Magazin > Heft 03-2010

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Allein gelassen
REPORTAGE 2 - Die WM-Verlierer
INTERVIEW - Monsignore Jan Dumon
HINTERGRUND - Wohlgeschmack und Widerwille
NACHRICHTEN
MENSCHEN

          Frau im Rollstuhl sitzend

REPORTAGE 1 – 03-2010:

Allein gelassen

Armut, Krankheit, Einsamkeit — das Leben ist hart für die Alten in den rumänischen Dörfern Schineni und Siretu. Gut, dass Krankenschwester Viorica regelmäßig nach ihnen schaut.

Text: Barbara Leyendecker

Fotos: Cathia Hecker

   

Verlassen liegt der heruntergekommene Hof in der Mittagshitze. „Wo mag Maria nur wieder stecken?“, murmelt Krankenschwester Viorica Tatariga, die bei ihren heutigen Hausbesuchen nach den alten Bauersleuten Bisok sehen möchte. Da — die Hacke in der Hand bearbeitet die 75-Jährige ihr Feld hinter dem Haus. „Du sollst doch nicht in der Mittagshitze draußen im Garten arbeiten!“, schimpft Viorica zur Begrüßung liebevoll mit Maria Bisok. Nur widerwillig stellt die alte Bäuerin die Hacke zur Seite und verspricht, heute nicht mehr in die Kartoffeln zu gehen. Doch beide Frauen wissen genau: Wenn Maria den Garten nicht in Schuss hält, werden ihr Mann Stefan und sie im harten rumänischen Winter nicht genug zu essen haben. Dabei schadet die anstrengende Arbeit Marias Blutdruck, der ohnehin immer zu hoch ist. Und seit ihr Mann bettlägerig ist, liegt die ganze Verantwortung allein auf ihren Schultern.

Schwere Last: Seit ihr Mann Stefan bettlägerig ist, liegt die Verantwortung für den Hof allein auf den Schultern der 75-jährigen Maria Bisok.

„Komm, wir gucken nach Stefan“, sagt Viorica. Marias Mann liegt drinnen auf dem Sofa im Wohnraum, trotz der Hitze unter einer Decke. Seit er nicht mehr aufsteht, ist das Leben der alten Leute auf diesen Raum begrenzt: Das Telefon, der Küchenschrank, der Herd, die Kleidung — alles hat seinen Platz auf den knapp 20 Quadratmetern. Am Fußende des Sofas piepsen in einem Schuhkarton zwei Dutzend winzige Küken, die die Bisoks vor deren bissiger Mutter in Sicherheit gebracht haben....

 

 

Obdachlose Frau sitzt abends in Decken gehüllt auf dem Boden außerhalb des neuen Stadions in Kapstadt

REPORTAGE 2 - 03-2010:

Die WM-Verlierer

Südafrika putzt sich heraus für die Fußballweltmeisterschaft — die erste auf dem Schwarzen Kontinent. Wenn am 11. Juni die Spiele beginnen, will sich das Land am Kap von seiner besten Seite zeigen. Wer nicht ins Bild passt, muss verschwinden. So wie Nadine, Dolly und Johannes.
 

Text: Beatrix Gramlich
Fotos: Fritz Stark

Nadine presst die zerknitterte Zeitung an sich, als hätte sie Bauchschmerzen. „They forced us to Blikkiesdorp“ prangt in dicken Lettern über dem Aufmacher. „Sie haben uns gezwungen, in das Blechdorf zu ziehen.“ Die Ausgabe der People’s Post ist zwei Wochen alt. Ein paar schmuddelige Seiten, die bestenfalls noch dazu taugen, um auf dem Markt den Fisch einzuwickeln. Doch Nadine klammert sich an sie, als stünde damit ihre Existenz auf dem Spiel. Die Zeitung ist wie ein persönlicher Triumph. Der Beweis, dass es stimmt, was sie und die anderen sagen.

Beengt: Die Barackenhütten stehen Wand an Wand. 16 Leute und mehr teilen Toilette und Spülstein.

Derweil versinkt die Sonne hinter dem Tafelberg in spektakulärem Abendrot und vergoldet die schmutzigen Sandhügel am Stadion. An Kapstadts „Waterfront“, wo sich die Gebäude der alten Viktoriawerft längst in Restaurants verwandelt haben, suchen erste Touristen einen Sitzplatz mit Seeblick. Vereinzelt laufen noch Jogger oder Hunde mit Herrchen über den Strand. Sie müssen sich beeilen. Denn mit Einbruch der Dunkelheit wird es gefährlich auf Kapstadts Straßen — die Reichen trauen sich dann nur noch im Auto vor die Tür.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Reisen: Jan Dumon besucht viele Ortskirchen.

INTERVIEW 03-2010

Interview mit
Monsignore Jan Dumon

„Wir müssen zurück zum Konzil“

Foto: POSPA

Während die Zahl der Priester in Europa sowie in Nord- und Südamerika zurückgeht, steigt sie in Afrika und Asien kontinuierlich an. Über 409000 Priester verzeichnet der Vatikan derzeit. Monsignore Jan Dumon leitet das Päpstliche Apostel-Petrus-Werk für die Priesterausbildung.

