Magazin > Heft 05-2009

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Auf der Suche nach Halt
REPORTAGE 2 – Selig, die Frieden stiften
INTERVIEW – Margarethe von Trotta
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 05-2009:

Eigentlich ist Andrea ein fröhliches Mädchen. Doch immer wieder holt sie die Erinnerung an ihre Eltern ein.

Auf der Suche nach Halt

Andrea ist kein Waisenkind. Aber ihre Mutter hat sie verlassen, und ihr Vater arbeitet in Italien. Jetzt lebt die 10-Jährige mit ihren Geschwistern im Kinderhaus der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel im Nordosten Rumäniens.

Text: Barbara Leyendecker

Fotos: Cathia Hecker

   

Larissas Blick geht zur Uhr. Zum wiederholten Male in den vergangenen Minuten. Der Zeiger schiebt sich unaufhaltsam vor. Es ist schon spät, doch Andrea, 10, und Georgiana, 11, toben und tanzen immer noch durchs Wohnzimmer. Jetzt legen die Mädchen auch noch eine neue CD ein! Larissa reicht es. Sie geht zu den Kindern und weist sie mit wenigen strengen Worten darauf hin, dass es gleich neun Uhr ist. Und dann heißt es wie immer: „Noapte bunâ — gute Nacht.“

Auch über Larissas Bett geht dann das Licht aus. Für die 15-Jährige gelten im Kinderhaus im nordrumänischen Schineni die gleichen Regeln wie für ihre jüngeren Schwestern. Die drei Mädchen teilen sich mit der 10-jährigen Mihaela ein Zimmer, seit sie 2001 in die „Casa Bernhard Bosch“ der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel gekommen sind. Waisenkinder im eigentlichen Sinne sind die wenigsten der Kinder, die hier ein neues Zuhause gefunden haben. So ist es auch bei den Geschwistern: Der Vater konnte die Familie nicht mehr ernähren und ging nach Italien, um dort Geld zu verdienen. Wenn er zum Urlaub nach Rumänien kommt, wohnt er in der nahe gelegenen Großstadt Bacau bei seiner Mutter und besucht seine Töchter.

Lebenswichtig: Kuscheln gehört für Heimleiterin Juliane Ciceu dazu.

Die Geschichte ihrer Mutter ist vor allem für Larissa schwer zu ertragen. Ihr Gesicht verschließt sich, um Wut und Trauer über das zu verbergen, was sich die Leute erzählen: dass ihre Mutter sie im Stich gelassen habe und in den Süden des Landes gegangen sei, weil sie noch etwas vom Leben haben wolle. Dass die drei Mädchen irgendwann nichts mehr zum Essen gehabt und die Nachbarn ihre Verwahrlosung beim Jugendamt gemeldet hätten. Dass das Jugendamt sie aus ihrer Hütte geholt und zu den Ordensfrauen gebracht hätte. Damals hat Larissa beschlossen, noch stärker als bisher auf ihre Schwestern aufzupassen. Denn die sind alles, was ihr von ihrer Familie geblieben ist.

„Eltern — das ist das Geschenk, das wir unseren Kindern nicht machen können“, bringt es Juliane Ciceu auf den Punkt. Die 39-Jährige leitet das Heim. Eine eigene Familie hat sie nicht: „Das hier sind meine Kinder!“ Den Alltag mit den vier Mädchen und vier Jungen versucht sie so zu organisieren, wie er in guten rumänischen Familien auch abläuft...
 

Mehr über die Arbeit der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel in Rumänien erfahren Sie hier.

 

 

REPORTAGE 2 – 05-2009:

Selig, die Frieden stiften

In Nigeria kommt es immer wieder zu Gewalt zwischen Christen und Muslimen. Schnell ist von religiösen Konflikten die Rede — auch wenn die Ursachen politisch sind. Ein Emir und ein Bischof wehren sich gegen den Missbrauch der Religion.
 

