Magazin > Heft 03-2009

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Endstation Sehnsucht?
REPORTAGE 2 - Die Goldkinder von Diwalwal
PORTRÄT - Andreas Knapp: Knappe Lyrik statt großer Predigten
HINTERGRUND - Eigenwilliges Kind der Moderne
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 03-2009:

Endstation Sehnsucht?

Mali ist ein Transitland. Flüchtlinge, die nach Europa wollen, durchreisen es ebenso wie jene, die von dort zurückkehren. Viele stranden in Bamako, wo die EU ein Migrationszentrum betreibt.

Text: Klaus Sieg/Agenda

Fotos: Jörg Böthling/Agenda

   

Es riecht noch nach Farbe im Centre d’Information et de Gestion des Migrations (CIGEM) in Malis Hauptstadt Bamako. Auf den Schreibtischen des Zentrums für Information und Verwaltung der Migration der Europäischen Union stehen neue Flachbildschirme. Die Bürostühle sind fast unbenutzt.

Samba Goïta nimmt vorsichtig Platz. Sein gestreiftes Hemd ist makellos rein, die Hose ziert eine akkurate Bügelfalte. Der 30-Jährige schlägt die Beine übereinander und blickt Berater Abdoulaye Coulibaly an. Samba Goïta möchte auswandern. Am liebsten nach Kanada, wo ein Freund von ihm lebt. „Nach Europa würde ich aber auch sehr gerne“, sagt Samba Goïta und spielt an den Bügeln seiner Sonnenbrille, in deren Gläsern sich der Deckenventilator spiegelt.

Überqualifiziert: Dass Samba Goïta studiert hat, schließt ihn von vielen Jobs aus.

Das CIGEM ist das erste Beratungszentrum für Migranten der EU außerhalb Europas. Potenzielle Auswanderer sollen sich hier über die Möglichkeiten legaler Migration beraten lassen. Weiterbildung soll den Menschen bei der Jobsuche helfen. Rückkehrer aus Europa finden Unterstützung bei der Wiedereingliederung in ihre Heimat. Vor allem aber will CIGEM die Menschen vor den Risiken illegaler Migration warnen. Laut dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, UNHCR, versuchen pro Jahr 120 000 Flüchtlinge aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. 65 000 Flüchtlinge strandeten 2008 an den Küsten Europas. Der Rest wird vorher abgefangen, bleibt in den Transitländern hängen — oder kommt unterwegs ums Leben.

Vor sieben Jahren ist Bertrand Couture aus Kamerun aufgebrochen — auf der Suche nach einem besseren Leben. Er war in Nigeria, Benin, Burkina Faso, Mauretanien, Algerien und Marokko. Die längste Zeit hat er in Marokko auf eine Gelegenheit gewartet, in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen. Im August 2001 ist er zum ersten Mal über den Zaun geklettert. Doch die spanische Guardia Civil bugsierte ihn gleich wieder hinaus. Insgesamt sieben Mal rannte Bertrand Couture so gegen die Festung Europa an.

Schließlich landete Bertrand Couture in Mali. In Bamako schlief er zunächst einige Wochen unter den Ständen einer Markthalle, verdiente sich mit Trägerdiensten und Reinigungsarbeiten ein paar Lebensmittel und Kleingeld. Nun wohnt er in einem Haus mit einhundert anderen Flüchtlingen aus Kamerun, Togo, Kongo oder dem Tschad. Bis zu zehn Männer teilen sich ein Zimmer. Die Zustände sind katastrophal. Viele müssen auf den Fluren oder draußen schlafen...
 

 

 

REPORTAGE 2 – 03-2009:

Die Goldkinder von Diwalwal

Kinderarbeit ist auf den Philippinen verboten. Doch die Goldgräber im Compostela-Tal haben ihre eigenen Gesetze. Cindy, 10, verdient den Lebensunterhalt für ihre Familie. Sie zerkleinert Erzgestein — mit dem Hammer.
 

Text und Fotos: Hartmut Schwarzbach

„Achtung, die Steine fallen!“ Eine Frau schreit ins Dunkel, dann krachen faustgroße Felsbrocken von einer Verladerampe auf den Boden der Bergwerkshöhle. Es regnet Golderz. Kinder laufen herbei und stürzen sich auf das frisch geschlagene Gestein. „Manghua pagdali“ rufen sie, „sammelt schnell!“ Cindy Balinas ist die Erste. Flink greift das zehnjährige Mädchen nach einem glänzenden Klumpen. Ihre rote Bluse und ihre Hose sind nass vom herabtropfenden Wasser. Mit nichts als Gummislippern an den Füßen watet sie durch verseuchtes Wasser, über spitze Steine, ohne Schutzkleidung und ohne Helm. Wieder poltern Gesteinsbrocken die Rampe herab. Cindy weicht geschickt aus, springt zur Seite und befördert die aufgesammelten Klumpen in einen kleinen Stoffsack.

Die Verladerampe für das Erz ist eine zwanzig Meter hohe Konstruktion aus verrostetem Stahl und Eisen. Sie sieht aus, als müsste sie jeden Augenblick zusammenbrechen, aber irgendwie funktioniert sie schon mehr als zwanzig Jahre. Im Minutentakt rattern die Loren mit dem Erzgestein aus dem Innern des Bergwerks über die Köpfe der Kinder hinweg und ergießen sich auf die Rampe. Erwachsene Bergmänner mit Helm und Lampe wiegen die großen Brocken und werfen sie auf Lastwagen, die unterhalb von ihnen bereit stehen.

