Magazin > Heft 01-2010

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Das Taizé des Orients
REPORTAGE 2 - Verflucht Weiß
INTERVIEW - Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle
HINTERGRUND - Ethisch sauber Missionieren
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 01-2010:



Das Taizé des Orients

Mar Musa al-Habashi: Der Name des syrischen Wüstenklosters klingt nach Morgenland, Mystik und uralten Zeiten. Ein Jesuit hat die 1000 Jahre alte Ruine mit neuem Leben erfüllt und zu einem Ort für alle gemacht, die die Sehnsucht nach dem Unendlichen treibt. .

Text: Beatrix Gramlich

Fotos: Hartmut Schwarzbach

   

Wenn der Morgen dämmert und ein atemberaubender Sternenhimmel im Zwielicht versinkt, ist Mar Musa ein Ort der absoluten Stille. Kein Windhauch streicht über die Steine, kein Vogelschrei zerreißt die Luft. Auf dem Weg von Damaskus nach Aleppo, eine halbe Stunde Fußmarsch hinein in die Jabal al-Qalomoun-Berge, hängt das Kloster wie ein Nest in den Felsen. In den kargen, unbeheizten Zimmern schlafen die Gäste den Schlaf der Gerechten. Die Nacht war kalt in der Wüste. Manch einer hat stundenlang wach gelegen und sich irgendwann verzweifelt in die dritte Lage Decken gewickelt.

Gemeinschaft: Die Heilige Messe geleitet in syrischem Ritus zur Nacht. Gebete und meditative Gesänge sprechen alle an: Gläubige, Zweifler und Suchende.

Der Tagesanbruch gehört den Mitgliedern des Klosters. Wie eine Familie versammeln sie sich in der alten Käserei, genießen den Luxus einer Tasse Instantkaffee und die Geborgenheit, die das morgendliche Ritual im vertrauten Kreis vermittelt. Sechs Mönche, zwei Schwestern und drei Novizen aus der katholischen Kirche und den christlichen Kirchen des Orients zählt die kleine internationale Gemeinschaft, die der italienische Jesuit Paolo Dall’Oglio 1991 gegründet hat. Selten sind sie alle zugleich in Mar Musa. Zwei von ihnen studieren gerade in Rom, einer in Damaskus; Jacques, von der ersten Stunde an Paolos Mitstreiter, arbeitet als Gemeindepriester eine halbe Stunde Autofahrt entfernt in Quayad…


 

 

 

REPORTAGE 2 – 01-2010:

xy

Verflucht Weiß

Ihre weiße Haut soll Glück und Reichtum bringen. Deswegen haben es Kopfjäger in Tansania auf Körperteile von Albinos abgesehen. Die Regierung ist machtlos und versteckt die verängstigten Menschen.
 

Text: Veronika Buter
Fotos: Günther Menn

„Komm und setz dich“, sagt Semeni und bietet ein Eckchen auf ihrer Bettkante an. Das ist alles, was der jungen Frau an Privatsphäre geblieben ist. Zwei Quadratmeter Matratze in einem Massenschlafquartier. Aus den Latrinen am hinteren Ende des Raumes dringt beißender Uringeruch. Grüne Moskitonetze baumeln sorgfältig aufgefaltet über einer langen Reihe dicht aneinander geschobener Holzbetten. Hier schlafen Frauen und Kinder zu zweit oder dritt in einem Bett, Schwarze und Weiße, Blinde und Körperbehinderte. Hinter ihrem Kopfkissen hat Semeni, 18, sorgfältig ihre Kleidung, die Schuluniform, einen Spiegel und eine Tube Lotion verstaut. Ihre Schlafstatt teilt sie sich mit der 20-jährigen Pendo. Aber Semeni ist froh, hier zu sein. Die Fenster sind mit Gitterdraht und Eisenstangen gesichert. Bruder Theo Call vom Orden der Weissen Väter hat Straßenlampen installiert, damit die Albinos besser bewacht werden können. Jede Nacht patrouillieren Polizisten mit Maschinengewehren über das offene Gelände. Hier, in der Blinden- und Behindertenschule der katholischen Mission Kabanga, haben die tansanischen Behörden die bedrohten „weißen Schwarzen“ der Region einquartiert, um sie vor ihren Häschern zu schützen…

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Was Sie tun können:
Unterzeichnen Sie die Petition der Albino-Organisation „Under the Same Sun“ in Kanada und schicken Sie sie an die folgende Adresse:
    Under The Same Sun Fund

    Suite 400 - 15225, 104 Ave.

    Surrey, BC Canada V3R 6Y8

Download Petition im englischen Original hier
Download Petition in der deutschen Übersetzung hier

oder unterzeichnen Sie online unter http://www.underthesamesun.com/petitions.php.

 

 

INTERVIEW 01-2010

Weitblicker: Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle, 59.