Text: Bettina Tiburzy
Fotos: Fritz Stark

Wütendes Geschrei reißt Christopher Pwajok und seine Familie aus dem Schlaf. Der Vater rennt aus dem Haus. Es ist noch dunkel. Doch am Ende der Straße lodern Flammen. Häuser und Geschäfte von Christen brennen. Pwajok schickt seine Familie weg. Sie sucht Zuflucht in einer Kirche. Kurz darauf sieht er einen Mob junger Muslime mit Knüppeln und Macheten auf sich zukommen. „Ich wollte am Leben bleiben“, sagt der 56-Jährige. „Da bin ich nur noch gerannt.“

Das Haus von Familie Pwajok brennt völlig aus. Die Wände sind eingerissen. Das kleine Geschäft, das die Familie hier betrieb, ist geplündert. Ihre Lebensgrundlage zerstört. „Wir wissen nicht, wie wir das wieder aufbauen sollen“, sagt Christopher Pwajok. Dabei hatte die Familie noch Glück. Sie hat überlebt.

In Jos, einer Stadt in der Mitte Nigerias, sterben bei Unruhen im November 2008 mehr als 300 Menschen, 28000 verlieren ihr Zuhause. Die Ausschreitungen beginnen nach einer Kommunalwahl in der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau. Anhänger der mehrheitlich muslimischen Partei ANPP werfen der christlich dominierten PDP Wahlbetrug vor. Diese soll in Jos-Nord vorn liegen, obwohl hier überwiegend Muslime wohnen...

 

 

INTERVIEW 05-2009

Filmteam: Die Regisseurin (l.), Heino Ferch und Barbara Sukowa.

Interview mit
Margarethe von Trotta

Mit den Augen einer Frau

Fotos: Concorde Film 2009

Die Filmregisseurin Margarethe von Trotta, 67, hat das Leben der Hildegard von Bingen auf die Kinoleinwand gebracht: Der Film „Vision“ ist eine Hymne an eine starke Frau im Mittelalter, die mehr wollte, als die Kirche ihr zugestand — über Dinkelplätzchen und Kräutermedizin hinaus.

Sind Sie religiös?

Im weitesten Sinne ja, aber nicht an eine Kirche gebunden. In die Kirche gehe ich, um Kerzen aufzustellen für kranke Freunde.

In „Vision“ bringen Sie das Leben einer Nonne auf die Leinwand. Ist das ein Tribut an die Renaissance des Religiösen?

Nein, ich habe mich mit Hildegard von Bingen schon in den frühen 80ern beschäftigt, nachdem ich die „Bleierne Zeit“ gedreht hatte und bevor ich „Rosa Luxemburg“, also meine politischen Filme, gemacht hatte. Das war im Verlauf der Frauenbewegung, als wir nach weiblichen Vorbildern in der Geschichte suchten. Da tauchte Hildegard von Bingen auf und die hat mich interessiert.

Was fesselt Sie so an dieser Person?

Wie es ihr gelingt, ihre vielen Talente, das, was sie in sich spürt, zu äußern. Wie sie in die Welt hineinblickt und hineinwirkt. Was ja damals viel schwieriger war als heute.

Barbara Sukowa als Hildegard von Bingen im Kreis von Mitschwestern

Wie haben Sie sich der Figur angenähert?

Ich habe viel recherchiert und gelesen. Dann habe ich eine Benediktinerin im Kloster Rupertsberg aufgesucht, die mir sehr geholfen hat. Schwester Philippa Rath hat auch die erste Fassung meines Drehbuches kritisch gegengelesen. Außerdem habe ich mich mit einer Mittelalterexpertin beraten, die sich ebenfalls sehr mit Hildegard von Bingen beschäftigt hat. Die hat mich zum Beispiel auf den Kuss gebracht. Man denkt ja, Klosterfrauen im Mittelalter, so heilige Frauen, hätten so was nicht gemacht. Tatsächlich war es im Mittelalter aber gang und gäbe, dass man sich berührte und auf den Mund küsste. Das fand ich sehr spannend, weil es gegen das Klischee geht, das man von der Zeit im Kopf hat.