Die Szene spielt sich an der Hauptverladerampe der Goldgräberstadt Diwalwal ab. Sie liegt im Bergregenwald der philippinischen Insel Mindanao. Im Zentrum des Ortes kreuzen sich der Fluß Naboc und die kilometerlange Goldstraße. Die Bretterbuden der Golddigger, der Händler und Betreiber von Garküchen und Karaoke-Bars säumen die fünf Meter breite Geröllpiste.

Als das Goldvorkommen im Diwata-Bergmassiv 1982 entdeckt wurde, strömten zehntausende Menschen auf der Suche nach Glück in den Dschungel. Ohne Lizenz graben sie sich seitdem in den Berg hinein und höhlen ihn aus...

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PORTRÄT 03-2009

Priester und Poet: Bruder Andreas Knapp, 50, lebt in einer Leipziger Plattenbausiedlung.

Andreas Knapp

Knappe Lyrik statt großer Predigten“

Foto: Paul Hahn

Andreas Knapp ist Ordensmann, Hilfsarbeiter, Lyriker. Er hat eine vielversprechende Karriere als Kleriker gegen ein bescheidenes Leben als „Kleiner Bruder des Evangeliums“ am Rande der Gesellschaft eingetauscht — und macht ungerne mehr Worte als nötig.

Müde ist er. Früh um sechs musste Andreas Knapp draußen bei seinem Job als Packer in einem Unternehmen sein. Kartons falten, füllen, schließen. Wieder und wieder. „Aber für mich ist das wichtig, dabei zu sein. Das ist ein Stück Solidarität“, sagt der 50-Jährige. Hilfsarbeiter auf Stundenlohn-Basis, das ist nur eine Seite seines vielseitigen Lebens in Leipzig. Außerdem schreibt Andreas Knapp Gedichte und er engagiert sich ehrenamtlich als Schulseelsorger. Aber vor allem und in dem allen ist er katholischer Ordensmann; ein Mitglied der „Kleinen Brüder vom Evangelium“

Diese 1956 gegründete Gemeinschaft orientiert sich an dem französischen Priester Charles de Foucauld (1858-1916) und will bewusst am Rand der Gesellschaft leben. Mitten unter den Menschen, nicht im Schutz hoher Kirchenmauern. „unser Stadtviertel /ist unser Kloster/und die belebten Straßenkreuzungen/ sind unser Kreuzgang/unsere Klosterwerkstätten/sind die Fabriken/und unsere Gebetszeiten/ werden von der Stechuhr diktiert/die Gesichter der Menschen sind die Ikonen die wir verehren/und im leidgezeichneten Antlitz/schauen wir auf den Gekreuzigten“, heißt es in einem der frühen Werke von Bruder Andreas.

Sein Stadtviertel ist Leipzig-Grünau, eines der größten Plattenbau-Viertel der untergegangenen ostdeutschen Republik. Kurz vor dem Mauerfall lebten in dieser sozialistischen Modellstadt über 90000 Menschen, nun sind es nicht einmal mehr die Hälfte. Leerstand, Abriss, Vergangenheit. Wer wegkonnte, ging. Auf dem Grün zwischen den Hochhäusern spielen selten Kinder, und wenn es dunkel wird, geht nur hinter wenigen Scheiben Licht an. Knapps „Kloster“ ist eine Fünf-Raum-Wohnung in einem dieser unrenovierten DDR-Bauten. Ein Zimmer dient als Kapelle, in der Meditationsecke neben Kerze und Kreuz liegen einige Steine aus Abbruchhäusern.

Meditiation: Steine aus Abbruchhäusern zieren die „Kapelle“ der Kleinen Brüder in Leipzig. Gott im Banalen finden

Aber der hochgewachsene „Kleine Bruder“ betet nicht nur in der Kapelle. Ins Meditieren kommt er auch als Packer, wenn er Bücher oder Flaschen in Kisten hebt. „Ich bin immer froh, wenn ich einen Job habe, der etwas Monotones hat. Die immer gleichen Handgriffe, der gleiche Atemrhythmus, das hat auch Vorteile“, erläutert er und verweist auf den klassischen Sinn der mönchischen Arbeit. Schon das frühe Mönchtum habe Handarbeit mit Gebet verbunden. „Mir helfen dabei Taizé-Kanon-Gesänge. Die nehme ich schon mit, wenn ich morgens aus dem Haus gehe.“ An diesem Tag habe ihn der Vers „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht...“ begleitet. „ Ich glaube nicht, dass ich deswegen schlechter arbeite“, schmunzelt der Priester. Nazareth, die galiläische Kleinstadt, in der der Zimmermanns-Sohn Jesus wahrscheinlich jahrelang als Handwerker lebte, habe für Charles de Foucauld einen hohen Stellenwert gehabt, erinnert er. „Jesus kannte die Lebenswelt der kleinen Leute und knüpfte daran an“, sagt Knapp. Während er selbst am Fließband arbeitet, verdingt sich einer seiner Mitbrüder als Hilfspfleger bei einem Behinderten, ein anderer ist Gefängnisseelsorger. „Wir haben diese Realität sehr bewusst gewählt. Gott im Einfachen, im Banalen — da spielt das ganz Gewöhnliche eine wichtige Rolle.“ Zu dritt bilden sie eine „Fraternité“, wie die Kleinen Brüder vom Evangelium ihre Gemeinschaften nennen. Weltweit gibt es rund 80 Brüder in 20 Ländern.

