Magazin > Heft 04-2009

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REPORTAGE 1 – Gold für den Buddha
REPORTAGE 2 - Gestrandet im Paradies
INTERVIEW - Sebastian Painadath: Den Einklang der Herzen entdecken
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 04-2009:

Gold für den Buddha

Myanmar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dennoch spenden die Gläubigen täglich pures Gold — zur Ehre Buddhas und in der Hoffnung auf eine bessere Wiedergeburt.

Text: Text: Veronika Buter

Fotos: Hartmut Schwarzbach

   

Die Schwedagon-Pagode im Zentrum von Yangon ist ein Ort der Ruhe und des Friedens, aber auch ein Ort unvorstellbarer Pracht. Majestätisch ragt ihre vergoldete Stupa 107 Meter hoch in den Himmel der Millionenstadt. Seit mehr als 2000 Jahren ist die buddhistische Tempelanlage geistige Mitte für die Menschen in diesem Land. Myanmar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, trotzdem wird es das „Goldene Land“ genannt: wegen hunderter Pagoden, die bis in den letzten Winkel des Landes zu finden sind. An ihnen ist alles Gold, was glänzt: Allein die Schwedagon-Pagode ist mit 60 Tonnen puren Goldes bedeckt.

Herrscher früherer Zeiten ließen es heranschaffen. Zur Ehre Buddhas, aber vor allem, um das eigene Karma und damit die Chancen für eine besseres nächstes Leben im Kreislauf der Wiedergeburten aufzubessern. Therevada-Buddhisten glauben, dass das Leben ein endloser Kreislauf von Wiedergeburten ist, wobei das nächste Leben von den Verdiensten bestimmt wird, die man in diesem Leben aufgehäuft hat. Verdienste können gute Taten und Gebete sein. Dem Buddha Gold zu geben ist aber besonders verdienstvoll. In diesem Glauben spenden Millionen Gläubige täglich kiloweise Blattgold für Figuren, Pagoden und heilige Schreine im ganzen Land.

Schürfen: Wo sich die Flüsse May Kha und Mali Kha zum mächtigen Ayeyarwady vereinigen, wird Gold wie zu Urzeiten aus Flussschlamm gewonnen.

Der Rohstoff für diese religiöse Opfer-Tradition kommt fast ausschließlich aus den Flüssen im Norden Myanmars. In mühevoller, mitunter auch gefährlicher Handarbeit filtern es Goldschürfer aus dem Schlamm der Ströme. Mit Pumpen saugen sie Wasser aus dem Fluss; durch Schläuche, die unter Hochdruck stehen, spülen sie die Erde auf. Das Gemisch aus Wasser, Schlamm und womöglich etwas Gold wird auf eine mit einem Teppich bespannte Holzrutsche geleitet. Dort setzen die Goldwäscher hochgiftiges Quecksilber zu, um das Gestein vom Goldstaub zu trennen. Eine Todsünde an der Umwelt — zur Ehre Buddhas...
 

 

 

REPORTAGE 2 – 04-2009:

Gestrandet im Paradies

Sie riskieren ihr Leben, um nach Europa zu gelangen. In Spanien waren die „Boatpeople“ aus Afrika lange willkommen. Jetzt trifft die Wirtschaftskrise vor allem sie.
 

Text: Veronika Buter
Fotos: Günther Menn

Ibrahim lässt den warmen Sand durch seine Finger rinnen. Er betrachtet das glitzernde Meer, dann seine Zeichnung. „Nie wieder!“, sagt der 20-jährige, kräftig gebaute Afrikaner. „Ich werde nie wieder in meinem Leben ein Boot besteigen und riskieren ins Meer zu fallen.“

Der Himmel über dem Strand von Roquetas de Mar ist blau und wolkenlos. Urlauberinnen in bunten Bikinis aalen sich in der Sonne. Die Kleinstadt an der andalusischen Küste ist ein touristischer Hotspot und ein beliebtes Winterquartier für deutsche Senioren. Doch gleich hinter den Hotelburgen erstrecken sich, so weit das Auge blickt, Gewächshäuser. Die Farbe grün fehlt im Landschaftsbild: Bis an den Fuß der majestätischen Sierra Nevada ist der Küstenstreifen unter silbrig schimmernder Plastikfolie verborgen. Darunter gedeihen Obst und Gemüse für den Export im großen Stil. Diese Industrie hat Roquetas zum Magneten für Einwanderer aus aller Welt gemacht. Hier leben Menschen aus 109 verschiedenen Ländern. Jeder Vierte der 74 000 Einwohner ist ein Einwanderer. Doch mit der Krise ist alles anders geworden...

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INTERVIEW 04-2009

Betroffensein vom Göttlichen: Pater Sebastian Painadath, 67, Verfechter einer globalen Spiritualität.

Interview mit Sebastian Painadath

Den Einklang der Herzen entdecken

Fotos: Geissler; gte/pp/Agentur Profipress

Die interreligiöse Begegnung ist für ihn eine tägliche Erfahrung. Sebastian Painadath leitet im südindischen Kalady ein Zentrum, in dem Christen, Hindus und Muslime gemeinsam beten und meditieren. Für kontinente beschreibt er seine Vision einer Harmonie der Religionen.

Sie haben verschiedentlich gesagt, die Zeit, in der wir leben, sei eine „begnadete Zeit“. Wie kommen Sie darauf?

Im neuen Testament gibt es den Begriff kairos — „der richtige, gute Augenblick“. Daran denke ich, wenn ich von der Gegenwart als einer „begnadeten Zeit“ rede. Dabei muss man wissen, dass kairos immer zwei Aspekte hat: die Gnade und den Auftrag. Eine „begnadete Zeit“ ist dementsprechend immer auch eine Zeit, in der uns ein neuer Auftrag gegeben ist.

Was ist das für ein Auftrag?

Es ist eine Zeit, in der wir weltweit dahin gekommen sind, über die Grenzen der Religionen und Konfessionen hinaus global zu denken, zu handeln und zu leben. Wir leben tatsächlich in einem globalen Dorf. Und wir müssen lernen, uns dementsprechend zu verhalten. Das hat es in diesem Maße noch nie zuvor gegeben. Diese kulturelle Situation ist einer der Aspekte, die mich die Gegenwart als begnadete Zeit erleben lassen.