Bevor im Juni das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Priesterjahr zu Ende geht, hat kontinente Monsignore Jan Dumon, den Generalsekretär des Päpstlichen Missionswerkes des Heiligen Apostels Petrus (POSPA), das sich um die Ausbildung von Priestern und Ordensleuten in den Ortskirchen kümmert, zum modernen Priestersein befragt.

Was ist ein guter Priester?

Ein guter Priester ist je­mand, der sich im Innersten seines Lebens und seiner Motivation mit der Mission Jesu Christi identifizieren kann. Es ist jemand, der an der Seite der Menschen ist. Bei denen, die keine Chance haben — egal, ob sie körperlich oder seelisch, sozial oder moralisch krank sind. Er ist Teil der Gemeinschaft aller Söhne und Töchter Gottes. Das ist es, was das Evangelium Reich Gottes nennt.

Brauchen wir verschiedene Priestertypen in den verschiedenen Erdteilen?

Natürlich haben wir verschiedene Arten von Priestern. Wir haben die, die es als ihr geistliches Amt ansehen, die Menschen im Namen Jesu Christi als Gemeinschaft zusammenzubringen und das Reich Gottes zu verwirklichen. Und wir haben den klerikalen Priester, der seine Funktion formaler und ritueller versteht, der sich mehr in den Gebäuden und Strukturen der Kirche zu Hause fühlt als auf den Marktplätzen. Ich fürchte, die Ausbildung von Priestern geht in einigen Ländern mehr in die Richtung dieses Priestertyps. In Afrika oder Asien ist der klerikale Priester vielleicht verbreiteter. Die europäischen Priester haben die Krise des Klerikalismus schon durchlaufen. In Afrika und Asien muss diese Krise erst noch kommen oder wird noch nicht erkannt.

Muss sich etwas verändern in der Kirche?

Wir müssen die Kirche zuallererst als Kirche des Volkes Gottes verstehen. Wenn wir in Strukturen denken, die vom Klerus gemanagt werden, dann werden die Laien immer als Ausführende dessen begriffen, was der Klerus entschieden hat oder plant. Oder sie sind im besten Fall Berater des Klerus. Dem Neuen Testament zufolge sind die Priester jedoch die Helfer der Gemeinschaft und die Laien die Helfer der Priester. Die Priester müssen bei den Menschen sein! Die Institution Kirche muss zurückkehren zum gesamten Prozess des Zweiten Vatikanischen Konzils. Im Moment gibt es aber eine Bewegung zurück zu dem, was vor dem Zweiten Vatikanum war, worauf das Konzil die Antwort sein wollte. Wir brauchen ein neues Aggiornamento, eine neue Öffnung! Der Knackpunkt ist, ob wir es schaffen, die Frohe Botschaft in die Gesellschaft hineinzutragen. Das wird nicht gelingen, wenn wir außerhalb der Gesellschaft stehen und in unserer eigenen Welt leben — auch wenn wir manchmal „nette Dinge“ tun, etwa im sozial-karitativen Bereich. Um es in der Fußballsprache zu sagen: Manches sieht aus wie ein Tor, ist aber Abseits. Wir merken nicht, dass vieles, was wir in der Kirche sagen und tun, wirklich Abseits ist.

Sollte Papst Benedikt etwas dagegen tun?

Es ist nicht so sehr ein Problem des Papstes. Es ist ein Problem des gesamten Systems. Das kann man nicht in einigen Teilen oder mit einigen Interventionen verändern. Ich denke, das System muss erst zusammenbrechen, bevor die lebendige Kirche eingreifen kann. In Europa stehen wir noch in der kontinuierlichen Entwicklung. Ein Teil der Kirche wird weiterbestehen, wo sie eine gewisse Macht hat und in die sozialen Strukturen eingebunden ist. Die interessantesten Schauplätze in der Kirche sind aber dort, wo sie diese Situation nicht haben. Dort, wo Christen gelernt haben, selbst in kleinen Minderheiten Christen zu sein. An diesen Orten ist die Kirche sehr lebendig.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Kirche?

Ich weiß nicht, ob die Kirche als Ganzes, besonders unter dem Einfluss des Westens, fähig ist, sich zu ändern. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils waren alle überzeugt, dass sie es kann. Aber die jüngste Geschichte zeigt: Sobald sie es kann, gerät sie wieder unter den Einfluss von Christen, die ihre eigene Vision der Gesellschaft verwirklichen wollen. Ich hoffe, dass die ernsten Probleme, die wir seit einigen Monaten und Jahren haben, eine Einladung sein können, um die autoritären Strukturen zu verändern und uns der Gesellschaft zu öffnen. Unsere Identität kann keine andere sein als die von Jesus Christus. Nicht die Identität von Macht und Lobbybildung und all dem. Das ist nicht unser Wesen. Unsere Identität ist die eines gekreuzigten Mannes. Die Frage ist: Können wir eine brüderliche Kirche werden? Eine Kirche, in der es keine Frage ist, ob einer höher steht als der andere, sondern wo klar ist: Ihr habt nur EINEN Vater und ihr seid alle Brüder.