Als Knapp, 1958 im Städtchen Hettingen auf der Schwäbischen Alb geboren, als 25-Jähriger in Rom zum Priester geweiht wird, zeichnet sich ein ganz anderer Weg für ihn ab. Der Doktorarbeit folgten fünf Jahre als Studentenseelsorger in Freiburg. Mit nur 35 Jahren wird der hager- schlaksige Theologe Chef des Erzbischöflichen Priesterseminars. Da scheint die weitere Laufbahn absehbar. Doch der Konviktsdirektor wird „Kleiner Bruder“, verschenkt sein Auto, wählt das geistliche Leben. Und statt großer Predigten schreibt er heute eher knappe Lyrik.

Es ist ein weiter Weg aus dem akademisch geprägten Leben in die Fabrikarbeit, von der Karriereleiter zurück ins Leben, aus dem katholisch durchgefärbten Freiburg in die Plattenbausiedlung. Aber Knapp ist hier angekommen. „Oben links“, sagt er und zeigt in die siebte Etage, „wohnen Christen, auch da vorne rechts. Ansonsten eher nicht.“ Vor einiger Zeit hielt er im Nachbarhaus bei der Genossenschafts-Initiative „gemeinsam statt einsam“ einen Vortrag über das „Abenteuer Wüste“. Musik, einige Bilder von Pflanzen und Landschaften, Impulse. „die Weite der Wüste/schenkt allen das rechte Maß/du lebst nicht mehr im Größenwahn/der Erlöser der Welt ist ein anderer/du bescheidest dich als Mensch/Gott allein ist groß/alle Anbetung gilt nur noch ihm“, heißt es in einem seiner Gedichte.

„Dass religiöse Sensibilität wachsen kann, darauf kommt es mir an.“ Die Kollegen am Fließband wissen, dass er etwas mit Kirche zu tun hat. Zum Thema wird es in wenigen Pausen, bei Kaffee oder BILD, kaum. Aber an zwei Tagen der Woche ist Andreas Knapp ehrenamtlich als Schulseelsorger aktiv. Das entspricht der Idee des Ordens, das Leben der Armen zu teilen und in der Kirche vor Ort mitzuwirken. „Der Gedanke des Missionarischen wächst bei mir aus der Meditation während der Fabrikarbeit und äußert sich in der Schule“, erzählt er.

In diesem Jahr bot er erstmals eine Aschermittwochsfeier an. Ein Experiment, ein Wagnis. Knapp rechnete mit den 200 Grundschülern, aber nur mit ein, zwei Dutzend älteren Schülern. Insgesamt kamen dann 400 zumeist ungetaufte Jungen und Mädchen. Er projizierte das Hungertuch an die Wand, erzählte, lud zur Stille ein. Am Schluss trugen alle Kinder ein Aschenkreuz den Tag über durch den Leipziger Westen. Und jedes einzelne hörte den Segensspruch „Achte das Leben und vergiss nicht zu teilen.“ Zwei der Schüler bereiten sich derzeit auf die Taufe vor. Sie kommen aus Familien, in denen nicht einmal mehr die Großmutter Kontakt zur Kirche hatte.

Sprache als Weg zur Wirklichkeit

Seit zwei Jahren bietet Knapp auch religiöse Gesprächsabende für Eltern an. Die Themen klingen einfach: „Wer ist Gott? “, „Was steht in der Bibel?“ oder „Wofür brauchen wir Rituale?“ Das sei auch Mission, sagt der Pater. „Ins Gespräch kommen mit interessierten Erwachsenen, die nicht getauft sind, aber Offenheit und Neugier zeigen. “ Aus solcher Arbeit erwächst das nächste Buchprojekt. „Etwas Flottes über den christlichen Glauben“ soll es werden, „ein Katechismus, aber ganz anders geschrieben“.

Auch wenn Knapp erzählt, macht er ungern mehr Worte als nötig, bleibt im Reden zurückhaltend. Er arbeitet meditierend. Vielleicht kam er gerade deswegen zu seinen Gedichten. „Durch die Sprache öffnet sich unsere Welt. Sie ist der Weg, der uns näher zur Wirklichkeit führen will. Durch Sprache entdecken wir unsere Wirklichkeit“, weiß er. Die ersten Zeilen kamen ihm noch in Freiburger Jahren. Der Hochschulseelsorger setzte die Texte in Gottesdiensten ein. Irgendwann stellte er, als Geschenk im Freundeskreis, einige Werke zusammen, dann folgten erste Veröffentlichungen in Zeitschriften. Mittlerweile findet sich Lyrik von Andreas Knapp in Religionsbüchern für den Schulunterricht und in kleinen Literaturzeitschriften, Leser schreiben ihm, setzen Gedichte fort. Einige der Veröffentlichungen erreichten bereits die vierte oder fünfte Auflage. Und selbst am Fließband oder beim Einkauf im Supermarkt hat der promovierte Theologe einen kleinen Schreibblock dabei.

Ein Gedicht, sagt Pater Andreas, stößt etwas an, schließt es aber nicht ab. Das läßt dem Leser oder Zuhörer Raum für eigene Bilder und Gedanken. „Gedichte auf Leben und Tod“, heißt sein jüngster Band. „In meinen Texten versuche ich, das Ganze des menschlichen Lebens zu benennen und auch das Unausweichliche zu thematisieren, dass das Leben auf den Tod zuläuft.“

Christoph Strack

 

 

HINTERGRUND 03-2009

Eigenwilliges Kind der Moderne

Fundamentalistische Auffassungen sind kein gesellschaftliches Randphänomen. Sie gewinnen in unserer Gesellschaft, im Christentum, ja sogar in unserer Kirche immer mehr Einfluss. Wer sie nicht pauschal verdammt, sondern zu verstehen sucht, kann auch ihre Stärken entdecken.

