Magazin > