Bis 1994 galt in Südafrika „Apartheid“. Das niederländische Wort bedeutet „Getrenntheit“, und die war total: Nur Weiße durften wählen. Die schwarze Bevölkerung lebte in „homelands“; wer einen Pass hatte, durfte sich maximal 72 Stunden im Gebiet der Weißen aufhalten. In den sogenannten Bantu-Schulen bekamen die Kinder der schwarzen Bevölkerung eine einfache Ausbildung.

Im Alltag wurde überall getrennt: Sitzbänke, Toiletten, Ticketschalter, Badestrände jeweils für „Europäer“ und „Coloured“. Die „Rassen“ begegneten sich nur da, wo die Dienste der Schwarzen gebraucht wurden. Schwester Ann Wigley, Dominikanerin aus Südafrika, hat die Geschichte der Apartheid im eigenen Orden dokumentiert. Auch für sie als weiße Schwester sind es schmerzhafte Erinnerungen. Denn obwohl sie wie viele andere das Unrecht erkannte, erlaubten die staatlichen Gesetze keine Alternative.

Einheimische mussten eigene Kongregation gründen

Dabei war die Idee der Gründerin, Mutter Augustine Geisel, eigentlich ganz anders: „Zur Ehre und zum Ruhm Gottes wäre es besser, wenn die schwarzen Schwestern Vollmitglieder der Kongregation würden.“

Doch in der Zeit der gnadenlosen „Rassentrennung“ ließ sich das nicht durchsetzen. So durften Einheimische Frauen nicht bei den Weißen eintreten, sondern mussten ihre eigene Kongregation gründen. Ihre Vorgesetzten waren weiß. Wie die Trennung damals funktionierte, erzählt Schwester Ann an einem Beispiel: Als im afrikanischen Noviziat von Lilyfontein die Glocke zum Gebet läutete, sprach die deutsche Novizenmeisterin gerade mit einem Besucher. Er fragte: „Müssen Sie nicht zum Beten gehen?“ „Nein“, sagte sie. „Das ist für sie, ich bete separat.“

1952 wurde Schwester Aidan Quinlan, eine irische Ärztin, die in einer Armensiedlung arbeitete, von einem Mob brutal ermordet. Ann Wigley war damals eine Jugendliche, aber sie erinnert sich gut, wie verständnisvoll die Schwestern zu ihr über die Mörder sprachen. Doch zu einem massiven politischen Protest konnten sie sich nicht durchringen, erinnert sich die heute 86-Jährige: „Es hieß immer: Wenn wir gegen die Apartheid protestieren, werden wir nach Deutschland zurückgeschickt. Wir sind besser still, damit wir bleiben und unsere gute Arbeit fortsetzen können.“

Apartheid überwinden, Gesellschaft einen

1982 gelang es den Dominikanerinnen endlich, ihre getrennten Gemeinschaften zu einer Kongregation zusammenzuschließen. Doch die Wunden, die die Apartheid bei den schwarzen Schwestern hinterließ, waren tief. Noch Jahre später hatten sie das Gefühl, dass sie im Orden weniger wert waren und ihre Anregungen und Bedürfnisse wenig zählten. Darüber hinaus wurden sie von Afrikanerinnen aus anderen Ordensgemeinschaften als Verräterinnen beschimpft, weil sie zu einer weißen Kongregation gehören wollten.

Die staatliche Wahrheitskommission versuchte, die zerrissene Gesellschaft zu einen, indem sie Opfer und Täter zu Anhörungen zusammenbrachte, und so zu versöhnen. Auch die Dominikanerinnen richteten Erzählgruppen ein, in denen die Erfahrungen der Apartheid für alle hörbar werden konnten. Vielen Schwestern haben diese Erinnerungen geholfen, mit einer schmerzlichen Vergangenheit abzuschließen, andere möchten am liebsten gar nicht mehr darüber sprechen.

Prozess der Heilung

„Es ist ein Prozess der Heilung, den wir begonnen haben und der noch lange andauern wird“, weiß Schwester Ann, die viele Jahre lang Novizenmeisterin in einem weißen Noviziat war. „Es ist der gleiche Prozess, den unsere ganze Nation durchlaufen muss. Das Trauma der Apartheid sitzt tief in unserer kollektiven Seele.“ Und hinterlässt Spuren in der Gesellschaft: Südafrikas Mord- und Vergewaltigungsrate zählt zu den höchsten der Welt. Die Regierung, gewählt von schwarzen und weißen Bürgern, ist korrupt und hat das Land heruntergewirtschaftet. Die Schwestern hoffen, dass ihr Prozess helfen wird, die verwundete Gesellschaft Südafrikas zu heilen.

Text: Christina Brunner

Kommentar

Es ist sehr schmerzhaft, die Berichte der eigenen Mitschwestern zu lesen, zu hören und auch die Auswirkungen mitzuerleben im Zusammensein. Und es ist leicht, in die verurteilende Haltung zu gehen: Wie kann man nur …? Und das auch noch unter Ordensfrauen!

Die gefährliche Rede von der „Re-Migration“, „Ausländer raus“, „Wir Deutschen sind die Besseren!“ hören wir ja auch bei uns an jeder Ecke. Mögen wir doch lernen und immer wieder dafür auf- und einstehen, dass alle Menschen die gleiche Würde und gleiche Rechte haben und das Zusammenleben auf Augenhöhe uns alle bereichert.

Schwester Barbara Witing, Dominikanerinnen Schlehdorf