Text: Klaus von Stosch
Foto: Corbis
 

Fundamentalistisches Denken: Käfig im Kopf?

Die Debatten um die Annäherung der katholischen Kirche an die Piusbruderschaft rücken ein Phänomen in den Vordergrund, das angesichts der ständigen Aufmerksamkeit für den islamischen Fundamentalismus nicht ausreichend beachtet wird. Auch im Christentum ist eine erstarkende Zuwendung zu fundamentalistischen Positionen zu beobachten. Doch eine pauschale Abwertung des Fundamentalismus ist wenig zielführend. Vielmehr gilt es, seine positive Anziehungskraft verstehend zu würdigen und von seinen problematischen Seiten zu unterscheiden.

Als christlich fundamentalistisch bezeichnet die Wissenschaft Standpunkte, die durch zwei unterschiedliche Bewegungen gekennzeichnet sind. Zum einen geht es um eine Bewegung der Abwehr gegen alles, was die Fundamente des christlichen Glaubens in der Moderne gefährdet. Zum anderen geht es darum, dieser Bedrohung etwas entgegenzusetzen, das nicht durch die kritischen Fragen der Moderne ins Zwielicht gerückt werden kann. Als dieses Fundament wird gewöhnlich die Bibel ins Feld geführt, die wörtlich als Wort Gottes verstanden der historischen Kritik enthoben wird. Hinzu kommen meistens der Glaube an die biologisch zu verstehende Jungfräulichkeit Mariens, an das stellvertretende Sühnopfer Jesu am Kreuz, an die leibliche Auferstehung und an die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi. Zum fundamentalistischen Glauben gehören also einige Punkte, die viele Christen ganz s elbstverständlich bekennen, welche nicht als fundamentalistisch einzustufen sind. Entscheidend für die Kennzeichnung als Fundamentalist sind zwei Dinge. Zum einen das Absolutsetzen und Wörtlichnehmen der Heiligen Schrift, die jedem wissenschaftlichen Zugriff entzogen wird. Zum anderen ist aus Sicht des Fundamentalisten nur als Christ zu bezeichnen, wer alle fünf fundamentalen Wahrheiten kompromisslos bekennt und nicht durch metaphorische Auslegung relativiert. Menschen, die etwa nicht sagen wollen, dass Jesus für ihre Sünden am Kreuz gestorben ist oder die die Jungfräulichkeit Mariens symbolisch deuten, gelten nicht mehr als Christen und müssen aus Sicht des Fundamentalisten neu bekehrt werden. Er besteht darauf, dass allein in Jesus Christus und im kompromisslosen Bekenntnis zu ihm Heil und Wahrheit zu finden sind, während alle lauen und Nichtchristen in der Hölle landen. Die Kirche darf sich ihnen zufolge an keiner Stelle dem Zeitgeist anpassen, sondern muss immer gegen den Strom der Zeit schwimmen und eine Art Kontrastgesellschaft bilden.

Historische Kritik als Sündenfall

Als besonders schlimm gilt ihnen die breite gesellschaftliche Anerkennung der Homosexualität, die verbreitete Billigung nicht­ ehelichen Zusammenlebens, die Auflösung traditioneller Rollenzuweisungen bei Mann und Frau, die Straffreiheit von Abtreibung und viele andere Formen moralischen Werte­wandels. Diese Reduzierung des christlichen Glaubens auf eine bestimmte Moral geht einher mit einer radikalen Ablehnung jeglicher historischen Rückfrage nach den Urkunden christlichen Glaubens. Die wissenschaftliche Hinterfragung der Entstehungsgeschichte und der Autorität der Bibel erscheint ihnen als Sündenfall des modernen Christentums. Die Bibel soll nicht länger mit den Augen der Welt, sondern die Welt mit den Augen der Bibel angeschaut werden. Entsprechend wird die Evolutionstheorie Darwins als unbiblisch abgelehnt und gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse polemisiert, die dem christlichen Schöpfungsglauben zu widersprechen scheinen. Dabei kommt ein ausgesprochen vernunftfeindlicher Grundzug zum Vorschein.

Ein weiterer Grundzug fundamenta-listischer Auffassungen besteht in der Betonung der richtenden und strafenden Seite Gottes. Sie wirft der modernen Theologie vor, den christlichen Glauben weichzuspülen und die Liebe Gottes einseitig zu betonen. Dabei gehe die Strenge Gottes verloren, dessen Herrschaft der Mensch sich bedingungslos zu unterstellen habe. Die Liebe Gottes wird nicht als Freisetzung, sondern als Aufforderung zum Gehorsam verstanden.

Aus psychologischer Perspektive wird der Fundamentalismus oft als eine Vergewisserungsstrategie verstanden, die aus einer tiefen existenziellen Unsicherheit resultiert. Menschen fühlen sich durch eine Welt verunsichert, in der eine schwer zu übersehende Vielfalt an Meinungen und Wertorientierungen existiert. Sie empfinden alles Fremde als bedrohlich. Die eigene Identität bestimmen sie nicht positiv, sondern durch Abgrenzung gegenüber den Anderen und nicht selten durch deren Abwertung. Besonders empfänglich für den Fundamentalismus sind demnach Menschen, die an einem Mangel an Selbstachtung leiden. In Gemeinschaften, die klar und hierarchisch strukturiert sind und einen hohen Grad an Verbindlichkeit und Kontrolle aufweisen, finden solche Menschen Halt und Orientierung. Hierzu gehört eine klare geistige und moralische Richtungsvorgabe, die nicht durch Kompromisse und Ungenauigkeiten verwässert wird und sich klar nach außen hin abgrenzt.