Was kann POSPA dazu tun?

Die Ausbildung der Priester ist extrem wichtig, nicht nur aus theologischen Gründen. Es ist ein ehernes Gesetz, dass eine Gemeinschaft nicht ohne jegliche Institutionalisierung existieren kann. POSPA fördert eine qualitätsvolle Ausbildung. Natürlich fördern wir auch, ohne es zu wollen, die Ausbildung zu einem sehr klerikalen Priestertum, das den Opferpriester hervorbringt, der sich in der täglichen Eucharistie selbst als Opfer hingibt. Das lässt sich nicht leugnen. Jede Kirche muss den Weg für die Ausbildung ihrer Priester nach dem Prinzip Versuch und Irrtum finden. Ich komme grade aus Ghana, wo ich junge Seminaristen besucht habe. Ich bin sehr beeindruckt von der Qualität des Personals in den Seminaren und von den Visionen dort. Ghana zählt zu den besten Ortskirchen in Afrika. Es hat mich sehr ermutigt, dass POSPA hierbei geholfen hat. Dies geschieht durch soviel mehr als durch finanzielle Unterstützung: Es ist zuallererst eine Sache von Gemeinschaft und Gebet. Natürlich bleibt die finanzielle Förderung wichtig. Die Ausbildung von Priestern wird immer teuer sein. Eine Kirche, die darum kämpfen muss, ihren Klerus zu bezahlen, könnte zwar ihr gesamtes Budget in die Priesterausbildung stecken — doch sie muss von der Obrigkeit gesponsert werden. Ich habe aber andererseits ein Problem damit, wenn in den Ortskirchen jemand erwartet, dass die universale Kirche für die gesamte Ausbildung der Priester aufkommt. Es kann immer nur ein Beitrag sein, den wir leisten.

In Europa, Nord- und Südamerika sinken die Priesterzahlen, in Afrika und Asien steigen sie. Wird POSPA die Priesterausbildung in der westlichen Welt künftig stärker fördern?

POSPA ist bislang kaum eingebunden in die Priesterausbildung in Europa, mit Ausnahme von Albanien sowie Bosnien und Herzegowina. Unsere Arbeit ist an die Ortskirchen in Afrika, Asien und Ozeanien gekoppelt. Ich habe den Eindruck, dass die Zeiten, als die Seminare Lokomotiven waren, die automatisch vorangefahren sind, weit zurückliegen. In der Ausbildung der Priester hängt alles davon ab, wer die Ausbilder sind. Ich halte es für wichtig, dass wir ein Team von Ausbildern mit verschiedenen Fähigkeiten und Charismen haben. Die Seminare müssen Raum bieten für Forschung und Freiheit. Sie dürfen nicht sein, was wir in Zaire, dem heutigen Kongo, wo ich lange tätig war, die „Schule der Partei“ nannten. Darum brauchen wir in den Seminaren auch so gut ausgestattete Bibliotheken — das ist auch ein Bereich, in dem POSPA hilft. Die meisten Ausbilder und Bischöfe sind sich zum Glück bewusst, dass wir unsere Seminaristen nicht vor den Gefahren der „äußeren“ Welt zu schützen brauchen. Wir müssen ihnen die geistige Nahrung geben, die sie befähigt, ein Teil der Gesellschaft zu sein und wirklich mit den Menschen kommunizieren zu können.

Das Gespräch führte Hildegard Mathies

ZUR PERSON
Monsignore Jan Dumon

Monsignore Jan Dumon, im Juli 1942 in Brüssel geboren, ist seit 2005 Generalsekretär des Päpstlichen Missionswerkes des Heiligen Apostels Petrus (POSPA). Davor war der Belgier Nationaldirektor von Missio Belgien. Zwei Wochen nach seiner Priesterweihe, die er 1969 in Leuven erhielt, wurde Jan Dumon in den Kongo, damals noch Zaire, gesandt, wo er 17 Jahre als Priester und Professor an den Seminaren in Mbujo-Mayi und Kananga tätig war. POSPA fördert die Ausbildung des Klerus in den Ortskirchen.
 
 

HINTERGRUND 03-2010


 

Wohlgeschmack und Widerwille

Andere Völker, andere Sitten: Thailänder finden Insekten außerordentlich lecker, Europäer ekeln sich eher davor. Dabei würden sie wahrscheinlich viele exotische Köstlichkeiten mögen — mit verbundenen Augen. Ein Plädoyer zur Überwindung der kulinarischen Feigheit.
 