Interview mit
Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle

„Kommt raus aus euren Sakristeien“

Fotos: Radtke/kna-Bild

Europa muss umdenken. Sonst wird es ein unterentwickelter Kontinent werden. Das ist eine der Botschaften, die Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle aus Ghana nach der Zweiten Afrika-Synode, die Ende 2009 im Vatikan stattfand, in Richtung Westen schickt.

„Afrika, steh auf!“, lautete der Schlussappell der 244 Teilnehmer der Afrika-Synode, die im Oktober 2009 im Vatikan stattfand. Erzbischof Charles Gabriel Palmer-Buckle aus der Diözese Accra in Ghana lenkt den Blick jedoch weit über Afrika hinaus: Nur, wenn die ganze Kirche zusammenarbeitet, wird sich etwas verändern — in Afrika und in der Welt.

Sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen der Synode?

Ich bin ganz aufgeregt wegen der Ergebnisse und nutze jede Gelegenheit, darüber zu sprechen und davon zu erzählen! Es war eine sehr erfolgreiche Synode! Ich hatte außerdem die Chance, anderen Bischöfen aus Afrika, aber auch aus Lateinamerika oder Asien zuzuhören, die über die gleichen Probleme und Herausforderungen gesprochen haben, die wir in Ghana haben. Sie haben ganz ähnliche Herausforderungen und Bemühungen, etwa um Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden. Für mich ist es eine überwältigende Erfahrung, in Rom dabei gewesen zu sein. Wir sind mit einer großen Botschaft an die Welt herausgekommen: mit 56 sehr umfassenden Vorschlägen für alle Glaubens- und Lebensbereiche, die Papst Benedikt jetzt für die nach-synodale Arbeit und die Schlussfassung der Synodendokumente nutzen kann.

Was ist der Kern dieser Botschaft?

Wir sagen der Kirche in Afrika, aber auch der Kirche in Europa oder in den Vereinigten Staaten, in Asien, Ozeanien oder Lateinamerika, was von ihr erwartet wird: mit den politischen Führern zu sprechen und mit denen, deren wirtschaftliche oder andere Entscheidungen Einfluss haben — auf die Entwicklungen, auf Gerechtigkeit und Frieden besonders, aber nicht nur in Afrika.

Hat die Stimme der Kirche genug Gewicht?

Wir müssen zunächst selbst vereint, miteinander und mit Gott versöhnt sein. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir eine wahre Gemeinschaft sind. Wenn wir das schaffen, können wir wirklich das Salz der Erde und das Licht der Welt sein. Wir müssen in kleinen Schritten arbeiten. In Afrika sind viele Politiker und viele Studenten Katholiken. Wenn wir mit ihnen sprechen und wenn wir damit beginnen, für sie eine Lobby zu sein, wenn wir ihr Bewusstsein bilden, sodass sie eine christliche, moralische Perspektive haben, werden wir Entscheidungen beeinflussen können, wenn sie hier ins Parlament gehen oder wenn sie international Politik machen. Darum haben wir auf der Synode Geistliche gefordert, die diese Menschen begleiten. Wir müssen ihnen die Grundlagen der christlichen Soziallehre nahebringen. Es ist jede Menge Arbeit zu erledigen. Wir werden die Ergebnisse nicht morgen sehen, aber in der näheren Zukunft, in den nächsten fünf bis zehn Jahren.

Wie reagierten die Politiker auf die Synode?

Für einige haben die afrikanischen Bischöfe endlich einmal laut und deutlich, laute und harte Worte in Rom gesprochen und sie schätzen das. Andere sagen, dass die Kirche zu politisch wird. Aber in Afrika ist die einzige Institution, die ohne Angst zu den Regierungen sprechen kann, die katholische Kirche. Manchmal wissen Politiker nicht, wo sie Antworten auf drängende Fragen finden können. Sie finden sich mit dem Rücken an der Wand wieder. Ihr Land, aber auch ihre Partei und ihr Stamm haben große Erwartungen an sie. Das Land will Entscheidungen und Führung, Partei und Stamm erwarten Gunstbeweise und Gefallen. Wenn niemand an ihrer Seite steht, sie stützt und ihnen Wege weist, enden unsere Führer in Korruption.

Hören die Politiker denn auf die Kirche?

Bei den vergangenen Wahlen in Ghana kamen die Politiker und die traditionellen Führer zur Kirche, um Rat zu suchen. Wir, aber auch andere Konfessionen und der Islam, waren fähig dem Land zu helfen, weil wir uns Einfluss aufgebaut haben. Ich sehe dies jetzt auch in Togo und in Nigeria, in Sierra Leone und Liberia. Und ich spüre, dass in Kenia etwas geschehen wird. Immer ist die Kirche beteiligt. Sie hat eine große Rolle zu spielen! Ich wünsche mir, dass die Kirche in Deutschland, in Frankreich, in England, in Amerika, wo auch immer, ebenfalls aufsteht und mit den Politikern spricht. Ich habe oft das Gefühl, dass die Kirche in Europa sich zu sehr in den Sakristeien versteckt wegen einiger Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Dass sie zu ängstlich ist. Es ist Zeit aufzustehen! Ihr müsst aus euren Sakristeien heraustreten! Die Menschen sind bereit zuzuhören!