Problematisch an dieser Diagnose ist, dass der Fundamentalismus einseitig als pathologisch eingestuft wird. Im Grunde erscheinen Fundamentalisten als kranke Menschen, die sich ihre eigenen Sorgen und Ängste nicht eingestehen. Vielleicht ist diese Einschätzung teilweise richtig. Sie widerspricht jedoch der Selbstwahrnehmung von Fundamentalisten. Sie erleben nicht etwa ein Gewissheitsdefizit, sondern eher einen Gewissheitsüberschuss, der oft aus einer religiösen Erfahrung resultiert.

Gerade in den Pfingstkirchen erleben wir, wie Christen neu die Wirksamkeit des Heiligen Geistes zu erfahren meinen, und aufgrund dessen überzeugt sind, glauben und Gott trauen zu dürfen. Wer diese Erfahrung nur als Krisensymptom und nicht auch als Stärke sieht, nimmt die positive Kraft des Fundamentalismus nicht ernst genug. Seine eigentliche Stärke besteht in seiner Verankerung im Erleben der Menschen. Und nichts liebt der moderne Mensch so sehr wie eine Bestätigung seiner eigenen Vorstellungen durch eigene Erfahrungen.

Auf alles eine fertige Antwort

Damit steht der Fundamentalist gar nicht so sehr im Gegensatz zur Moderne wie er es selber meint und gerne hätte, sondern erweist sich eigentlich als ein Kind von ihr. Allerdings ein recht eigenwilliges Kind. Denn auch seine Erfahrungen sind — wie alle Erfahrungen — zwiespältig und unterschiedlich interpretierbar. Die Moderne wird nicht müde genau dies zu betonen. Deshalb kämpft der Fundamentalist so sehr gegen sie. Er will nicht an sich herankommen lassen, dass auch sein Erleben und seine Deutungen der Welt kritisch in Frage gestellt werden müssen. Die Deutung des Erlebten in der eigenen Gruppe wird als einzig mögliche Deutung propagiert, der offen Zweifelnde wird dämonisiert und aus der Glaubensgemeinschaft entfernt. Wenn Jesus am Kreuz zweifelt und schreit, dann — so der Fundamentalist — zweifelt er gar nicht, sondern betet einen Vertrauenspsalm. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ — solche Worte im Munde des Gottmenschen bringen den Fundamentalisten in arge Verlegenheit. Aber auch hierauf hat er natürlich eine fertige Antwort. Wahrheit hat für ihn etwas sehr Statisches und Starres. Aus christlicher Sicht liegt darin die Schwäche des Fundamentalismus. Denn ein recht verstandenes Christentum führt in die lebendige Wahrheit und Liebe Gottes hinein und lädt damit in das dynamische Beziehungsgeschehen, daß das Wesen Gottes ausmacht, ein. Nur im Mitgehen dieser Dynamik in der Geschichte und damit auch in der Moderne erschließt sich Wahrheit, nicht im Hinausgehen aus ihr.

Dennoch ist es gerade aus pastoraler Sicht wichtig, den Fundamentalismus nicht pau-schal abzuwerten, sondern wahrzunehmen, dass er auf real existierende Nöte aufmerksam macht und zudem eine Stärke zu bieten hat, die die Kirchen bitter nötig haben: nämlich den Glauben aus eigenem religiösen Erleben zu gestalten und eine gemeinsame Sprache der Deutung dieser Erfahrungen zu lernen. Vielen Christen fällt es schwer von ihren Glaubenserfahrungen zu sprechen, tastend im Gespräch mit anderen nach dem Fundament zu suchen, das sie trägt. Von Fundamentalisten können sie lernen, wie wichtig es ist, einen erfahrungsgesättigten Glauben zu haben und in eine Sprachschule des Glaubens einzutreten.

Die Suchbewegungen, in die ein christlicher Glaube eintreten muss, um in der Moderne angemessen artikulierbar zu sein, kann also durchaus positive Impulse aus dem Fundamentalismus ziehen, ohne sich dessen Absolutsetzung der eigenen Erkenntnisposition zu eigen zu machen. Wenn es der Kirche gelingt, behutsam aber authentisch, tastend, aber ohne falsche Kompromisse, erfahrungsbezogen, aber sensibel für die Zwiespältigkeit und Missverständlichkeit eines solchen Bezugs, von Gott und seiner Selbstoffenbarung in Christus zu reden, kann sie Orte bieten, die aus fundamentalistischen Verengungen hinausführen. Sie wird dann — anders als es das fundamentalistische Weltbild möchte — eine große Vielzahl unter­schiedlichster Deutungen des Christen­tums und Antworten auf die Liebe Gottes bieten. Gerade in dieser Vielfalt wird sie hinweisen auf einen Gott, der jeden Einzelnen einlädt, auf je eigene Weise von der Liebe Gottes in dieser Welt Zeugnis abzulegen.

 

 

Nachrichten 03-2009:

BOLIVIEN

Geschwächte Kirche?

