland

Klosterstraße 4
D-84095 Furth bei Landshut
www.maristen.org

Maristenpatres

Maristenpatres
Am Zwinger 1
D-94032 Passau

www.maristenpatres.de

Missio Nederland

Missio Nederland
Postbus 93140
NL-2509 AC Den Haag
www.missio.nl

Missionare vom Kostbaren Blut

Missionare vom Kostbaren Blut
Gyllenstormstr. 8
A-5026 Salzburg-Aigen
www.missionare-vom-kostbaren-blut.org

Missionarinnen Christi

Missionarinnen Christi
Linderhofstr.10
D-81377 München
www.missionarinnen-christi.de

Missions-Benediktinerinnen

Missions-Benediktinerinnen
Bahnhofstr. 3
D-82327 Tutzing
www.missions-benediktinerinnen.de

Missions-Dominikanerinnen Neustadt a.M.

Missions-Dominikanerinnen
Neustadt am Main

Klosterhof 3
D-97845 Neustadt a.M.
www.kloster-neustadt.net

Missions-Dominikanerinnen Schlehdorf

Missions-Dominikanerinnen Schlehdorf
Provinz St. Immaculata
Kirchstr. 9
D-82444 Schlehdorf
www.schlehdorf.org

Missionsärztliche Schwestern

Missionsärztliche Schwestern
Scharnhölzstr. 37
D-46236 Bottrop
www.missionsaerztliche-schwestern.org

Missionsdominikanerinnen Strahlfeld

Missionsdominikanerinnen Strahlfeld
Am Jägerberg 2
D-93426 Roding-Strahlfeld
www.kloster-strahlfeld.de

Missionsschwestern v. d. Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes

Missionsschwestern v. d. Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes
Bäckergasse 14
D-48143 Münster
www.missionsschwestern-muenster.de

Missionsschwestern vom Hlst. Herzen Jesu

Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu
Hohe Geest 73
D-48165 Münster-Hiltrup
www.msc-hiltrup.de

Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel

Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel
Friedensplatz 6
D-37308 Heilbad Heiligenstadt
www.smmp.de

Spiritaner

Spiritaner
Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist
Missionshaus Knechtsteden
D-41540 Dormagen
www.spiritaner.de


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Janete ist 21, sie träumt davon, zur weiterführenden Schule zu gehen. Doch in Leme, einer Stadt bei Sao Paulo in Brasilien, hat sie kaum Perspektiven.

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Ab ins Kloster. Auf Familie und Karriere verzichten: Vier junge Menschen aus vier verschiedenen Erdteilen verraten, was sie an einem Gott geweihten Leben reizt. Verfolgen Sie ihren Aufbruch ins Ordensleben hier.

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