Die filmische Umsetzung der irrationalen Momente in Hildegards Leben, ihre Visionen, war das eine besondere Herausforderung für Sie?

Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, diese ganzen Visionen darzustellen, weil ich das Gefühl hatte, dass kann nur kunstgewerblich werden. Ich hätte gerne einen Videokünstler engagiert, der diese Visionen in etwas völlig heutiges, neues übersetzt hätte. Aber so viel Geld hatten wir nicht. Mit meinen filmischen Mitteln wäre ich dem aber nicht gerecht geworden. Dann finde ich es besser, einiges der Fantasie des Zuschauers zu überlassen.

Die erste Vision Hildegards haben Sie aber schon inszeniert. Mit Wolken, Blitzen und Flammen am Himmel, auf denen das Auge Gottes erscheint.

So beschreibt Hildegard von Bingen selbst ihre erste Vision: „Da kam ein starkes Licht vom Himmel und hat mir diesen Auftrag gegeben.“ Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass das entweder eine sehr starke Epilepsie oder Migräne gewesen sein könnte. Aber alle ihre Visionen fangen mit einem Blitz oder einem Licht an. Und das kommt nun mal vom Himmel, entsprechend der mittelalterlichen Vorstellung, dass unter uns die Hölle ist und über uns Gott.

Im Laufe der Filmvorbereitung haben Sie erstmals eine Profess miterlebt. Wie war das für Sie?

So etwas hatte ich noch nie gesehen, wie die Schwestern sich auf den Boden legen mit dem Gesicht zur Erde, die Arme ausgebreitet in Kreuzform. Mich hat die Befindlichkeit dieser jungen Nonne, die dort den Schleier genommen hat, fast mehr bewegt als der Vorgang selbst, den ich natürlich mit neugierigen Augen im Hinblick auf den Film verfolgt habe. Ihre Freude und unglaubliche Heiterkeit.

Viele verbinden mit Hildegard von Bingen Dinkelplätzchen und Kräutermedizin. Spielt das in Ihrem Film auch eine Rolle?

Das kommt vor, aber nur am Rande. Sie war ja viel, viel mehr. Ich hab versucht, das gesamte Spektrum ihrer geistigen und praktischen Möglichkeiten zu zeigen.

Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

Für mich war ihre ganzheitliche Sicht von Mensch und Natur wichtiger als ihr Kampf gegen die Gottvergessenheit der damaligen Zeit. Im Film sagt Hildegard: Erst muss unsere Seele heil werden, dann kann der Körper folgen. Ihre ganzheitliche Sicht auf die Medizin war mir wichtig. Aber auch ihre Vorstellung, dass die Natur uns zerstört, wenn wir sie nicht ernst nehmen, wenn wir uns ihrer nur bedienen, statt sie zu schützen. Das ist ja heute ganz aktuell. Für mich sind das die modernen Aspekte an Hildegard von Bingen. Der Zuschauer soll sehen: Das war schon alles in ihrem Kopf!

Viele Kinofilme leben von Sex, Gewalt und jeder Menge Action — was der Hildegard-von-Bingen-Stoff nicht hergibt.

Das war für mich eine Aufgabe. Ich wollte keinen spektakulären Film machen und das ganze Mittelalter mit der entsprechenden Ausstattung auf die Leinwand bringen. Mir lag mehr daran, diesen Innenraum in den Blick nehmen, dieses Abgeschlossensein von der Welt im Kloster und dieses Hinauswollen mit dem Geist. Ich wollte einen minimalistischen und fast asketischen Film machen.

Sie haben sich erneut Barbara Sukowa für die Hauptrolle geholt.

