Neulich in der Bäckerei fragt der junge Verkäufer: „Was hättest du denn gerne?“ Ich schaue kurz über meine Schulter, irritiert. Da steht niemand, also bin wohl ich gemeint. Während ich ihm meinen Wunsch nenne, beschleicht mich Unbehagen. Ich möchte von dem freundlichen Mann, dessen Mutter ich sein könnte, nicht einfach so salopp geduzt werden.
Sprache wandelt sich
Klar, wo sich die Gesellschaft wandelt, wandelt sich auch die Sprache. Zum Glück herrscht nicht mehr das patriarchale Familienbild, das Kinder veranlasste, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ihre Eltern zu siezen. Heute ist das „Du“ überall auf dem Vormarsch – beim Einkaufen, im Restaurant und in der Autowerkstatt. In internationalen Unternehmen und in der Start-up-Szene ist es normal, sich am Arbeitsplatz zu duzen. Aber: Nur weil sich plötzlich alle duzen, gibt es die Hierarchien ja weiterhin.
Knigge-Regeln sind hilfreich
Das „Du“ suggiert eine Vertrautheit, wo keine herrscht. Ich möchte selbst entscheiden, ob ich jemanden freundlich auf Distanz halte oder ihn näher an mich heranlasse. Gerade schwierige berufliche Gespräche lassen sich mit dem respektvollen „Sie“ leichter führen. Die Knigge-Benimm-Regeln finde ich hilfreich, sie bewahren davor, in Fettnäpfchen zu treten: Die ältere Person bietet der jüngeren das „Du“ an, die Frau dem Mann. Und im beruflichen Kontext ist es den Vorgesetzen vorbehalten. Ist das antiquiert? Nein! Im Gegenteil: Es bewahrt das „Du“ davor, durch inflationären Gebrauch an Wert zu verlieren.
Von Eva Maria Werner