Na, läuft Ihnen beim Anblick der Heuschreckenspießchen das Wasser im Mund zusammen? Oder wird Ihnen schon beim bloßen Gedanken übel, sich die Krabbelbeine dieses Insektes einzuverleiben und genüsslich auf seinem Chininpanzer herumzukauen? Dann gehören Sie — weltweit gesehen — eindeutig zu einer Minderheit. Nicht nur in „unterentwickelten“ Gesellschaften, sondern auch in vielen der höchst entwickelten Zivilisationen dieser Welt gehören Insekten zur alltäglichen Kost. Gegrillt oder gekocht, mit ein bisschen Salz und einem Gläschen trockenen Weißwein dazu — vieles ist einfach eine Frage der Zubereitung. Und warum — in Zeiten grenzenlosen Reisens — nicht einmal seinen kulinarischen Horizont erweitern und etwas riskieren? Wer Interesse an fremden Kulturen hat, sollte sich auch offen für die Essensgewohnheiten der Bewohner eines Landes zeigen und mehr als nur einen Blick in andere Kochtöpfe werfen, rät Jerry Hopkins, Fachmann in Sachen skurriler Nahrung.

Globalisierung beginnt im Kochtopf

„Als passionierter Reisender empfehle ich jedem, der meine Leidenschaft für neue Orte und Menschen teilt, sich an den guten alten Rat zu halten: ,In Rom tu, was Rom tut‘ — man passe sich seiner Umgebung an. Probieren Sie das einheimische Essen — ich glaube, damit lässt sich eine Kultur besser verstehen, als wenn man die fremde Sprache lernt, eine Einheimische heiratet oder zur örtlichen Religion konvertiert. “ Tatsächlich begann die Globalisierung wahrscheinlich nirgends so früh wie in den Kochtöpfen. Nahrungsmittel wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Auberginen oder Kakaobohnen, die die Eroberer aus Südamerika mitbrachten, haben die Ernährungsgewohnheiten in Europa revolutioniert. Wir haben uns an Nahrungsmittel gewöhnt, die uns früher fremd und vielleicht sogar ekelig erschienen. Mit Knoblauch verbanden wir den ätzenden Geruch von Menschen, die aus den armen Mittelmeerländern als Gastarbeiter zu uns kamen. Heute würzen die Deutschen ihre Speisen selber gerne mit viel „Knofel“. Und wer hätte gedacht, dass die Vorliebe der Japaner für rohen Fisch, Sushi, hierzulande hoffähig werden könnte?

Demgegenüber verschwinden einstige Spezialitäten von unse­ren Speiseplänen, weil sie gesundheitstechnisch nicht mehr opportun scheinen. Die gute alte Kalbsleber zum Beispiel oder andere Innereien. Spätestens mit dem „Rinderwahn“ kamen plötzlich Strauß, Känguru und anderer Rinderersatz ins Gespräch. Und immer mehr Menschen fingen an, diese „skurrilen Spezialitäten“ als Nahrungsalternativen ernst zu nehmen.

Also: Warum nicht auch Gemüsecurry mit Ameiseneiern, frittierte Spinnen, Ratteneintopf, marinierte Fledermäuse oder Quallensalat? Verdaulich und verträglich sind sie allemal für die menschliche Spezies. Und nahrhaft sowieso. Insektenfleisch zum Beispiel ist ernährungswissenschaftlich betrachtet fast so nahrhaft wie rotes Fleisch oder Geflügel. Einhundert Gramm afrikanische Ter­miten enthalten 610 Kalorien, 38 Gramm Protein und 46 Gramm Fett. Zum Vergleich: Ein hundert Gramm schwerer, gebratener, mittelfetter Hamburger enthält nur 245 Kalorien, 21 Gramm Protein und 17 Gramm Fett. Allerdings ist die Qualität der Insekten-Proteine gemessen an ihren Aminosäure-Werten ein wenig unvorteilhafter gegenüber rotem Fleisch, Geflügel oder Fisch. „Nee“, höre ich Sie sagen, „ das krieg ich bei bestem Willen nicht runter!“ Und wahrscheinlich heben sie die Oberlippe, rümpfen die Nase und kneifen die Augen zu. Diese typische Ekel-Mimik ist rund um den Erdball gleich. Nur die Geschmäcker sind extrem verschieden. Speisen, zu deren Genuss man sich einfach nicht überwinden kann, kennt jeder. Auch der Indianer am Amazonas oder der Chinese. Letzterer ekelt sich zum Beispiel vor unserer köstlichen Kuhmilch. Und warum? Weil er sie einfach nicht verträgt. Ihm fehlt — wie übrigens den meisten Menschen in Asien, Afrika und Ozeanien — ein bestimmtes Gen, das für die Produktion des Enzyms Laktase verantwortlich ist. Das hilft die komplexen Milchzuckermoleküle aufzuspalten und zu verdauen.