Ja, das ist der fünfte Film, den wir zusammen machen. Sie hat einfach Qualitäten, die mir niemand sonst bringt. Mir war sehr wichtig, dass diese Figur nicht kitschig rüberkommt. Denn Hildegard war ja nicht wie die Darstellungen auf Heiligenbildchen. Mein Gott, was hat die geleistet! Bei Barbara Sukowa war ich mir sicher, dass sie diese Innerlichkeit und den Glauben der Figur überzeugend rüberbringt und trotzdem nie in den Kitsch abrutscht.

Sie zeigen in Ihrem Film auch die menschlichen Schwächen der Heiligen.

Vor allem im Umgang mit Schwester Richardis wird sie vielen Leuten unsympathisch erscheinen. Aber wenn man Hildegards Korrespondenz liest, war das noch schlimmer, als ich es darstelle. Die wurde nämlich richtig zur Furie, völlig rabiat, um diese Frau bei sich im Kloster zu behalten. Mich hat das sehr beschäftigt, wie sie um diese Liebe kämpft. Da explodiert der ganze gebündelte Schmerz dieser Frau über die Verluste in ihrem Leben. Gegen den Verlust ihrer leiblichen Mutter und später ihrer Ersatzmutter im Kloster konnte sie sich nicht wehren. Aber bei Richardis hat sie zum ersten Mal die Möglichkeit, Nein zu schreien. Da stößt Hildegard ab und gleichzeitig rührt sie einen. Und man merkt, dass sie auch nur ein Mensch war. Auf dieser inneren Ebene liegt die Action meines Films.

In „Vision“ greifen Sie erstmalig eine religiöse Frauengestalt auf. Hat das etwas mit Altersweisheit zu tun?

Bestimmt, ja. Aber leider hat man oft versucht, mich in eine Schublade einzuklemmen, als eine, die immer nur politische Filme macht. Dabei stimmt das nicht. Ich hab immer einen Film gemacht, der nach außen geblickt hat und danach einen, der nach innen geblickt hat. Ich mach Filme wie ein- und ausatmen: Wenn ich einatme, gucke ich nach innen, wenn ich ausatme, gucke ich in die Welt. In Hildegard von Bingen habe ich eine Figur gefunden, die beides hat. Ich schaue mit ihr nach innen in eine spirituelle Welt und gleichzeitig mit ihr nach außen, in die Welt nach der ersten Jahrtausendwende. Wie überträgt sie das und lebt sie das dann aus in der Welt. Insofern ist das fast so eine Synthese von Innen- und Außenwelt in einer Figur und in ein und demselben Film.

Das Gespräch führte Veronika Buter  

 

ZUR PERSON
Margarethe von Trotta

Die Tochter einer russischen Aristokratin und eines Kunstmalers wird im Jahr 1942 in Berlin geboren und wächst im Rheinland auf. Sie bricht ihr Studium ab, um Schauspielerin zu werden. Prägend wird ihre Begegnung mit Regisseur Volker Schlöndorff, den sie heiratet und mit dem sie später gemeinsam Regie führt . Mit „Die bleierne Zeit“ gelingt Margarethe von Trotta 1981 der internationale Durchbruch. Viele ihrer mehr als 30 Filme wurden prämiert. Die Regisseurin hat einen Sohn und lebt in Paris und München.
 
 

 

 

Nachrichten 05-2009:

PERU

Kampf stärkt Indios

Der blutige Kampf zwischen den Indigenen und der Regierung in Peru um den Regenwald und die Ressourcen am Amazonas hat das Selbstbewusstsein der Indios gestärkt. Zu dieser Einschätzung kommen Beobachter der Unruhen, die das Land seit Jahresbeginn in Atem gehalten hatten.