Kann die Kirche Afrikas hier ein Vorbild sein?

Wir sind es schon! Ich bin überzeugt, wenn wir zusammenarbeiten, als die EINE Kir-che, die wir ja sind, wird einiges geschehen. Aber wir müssen eine echte Gemeinschaft sein. Es muss das geben, was wir organische pastorale Solidarität nennen. In Afrika wollen viele junge Männer Priester werden, aber wir haben zu wenige Plätze in den Priesterseminaren. In Europa stehen viele Priesterseminare leer. Warum können wir nicht unsere jungen Männer nach Europa bringen? Nach fünf Jahren Studium gehen fünf von zehn nach Afrika zurück und fünf bleiben als Missionare in Europa. Wenn sie fünf Jahre dort gearbeitet haben, gehen sie zurück und die nächsten kommen. Religiös, spirituell, personell — wir sind bereit zu teilen. Aber Europa muss es auch sein. Wir sind bereit, unsere Missionare zu euch zu senden — seid ihr bereit, sie willkommen zu heißen? Das ist die Frage!

Vielen Menschen in Europa, auch vielen Kirchengemeinden fällt das schwer.

Es gibt ein Sprichwort: „Ex Africa semper aliquid novum“ — aus Afrika kommt immer etwas Neues. Es gibt mehr als Kriege und Probleme in Afrika. Was haben wir Europa zu sagen? Die Welt ist jetzt ein globales Dorf. Europa will sich isolieren und macht seine Grenzen dicht. Aber es kann nicht ohne Afrika, Asien oder die anderen Teile der Welt existieren. Europa wird ein unterentwickelter Kontinent werden, wenn es sich abschottet. Es sollte keine Angst haben: Die Menschen kommen nicht nur, um teilzuhaben an den Gaben, mit denen Europa gesegnet ist. Sie kommen auch, um ihren Beitrag zu leisten: zur religiösen, humanen Entwicklung und zu den Herausforderungen, die sich uns allen stellen. Ich flehe die Menschen in Europa an, besonders die Christen, sich nicht selbst einzuschließen und uns auszuschließen! Weder religiös und spirituell, noch wirtschaftlich oder kulturell. Das wäre Heidentum. Das ist meine Botschaft!

Welche Rolle spielen dabei die Laien? Die Synodalen haben ihre Rolle, vor allem die Rolle der Frauen, sehr betont.

Es ist sehr wichtig, dass wir mehr Frauen in führenden Positionen bekommen, nicht nur in der Kirche. Wir brauchen gut ausgebildete Frauen, die das einbringen, was Gott ihnen geschenkt hat und was uns Männern fehlt. Auf der Synode haben zum Beispiel eine Frau aus Burundi und eine Frau aus Ruanda gesprochen, die eine Laiin, die andere eine Ordensschwester. Beide haben im Völkermord Furchtbares erlebt. Sie haben die Männer, die ihnen das angetan haben, wiedergetroffen und sie haben ihnen die Hand zur Versöhnung gereicht. Männer können das nicht. Wir würden Rache nehmen und wieder einen Krieg anfangen. Wir brauchen die Frauen besonders in der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Heute arbeitet einer der Männer mit im Friedensprozess.

Das Gespräch führte Hildegard Mathies

Das Abschlussdokument der Bischöfe (Holy See Press Office — Presseamt des Heiligen Stuhls) finden Sie hier

 

ZUR PERSON
Erzbischof Palmer-Buckle

Charles Gabriel Palmer-Buckle gilt als einer der profiliertesten Bischöfe Afrikas. Er wurde 1950 in Axim, im Westen Ghanas, geboren. Er studierte Theologie und Philosophie in Rom und wurde 1976 zum Priester geweiht. 1992 wurde Palmer-Buckle der erste Bischof der neu gegründeten Diözese Koforidua. Von 2002 bis 2004 war er Mitglied der Nationalen Versöhnungskommission. 2004 wurde er Stellvertretender Vorsitzender der Ghanaischen Bischofskonferenz. Seit 2005 ist Palmer-Buckle Metropolitan-Erzbischof von Accra.
 
 

 

 

HINTERGRUND 01-2010

Ethisch sauber Missionieren

Dass Christen anderen das Evangelium zugänglich machen, ist ihr Auftrag und Teil ihres Selbstverständnisses. Wie sie es tun, ist dagegen umstritten. Deshalb will sich die Weltchristenheit jetzt auf einen „Verhaltenskodex zur Bekehrung“ einigen.

Wenn dieser Kodex vom Vatikan, dem Weltkirchenrat und der Weltallianz der Evangelikalen tatsächlich unterzeichnet wird, dann wäre es das erste Dokument, hinter dem etwa 98 Prozent der Weltchristenheit stehen. Allein solch ein breiter Konsens wäre schon eine Sensation. Mit einem wichtigen Signal an den Rest der Welt: Das Christentum versteht sich als eine friedliebende Religion und will das gerade auch in der Mission, also ihrer Ausbreitung, beweisen.