Das klingt so, als gäbe es noch andere Aspekte.

Es gibt auch einen kirchlichen Aspekt. Auch für die Kirche ist die Gegenwart eine begnadete Zeit. Bis vor wenigen Jahren waren aus Sicht der Kirche die anderen Religionen Teufelswerk oder heidnischer Aberglauben. Das hat sich seit Ende der 1960er Jahre geändert, zumindest in den Mainstream-Kirchen: im Katholizismus seit dem II. Vatikanischen Konzil, in den reformatorischen Kirchen infolge vieler Erklärungen des Ökumenischen Rates der Kirchen. Nur in den evangelikalen und pfingstlerischen Bewegungen gibt es nach wie vor viel Engstirnigkeit. Im Ganzen aber hat sich die Christenheit soweit geöffnet, dass die Großkirchen heute sagen: Wir müssen mit anders glaubenden Menschen respektvoll umgehen und die Schriften der anderen Religionen mit einer großen Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes lesen.

Gemeinsame Grundlage: Gespür für das Geheimnis.

Aber wie Sie selbst sagen gibt es eben auch viele Menschen, die das Nebeneinander der Religionen als Bedrohung erleben. Sie fürchten einen „Clash of Civilizations“ um es mit Samuel Huntington zu sagen.

Gerade weil es diese fundamentalistischen Neigungen gibt, sage ich, dass wir in einer begnadeten Zeit leben. Denn bei Lichte besehen ist der Fundamentalismus nichts anderes als eine Reaktion auf die Heraufkunft eines neuen Geistes, den Menschen sowohl innerhalb ihrer eigenen Tradition als auch weltweit spüren. Diese Dialektik hat es in allen Religionen zu allen Zeiten gegeben: Wenn ein neuer Geist aufbricht, zuckt das Alte zurück — in jedem einzelnen genauso wie in den religiösen Gemeinschaften. Der Fundamentalismus ist so gesehen das Symptom für die Geburt eines neuen Zeitalters.

Welche Kennzeichen hat dieses neue Zeitalter?

Wenn ich von einem neuen Zeitalter rede, dann meine ich damit das Aufkommen einen neuen Bewusstseins — weltweit, im Herzen der Menschen. Gekennzeichnet sein wird dieses Zeitalter durch eine Harmonie der Religionen. Was ist Harmonie? Harmonie ist nicht Synkretismus. Harmonie ist nicht Relativismus. Harmonie heißt: sowohl die Vielfalt bejahen und respektieren als auch die Einheit wahrnehmen. Harmonie entsteht in diesem Spannungsfeld von Vielfalt und Einheit. Für die religiöse Landschaft bedeutet das konkret: Wir respektieren die Vielfalt der Religionen und wertschätzen die Andersartigkeiten der Anderen. Das können wir aber nur, wenn es uns gelingt, gleichzeitig das Verbindende wahrzunehmen. Ohne das entsteht kein Respekt. Ich muss wenigstens eine Ahnung von den tieferen, verbindenden Schichten haben, um anderen mit Respekt begegnen zu können.

Was ist dieses Einheitliche, das Menschen unterschiedlicher religiöser Prägung in der Tiefe verbindet?

Es ist die Grundwahrnehmung davon, dass wir als Menschen von einem großen Geheimnis berührt werden. Oder, um es mit Rudolf Otto zu sagen: „dass wir vom Heiligen betroffen sind“. Philosophisch gesprochen: ein Grundgespür für Transzendenz. Das ist es, was uns in der Tiefe verbindet. Wenn wir nun versuchen, über diese Erfahrung zu reden, müssen wir von einer Sprache Gebrauch machen, die sehr stark von einer bestimmten Kultur oder Tradition geprägt ist. Doch das Grundgespür für das Geheimnis wird dadurch nur überlagert. In der Tiefe bleibt es das grundlegend Verbindende der Spiritualität.

Und dieses Grundgespür für das Geheimnis drückt sich in den unterschiedlichen Religionen unterschiedlich aus.

So ist es. Nur würden wir zu kurz greifen, wenn wir behaupten wollten, es könne sich nur in den Religionen ausdrücken. Es drückt sich auch in der Poesie aus, im politischen Einsatz für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung — also in ganz säkularen Formen. Spiritualität ist heute längst nicht mehr auf den Bereich der Religionen beschränkt. Es gibt heute eine säkulare Spiritualität. Ich finde das sehr schön.

Da muss ich nachfragen: Was zeichnet die säkulare Spiritualität aus?

Respekt und Barmherzigkeit. Das sind die wichtigsten Kennzeichen. Nehmen wir nur den Respekt für die Natur, für die Bewahrung der Schöpfung, die Heiligkeit der Erde. Und gleichzeitig die Barmherzigkeit für die Menschen. Besonders für die Armen. In beidem drückt sich eine Spiritualität aus, die uns in der Tiefe verbindet.

Spiritualität hat immer auch etwas mit einer bestimmten Lebensform zu tun — und mit religiösen Praktiken. Wie nimmt die Spiritualität des neuen Bewusstseins im alltäglichen Leben Gestalt an?

Ein Grundgespür für Transzendenz — für das Geheimnis — ist in jedem Menschen angelegt. Es kann aber auch verschüttet werden. Deshalb haben wir den Auftrag, es zu pflegen und zu vertiefen. Dafür braucht es bestimmte Ausdrucksformen. Eine mögliche Ausdrucksform dieser verbindenden, globalen Spiritualität wäre etwas, das ich „disziplinierte Stille“ nennen möchte. Ob das nun Meditation oder Kontemplation heißt, ist zweitrangig. Es geht dabei um einen Weg nach innen, dem wir in der Stille nachspüren. Es ist bemerkenswert, dass suchende Menschen überall auf der Welt diese stillen Zugänge entdecken. Gerade in Europa beobachte ich das. Einerseits werden die traditionellen Gottesdiensträume zunehmend leer, andererseits besuchen viele Menschen mit Begeisterung Kurse in Meditation, Zen, Yoga oder was auch immer. Das ist für mich ein deutliches Symptom der entstehenden globalen Spiritualität.