Wie viele Tote die vor allem im Juni tobenden Kämpfe zwischen Indios und Polizisten gefordert haben und wie viele Indigene verschwunden sind, wird man vermutlich nie zweifelsfrei erfahren. Klar ist aber, dass die Indios aus dieser Auseinandersetzung gestärkt hervorgegangen sind, auch wenn die Entscheidungen der Regierung zur Ausbeutung des Regenwaldes und anderer Ressourcen nur für 90 Tage vertagt worden sind. Auslöser für die Eskalation, die in Blockaden und blutigen Straßenkämpfen mündete, waren neue Gesetze. Sie erlauben die weiträumige Abholzung des Regenwaldes, um an die Bodenschätze zu kommen, etwa Erdgas und Öl. Vor allem ausländische Großkonzerne würden davon profitieren. Die Indios fürchten nicht nur um ihren Lebensraum, sondern auch um ihr Kulturerbe. Ein neues Flächen-Nutzungsgesetz erlaubt auch die Rodung geschützter Waldflächen, wenn es um Projekte „von nationaler Bedeutung“ geht. Die Regierung hatte diese Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht, ohne — wie vereinbart — die Indios zu konsultieren. Dies hatte die Regierung unter Präsident Alan Garcia versprochen, wenn sie Entscheidungen treffen wolle, „die beidseitige Interessen berühren“. Ein anderes neues Gesetz entband jedoch Unternehmen von der Pflicht, sich mit der Landbevölkerung in Verbindung zu setzen, wenn sie Bodenschätze erschließen und fördern wollen. Im Kern geht es bei den Auseinandersetzungen zwischen den Indigenen und der Regierung um die Frage, welcher Weg in die Zukunft der richtige ist für Peru: Garcia will die Modernisierung des Landes und setzt dabei auf die umfassende Ausbeutung der Ressourcen; die Indios wollen Peru ihrer ganzheitlichen Kosmovision folgend entwickeln. Der vorläufige Erfolg hat die Indios stärker gemacht. Sie lassen sich nicht mehr so leicht in Reservate abschieben und daran hindern, für ihre Interessen einzutreten. Die Indios der Hochlandregion Canchis sind bereits ermutigt worden, auch gegen den Bergbau auf ihrem Land zu protestieren. An der Seite der Indios steht die Kirche. Viele Ordensleute und Priester vor Ort sowie die neun Bischöfe der Amazonasregion unterstützen die Indigenas. Präsident Garcia hatte die Kirche um Vermittlung in dem Konflikt gebeten. Der Bischof von Tujillo, Héctor Miguel Cabrejos Vidarte hofft, dass sich die Parteien darauf besinnen: „Wir alle sind Peruaner und das ist es, was zählt.“  (hm)
 

STANDPUNKT

Peter Seidel, 46
Stellv. Referatsleiter für Lateinamerika bei Caritas international

Nach den blutigsten Unruhen in Peru seit fast 20 Jahren hat sich die Lage zwar beruhigt, Präsident Alan García hat den Regierungschef und sechs weitere Minister ausgetauscht. Das Grundproblem ist damit aber nicht gelöst. Die zum Großteil friedlichen Proteste der indigenen Bevölkerung, die Anfang Juni eskalierten und mindestens 34 Menschenleben forderten, richten sich gegen Gesetze und Dekrete, die die Nutzung und den Kauf von Land der indigenen Bevölkerung durch private Investoren zum Ziel haben. Um Erdöl- und Erdgasvorkommen auszubeuten sowie Anbaufläche für Agrotreibstoffe zu gewinnen, sind Menschenrechte und die in Peru geltenden Mitbestimmungsrechte der indigenen Bevölkerung missachtet worden. Caritas international und der peruanische Partner CAAAP (Centro Amazonica de Antropologia y Aplicacion Practica) unterstützen die betroffene Bevölkerung bei der Wahrnehmung ihrer Rechte. Nun ist es an der peruanischen Regierung, den personellen Änderungen auch politische folgen zu lassen. Die indigene Bevölkerung muss über ihr Land und dessen Nutzung selbst bestimmen dürfen.


 

LANDNAHME

Afrika als Brotkorb der Welt?

Ausländische Investoren haben weltweit in den vergangenen drei Jahren 15 bis 20 Millionen Hektar Agrarland unter ihre Kontrolle gebracht — Tendenz weiter steigend. Dies schätzt das „International Food Policy Research Institute“ (IFPRI), ein Institut, das die internationale Nahrungsmittelpolitik unter die Lupe nimmt. 20 bis 30 Milliarden Dollar seien dafür bezahlt worden. Ein Grund für die Landnahme: das eigene Ackerland reicht nicht mehr aus, um die Bevölkerung zu ernähren — so etwa in China. Andere Investoren hoffen auf reiche Gewinne, wenn sie sich Land in Entwicklungs- oder Schwellenländern sichern, die etwa für die Ernährung der Weltbevölkerung wichtig sind. Kritiker fürchten, dass Afrika zum „Brotkorb der Welt“ wird — auf Kosten der einheimischen Bevölkerung. Mit 733 Millionen Hektar Ackerland hat der Kontinent die weltweit größte bebaubare Fläche. Bislang wird davon nur ein Dritttel für die Landwirtschaft genutzt.   (hm)
 

FLÜCHTLINGSKINDER

Verschwundene

Sie kommen auf der Suche nach Sicherheit: tausende Flüchtlingskinder. Endlich fort von Hunger, Krieg und Gewalt. Ihre Eltern haben oft das Letzte bezahlt, um den Kindern die Flucht nach Europa zu ermöglichen. Und dann, plötzlich und meist unaufklärbar, verliert sich ihre Spur in den Flüchtlingslagern Europas, den vermeintlich sicheren Horten. Hunderte Flüchtlingskinder verschwinden jedes Jahr mitten in Europa. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung der Grundrechteagentur der Europäischen Union. 400 Kinder verschwanden im vergangenen Jahr auf der italienischen Insel Lampedusa. Das entspricht fast einem Drittel aller Kinder, die dort ankamen. Im Jahr 2005 verschwanden 1800 Kinder aus ungarischen Aufnahmelagern, sagt Mortem Kjaerum, der Direktor der EU-Grundrechteagentur. Skrupellose Menschenhändler verschleppen die Kinder, die leichte Beute sind, weil sie ohne Eltern und Verwandte gekommen sind. Sie zwingen sie in die Prostitution, richten sie für Diebstähle und Drogengeschäfte ab, verkaufen sie als Arbeitssklaven. Und sie nutzen sie für den Organhandel, befürchten Hilfsorganisationen. Werden die Kinder bei Prostitution oder Diebstahl erwischt, werden sie zu Tätern gemacht, inhaftiert oder abgeschoben. Die Grundrechteagentur fordert, sie als Opfer anzuerkennen und zu schützen.   (hm)
 

Grafische Darstellung der Thematik

GESUNDHEIT

Tödliche Schwangerschaft und Geburt

Frauen in den ärmsten Ländern der Welt haben ein 300-mal höheres Risiko, während der Schwangerschaft oder an den Folgen der Geburt zu sterben als Frauen in den Industrieländern. 80 Prozent der Todesfälle ließen sich durch bessere Gesundheitsfürsorge und Bildung verhindern.   

 

KOMPAKT

Afrikas Genvielfalt

Die größte genetische Vielfalt liegt in Afrika. Dies ergab eine Analyse von 121 verschiedenen Völkern des Kontinents. Dabei wurden mehr als 1300 Marker — das heißt DNA-Abschnitte — ermittelt. Die größte Vielfalt zeigte sich bei den Cape Coloureds im Westkap.

Heimkehr der Maori-Köpfe

Frankreich will ein Dutzend mumifizierter Maori-Köpfe an die neuseeländischen Ureinwohner zurückgeben. Auf Neuseeland sollen sie nach Riten der Maori beerdigt werden. In französischen Museen befinden sich 15 mumifizierte Maori-Köpfe.