Nach langem Ringen hat Boliviens Volk Ende Januar über eine neue Verfassung abgestimmt. Die Kirche hat dabei ihren besonderen Status verloren. Kritiker fürchten: Der Staat hat die Kirche gezielt geschwächt.

Durch Boliviens neue Verfassung hat die katholische Kirche ihren bisher privilegierten Status, der ihr besonderen Schutz garantierte und den Katholizismus zur Staatsreligion machte, verloren. Sie ist jetzt nur noch eine Glaubensgemeinschaft neben anderen. Bereits im Vorfeld der Abstimmung hatte mancher Kirchenvertreter gezielte Angriffe der Regierung unter Präsident  Evo Morales gegen die Kirche gesehen. Der aus Deutschland stammende Bischof von Velsaco, Carlos Stetter, hatte den Versuch einer Kirchenspaltung konstatiert. Unter den Bischöfen herrscht kein einheitlicher Kurs, manche fühlen sich der konservativen Opposition verbunden, andere den Indigenas, den Ureinwohnern, deren Rechte in der Verfassung deutlich gestärkt werden. Stetter hatte Anzeichen gesehen, dass die Regierung eine „Iglesia Popular“, eine Art linientreuer Kirche, errichten wollte, eine Kirche, die sich nicht kritisch in Staatsangelegenheiten einmischt.

Allerdings hatten die Bischöfe im langen Prozess der Verfassungsgebung auch manches erreicht: So war die ursprünglich geplante Abschaffung der konfessionellen Schulen verhindert worden. Auch der Schutz des Lebens ist in der neuen Verfassung festgeschrieben. Die als „Neugründung Boliviens“ gefeierte Magna Carta garantiert den 9,2 Millionen Einwohnern das Recht auf unentgeltliche Ernährung und Trinkwasser, Gesundheitsversorgung und Bildung sowie auf Arbeit, angemessenen Lohn und Rente. Kein Bolivianer darf künftig mehr als 5000 Hektar Land besitzen und über die Bodenschätze wie Wasser, Erde, Koka und das oft umkämpfte Gas kann der Staat künftig allein entscheiden. Bolivien wird zudem als „plurinationaler“ Staat anerkannt und der Präsident kann sich nach dem Ende der ersten Amtszeit nur noch einmal zur Wiederwahl stellen.

Mit der neuen Verfassung zieht nicht automatisch der Friede ein in den Andenstaat, der in den vergangenen Jahren immer wieder von Unruhen und Gewaltwellen erschüttert wurde. Großgrundbesitzer und die Opposition haben bereits kurz nach der Annahme des Verfassungsreferendums Morales aufgefordert, den Verfassungsprozess noch einmal neu durchzuführen oder mit einem „Nationalen Pakt“ eine Spaltung Boliviens zu verhindern.

Welche konkreten Auswirkungen auf das Verhältnis von Staat und Kirche die neue Verfassung hat, werden die kommenden Monate zeigen. Bischof Stetter ist trotz allem sicher: „Die Kirche ist im Volk verwurzelt, daran kann auch der Staat nicht vorbeisehen.“   (hm/kna)
 

STANDPUNKT

Michael Meyer, 31, La Paz
Partnerschaftskommission der Bolivian. Bischofskonferenz

Anfang Februar ist die neue Staatsverfassung Boliviens, die von der katholischen Kirche anerkannt wird, in Kraft getreten. Die Stärkung der Rechte indige-ner Bevölkerungsgruppen, die Anerkennung der Religionsfreiheit oder die Neuregelung der viel diskutierten Autonomiefrage stellen für die Kirche eine positive Errungenschaft dar. Gleichzeitig weist die Bischofskonferenz auf Unklarheiten oder sogar Widersprüche im Verfassungstext hin, die zukünftig in der Auslegung zu Konflikten führen könnten. Sowohl für den Staat als auch für die Kirche und deren Zusammenspiel bedeutet das Inkrafttreten der Magna Carta eine Zäsur, denn nun beginnt die praktische Anwendung, in der das Verhältnis Kirche-Staat durch einen Rahmenvertrag zu klären ist. Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die neu zu verhandelnde rechtliche Stellung der vielen sozialen Werke der Caritas und der kirchlichen Einrichtungen im Erziehungs- und Gesundheitsbereich. Die äußerst komplexe soziale und politische Situation stellt die Kirche, die nach wie vor ein hohes Ansehen in der Bevölkerung genießt, vor neue Herausforderungen, denen sie mit Zuversicht entgegensieht.


 

TABAKINDUSTRIE

Rauchende Kinder sollen Umsatz retten

Weil im Westen immer weniger geraucht wird, will die Tabakindustrie Frauen und Kinder in Asien verstärkt an die Zigarette bringen. Der noch boomende asiatische Markt soll so noch profitabler werden und vor allem die Kassen der Konzerne auffüllen und gut gefüllt halten. Dafür setzt die Tabakindustrie etwa gezielt kindgerechte bunte Zigarettenschachteln ein, die zum Beispiel „Superhelden“ der Kinder zeigen und an Schulen verteilt werden. Rauchende Fünfjährige sind in vielen Ländern kein seltener Anblick. Zigaretten sind oft das Einzige, das sich kleine und große Arme leisten können. Sie helfen, das Elend zu vergessen, stillen den Hunger und sind ein Statussymbol. Schon heute sind die Folgen von Tabakkonsum eine der häufigsten Todesursachen. Doch nicht überall geht die Rechnung der Tabakindustrie auf: In Mumbai protestieren Kinder gegen die Allgegenwart von Zigaretten, wie etwa in Bollywoodfilmen.   (hm)
 