Genau genommen sind wir also die Exoten. Nur wir Menschen des Nordens können abnormerweise Laktose absorbieren. Das verdanken wir wahrscheinlich besonderen Umständen vor Tausenden von Jahren, die uns zwangen, Milchtrinker zu werden. Weil Milch in besonders großer Dosis bereitstellte, was der Nordeuropäer möglicherweise in au­ßer­gewöhnlich großer Menge brauchte. Vermutlich ging es um Kalzium, das der Körper für den Aufbau, die Erhaltung und die Regeneration der Knochen braucht. Der Chinese dagegen war offenbar niemals durch seine Umwelt oder Lebensweise dazu gezwungen, seinen Kalziumbedarf aus der Milch zu decken. Umgekehrt sind viele Gesellschaften darauf angewiesen, ihren Proteinbedarf aus dem Verzehr von Insekten zu decken. Und sei es, um andere Nahrungsquellen dadurch zu schützen: Vor einigen Jahren gab es in Thailand eine Insektenplage. Die Behörden empfahlen den Landwirten, die gefräßigen Tiere kurzerhand selber aufzuessen, die ihnen 60 Prozent der Ernte vertilgt hatten. Das sei der beste Weg, den Lebenszyklus dieser Insekten zu unterbrechen und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verhindern. Dieses Prinzip der „Schadloshaltung an den Schadensstiftern“ finden wir bereits im Alten Testament. Wegen ihrer vernichtenden Wirkung auf Feldfrüchte und Viehfutter wird die Heuschrecke im 3. Buch Mose vom Verbot des Insektenverzehrs ausgenommen (Kap. 11,22).

Vergöttert oder verabscheut

Der Ethnologe Marvin Harris behauptet, Menschen hätten für das, was sie tun, normalerweise gute und ausreichende praktische Gründe, und davon seien die Essgewohnheiten nicht ausgenommen. Einschließlich ihrer Tabus. Ob eine Tierheit zur Gottheit gemacht oder verabscheut werde, hänge davon ab, ob sie sonst noch einen Nutzen hat oder nur schädlich ist. „Eine heilige Kuh bei den Hindus, die nicht gegessen wird, liefert Ochsen, Milch und Dung. Sie wird vergöttlicht. Ein Pferd, das nicht gegessen wird, gewinnt Schlachten und pflügt Felder. Es gilt als edles Tier. Ein Schwein, das nicht gegessen wird, ist nutzlos — weder pflügt es die Felder, noch gibt es Milch, noch gewinnt es Kriege. Deshalb wird es — wie bei Muslimen und Juden — verabscheut. Insekten, die nicht gegessen werden, sind schlimmer als Schweine, die nicht gegessen werden. Sie verschlingen nicht nur die Frucht auf den Feldern, sie fressen uns auch das Essen vor der Nase vom Teller weg, beißen uns, stechen uns, verursachen Juckreiz und trinken unser Blut. Sie sind durch und durch schädlich und haben nicht den geringsten Nutzen.“

Womit wir wieder zu unserer Abscheu vor Insekten und auf die kulinarischen Herausforderungen unseres Reisealltags zurückko­men: Was tun, wenn man eine Speise vorgesetzt bekommt, zu deren Genuss man sich einfach nicht überwinden kann? Ein Spießchen mit gegrillten Heuschrecken in China zum Beispiel. Die pure Fettschwarte vom Hammel, die in einem klimatisch ruppigen Land wie der Mongolei als das Beste vom Fleisch gilt. Das Auge einer Ziege, weil es in vielen Gesellschaften als Delikatesse gilt und dem Ehrengast gebührt? Höflich ablehnen oder Augen zu und durch? Nicht einmal der Knigge weiß hier Rat. Im Gegenteil: Von Südamerika bis China empfiehlt er, alles zu kosten, was man Ihnen vorsetzt. „Speisen mit angewiderter Mimik ablehnen“ ist absolut tabu. „Probieren Sie von allem. Denken Sie notfalls dabei an etwas Anderes.“

Auch der Gourmet-Abenteurer Jerry Hopkins empfiehlt, seine kulinarische Feigheit zu überwinden und seinem Kopf ein Schnippchen zu schlagen. Meistens sei es ja die Vorstellung, die den Verzehr eines Wesens so schwierig mache. Gar nicht sein tatsächlicher Geschmack. „Nach meiner Theorie können Sie so gut wie alles essen — vielleicht sogar Ihre Socken — wenn es in Öl frittiert und dann mit einer pikanten Dippsauce serviert wird.“ Generell rät er, sich vor exotischen Mahlzeiten immer ein bisschen Mut anzutrinken und problematische Brocken im Zweifelsfall mit einem kräftigen Schluck herunterzuspülen. Anson­sten hilft nur noch die kleine aber unschlagbare Notlüge: „Tut mir Leid, aber ich bin Vegetarier.“

 

 

 

 

Nachrichten 03-2010:

INDIGENE VÖLKER

Desaströse Lebensbedingungen

Zwei Jahre nach der Verabschiedung der UN-Deklaration zum Schutz der indigenen Völker haben die Vereinten Nationen jetzt einen wissenschaftlichen Report zur Lage der Ureinwohner vorgelegt. Er bestätigt: Die Lebensbedingungen von 370 Millionen Indigenen weltweit sind alarmierend schlecht.