Spitzenmarke Kirche

Die Kirche ist die wichtigste Marke Polens. Dies ergab eine Studie der Firma „Goodbrand & Company“. Die Kirche erhielt mehr als doppelt so viele Punkte wie Krakau (Platz 2) und Wroclaw (Platz 3). Polen selbst belegte Rang 4. Erzbischof Leszek Slawoj Glodz: „Wir arbeiten schon mehr als 2000 Jahre an der Marke.“

 

Malaysias Hausmädchen

Mehr Rechte

Bessere Arbeitsbedingungen sollen die geschätzt 300000 Hausmädchen in Malaysia erhalten. Das hat der „Human Resources“-Minister Datuk S. Subramaniam angekündigt. Arbeitgeber werden verpflichtet, ihnen einen freien Tag pro Woche zu geben. Dieser darf nur im Einvernehmen ausfallen — und dann muss das Hausmädchen dafür bezahlt werden. Das Gehalt soll künftig auf ein Konto gezahlt werden, sodass Arbeitgeber nicht mehr monate- oder jahrelang den Lohn schuldig bleiben können wie bisher häufig. Neben der finanziellen Ausbeutung leiden bislang viele Hausmädchen unter körperlicher und sexueller Gewalt. Viele werden wie Sklavinnen gehalten. Erstmals soll es nun Verträge geben für die Frauen, die zu 90 Prozent aus Indonesien stammen. Die Regierung will ihnen zudem ein Handbuch geben mit Botschafts- und anderen Adressen für den Notfall. Unangemeldete Kontrollbesuche sollen die Frauen ebenfalls vor Gewalt schützen. Indonesien hatte im Juni die Vermittlungsagenturen aufgefordert, keine Hausmädchen mehr nach Malaysia zu schicken. Das erleichtert ihnen auch das Leben in der mexikanischen Gesellschaft.   (hm)  

KIEL

Modellsiedlung für Sinti und Roma

„Maro Temm — unser Platz, unser Land“ heißt die Siedlung aus 13 Einfamilienhäusern am Rande eines Gewerbegebietes in Kiel. Es ist eine europaweit einmalige Modellsiedlung für Sinti und Roma, die bereits seit fast 600 Jahren in Schleswig-Holstein leben. Gegen Widerstand aus der Bevölkerung hat das Land die Siedlung errichtet. 2008 wurde sie eingeweiht, vom damaligen Innenminister Ralf Stegner gefeiert als „Leuchtturm der Integration“. Mit der Einbindung in Kiels Bevölkerung und dem lebendigen Miteinander hat es bislang noch nicht so geklappt. Das mag auch daran liegen, dass die Siedlung buchstäblich in einer Sackgasse liegt und am Rande des Stadtteils Gaarden, der mit vielen Arbeitslosen und Migranten als sozialer Brennpunkt gilt. Doch mit neuen Mitteln soll jetzt Bewegung in das Modellprojekt kommen: 273000 Euro wurden für vier Jahre zur Verfügung gestellt; sie stammen zu zwei Dritteln aus dem Fördertopf des Bund-Länder-Programms für benachteiligte Stadtteile. Ein Drittel bringt der Landesverband Schleswig-Holstein des Verbandes Deutscher Sinti und Roma als Projektträger ein. Zwei pädagogische Fachkräfte sollen das Miteinander der Bewohner von Maro Temm und ihrer Nachbarn verbessern. Außerdem übernehmen sie die schulische und außerschulische Betreuung der Kinder. In diesem Bereich engagieren sich auch zu Mediatorinnen ausgebildete Sinti-Frauen. Längst hat die Siedlung europaweit Interesse geweckt. Sie soll ein Ende der jahrhundertelangen Diskriminierung und Stigmatisierung der Sinti und Roma einläuten.   (hm)  