Können Menschen diesen inneren Weg, diesen Weg in die Stille, Menschen auch dann gemeinsam praktizieren, wenn sie aus unterschiedlichen Religionen kommen?

Oh ja, damit habe ich reiche Erfahrung. Denn ich lebe in einem Ashram, in dem wir tagtäglich diese globale Spiritualität praktizieren. Denn die Grundlage unseres Miteinanders ist das gemeinsame Sitzen in der Stille. Muslime, Hindus und Christen kommen immer wieder in einem interreligiösen Meditationsraum zur Meditation zusammen. Wir sitzen und schweigen. Danach tauschen wir uns aus. Wir diskutieren nicht theologische Fragen, sondern jeder erzählt, was für ihn oder sie der Weg nach innen bedeutet. Natürlich gibt es unterschiedliche Beschreibungsarten, aber in diesem Austausch spüren wir, dass wir ähnlichen Spuren folgen. Denn letztlich reden wir alle von dem tiefen Geheimnis des Betroffenseins vom Göttlichen.

Bildet sich dadurch Gemeinschaft? Entsteht so Harmonie?

Für mich ist es eine faszinierende Erfahrung, dass Einheitsbewusstsein gerade in der Stille gedeiht. Es ist wirklich so, wie ein alte Weisheit sagt: „Lernt vom Baum! Was wächst, macht keinen Lärm.“ Ich habe das oft in meinen Meditationskursen erlebt. Menschen kommen als Fremde zusammen, steigen in die Stille ein, verbringen Tage im Schweigen und stellen zum Ende hin verblüfft fest, dass zwischen ihnen ein echtes Gemeinschaftsgefühl gewachsen ist. Deswegen meine ich, dass das gemeinsame Schweigen eine gelungene und tiefe Form interreligiöser Beziehung sein kann. Man könnte in einem zweiten Schritt darüber sprechen. Aber das ist nebensächlich. Auf keinen Fall sollte es das Ziel sein. In Asien verwenden wir nicht so gerne die Formulierung „Interreligiöser Dialog“. Hier reden wir lieber von „interreligious relationships“ — also interreligiösen Beziehungen. Das geht tiefer als ein Dialog. Der Dialog kann zwanghaft enden.

Weil er oft aufs Kognitive beschränkt bleibt. Was Sie beschreiben klingt aber mehr nach einem Austausch, der sich im Herzen ereignet.

Ja. Das ist wichtig. Denn solange die Herzen nicht zueinander finden, werden die Köpfe auch nicht einander näher kommen.

Brauchen wir eine Globalisierung der Herzen?

Das ist ein guter Ausdruck. Ja, das brauchen wir — und damit einhergehend eine Kultur von Respekt und Barmherzigkeit.

Das hat Auswirkungen auf das praktische Tun. Die Einheitserfahrung, das Gespür für das Verbundensein — all das will nicht für sich bleiben, sondern es sucht den Ausdruck. Es will sich zeigen. Wie wird das neue Bewusstsein tätig?

Drei Dinge sind wichtig. Erstens: Im neuen Bewusstsein werden wir ohne Vorurteile gegenüber anders glaubenden Menschen miteinander umgehen. Wir haben über die Jahrhunderte enorm viele Vorurteile entwickelt — über Muslime, Christen, Hindus und so weiter. Nun begegnen wir den anderen unmittelbar — über diese Vorurteile hinaus und in guter nachbarschaftlicher Beziehung. Das ist die Grundlage für jede Kultur der Harmonie. Man spricht hier auch von einem dialogue of life — dem Dialog des Lebens. Zweitens: Wir werden die Schriften der anderen Religionen mit großem Respekt lesen und die Symbole der anderen Religionen kennen lernen. Das heißt nicht, dass ich alles annehmen oder bejahen muss, ich kann auch kritisch eingestellt sein — aber diese Kritik ist von einem großen Respekt getragen. Neben einem Dialog des Lebens brauchen wir also eine Kultur des Respekts. Und drittens kommt hinzu: der gemeinsame Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. Auch das ist wichtig: etwas Gemeinsames tun auf der Basis unserer Spiritualität.

Sie sprechen von „unserer Spiritualität“. Ist der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung etwas, wozu die Spiritualität der großen Religionen gleichermaßen anstößt?

Ja, so ist. Nehmen wir die Bewahrung der Schöpfung. Für sie können wir uns nur dann wirklich einsetzen, wenn hinter unserem Engagement eine erdverbundene, ökologische Spiritualität steckt. Anderenfalls würde es sich dabei einfach um politisches oder wirtschaftliches Tun handeln. Aber das ist nicht, was das neue Bewusstsein auszeichnet. Das neue Bewusstsein beflügelt ein gemeinsames Engagement aus einer spirituellen Quelle — aus einer Spiritualität, die uns dazu bewegt, die Erde als unseren Leib zu achten, zu schützen und zu lieben; die die innige Beziehung zu Bewusstsein bringt, die unseren Leib mit der Erde verbindet. Tatsächlich findet man diese Spiritualität der Erde in vielen heiligen Schriften der Religionen. Sie ist — so gesehen — ein wichtiger Teil globaler Spiritualität.

Manchmal will es scheinen, als hätten wir gerade im Christentum diese Wertschätzung und Liebe zu Leib und Erde verloren und müssten sie erst durch die Begegnung mit anderen religiösen Traditionen wieder erkennen.

Ich teile diesen Eindruck. Ich stamme aus einer Brahmanen-Familie und kenne von daher die vedischen Hymnen recht gut. Dort habe ich für mich diese erdverbundene Spiritualität in einem Maße entdeckt, die ich im Christentum nicht gefunden habe. Oder die taoistische Weisheit Chinas. In ihr finde ich ein kosmisches Bewusstsein, das mich sehr inspiriert. Deswegen meine ich, dass wir Christen gerade aus der Begegnung mit den Religionen des Ostens viel für die Entwicklung einer eigenen, christlichen ökologischen Spiritualität lernen können.

Damit tun sich aber viele Christen schwer. Nicht anders die Kirchen, die unisono betonen, dass sie gemeinsame Gebete mit Angehörigen anderer Religionen ablehnen und ihre Energie stattdessen darauf verwenden, das eigene Profil zu stärken. Woher dieser Widerstand?

Es gibt eine Reihe kulturgeschichtlicher Faktoren, die die christliche Haltung gegenüber anderen Religionen durch die Jahrhunderte geformt haben. Wir müssen uns einfach klar machen, dass das im christlichen Abendland für Jahrhunderte eine religiöse Monokultur herrschte, in der sich die Dogmen, Moralvorstellungen und liturgischen Formen der Christenheit entwickelten. Mit diesem Erbe ist es aber schwer, den Herausforderungen einer multireligiösen Welt zu begegnen. Dabei rückt sie euch in Europa immer mehr auf den Leib. Wir haben längst multireligiöse Gesellschaften, aber wir haben keine angemessene Hermeneutik entwickelt, mit der wir uns anderen Religionen zuwenden könnten. Und wir haben genauso wenig eine Sprache entwickelt, mit der wir Menschen anderer Religion von unserem Glauben erzählen können.

Was wäre das für eine Sprache, mit der wir den christlichen Glauben auf eine zeitgemäße Weise zur Sprache bringen können?

Es wäre eine poetische Sprache. Auch und gerade in der Theologie. Weil eine poetische Sprache die Menschen unmittelbarer und tiefer anspricht als die begriffliche Sprache. Dafür könnten wir einiges von den Kirchenvätern lernen. Bis zu Augustinus sprachen sie eine dichterische Sprache. Selbst wenn Denker wie Tertullian oder Origines über die Trinität philosophierten, verwandten sie lieber Symbole und Allegorien als logische Erörterungen. Das müssen wir wieder entdecken. Der Theologe der Zukunft wird — zumindest ein Stück weit — ein Dichter und Künstler sein. Und er wird ein Mystiker sein. Die Wiederentdeckung der Mystik in der Theologie ist von größter Wichtigkeit.

Warum?

Eine Theologie ohne Mystik ist wie ein Baum ohne Wurzel. Man redet über Gott, aber man hat keine Erfahrung mit der Gegenwart des Göttlichen. Wir können aber nur dann sinnvolle theologische Sätze formulieren, wenn wir die Erfahrung der Gegenwart des Göttlichen kennen. Sonst sind unsere Worte Schall und Rauch. Die Menschen spüren das. Und wenden sich ab. Deswegen ist die Wiederbelebung der Mystik für die Kirche heute eine epochale Aufgabe. Dabei gibt es in der christlichen Tradition große Schätze der Mystik, an die wir anknüpfen können.

Eine poetische Sprache — eine mystische Sprache — Kunst. Wenn das die neu zu belebenden Ausdrucksformen des Glaubens sind, was bedeutet das dann für die christliche Gottesdienstpraxis?

Unsere Liturgie leidet unter einer Armut an Symbolen. Wir machen zu viele Worte, es wird zu viel gepredigt, es ist alles zu laut, und es ist alles zu trocken. Kein Wunder, dass die Menschen davon Abstand nehmen. Aber so muss es nicht bleiben. Ich glaube, dass wir die Liturgie christlicher Gottesdienste viel stärker mit Ursymbolen, mit kosmischen Symbolen gestalten können. Und mir scheint, dass wir uns dafür von Hindus und Buddhisten inspirieren lassen können. In ihren Gottesdiensten sind die Elemente präsent. Früchte und Blumen spielen eine Rolle, Feuer werden entzündet, Wasser, Rauch, Klänge — alles wird zu einer ganzheitlichen Erfahrung komponiert. Hinzu kommen Zeiten der Stille. Aus alledem entstehen harmonische Feiern, die den Menschen wirklich berühren. Manches davon gibt es auch in den orientalischen Kirchen der Christenheit. Aber in den liturgischen Formen der römischen Kirche und vieler protestantischer Kirchen finden wir davon nichts oder wenig.

Nun berührt Religion den Menschen nicht nur durch ihre spirituellen Inszenierungen, sondern auch durch ihre Botschaft. Aber die christliche Theologie erreicht immer weniger Menschen. Wie könnte sie die Botschaft von Jesus Christus heute so sagen, dass sie die Menschen erreicht?

Für uns Christen ist Jesus Christus der Weg, die Wahrheit, das Leben. Er ist das Licht, in dem wir alles deuten können. Die Frage ist: Wie gehen wir mit diesem Glauben um? Ein Beispiel: Wir sprechen im Blick auf Jesus von der Fleischwerdung des Wortes. Was heißt das? Was heißt es, dass Gott Mensch geworden ist? Nun, ich sehe darin eine radikale Selbstrelativierung Gottes. Wenn es im Johannesevangelium heißt, Gottes Wort sei Fleisch geworden, dann ist damit gesagt, dass Gott in die zerbrechlichste Sphäre des Menschen eingeht. Darin bejaht Gott die Begrenztheit des Menschen: Er bejaht den Leib in all seiner Gebrechlichkeit, kulturellen Prägung, Beschränktheit als Mittel seinen Entgegenkommens. Er bejaht die Begrenztheit der Sprache dieses Leibes. Für mich hat das die Konsequenz: Die Beschränktheit der Religionen anzuerkennen und zu bejahen. Es gibt keine absolute Religion, es gibt keine absolute Offenbarung, die das ganze Geheimnis des Göttlichen erschöpfend darstellte. Alles ist durch Raum und Zeit begrenzt. Doch dieses Begrenztsein ist von Gott bejaht. Die Vielfalt der Religionen gehört nach meinem Verständnis zum Heilsplan Gottes dazu.

Zentraler Bestandteil der Verkündigung Jesu ist die Botschaft vom Reich Gottes. Führt der Weg ins Reich Gottes auch durch andere Religionen?

Das Reich Gottes ist nicht an eine Religion gebunden. Das Reich Gottes ist eine vom Geist Gottes getragene Wirklichkeit, die sich sowohl innerhalb der Religionen entfaltet, als auch über die Grenzen einer jeden Religion hinaus. Es wäre ein Irrtum, wenn man die Kirche mit dem Reich Gottes gleichsetzt. Die Kirche ist, sagt das II. Vatikanische Konzil, ein „Sakrament des Reiches Gottes“ — ein Hinweis darauf, dass das Reich Gottes sich unter uns entfaltet. Aber diese Entfaltung geschieht im Herzen der Menschheit durch die unterschiedlichen Religionen hindurch.

Auch außerhalb der Religionen?

Aber ja, das Reich Gottes ist da. Auch für Menschen ohne Religion. In dem globalen ökologischen Bewusstsein finde ich es. In dem engagierten Handeln von Menschen finde ich es. Es ist für mich dort, wo neues Bewusstsein aufbricht. Denn mit ihm werden wir uns der Herausforderung des Reiches Gottes bewusster. Deswegen meine ich ja, dass wir in einer begnadeten Zeit leben.

Und das Christentum hat dabei eine besondere Bedeutung, weil…

… in seinem Zentrum die Liebe steht. Aber das Christentum hat kein Monopol auf sie. Liebe ist ebenso eine Grundbotschaft der anderen Religionen. Wenn man sich ansieht, was die heiligen Schriften der Menschheit zu den Themen Liebe und Barmherzigkeit zu sagen haben, kann man nur staunen, wie einig sie sich über deren Bedeutung sind. Ja, ich glaube man kann sagen, dass Barmherzigkeit ein Treffpunkt der Weltreligionen ist.

Und die globale Spiritualität des globalen Bewusstseins wäre eine Spiritualität der Liebe?

Ja, so ist es. Allerdings dürfen wir nicht meinen, die Liebe sei einfach nur ein Gefühl. Liebe ist eine göttliche Energie, die den ganzen Kosmos durchströmt. Eine Energie, die unser Leben neu gestaltet. Die Frage ist: Wie weit gelingt es uns, unser Herz für diese Energie zu öffnen? Ich glaube, dass das neue, globale Bewusstsein dadurch ausgezeichnet ist, dass es sich in einem ungeahnten Maße für diese kosmische Energie der Liebe öffnet.

Hat diese kosmische Energie der Liebe auch etwas mit Leidenschaft und Verliebtsein zu tun?

Die Mystik hat immer um dieses Dimension des Spirituellen gewusst. Die Sufi-Mystiker waren ekstatische Liebhaber Gottes, ebenso gibt es in der christlichen Mystik die erotische Leidenschaft für Gott. Denken Sie nur an die sogenannte Brautmystik, in der sich die Seele als Braut des Bräutigams Jesus erfährt. Die jüdische Tradition hat das Hohelied, im Buddhismus gibt es die tantrische Weisheit, im Hinduismus den Bhakti Yoga. Das Erotische kann — um es christlich zu formulieren — durchaus ein Sakrament der göttlichen Nähe sein. Das ist dann aber mehr als nur ein Körpergefühl, es ist die leibliche Erfahrung der Gegenwart Gottes. Und diese Erfahrung kann eine Grundlage der Begegnung der Religionen sein.

Eine alle Religionen verbindende, ganzheitliche Spiritualität, integriert Geistiges und Leibliches gleichermaßen?

Ja, es geht um eine „holistic spirituality“, wie das im Englischen genannt wird. Wobei mir wichtig ist, dass diese Ganzheitlichkeit nicht nur den einzelnen Menschen betrifft, sondern auch die Gesellschaft. Ganzheitliche globale Spiritualität ist auch ökologisch und sozial. Sie mag in den Religionen unterschiedlich begründet sein. Für mich als Christen ist sie die Konsequenz aus der Fleischwerdung des Wortes: aus dieser Bejahung des Leiblichen in all seiner Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit — aus der Einsicht, dass mein Leib ein heiliger Ort ist, ein Tempel des Heiligen Geistes. Das ist das christliche Fundament der ganzheitlichen Spiritualität, die in anderen Religionen genauso zu finden ist.

Aber hat die christliche Tradition diese Dimension des Leiblichen über die Jahrhunderte nicht ziemlich unterdrückt?

So ist es leider. Aber heute entsteht ein neues Bewusstsein, in dem wir — vermittelt durch die Begegnung mit den östlichen Religionen — die Heiligkeit des Leibes neu entdecken. Ich kenne viele Menschen in Deutschland, die durch Yoga oder Qigong zu einem vertieften Christusglauben gekommen sind. Und das ist gut so.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Entwicklung dieser ganzheitlichen, globalen Spiritualität für den interreligiösen Dialog der Kirchen?

Das ist, mit Verlaub, eine sehr europäische Frage. In Asien leben wir seit Generationen in unseren Dörfern mit Muslimen, Hindus, Buddhisten zusammen. Von dieser Erfahrung können die Kirchen des Westens einiges lernen. Ein Beispiel: In den meisten Schulen in Indien beginnt der Schultag mit einem gemeinsamen Gebet. Alle Kinder versammeln sich auf dem Schulhof — Christen, Muslime, Hindus, alle. Und dann singen sie zusammen ein Lied und beten miteinander. Das sind dann zwar Lieder und Gebete, bei denen keine bestimmten Namen Gottes genannt werden, aber es sind doch ganz ergreifende mystische Texte. Außerdem wird ein Abschnitt aus einer heiligen Schrift vorgelesen. Oder ein Schüler erzählt eine Weisheitsgeschichte aus einer der Religionen. Mir gefällt das sehr gut. Auf diese Weise entsteht im Herzen der Kinder eine Kultur der Harmonie. In dem Ashram, den ich leite, halten wir regelmäßig interreligiöse Gebete. Aus dieser Erfahrung kann ich nicht nachvollziehen, dass in den deutschen Kirchen darüber diskutiert wird, ob man mit Andersgläubigen beten kann. Man muss einfach anfangen. Dann sieht man, dass es geht. In Asien sind interreligiöse Gebete eine Selbstverständlichkeit. Es wird gesungen, es wird gebetet — und manchmal beenden wir die Feier mit einem schönen Feuerritual. Dabei wird die verbindende, tiefe Spiritualität, von der wir Sprachen, auf eine gute Weise erfahrbar. Und dadurch wächst — gerade in der jungen Generation — ein Gespür für die Religiosität anderer. Das ist enorm wichtig, denn dieses Gespür kann man nicht einfach durch Ideen vermitteln, sondern nur durch Rituale, Gebete und Symbole.

Das Gespräch führte Christoph Quarch  

 

ZUR PERSON
Sebastian Painadath

Der Jesuitenpater wurde 1942 in einer christlichen Familie geboren. Prägend war für ihn sein Großvater, ein Brahmane aus einer alten Hindu-Gelehrtenfamilie, die später zum Christentum konvertierte. Painadath studierte katholische Theologie in Innsbruck und promovierte 1978 in Tübingen. 1987 gründete er mit Unter­stützung seines Ordens den Ashram Sameeksha in Kalady/Indien, den er heute leitet. Painadath ist im deutschsprachigen Raum ein gefragter Exerzitienleiter und Meditationslehrer.
 
 

Reisetipp:
Südindien mit mehrtägigem Aufenthalt im Ashram Sameeksha
mit Dr. Sebastian Painadath SJ [download Flyer Reisetipp als pdf-Datei]

 

 

 

 

Nachrichten 04-2009:

ISLAMISCHES FINANZWESEN

Die Regeln des Propheten

Seit der Finanzkrise boomt das sogenannte „islamic banking“ — das Geldgeschäft nach den strengen Grundsätzen des Koran. Der Prophet verbietet Zinsen und Kredite, Risikogeschäfte und Investionen in amoralische Sektoren, wie Alkohol- oder Waffen. Eine Herausforderung für die Geldmoral des Westens.

Selbst die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ propagierte die Scharia, das islamische Recht, als Weg aus der Finanzkrise: Die ethischen Regeln des islamischen Bankwesens seien imstande, einem gescheiterten kapitalistischen Finanzsystem wieder Vertrauen und Liquidität zu verschaffen, hieß es in einem Beitrag zweier italienischer Wirtschaftswissenschaftlerinnen in dem Blatt. „Wir glauben, dass das islamische Finanzwesen zur Etablierung neuer Regeln für das westliche Finanzwesen beitragen kann“, schrieben sie.

Tatsächlich haben islamische Banken in der Krise weit weniger Geld verloren als konventionelle Geldhäuser, weil ihnen aus religiösen Gründen vieles verboten ist, vor allem eins: Zinsen einzunehmen oder zu bezahlen. Sparbücher, Anleihen oder Kredite und Hypotheken werden durch spezielle Strukturen schariakonform gestaltet. Investitionen in überschuldete Unternehmen, überhaupt alle Risikogeschäfte, Geschäfte mit Schuldscheinen und sogenannte Leerverkäufe, mit denen man auf sinkende Kurse spekuliert, sind tabu. Ganz abgesehen von Investitionen in moralisch bedenkliche Branchen wie Alkoholproduktion und Tabak, Pornographie und Waffen, Schweinefleisch, Hotels, Medien und vieles mehr. Ein „Sharia Board“ aus Koran- und Bankspezialisten überwacht die Einhaltung der Regeln und zertifiziert jedes Finanzprodukt, bevor es in den Vertrieb geht. Noch sei dieser Finanzsektor sehr klein, sagt Mariam Boulbol vom Global Asset Management (UK) Ltd bei der „Hongkong and Shanghai Banking Corporation“ (HSBC), ein Asset Manager, der auf dem Sektor des islamischen Finanzwesens führend ist. Noch sei die Anzahl der Unternehmen und der Finanzprodukte begrenzt, Aktienfonds sind derzeit die gängigste Form schariakonformer Anlagen. Bislang legen nur 20 Prozent der weltweit zwei Milliarden Muslime ihr Geld in islamischen Banken an, so Boulbol. Das Modell sei noch relativ jung — das erste Finanzinstitut dieser Art sei in den 70er-Jahren gegründet worden — und selbst in der muslimischen Welt noch wenig bekannt. Seit etwa fünf Jahren wächst dieser Finanzsektor jedoch um bis zu 27 Prozent jährlich. Auch in europäischen Ländern mit großen muslimischen Gemeinden wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland sehen die Banker des Propheten gute Marktchancen. An der Straßburger Hochschule für Management ist kürzlich sogar ein Studiengang „Islamische Finanzwissenschaften“ eingerichtet worden.“   (vb)
 

STANDPUNKT

Mariam Boulbol, 32, London
Expertin für Islamisches Finanzwesen

Das islamische Bank- und Finanzwesen basiert auf dem Koran und der Scharia, dem islamischen Recht. Es wurde für Muslime entwickelt, kann aber — wie die weltweite Finanzkrise gezeigt hat &mdash auch für Menschen anderer Glaubensrichtungen ein Vorbild sein. Weil es auf allgemein anerkannten Werten wie Fairness und Transparenz, Verantwortlichkeit und Maß beruht und darauf zielt, die Gesellschaft vor Betrug und sozialen Spannungen zu schützen. Dennoch sind islamische Banken keine Wohltätigkeitsvereine. Sie können nur überleben, wenn sie Geld verdienen — wie jede andere Bank. Aber sie tun es auf eine sozialverträgliche Weise: indem sie Risiken und Profite mit ihren Kunden teilen; indem sie auf fette Gewinne aus windigen Geschäften — zum Beispiel mit Hilfe von Derivaten — verzichten. Sie vermeiden es, zusätzliche Risiken einzugehen, um höhere Gewinne zu kassieren. Das tut nicht nur Muslimen gut, davon profitiert die ganze Welt. Deswegen ist es wichtig, dass immer mehr Menschen in Finanzprodukte investieren, die ihre Glaubensüberzeugungen berücksichtigen. Egal ob Christen, Muslime oder Andersgläubige.


 

BRASILIEN

Die Armen werden eingemauert

Abweisend grauer Beton, drei Meter hoch, 634 Meter lang: So sieht die Mauer aus, die um die Favela, die Armensiedlung Santa Marta in Rio de Janeiro gezogen wird. Es ist die erste von zwölf Favelas im Süden der Metropole, die so begrenzt wird. Gouverneur Sergio Cabral begründet den Mauerbau damit, dass der Wald geschützt werden müsse, der den wachsenden Wellblech-Siedlungen sonst zum Opfer falle. Doch auch um Favelas im unbewaldeten Norden sollen Mauern gezogen werden. Für Kritiker wie den Literaturnobelpreisträger José Saramago ist deshalb klar: Die Mauern sollen Arm und Reich trennen, die Nobelviertel wollen sich vor den Bewohnern der Favelas „schützen“. In der Favela Rocinha ist die Meinung gespalten: Während Antonio Ferreira de Melo, Präsident der Bewohner-Vereinigung, die Mauer als Symbol der Trennung anprangert, sieht William de Olivera, Präsident der Volksbewegung der Favelas, in ihr einen Schutz vor Erdrutschen.   (hm)
 

MYANMAR

Es wird gebaut

Trotz massiver Proteste im In- und Ausland setzen die Chinesen den Bau des umstrittenen Myitsone-Staudamms im Norden Myanmars fort (kontinente Januar-Februar 2008). Bis Oktober sollen hunderte chinesische Ingenieure auf der Baustelle eintreffen, kündigte der Bauherr, die Asia World Company, an. Augenzeugen bestätigten, dass zahlreiche Wohnhäuser für das Baupersonal und Camps für 15 000 chinesische Arbeiter errichtet würden. „Jetzt können wir nur noch beten!“, sagt der Pastor der Baptisten-Gemeinde im Dorf Tang-Hpre, „denn unser Protest ist auf taube Ohren gestoßen.“ Er ruft die Gläubigen im christlich dominierten Stammland der ethnischen Volksgruppe der Kachin seit 2006 regelmäßig zusammen, um für den Stopp des Staudammbaus zu beten. Der Bau von drei großen Dämmen soll der Gewinnung von Elektrizität dienen, um den Energiebedarf chinesischer Fabriken in der benachbarten Provinz Yunnan zu befriedigen. Während die Militärjunta in Myanmar mit dem Projekt Millionen scheffelt, müssen voraussichtlich mehr als 50 Kachin-Dörfer dafür umgesiedelt werden — ohne dass die Bewohner eine Entschädigung erhalten. Zudem werden Hunderttausende in den nahe gelegenen Städten Myitkina und Waingmaw unter den Folgen des Projekts auf Natur und Umwelt zu leiden haben.   (vb)
 

JUJ-MAGIE

Seelenfolter

Wehrlos, völlig gefügig, gefangen gehalten von Drohungen und Ängsten: die Worte können nicht beschreiben, wie es den Opfern der Juju-Priester geht. Juju ist eine afrikanische Abart des Voodoo, gilt aber als gefährlicher. Vor allem in Nigeria halten Juju-Magier junge Frauen durch große Suggestivkraft und seelische Folter in ihrem Bann. Oft so stark, dass ihre Wirkung die Frauen bis nach Europa verfolgt. Viele werden hierher geschickt, um als Prostituierte Geld zu verdienen. Väter, Ehemänner oder andere Angehörige setzen die Mädchen und Frauen hier wie dort unter Druck. Als „Wassergöttin“, wie eine angebliche „Hexe“ genannt wird, sei sie verpflichtet, ihre Kräfte zum Wohl der Familie einzusetzen, wird der Ehefrau oder Tochter klargemacht. Kaum eine ist stark genug, sich dagegen zu wehren, erst recht nicht, wenn sie in ein Netz aus brutalen Ritualen, ausgeführt in tagelanger Trance, und Abhängigkeiten verstrickt worden ist. Eine jedoch hat es geschafft, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien: Adesuwa Reiterer, 27, lebt heute verheiratet und in Sicherheit in Österreich. 2006 hat sie dort den Verein Exit gegründet, der Juju-Opfern beim Ausstieg helfen will. Ihre Erfahrungen hat sie auch in dem Buch „Die Wassergöttin. Wie ich den Bann des Voodoo brach“ beschrieben (Knaur-Taschenbuch)   (hm)
www.adesuwainitiatives.org

 

KOMPAKT

Mikrokredite boomen

Trotz Wirtschaftskrise hat die ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit 2008 ihre Investitionen in Entwicklungsländer gesteigert: Rund 287 der insgesamt investierten 365 Millionen sind in 69 Ländern in Mikrokredite für Existenzgründer geflossen.

Erfolg gegen Malaria

Jeder dritte Sambier schläft mittlerweile unter einem Moskitonetz. Mit einem breiten Einsatz der Schutznetze und von Medikamenten hat das südafrikanische Land die Zahl der Malariatoten in den vergangenen acht Jahren um 66 Prozent gesenkt.

Kein Christenvertreter

Die christliche Minderheit in der Türkei wird auf 100000 bis 150000 Menschen geschätzt. Unter den 550 Abgeordneten der Großen Nationalversammlung, dem Parlament, gibt es aber keinen christlichen Vertreter. Der Generalstabschef der Armee, General Ilker Basbug, fordert Abhilfe und mehr Rechte für Christen.

 

MAYA-DÖRFER

Sanfter Tourismus

Eine Reise auf die Halbinsel Yucatán in Mexiko: Ist das nicht viel zu touristisch und womöglich ausbeuterisch? Nicht, wenn man etwa nach Nuevo Durango reist, ein Dorf im Regenwald von Yucatán. Es ist eines von sieben Maya-Dörfern, das sich sanft für Reisende öffnet. „Kanché Asociación Civil“ nennt sich das Projekt. Die Touristen lernen das Leben der Maya kennen, entdecken mit ihrer Hilfe die Naturwunder und die Tierwelt abseits der massentouristischen Trampelpfade. Auf Komfort muss der Reisende nicht verzichten: fließendes Wasser ist so selbstverständlich wie Moskitonetze rund um das Bett. Doch nicht nur der Tourist hat etwas von dieser Öffnung, sondern auch die Dörfer: Mit den Einnahmen werden etwa baufällige Holzhütten durch Steinhäuser ersetzt, die den Hurrikans besser standhalten können. Außerdem lernen die Maya Spanisch und Englisch, um als Fremdenführer arbeiten zu können — das erleichtert ihnen auch das Leben in der mexikanischen Gesellschaft.   (hm)
Informationen gibt es im Internet unter www.kanche.org (Englisch und Spanisch)

 

UMWELT

Erfolg: Gütesiegel für fairen Fisch

Ist das möglich? Fischbestände vor dem Aussterben schützen. Den einheimischen Fischern die Lebensgrundlage erhalten. Die Meere vor der tödlichen Leere bewahren. Sich gesund und fischreich ernähren. Es ist nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Verbraucher können mit verantwortungsvollem Einkauf wichtige Beiträge zum Erreichen dieser Ziele leisten und zudem Druck ausüben auf die europäische Fischindustrie, die einen großen Teil Verantwortung trägt für die Überfischung der Meere und für den Existenzverlust vieler Fischer. Seit einigen Jahren gibt es das „Marine Stewardship Council“ (MSC), das Gütesiegel für Fisch aus nachhaltiger Fischerei. Der Absatz von MSC-Produkten ist etwa in Deutschland auf 29 Prozent gestiegen. Kürzlich kündigte Handelsriese Edeka an, sein Fischsortiment bis 2011 vollständig auf MSC-Fisch umzustellen. Die Umweltschutzorganisation World Wide Fund for Nature will spätestens 2011 auch ein Siegel für Fisch aus nachhaltigen Aquakulturen herausgeben. Doch nicht nur europäische Kunden und Fischfabrikanten sind gefragt. Vor Ort ist oft Aufklärungsarbeit bei einheimischen Fischern nötig. Erfolge verzeichnet etwa die Islamische Stiftung für Ökologie und Umweltwissenschaften: Sie bringt ostafrikanische Korallenfischer zum  Verzicht auf Dynamit und Schleppnetz, indem sie klarmacht, dass der Schutz der Naturressourcen zu den Lehren des Koran gehört.   (hm)
Informationen unter www.kanche.org (Englisch)

 

MENSCHENRECHTE

Schmerzfreiheit

Der Zugang zu Schmerzmitteln sollte als Menschenrecht verankert werden. Diese Forderung hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhoben und dazu ein rund 50-seitiges Papier herausgegeben: „Please do not make us suffer anymore… — access to Pain Treatment as a Human Right“ („Bitte, lasst uns nicht weiterleiden — Zugang zu Schmerzbehandlung als Menschenrecht“). Die Studie räumt auf mit Vorurteilen und Fehleinschätzungen, die selbst viele Ärzte teilen: Morphine — die wirksamsten Schmerzmittel — machen nicht abhängig, wenn sie kontrolliert verabreicht werden. Sie sind billig zu produzieren und können von jedem Land in ausreichender Menge vorrätig gehalten werden. Darauf hatte sich die internationale Gemeinschaft bereits 1961 verpflichtet, doch in vielen Ländern werden die Vorgaben nicht eingehalten. Weltweit leiden Millionen Menschen an Schmerzen, die ihnen oft ihren Lebenswillen nehmen. Dass es auch in armen Ländern anders geht, zeigen etwa Uganda, Rumänien und Vietnam.   (hm)
www.hrw.org/de

 

 

MENSCHEN 04-2009

BERND HAGEMANN

Der Herr der Schwarzen Liste

„Das ist doch selbstverständlich“, wiegelt Bernd Hagemann, Vizepräsident des Rohstoff-Handelsunternehmens Firstar ab, wenn man ihn auf seine mutige Tat anspricht: Der 48-Jährige hat per Internet schmutzige Geschäfte der simbabwischen Regierung aufgedeckt — und wird dafür mit dem Tod bedroht. Als ihm über eine spanische Mittelsfrau 3,7 Tonnen Gold angeboten wurden, wurde er misstrauisch und fand heraus, dass hinter dem Angebot Simbabwes Vizepräsidentin Joyce Mujuru steckte. Hagemann setzte sie auf die Schwarze Liste seiner Firma. Es folgten ernstzunehmende Drohungen aus Simbabwe und Spanien — und Medienrummel. Hagemann will jedoch nicht als Held gesehen werden. „Einer muss ja anfangen, etwas gegen diese Missstände zu tun“, sagt er. „Wenn ich die Frauen und Kinder vor mir sehe, die in den Minen ausgebeutet werden, kann ich gar nicht anders handeln.““     (hm)

 

WAFA YOUNIS

„Unbeugsame Orchesterchefin“

„Saiten der Freiheit“ hatte Wafa Younis ihr Orchester genannt. Im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin im Westjordanland unterrichtete die Israelin Musik und gab Jugendlichen die Möglichkeit, den Lageralltag zu vergessen. Im Jahr 2002 hatte die pensionierte Lehrerin das Orchester gegründet — in diesem Jahr wurde das Orchester von der Palästinenserpartei Fatah verboten. Wafa Younis darf das Lager nicht mehr betreten. Auslöser war, dass sie mit den Jugendlichen in einem israelischen Altenheim vor Überlebenden des Holocaust spielte. Zakarija Sbeidi, Kommandant der Terrorbrigade Al Aksa, sprach daraufhin das Verbot aus. Kollaboration mit dem israelischen Geheimdienst warf er der 54-Jährigen vor. Wafa Younis will die Auflösung ihres Orchesters nicht hinnehmen. Sie fordert eine Untersuchung durch Präsident Mahmud Abbas.“     (hm)

 

BISCHOF JOHN TONG HON

„Nicht-verhandelbare Prinzipien“

Volle religiöse Freiheit und die Einhaltung der Menschenrechte fordert der neue Bischof von Hongkong, John Tong Hon, vom chinesischen Regime. Der 69-jährige Nachfolger von Kardinal Joseph Zen Zekuin bezeichnet sich zwar als „Mann des Dialogs “, stellt aber auch klar, dass er nach „nicht-verhandelbaren Prinzipien“ handelt. Es sei die Pflicht der Katholiken, das Regime zu erleuchten. Dabei setzt Bischof Tong durchaus auch auf die Diplomatie des Vatikan und den informellen Dialog: „Das ist gut“, sagt er, „die Tür ist zumindest nicht geschlossen. Nur Dialog und Verhandlungen können Konflikte lösen. Kämpfe und Feindschaft haben noch nie geholfen.“     (hm)