Mit „Avatar“ hat Regisseur James Cameron nicht nur den erfolgreichsten Kinofilm aller Zeiten gedreht, sondern auch das Leid der Indigenen auf berührende Weise zum Thema gemacht. Der Film erzähle die reale Geschichte ihres Lebens, sagten Vertreter von Buschleuten, Penan und Amazonas-Indianern. Ureinwohner sind in besonders hohem Maße von Armut, Gesundheitsproblemen, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen betroffen und leben im Durchschnitt 20 Jahre kürzer als ihre Mitmenschen, fanden die sieben unabhängigen Experten und Autoren der UN-Studie heraus. Die Hälfte der über 35-Jährigen leidet an Diabetes. Tuberkulose, Aids und Malaria kommen bei Ureinwohnern häufiger vor als in anderen Bevölkerungsgruppen. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist überproportional hoch, mehr als jede dritte Frau werde in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung. Indigene sind außerdem systematischer Diskriminierung durch staatliche Behörden ausgesetzt und werden oft als Kriminelle, ja sogar als Terroristen, verdächtigt. Mit dem Bericht belegt die UNO in nüchternen Zahlen und Fakten, was hinlänglich bekannt ist. Er ist eine Ohrfeige für alle Staaten, die die Rechte ihrer indigenen Landsleute mit Füßen treten, nicht nur in Entwicklungsländern sondern auch im industrialisierten Norden. Gleichzeitig ist er eine wichtige Basis, um die Folgen der jahrhundertelangen Diskriminierung zu bekämpfen. Als indigene Völker werden die Nachkommen einer Bevölkerung bezeichnet, die vor der Eroberung, Kolonisation oder Gründung eines Staates in einem Gebiet gelebt haben und sich als eigenständiges Volk verstehen, das seine alte soziale, kulturelle und wirtschaftliche Lebensweise fortführen will. Sie zu schützen und zu fördern ist ein wichtiges Ziel der internationalen Völkergemeinschaft. Mehr als 20 Jahre brauchten die UN, um 2007 eine entsprechende Deklaration zu verabschieden. Sie gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Selbstbestimmung der Indigenen. Darin wird die Verfügungsgewalt über ihr Land und die dort liegenden Bodenschätze bekräftigt. Denn die Landrechte sind entscheidend für das kulturelle und physische Überleben der Indigenen. Für viele Regierungen ist das genau der Knackpunkt: Häufig ist das Traditionsland der Ureinwohner äußerst fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Durch den Bau von Dämmen, die Abholzung der Wälder, durch Bergbau und Sojaplantagen werden jedoch ganze Landstriche zerstört und die Menschen vertrieben. Mitunter komme das einem „Genozid“ gleich, heißt es in dem UN-Report.  (vb)


 

STANDPUNKT

Elin Martinez, 24
Referentin für Asien und Pazifik-Staaten, Franciscans International, Genf

Die Ergebnisse des UN-Berichts zur Lage der indigenen Völker dürften niemanden schockieren. Denn dass die Lebensbedingungen der Ureinwohner weltweit desaströs sind, ist altbekannt. Der Bericht zeigt die wesentlichen Bedrohungen auf: Kinder- und Müttersterblichkeit, Vertreibung, Klimaveränderung, starke Militarisierung, Zwangsräumung und Separation von den Territorien und Ressourcen ihrer Vorfahren. Die Besorgnis erregenden Fakten der Studie unterstreichen die dringende Notwendigkeit eines ernsthaften politischen Willens, eines verbindlichen Engagements und der Bereitschaft, Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Staaten sollten endlich aufhören, Entschuldigungen vorzubringen und stattdessen eine Politik betreiben, die tatsächliche Veränderungen bewirkt und die Lebenssituation der indigenen Völker verbessern kann. Es ist höchste Zeit, dass die Staaten ihre Verantwortlichkeit akzeptieren und rasch aktiv werden. Brauchbare Richtlinien dafür und bewährte Vorgehensweisen haben die Vereinten Nationen während der letzten zehn Jahre erarbeitet und verabschiedet.
 

Grafische Darstellung der Thematik

MENSCHENRECHTE

Beschneidung in Afrika

In Afrika ist die Beschneidung vom Horn von Afrika bis Westafrika besonders verbreitet. Weltweit haben 100 bis 140 Millionen Frauen die Genitalverstümmelung erlitten, schätzt die Weltgesundheitsorganisation.
 
 
 

HAITI

Die Haitianer können nicht trauern

Die Folgen des katastrophalen Erdbebens vom Januar 2010 wird Haiti noch lange spüren. Die Bewohner des ohnehin seit Jahrzehnten schwer gebeutelten Landes werden auch seelisch noch auf unabsehbare Zeit leiden. Da viele der geschätzt über 220000 Toten wegen des unvorstellbar großen Ausmaßes der Katastrophe und wegen der Seuchen­gefahr in Massengräbern bestattet wurden, konnten und können die Haitianer ihre Totenrituale nicht durchführen. Dem Voodoo-Glauben zufolge kehrt der Tote nach Afrika zurück, nach Guinea, woher die haitianischen Sklaven stammten. Mit einer aufwändigen Begräbniszeremonie, zu der viele Blumen und Musik gehören, schicken die Haitianer daher normalerweise ihre Verstorbenen auf die Reise. Ein weiteres Ritual ist ebenfalls undurchführbar: Der Geist wichtiger Persönlichkeiten lebt gemäß Voodoo in den ersten zwei Jahren unter Wasser weiter. Danach kehrt er mittels einer Zeremonie zurück.   (hm)
 

MALAYSIA

Prügel für Frauen

Malaysierinnen müssen künftig damit rechnen, zu Prügelstrafen verurteilt zu werden, wenn es ihrer „Erziehung“ oder Bestrafung dient. Zu Beginn dieses Jahres war die Strafe erstmals an drei jungen Frauen vollstreckt worden, die des vorehelichen Geschlechtsverkehrs für schuldig befunden worden waren. Sie wurden zu je sechs Stockhieben sowie zu Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt. Die Regierung verteidigt die Prügelstrafe für Frauen als „pädagogische Maßnahme“. Der stellvertretende Premierminister Muhyiddin Yassin sagt, es gehe auch darum, die Frauen „zur Reue zu bewegen“. Familienministerin Shahrizat Abdul Jalil betont, dass die Prügelstrafe im Einklang mit der Scharia stehe, dem islamischen Gesetz. Damit „kein falscher Eindruck“ von ihrem Land entstehe, wollte die Regierung allerdings jetzt zu einer internationalen Konferenz über Prügelstrafen einladen. Islamexperten, Politiker aus muslimischen Ländern und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen sollen zusammenkommen und sich über die Praxis von Auspeitschung und Stockhieben in muslimischen Ländern austauschen. Mit der Ankündigung dieser Konferenz reagierte die Ministerin auf nationale und internationale Kritik. Oppositionelle und Menschenrechtsorganisationen bezeichnen die Strafe als „entwürdigend“ und „ungerecht“.  (hm/kna)

 

KOMPAKT

Unter Hartz IV-Niveau

Die Flüchtlingshilfe Pro Asyl kritisiert die Regelsätze für Asylsuchende in Deutschland und will sie mit Hilfe von Musterprozessen verbessern. Einem Haushaltsvorstand stehen bislang 184 Euro monatlich zu .Die Sätze liegen rund ein Drittel unter Hartz IV.

Bleibende Schäden

Bei 12 Prozent der chinesischen Kinder, die im Jahr 2008 melaminverseuchte Milch der Firma Sanlu getrunken haben, wurden bleibende Schäden festgestellt: Nierensteine und eine sogenannte Harnstauniere. Melamin sollte den Eiweißgehalt der Milch erhöhen.

Befreite Sklaven

In Brasilien sind nach Angaben der Kirche im vergangenen Jahr 4236 moderne Sklaven befreit worden, mehr als ein Drittel in den südwestlichen Staaten. Jedes Jahr kommen zwischen 25000 und 40000 Wanderarbeiter neu hinzu, die bei der Suche nach einem Auskommen oder durch Schulden in sklavenähnliche Abhängigkeit geraten.
 

MEDIEN

Radio der Freiheit

Unabhängig, unzensiert, demo­kratisch: das ist Amman.net, das erste freie Internet-Radio der arabischen Welt. Während in anderen Medien vor allem Meldungen aus aller Welt, nur nicht aus dem eigenen Land verbreitet werden, setzt das Radio aus Jordanien ganz auf Lokalbezüge. Die Journalisten decken Missstände und Korruption auf, berichten über aktuelle politische Entwicklungen und dokumentieren, welche Parlamentarier bei den Sitzungen anwesend sind und sich beteiligen — und welche nicht. Außerdem sammelt Amman.net O-Töne, lässt also direkt Augenzeugen und Betroffene zu Wort kommen und befragt Menschen zu ihrer Meinung — auch dies etwas, das andere Medien nicht leisten. Gegründet wurde das Radio von Journalistik-Professor Daoud Kuttab, 57. Um ihn hat sich eine Crew junger Journalisten gebildet, kaum einer älter als 28. Die Redaktion hat viele Praktikanten aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Und auch Kuttab will sein freies Radio weiterverbreiten: Er hat Lizenzen beantragt für Syrien, Jemen und Marokko.   (hm)
www.amman.net (in Englisch)


 

ENTWICKLUNG

Freier Geldverkehr dank Handys

Der Familie im weit entfernten Dorf Geld schicken, die Stromrechnung bezahlen, das eigene Handy aufladen und den Taxifahrer entlohnen: das alles geht per Handy auch in den entlegendsten Gegenden Kenias. Und wenn es nach Mobilfunkanbieter Safaricom geht, funktioniert das Bezahlen mit dem Handy bald in ganz Afrika. M-Pesa heißt das System, Pesa bedeutet auf Suaheli „Geld“, das M steht für „mobile“, wie das Handy auf Englisch heißt. Seit M-Pesa auf dem Markt ist, hat sich der Geldverkehr nachhaltig verändert. Die Menschen werden immer unabhängiger von unseriösen oder unzuverlässigen Boten und von den Banken mit ihren oft hohen Gebühren. Viele der rund 40 Millionen Kenianer können sich kein Konto leisten, ein Handy hat aber jeder Zweite. 14,5 der 18,3 Millionen Handybesitzer sind außerdem Safaricom-Kunden. Durch den mobilen Geldtransfer können sich viele Menschen lange Fahrten vom Dorf zu Banken in der Stadt sparen. Seit der Einführung von M-Pesa im Jahr 2007 ist das Einkommen ländlicher Haushalte zwischen fünf und 30 Prozent gewachsen, hat eine Studie der Universität Edinburgh ermittelt. Der Anbieter hat das Programm mittlerweile erweitert und bereits über 60 Partner, die mit ihm das Bezahlen per Handy anbieten. Auf das Handy lässt sich problemlos auch eigenes Guthaben aufladen, nicht nur zum Vertelefonieren. Mancher verzichtet heute schon bei Reisen darauf, größere Geldbeträge mitzunehmen. Seine Auslagen unterwegs bezahlt er mit dem Handy. Die Banken, die die arme Kundschaft bisher vernachlässigten, stellten überrascht fest, dass ihnen nun die Laufkundschaft wegbleibt.   (hm/kna)
 