AFRIKA

Handel im Innern

Aus früheren Feinden werden Handelspartner: Die Demokratische Republik Kongo und Ruanda besinnen sich auf den Handel untereinander — so wie auch andere Länder Afrikas. Der Binnenhandel soll den Aufschwung bringen und die Staaten von den Folgen der Weltwirtschaftskrise befreien. Viele Staatschefs haben erkannt, dass ihre Grenzen das Haupthindernis für ihre wirtschaftliche Entwicklung sind: Innerafrikanische Zölle gelten als die teuersten der Welt, die Abfertigungszeiten als die längsten, die Transportkosten als die höchsten. Drei der wichtigsten Wirtschaftsblöcke Afrikas haben bereits im vergangenen Oktober beschlossen, auf eine gemeinsame Freihandelszone hinzuarbeiten: die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC), die Entwicklungsgemeinschaft des Südlichen  Afrika (SADC) und der Gemeinsame Markt des östlichen und des südlichen Afrika (COMESA). Steuersenkungen, vereinfachte Bürokratie und Zollfreiheit für viele  Waren sollen den Handel ankurbeln. Zollfreiheit für Alltagsgüter soll die Kleinhändler entlasten, die die örtliche Wirtschaft am Leben halten.   (hm)

 

 

MENSCHEN 05-2009

PRINZESSIN ODETTE MANIEMA KREMPIN

Visionärin und Brückenbauerin

„Bildung ist das Tor zur Freiheit“ lautet das Motto des Deutsch-Afrikanischen Jugendwerks, das Prinzessin Odette Maniema Krempin 2007 gegründet hat. Die 32-Jährige engagiert sich für Kinder aller Nationen in Hessen, wo sie als Honorarkonsulin der Demokratischen Republik Kongo lebt. Mit spielerischem Sprachunterricht, kostenfreier Hausaufgabenhilfe, Tanz- und Kulturprojekten will sie Kindern und deren Eltern helfen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Begegungen zwischen Migranten und Deutschen sollen das Miteinander fördern. Darüber hinaus kümmert sich Prinzessin Odette, die mit 14 Jahren mit ihrer Familie nach Paris zog und Modedesignerin ist, um Kinder in Afrika. Sie fördert mit ihrem Werk bislang vier Schulen und hat ein Krankenhaus übernommen, in dem katastrophale Zustände herrschten. Mit Volontärsdiensten verbindet sie die Kontinente.  (hm)
Informationen: www.dajw.de

 

FATIMA ZAHRA MANSOURI

Marrakeschs Hoffnungsträgerin

Sie ist die erste Bürgermeisterin Marrakeschs: Fatima Zahra Mansouri wurde von der Partei für Authentizität und Modernität (PAM) zur Präsidentin des Stadtrates gewählt. Die 33-Jährige ist ein Politikneuling, erreichte aber auf Anhieb 54 Stimmen — ihr 75-jähriger Amtsvorgänger Omar Jazouli, der von der Zeitung „die taz“ als „konservativer Lokalfürst alter Prägung“ beschrieben wird, erreichte nur 34 Stimmen. Für viele Frauen in Marokko ist Fatima Zahra Mansouri Hoffnungsträgerin und Vorbild, auch wenn sie nicht die einzige Frau in politischem Amt ist. Über 3400 zogen diesmal in die Gemeinderäte ein. Mansouri ist Rechtsanwältin und hat in Frankreich studiert. Sie hat die Anhänger vieler kleiner Parteien im zersplitterten Rat überzeugt. Im Dialog mit allen will sie Alternativen in Fragen der Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Kultur entwickeln.   (hm)

 

JOHAN STEVEN MARTINEZ

Protestmarsch für den Vater

Einen dreitägigen Gewaltmarsch unternahm der 11-jährige Johan Steven Martinez, um auf das Schicksal seines Vaters aufmerksam zu machen. Der war noch vor Johans Geburt von kolumbianischen FARC-Rebellen entführt worden. 100 Kilometer wanderte der Junge von seinem Heimatstädtchen Ospina aus über den brennend heißen Asphalt zur Provinzhauptstadt Pasto. Johan hoffte nicht nur, die FARC zur Freilassung seines Vaters und anderer Geiseln zu bewegen. Er wollte auch das Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit auf das Schicksal der FARC-Geiseln lenken. Nach der spektakulären Befreiung von Ingrid Betancourt 2008 ist es ruhig um sie geworden.   (hm/kna)