Es scheint höchste Zeit für so ein Signal, denn die blutigen Konflikte häufen sich, in denen Christen wegen ihres vermeintlichen missionarischen Eifers angegriffen werden: 2009 wurden zwei deutsche Bibelschülerinnen im streng islamischen Jemen ermordet — wahrscheinlich aus Rache für angebliche Missionsversuche. In Indien, dessen Verfassung eigentlich Religionsfreiheit garantiert, führen immer mehr Bundesstaaten Anti-Konversionsgesetze ein, die jeden mit drakonischen Strafen belegen, der „Bekehrungsaktivitäten“ entfaltet. In Saudi-Arabien kann schon das Tragen eines Kruzifixes als unerlaubter Missionsversuch geahndet werden — um nur einige Beispiele für Agression gegen Christen zu nennen.

Eine martialisch religiöse Sprache

„Mission ist seit dem 11. September zunehmend umstritten, nicht nur in der nicht-christlichen Welt, sondern auch im christlichen Westen“, sagt Thomas Schirrmacher, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz. Vor allem protestantischen Pfingstlern und Mitgliedern evangelikaler Freikirchen wird vorgeworfen, sich provokativer Missionsmethoden zu bedienen. Sie seien daher selbst schuld, wenn sie angegriffen würden. „Was ich den Pfingstlern vorwerfen würde, ist eine spinnerte, martialisch religiöse Sprache“, räumt Schirrmacher ein, „ aber sie schmeißen keine Bomben.“ Trotzdem dürften es jene schwarzen Schafe in der christlichen Missionslandschaft sein, die den Wunsch nach einem „Verhaltenskodex zur Bekehrung“ weckten. Denn unter ihnen leiden alle: Hindus oder Muslime machen keinen Unterschied zwischen evangelikalen oder katholischen Christen.

Probleme gebe es vor allen Dingen mit Amerikanern und ihren Missionsmethoden, sagt Schirrmacher. Leider könne man auf die aber kaum Einfluss nehmen: Die evangelikalen Rundfunksender etwa seien zu groß und einflussreich, um sich Regeln unterzuordnen.

Ausdrücklich lehnen es aber alle Gremien ab, die am Kodex mitarbeiten, auf irgend jemanden mit dem Finger zu zeigen. „ Auch wenn wir in getrennten Kirchen leben, glauben wir doch alle an den einen Herrn Jesus Christus“, sagt Erzbischof Felix Machado aus Indien, Delegierter des Vatikan. „Wir sollten nach außen nicht den Eindruck verstärken, dass wir uneins sind und uns gegenseitig bekämpfen, denn darunter würde der Dialog mit anderen Religionen sehr leiden.“ Der Konsultationsprozess sei „eine freundschaftliche Zusammenkunft, in der wir uns gegenseitig darin bestätigen wollen, christliche Mission so effektiv wie möglich zu gestalten und gleichzeitig die Pluralität in der heutigen Welt zu respektieren“.

Seit 2006 bereiten Fachleute vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), der Weltallianz der Evangelikalen (WEA) sowie des Vatikans diese „Selbstverpflichtung“ vor. „Unser Ziel ist, unter diesem sehr weiten Spektrum christlicher Gemeinschaften einen breiten Konsens über angemessene Missionsmethoden zu finden, die zur Bekehrung führen“, sagt der Leiter des Projektes, der Baptist Shanta Premawardhana, Direktor des ÖRK-Programms für interreligiösen Dialog und interreligiöse Zusammenarbeit. Keine der beteiligten Kirchen habe infrage gestellt, dass Christen missionieren sollten, betont er. „Das ist Teil unseres Selbstverständnisses. Wir müssen die gute Nachricht von Jesus Christus verbreiten. Das Problem ist, wie wir es in einer respektvollen Art und Weise tun können.“

Ursprünglich strebten die Delegierten einen regelrechten „Verhaltenskodex zur Bekehrung“ mit konkreten Regeln für eine ethisch „saubere“ Missionsarbeit an. Im Laufe der Konsultationen sei jedoch deutlich geworden, so Premawardhana, „dass der religiöse, kulturelle und politische Kontext in den verschiedenen Erdteilen zu verschieden“ sei, und dass man nunmehr lediglich „wegweisende Richtlinien“ anbieten wolle. Deren Konkretisierung ist dann jeder einzelnen Ortskirche, jedem Waisenhaus und jeder Schule selbst überlassen. Der neue Titel des Projektes lautet daher: „Christliche Religion in einer multireligiösen Welt — Empfehlungen für einen Verhaltenskodex zur Bekehrung.“

Finanzielle Anreize sind tabu

Zwei grundsätzliche Erklärungen werden den Detailfragen vorangestellt. Erstens: „dass alle großen christlichen Gemeinschaften jede Art von Mission verwerfen, bei der Macht, Druck, oder Politik im Spiel ist, wo finanzielle Anreize geboten oder soziale Projekte genutzt werden, um Menschen zu nötigen, Christen zu werden“, sagt Schirrmacher, der für die Evangelikalen masßgeblich am Kodex mitarbeitet. Zweitens werde klargestellt, „dass Mission selbst immer der christlichen Ethik untersteht. Sie hat keine Freizone, in der ich, weil ich die ,Wahrheit‘ sage, bestimmte Dinge nicht mehr berücksichtigen müsste“.

Diese Grundsätze konkretisiert der Kodex dann für die Bereiche, Familie, Sozialarbeit, Finanzen, Politik und Staat. Den Frauen widmet er ein eigenes Kapitel. Und er wird ein klares Wort zu der häufig attackierten Verbindung von Entwicklungshilfe und Mission sagen. „Wir werden klarstellen, dass ein umfassendes Verständnis von christlicher Mission die karitative Arbeit zur Verbesserung der sozialen Situation einschließt. Weil sich das aus unserem Ruf ergibt, unseren Nächsten und uns selbst zu lieben. Um der Menschen willen. Nicht, wie uns in semichristlichen Kreisen unterstellt wird, um damit zu bewirken, dass Menschen sich zum Christentum bekehren.“

Heiß diskutiert wurde die Frage, wie man sich angemessen über andere Religionen äußere. „Im Entwurf haben wir uns darauf verständigt, dass die Selbstdarstellung der Schwerpunkt sein sollte und dass bei der kritischen Darstellung einer anderen Religion unbedingt sichergestellt sein sollte, dass ich mich informiert habe und die Wahrheit sage“, sagt Schirrmacher. „In einem gediegenen religiösen Gespräch sollten wir uns versagen, Beispiele aus unserer Religion mit abschreckenden Beispielen aus anderen Religionen zu vergleichen.“ Für Amerikaner ist das schon schwer verdaulich. „Die sind so an religiösen Wettbewerb gewöhnt, dass ihnen der Gedan­ke vollkommen fremd ist, den religiösen ,Gegner‘ nicht kritisch zu bedenken.“

Die „Empfehlungen für einen Verhaltenskodex zur Bekehrung“ haben den Charakter einer freiwilligen Selbstverpflichtung. Nach außen setzen sie jedoch Maßstäbe, an denen die Missionsarbeit der Christen künftig gemessen wird. Im Frühjahr soll die endgültige Textfassung des Dokumentes vorliegen. Premawardhana erwartet ein positives Echo: „Es wird ein sehr wichtiges Gespräch zwischen den Kirchen und anderen Religionen anstoßen“, hofft er. „Der Kodex wird eine große Hilfe sein“, davon ist Erzbischof Machado überzeugt. „Einige Hindus haben schon signalisiert, dass sie sehr begrüßen, dass wir Christen uns darüber verständigt haben, wie wir unseren Glauben teilen wollen.“ Den größten Effekt, so Schirrmacher, „wird der Kodex bei denen haben, die tatsächlich missionieren und jeden Tag mit Reaktionen auf ihre Tätigkeit konfrontiert sind.“ In vielen Ländern sei die Verunsicherung enorm. Innerhalb der Weltallianz der Evangelikalen hat der Konsultationsprozess schon einiges in Gang gesetzt. Das größte evangelikale Hilfswerk, „World Vision“, hat einen eigenen Ethikkodex verabschiedet. Darin wird Mitarbeitern ohne wenn und aber untersagt, ihre Hilfsmaßnahmen zur Missionierung zu nutzen.   (Veronika Buter)
 

 

 

Nachrichten 01-2010:

KIRCHE IN VIETNAM

Verfolgt und zukunftsfroh

Todesdrohungen, Prügel, Haftstrafen: Vietnams Priester und katholische Laien werden seit Jahrzehnten verfolgt. Dennoch ist es die viertgrößte Kirche Asiens, Berufungen und das Laienapostolat boomen. Im Jubiläumsjahr 2010 hofft die Kirche auf bessere Beziehungen mit dem Staat.

Es ist ein ständiges Ringen um Religionsfreiheit und für die Rückgabe der von den Kommunisten enteigneten Klöster und Kirchengrundstücke in Vietnam. Regelmäßig protestieren Christen fried­lich für diese Ziele, mal in kleineren Gruppen, mal zu Hunderttausenden wie im vergangenen August in Dong-Hoi, als 500000 Menschen gemeinsam für Religionsfreiheit und die Freilassung von Christen beteten. Die Regierung reagiert auf solche Aktionen oft mit Knüppeln und Tränengas. Verhaftungen und Folter von Katecheten und Priestern sind noch immer fast an der Tagesordnung.

Dennoch fordern Katholiken immer selbstbewusster ihr Recht. Die Schwestern vom heiligen Paulus von Chartres forderten Ende 2009 ihr Kloster in Vinh Long zurück. Ein deutlich kleineres Ersatzgrundstück und eine Entschädigung lehnten sie ab. Sie wollen ein Zeichen setzen und wieder dort leben, wo ihr Konvent bis zur Enteignung zu Hause war.

Obwohl in den vergangenen Jahren oft von Tauwetter zwischen der Regierung und der katholischen Kirche die Rede war, bleibt die Lage kritisch. Ein Religionsgesetz aus dem Jahr 2007 behandelt alle Religionen im Land als „soziale Kräfte“, die „unter der Führung“ der Kommunistischen Partei zum Fortschritt des Landes beitragen können. Alle religiösen Aktivitäten müssen von der Regierung beziehungsweise ihren lokalen Vertretern erlaubt werden. Ordensleute und Priester dürfen nur als „Einzelpersonen“ in den Bereichen Sozialarbeit, Gesundheit, Bildung und Medien wirken.

Trotz der andauernden Verfolgung gehört Vietnams katholische Kirche zu den lebendigsten und blühendsten. Etwa acht Millionen Katholiken leben in dem Land, das rund 84 Millionen Einwohner hat. Die Priesterseminare sind voll und Kandidaten werden oft auf die Warteliste gesetzt. Derzeit gibt es rund 1350 Priesteramtskandidaten, nicht eingerechnet die Studenten im Vorstudium. Die Orden verzeichnen ebenfalls Zuwächse, auch bei den Laienzweigen. Die Dominikaner haben etwa beim Dritten Orden derzeit geschätzte 103000 Mitglieder.

2010 ist ein großes Jubiläumsjahr für Vietnams Kirche: Vor 350 Jahren wurden die ersten beiden Vikariate gegründet und vor 50 Jahren die „ordentliche Hierarchie errichtet“, wie es offiziell genannt wird. Die Kirche hofft, dass sich in diesem Jahr die Situation verbessert und wieder ein ständiger Vertreter des Vatikan eingesetzt wird. “  (hm)


 

STANDPUNKT

Franziskaner Tiem Tran, 42
Er koordiniert von Paris aus Kontakte mit der Kirche in Vietnam.

Für die vietnamesische Kirche ist das Jahr 2009-2010 ein heiliges Jahr: Vor 350 Jahren wurden zwei Apostolische Vikariate gegründet, vor 50 Jahren wurde die katholische Hierarchie in Vietnam etabliert. Es ist ein außergewöhnliches, vom Herrn gegebenes Jahr, in dem die Vietnamesen des Glaubens und des Evangeliums gedenken sollen, die ihnen geschenkt wurden. Heute ist es für die vietnamesi­sche Kirche wichtiger denn je, in ihre Geschichte, also die Geschichte ihrer 117 den Märtyrertod gestorbenen Heiligen, zurückzublicken, um dort einen Weg des Dialogs und des Friedens mit allen gesellschaftlichen Gruppen zu finden, der es ermöglicht, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Die vietnamesische Kirche möchte besonders im Gesundheits- und Bildungswesen ganz in den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft eingebunden werden. Trotz gewisser Spannungen zwischen den Behörden und der katholischen Hierarchie Vietnams bezeugt die vietnamesische Kirche begeistert das Evangelium Christi: durch den Dialog und die Nächstenliebe, Zeichen ihrer großen Glaubensreife.
 

AFRIKA

China schickt Häftlinge auf den Bau

Straßen, Krankenhäuser, Fußballstadien und…und…und… — China ist der größte ausländische Bauherr in Afrika. Oft sind die Bauten Teil der Verträge, die China zuhauf abschließt auf dem Kontinent. Im Gegenzug für Land und Ressourcen versprechen die Chinesen die Entwicklung der Infrastruktur und die Verbesserung der Lage im jeweiligen Land. Der Arbeitsmarkt profitiert selten von den Bauprojekten, auf vielen Baustellen sieht man Chinesen schuften. 750000 chinesische Arbeiter sind Schätzungen zufolge derzeit in Afrika tätig. Viele von ihnen sind Strafgefangene. Auf Flughäfen kann man oft beobachten, wie ganze Kolonnen von ihnen ins Land gebracht werden. Die Unternehmen sparen so jede Menge Geld bei den Bauprojekten. Die Ausbeutung der Gefangenen wird dazu noch als humanitärer Akt verkauft: Dem, der auf afrikanischen Baustellen schuftet, verspricht man eine Verkürzung seiner Haftzeit.   (hm)
 

KLIMA

Problem Biosprit

Wer Biodiesel tankt, tut der Umwelt nicht automatisch etwas Gutes. Ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen lässt aufhorchen: Die Öko- und Klimabilanz von Agrotreibstoffen fällt oft schlechter aus als die traditioneller, fossiler Energien. Bei einer Untersuchung haben 20 Ökologen mit dem Deutschen Ernst-Ulrich von Weizsäcker an der Spitze, die Produktion des Biosprits unter die Lupe genommen. In Malaysia und Indonesien etwa wird für die Gewinnung von Palmöl der Regenwald großflächig abgeholzt. Bei der Produktion von einem Liter Biodiesel aus Palmöl entstehen 800 Prozent mehr Treibhausgase als bei Diesel aus fossilen Brennstoffen. ird der Agrotreibstoff aus einem Hochmoor heraus produziert, können es bis zu 2000 Prozent mehr Kohlendioxid sein. Kritiker der Biotreibstoffe wie etwa die Energie-Referentin des Hilfswerks Misereor, Ulrike Bickel, warnen davor, dass die beim Anbau von Energiepflanzen entstehenden pestizid- und düngerintensiven Monokulturen die zerbrechlichen afrikanischen Ökosysteme schädigen. Sie könnten zum Verlust der Bodenfruchtbarkeit führen — was noch mehr Hunger in Afrika verursachen könnte. Ein kleiner Trost für die Anhänger von Biosprit: die Bilanz für Biotreibstoff aus landwirtschaftlichen Abfällen ist positiv.   (hm/kna)
 

Grafische Darstellung der Thematik: Mehr Muslime als Katholiken

RELIGIONEN

Mehr Muslime als Katholiken

Weltweit gibt es mehr Muslime als Katholiken, meldet der Vatikan: 1,165 Milliarden Katholiken sind verzeichnet — die Zahl der Muslime lässt sich nur schätzen und wird mit 1,280 Milliarden angegeben.

 

KOMPAKT

Unversichert

80 Prozent aller Menschen sind nicht krankenversichert. In vielen Ländern gibt es kein funktionierendes Gesundheitssystem, zudem fehlen Absicherungen für Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder den Todesfall. Das Menschenrecht auf soziale Sicherung ist nicht verwirklicht.

Unwissend

Fast die Hälfte der katholischen Jugend in Asien weiß nicht, was das Wesen der Eucharistie ist. 30 Prozent glauben, die Eucharistie schütze sie vor Schäden, 17 Prozent halten sie für einen Glücksbringer. 65 Prozent wussten aber, dass sie Christi Leib empfangen.

Unerwünscht

Jeder dritte Türke will keinen Christen zum Nachbarn. Das ergab eine Studie im Auftrag einer jüdischen Stiftung in Istanbul und der EU. 42 Prozent lehnen jüdische Nachbarn ab. 44 Prozent sind gegen jüdische oder christliche Ärzte und Krankenschwestern, 55 Prozent gegen Nicht-Muslime in der Justiz oder bei der Sicherheit.

 

AFRIKA

Flüchtlingsschutz

Eine Konvention zum Schutz von Flüchtlingen und zum Schutz vor Vertreibung haben 17 der 53 afrikanischen Staaten beschlossen. Diese in der Afrikanischen Union zusammengeschlossenen Länder verpflichten sich, Vertreibung nicht zuzulassen. Die gezielte Vertreibung von Dorfbewohnern als Kriegsmittel soll geächtet werden. Die Konvention verpflichtet die Unterzeichner, Vertreiber zur Rechenschaft zu ziehen, darunter Unternehmen, private Sicherheitsfirmen und Individuen. Außerdem wollen die Unterzeichner die Situation der Binnenflüchtlinge verbessern. Derzeit leben in Afrika rund 13 Millionen Flüchtlinge — die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit. Hilfsorganisationen sollen schnellen und ungehinderten Zugang zu den Opfern von Vertreibungen bekommen. Der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay, begrüßte die Konvention als wichtigen Schritt: „Es ist gut, dass Afrika hier eine Führungsrolle übernimmt und das erste bindende Instrument schafft, um Binnenvertriebene zu schützen und zu unterstützen.“ .  (hm/kna)  

WIRTSCHAFT

Das weiße Gold Boliviens

Ohne Lithium geht nichts: Das Leichtmetall kommt in fast allen batterie- oder akkubetriebenen Geräten vor, vom Handy über den Laptop bis zum Elektroauto. Außerdem wird es in der Rüstungsindustrie benötigt und in Antidepressiva verarbeitet. Bolivien, das ärmste Land Südamerikas, hat diesen von der Industrie heiß begehrten Rohstoff im Überfluss: Im Salzsee von Uyuni werden mehr als die Hälfte aller weltweiten Lithium-Reserven vermutet, geschätzte 5,4 Millionen Tonnen. Für den Andenstaat liegt im Salzsee die Chance auf eine Entwicklung zum Besseren. Optimisten schwärmen gar, Bolivien könne „das Saudi-Arabien des Alkalimetalls“ werden und damit so einen Boom erleben wie seinerzeit die Arabischen Emirate nach den Ölfunden in der Wüste. Schon buhlen europäische, US-amerikanische und japanische Konzerne um das weiße Gold. Doch noch fehlt es an der Infrastruktur, an Straßen, Produktionsanlagen und Technik. Noch immer bauen indigene Salzbauern das Salz mit bloßen Händen ab. Staatspräsident Evo Morales und seine Regierung verhandeln mit japanischen und anderen Großkonzernen und mit dem Iran. Geplant sind milliardenschwere Großprojekte. Im Dorf Rio Grande hat ein Sechs-Millionen-Dollar-Projekt der Regierung den Startpunkt gesetzt. Morales hat den Abbau und die Nutzung der Rohstoffe per Gesetz unter die Kontrolle der Regierung gestellt. Das könnte verhindern, dass die Großkonzerne aus den USA, Europa und Asien den Andenstaat bei der Lithium-Förderung ausbeuten wie einst bei der Förderung von Silber, Gas und Eisenerz.   (hm)  

AUSTRALIEN

Kleiner Fortschritt

Wer in Australien um Asyl gebeten hat, wurde in den vergangenen 17 Jahren kräftig zur Kasse gebeten. Den Schutz vor Verfolgung, Krieg und Gewalt ließ sich der Staat mit „Unterbringungskosten“ bezahlen. Bis zu umgerechnet 180000 Euro wurden Asylsuchenden in Rechnung gestellt. Oft zogen sich die Asylverfahren jahrelang hin; die Flüchtlinge wurden derweil in zumeist abgelegenen Lagern interniert. Premierminister Kevin Rudd hat die Internierungspraxis 2009 beendet. Nun soll mit den horrenden Rechnungen Schluss sein. Der Senat verabschiedete einen entsprechenden Gesetzesentwurf. 338 Asylsuchenden wurden außerdem die Schulden in einer Gesamthöhe von fast fünf Millionen Euro erlassen. Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international begrüßen die neue Regelung als wichtigen Schritt für eine humanere Asylpolitik. Jedes Jahr kommen etwa 14000 Flüchtlinge neu nach Australien. Der Klimawandel wird künftig voraussichtlich noch mehr Flüchtlinge auf den Kontinent spülen, etwa wenn in Ozeanien Inseln unbewohnbar werden oder untergehen.   (hm)

 

 

 

MENSCHEN 01-2010

MARIAM GUTH

Polizeireviere für Afghaninnen

Schafft freien Raum für Frauen: Mariam Guth.

Mauern können gut sein. Für afghanische Frauen und Männer sind sie wichtig — und so baut Diplom-Ingenieurin Mariam Guth, die in Deutschland gelebt und studiert hat, Polizeireviere in Afghanistan mit getrennten Bereichen für weibliche und männliche Polizisten und Gefangene. Die 37-Jährige will ihren Beitrag leisten zum Wiederaufbau des Landes, das auch acht Jahre nach Kriegsende noch am Boden liegt. „Wenn wir mehr Polizistinnen haben wollen, müssen wir ihnen den Raum geben, den sie brauchen, um sich wohlzufühlen“, sagt Mariam Guth. Kaum eine Familie oder ein Mann will, dass die Tochter oder Ehefrau den ganzen Tag mit fremden Männern in einem Raum verbringt. Sonst droht nach ihren Vorstellungen Entehrung. Mariam Guth, die gegen den Willen des Vaters einen Deutschen heiratete, will Frauen ihren Platz in der Gesellschaft geben. Im Revier wie in der Zelle.    (boe)

 

FRANK ASBACK

Der Herr der Sonnenkraft

Frank Asbeck ist ein Gläubiger. Oder besser: ein Wissender. Er weiß, dass man aus Sonne und Sand Strom machen kann — und dass man damit einen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung leistet. Der Unternehmer aus Bonn beliefert 47 Länder mit Solaranlagen und -modulen. Seit einem Jahr bezieht auch der Vatikan Solarstrom aus dem Asbeck’schen Hause und spart damit jährlich 225000 Kilogramm Kohlendioxid. Asbeck hat bei der Installation der Anlage auf dem Dach der Audienzhalle versprochen, dass er in der Größenordnung der vatikanischen Solaranlage Hilfsprojekte in armen Ländern unterstützt. Dieses Ziel hat der 50-Jährige fast erreicht: Mehrere Kranken- und Sozialstationen sowie Schulungszentren in Afrika sind bereits mit Solarstromanlagen ausgestattet worden. Für den „Hinterhof Europas“ fühlt Asbeck besondere Verantwottung, seit er als junger Ingenieur in Afrika arbeitete.“   (hm)

 

JULIANO MER KHAMIS

Jüdisch-palästinensisches Theater

Er ist Jude und Palästinenser und sagt von sich, er sei „nichts von beidem“. Juliano Mer Khamis gilt als einer, der zwischen den Welten lebt. Als einer, in dem der Nahost-Konflikt personifiziert ist, weil er die einen wie die anderen kritisiert. Juliano Mer Khamis lebt im Flüchtlingslager von Dschenin und leitet das „Freedom Theatre“, das Freiheitstheater — ein Projekt, das seine Ursprünge in einem Theaterprojekt seiner verstorbenen jüdischen Mutter hat, das einst als skandalös galt. Mer Khamis lässt sich nicht einschüchtern von Hetz-Flugblättern und Brandsätzen. In seinem Freiheitstheater setzen sich Jugendliche mit dem Nahost-Konflikt auseinander, bearbeiten ihn auf der Bühne. Sie können eine Schauspielausbildung absolvieren und mehr lernen: zum Beispiel in Computer- und Fotokursen. Für eine bessere Zukunft.   (hm)