FAIRER HANDEL

Neues Siegel

Wer mit gutem Gewissen über seinen  Teppich laufen möchte, der wählt seit einigen Jahren Teppiche mit dem sogenannten Rugmark-Siegel. Das Gütezeichen verspricht dem Käufer: „Dein Teppich ist ohne Kinderarbeit entstanden.“ Das Rugmark­-Siegel ist nun abgelöst worden vom neuen Siegel goodweave. Die Standards für das neue Siegel sind erweitert worden: Künftig wird nicht nur geprüft und zertifiziert, ob ein Teppich ohne Kinderarbeit gewebt worden ist, sondern auch, ob andere Sozial- sowie Umweltstandards eingehalten worden sind. GoodWeave India sorgt nicht nur für die Einhaltung dieser Standards wie angemessene Arbeitszeiten und möglichst gesundheitsschonende Produktionsweisen, sondern hat auch eigene Gesundheitsprogramme aufgelegt. Zu Beginn dieses Jahres wurden etwa in zwei Fabriken in Panipat die ersten Sicherheits- und Gesundheitstrainings durchgeführt. Dabei lernen die Arbeiter unter anderem, sich beim Umgang mit Chemikalien zu schützen. Nach den Lehrgängen konnten die Angestellten zudem einen Gesundheitscheck absolvieren.   (hm)

 

 

 

MENSCHEN 03-2010

LIU XIAOBO

Eingesperrt, aber nicht mundtot

„Ich bin voller Optimismus, dass eines Tages die Freiheit nach China kommen wird, denn keine Kraft der Welt kann dem menschlichen Drang nach Freiheit Einhalt gebieten.“ Der dies sagt, ist Ende vergangenen Jahres zu elf Jahren Haft verurteilt worden: Liu Xiaobo, 54, ehemals Uni-Dozent für Literatur, seit dem Massaker auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ in Peking 1989 einer von Chinas prominentesten Dissidenten. Trotz seiner Verurteilung und obwohl man ihn seine Verteidigungsrede vor Gericht nicht halten ließ, schlägt Xiaobo gegenüber dem Regime versöhnliche Töne an. „Der Hass zerfrisst die Weisheit und das Gewissen einer Person“, wollte er in seinem Plädoyer sagen. „Ich hoffe, in der Lage zu sein, die Feindseligkeit des Regimes mit besten Absichten zu erwidern und Hass mit Liebe zu entschärfen.“ Er sei voller Hoffnung für das Morgen, für ein freies China, betont Xiaobo.   (hm)
 

HASSAN SHEHATA

Nur fromme Kicker auf dem Platz

Ägyptens FußballNationaltrainer setzt ganz auf göttlichen Beistand. Seit er glaubt, einen Zusammenhang zwischen der Frömmigkeit seiner Spieler und dem Erfolg der Mannschaft festgestellt zu haben, hat er beschlossen, nur noch gläubige Muslime auf den Platz zu stellen. Sie müssen ein Leben in „vorbildlich islamischer Weise“ führen. „Ohne gottesfürchtiges Verhalten werde ich nie einen Spieler aufstellen, unabhängig von seinem Potenzial“, sagt Shehata, der das Team seit 2004 trainiert. Längst ist Ägyptens Elf als „Die Knieenden“ bekannt, weil sie sich nach einem Sieg auf den Rasen kniet und betet. Stürmerstar Mohammed Zidan, der in Deutschland bei Borussia Dortmund spielt, hat dabei lange nicht mitgemacht. Der Trainer hat ihn daraufhin ermahnt. Seitdem betet Zidan mit.   (hm)


 

HILDE WIESE

Neuanfang nach Enteignung

Sie war die erste Farmerin, die 2004 im Rahmen der staatlichen Enteignungen in Namibia von ihrer Farm vertrieben worden ist. Doch Hilde Wiese hat sich nicht Groll und Schmerz überlassen, sondern kräftig angepackt und einen Neuanfang gemacht. Blumenhändlerin in Windhoek ist sie geworden und hat gerade einen zweiten Laden aufgemacht. Damit schafft sie auch Arbeitsplätze, was dringend nötig ist in dem südwestafrikanischen Land. Denn Chinesen verdrängen viele Einheimische aus ihren Jobs. Für Hilde Wiese, deren Ahnen aus Deutschland stammen, war klar, dass sie in Namibia bleibt. „Was sollte ich in  Deutschland“, fragt sie, „das kenne ich ja gar nicht.“   (hm)