MYANMAR

Es wird gebaut

Trotz massiver Proteste im In- und Ausland setzen die Chinesen den Bau des umstrittenen Myitsone-Staudamms im Norden Myanmars fort (kontinente Januar-Februar 2008). Bis Oktober sollen hunderte chinesische Ingenieure auf der Baustelle eintreffen, kündigte der Bauherr, die Asia World Company, an. Augenzeugen bestätigten, dass zahlreiche Wohnhäuser für das Baupersonal und Camps für 15 000 chinesische Arbeiter errichtet würden. „Jetzt können wir nur noch beten!“, sagt der Pastor der Baptisten-Gemeinde im Dorf Tang-Hpre, „denn unser Protest ist auf taube Ohren gestoßen.“ Er ruft die Gläubigen im christlich dominierten Stammland der ethnischen Volksgruppe der Kachin seit 2006 regelmäßig zusammen, um für den Stopp des Staudammbaus zu beten. Der Bau von drei großen Dämmen soll der Gewinnung von Elektrizität dienen, um den Energiebedarf chinesischer Fabriken in der benachbarten Provinz Yunnan zu befriedigen. Während die Militärjunta in Myanmar mit dem Projekt Millionen scheffelt, müssen voraussichtlich mehr als 50 Kachin-Dörfer dafür umgesiedelt werden — ohne dass die Bewohner eine Entschädigung erhalten. Zudem werden Hunderttausende in den nahe gelegenen Städten Myitkina und Waingmaw unter den Folgen des Projekts auf Natur und Umwelt zu leiden haben.   (vb)
 

KOMPAKT

Mehr Krebs- als Aidstote

In Entwicklungsländern sterben laut einer Studie der Beraterfirma Axios International mehr Menschen an Krebs als an Krankheiten wie Aids, Tuberkulose oder Malaria. Die Hälfte von zwölf Millionen neuer Krebsfälle entfiel 2008 auf arme Länder.

Erste Berufung

Enkh Baatar, 21, ist der erste Priesteramtskandidat der Mongolei. Anfang März hat er sein Studium im Priesterseminar in Daejeon in Südkorea begonnen. Bischof Wenceslao Padilla freut sich auf die erste Priesterweihe der noch jungen Kirche.

Programm gegen Hunger

Mit einem Maßnahmenpaket im Wert von umgerechnet 40 Millionen Euro will Paraguays Präsident Fernando Lugo den Hunger und die Armut in seinem Land bekämpfen. Die Hälfte der 6,7 Millionen Einwohner lebt in Armut. Mit dem Programm könnte der frühere Bischof Lugo der Hälfte der Menschen in Armut helfen.

 

UMWELT

Wasser aus Luft

Über unseren Köpfen befindet sich ein riesiges Süßwassermeer: in der Luftfeuchtigkeit. Der israelische Wissenschaftler und Unternehmer Dr. Etan Bar hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich aus feuchter Luft Wasser gewinnen lässt. In vielen Regionen der Erde ließe sich so das wachsende Problem Wassermangel lösen. In den vergangenen 100 Jahren hat sich der Wasserverbrauch weltweit verzehnfacht, während die Ressourcen schwinden. In 31 Ländern herrscht ein ständiger Wassermangel, bis 2025 werden es voraussichtlich rund 50 Länder mit etwa drei Milliarden Einwohnern sein, schätzt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). Bei Bars Verfahren saugt ein Gel-Granulat das Wasser aus der Luft, das dann durch Kondensation aus dem Granulat extrahiert wird. Die Technik lässt sich für den Hausgebrauch, aber auch in Wasserfabriken einsetzen. „Ein Kubikkilometer Luft enthält 10000 bis 40000 Tonnen Wasser — genug, um jeglichen Wasserbedarf von 100000 Menschen zu decken oder zwei Millionen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen“, sagt Bar.   (hm)

 

GRUNDEINKOMMEN

In Otjivero gibt’s für fast jeden Geld

Anfangs waren die Bewohner von Otjivero skeptisch, als Bischof Zephania Kameeta kam und ihnen Geld versprach — Geld ohne Gegenleistung, Geld für fast jeden. Konnte das wirklich wahr sein? In dem 1200-Einwohner-Ort in Namibia führt die Kirche zusammen mit Gewerkschaften und Verbänden einen Feldversuch durch und erprobt gegen den Widerstand des Internationalen Währungsfonds, ob mit einem Grundeinkommen die Situation im Land verbessert werden kann. Alle, ausgenommen die Rentner, die eine staatliche Grundversorgung erhalten, wurden registriert. 930 Menschen, vom Säugling bis zum Unternehmer, bekommen seitdem jeden Monat 100 Namibia-Dollar, umgerechnet etwa acht Euro. Das reicht zum Leben in Otjivero. Die Menschen sind zu keiner Gegenleistung verpflichtet, doch sie beweisen, welche Kräfte die Grundversorgung freisetzen kann. Seitdem sie vom täglichen Existenzkampf befreit sind, können sie ihre Kräfte und ihre Kreativität einsetzen, um das eigene Leben und das Leben der Gemeinschaft zu verbessern. Viele Geschäfte blühen auf in Otjivero, weil es plötzlich zahlende Kunden gibt, Häuser werden renoviert, Eltern können das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen. Die erste Bilanz von Bischof Kameeta nach sechs Monaten fiel enthusiastisch aus: Die Zahl unterernährter Kinder fiel von 42 auf 17 Prozent, die Zahl der Eltern, die Schulgeld zahlen können, hat sich verdoppelt und immer mehr Menschen können sich einen Arztbesuch leisten.   (hm)

 

ISLAM

Yoga-Verbote

Yoga liegt voll im Trend, nicht nur bei uns im Westen, sondern auch in islamisch regierten Ländern. Viele Menschen nutzen Yoga zur körperlichen und geistigen Entspannung, ohne Bezug zu seinem philosophischen Hintergrund und seinen Wurzeln im hinduistischen Indien. Elemente wie die Rezitation von Gesängen — Mantras, die durch die Schwingungen der Stimme Körper und Geist konzentrieren und anregen sollen — sind den muslimischen Sittenwächtern jedoch ein Dorn im Auge. Sie fürchten eine Schwächung des islamischen Glaubens, wenn muslimische Yogis „Om“ rezitieren, das für Hindus Teil eines Gebets ist. Der Rat der Gelehrten in Indonesien hat deshalb eine Fatwa gegen Mantras und andere Yoga-Elemente erlassen, ein islamisches Rechtsgutachten. Zwar ist so eine Fatwa nur für Muslime bindend, die die Autorität des Rates anerkennen, der im demokratischen Indonesien keine juristische Vollmacht hat. Dennoch hat die Fatwa viele Menschen aufgeschreckt. Sie fürchten einen islamischen Negativtrend, denn Malaysia und Ägypten hatten zuvor solche Verbote erlassen.   (hm)

 

 

MENSCHEN 03-2009

Vermittlerin: Diana Mouzales-Napp übersetzt für Migranten und Justiz.

DIANA MOUZALES-NAPP

Erst Pastorin, jetzt Unternehmerin

Der Liebe wegen kam Diana Mouzales-Napp vor 13 Jahren nach Deutschland. Anfangs sprach die ehemalige Chefsekretärin kaum  Deutsch, arbeitete als Putzfrau. Heute leitet die Ghanaerin, die einen griechischen Vater hat, eines von Europas erfolgreichsten Übersetzungs- und Dolmetscherbüros für afrikanische Sprachen: „Mouzapp für Afrika“. Mit drei festen und 500 freien Mitarbeitern bietet die Unternehmerin Übersetzungen für rund 100, oft seltene afrikanische Sprachen und Dialekte an sowie für Englisch, Französisch, Portugiesisch und viele andere Sprachen. In Afrika hatte sie nicht nur als Chefsekretärin gearbeitet, sondern sich auch zur Pastorin ausbilden lassen. Seelsorgliche und psychologische Qualitäten sind ihr auch bei der Auswahl ihrer Dolmetscher wichtig, denn oft begegnen sie Menschen in Krisensituationen: Mouzapp dolmetscht etwa bei Migrations- und Gerichtsverfahren, Gegenüberstellungen, für Kliniken und Standesämter. Zu ihren Auftraggebern gehören das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesgrenzschutz und viele andere Institutionen. Diana Mouzales-Napp ist immer im Dienst: 24 Stunden Erreichbarkeit sind für die 48-Jährige selbstverständlich.“     (hm)

 

DENIS MUKWEGE

„Afrikaner des Jahres“

„Das alles übersteigt die Vorstellungskraft“, sagt Dr. Denis Mukwege, der sich im Ostkongo um vergewaltigte, verstümmelte und traumatisierte Frauen kümmert. Die Gewalt gegen Frauen ist eine der billigsten und furchtbarsten Waffen aller Kriegsparteien. Vermutlich sind mehr als 100000 Frauen und Mädchen, darunter Babys, bislang Opfer sexueller Gewalt geworden. Mukwege hat das Panzi-Hospital in Bukavu aufgebaut und versucht dort, so vielen Frauen wie möglich zu helfen. 300 Frauen und Kinder kommen jeden Monat in die Klinik. Viele von ihnen müssen schwerste Operationen durchstehen, oft mehrmals. Der 54-jährige Mukwege will jetzt eine „Stadt der Freude“ aufbauen für die Frauen. Die nigerianische Zeitung „Daily Trust“ hat ihn kürzlich zum „Afrikaner des Jahres“ gewählt.“     (hm)

 

ALEX DE SOUZA

Kicker wollen Kirche

Die Errichtung einer Kapelle auf dem Trainingsgelände des Fußballclubs Fenerbahce Istanbul hat Kapitän Alex de Souza zu Beginn des Jahres im Namen aller acht christlichen Legionäre gefordert. Der 31-Jährige, der mit vollem Namen Alexsandro heißt, löste damit eine heftige Kontroverse aus, die nicht nur türkische Medien beschäftigte, sondern auch in deutsch-türkischen Fan-Foren im Internet ihren Niederschlag fand. Neben dem Brasilianer de Souza spielen vier weitere Brasilianer, zwei Spanier, ein Chilene und ein Uruguayer im Team von Fenerbahce. Sie alle wollen in der Kapelle „ungestört ihren Glauben ausüben können“, wie die Zeitung Hürryiet seinerzeit berichtete. Viele Fans reagierten mit Unverständnis auf den Wunsch der christlichen Fußballer. Manche schrieben: „Dann geh doch nach Brasilien zurück, Alex.“ Genau das tut der Fußballstar jedoch nicht: Auch wenn es noch keine Kapelle für die christlichen Spieler gibt, hat Alex de Souza seinen Vertrag bis 2011 verlängert.     (hm)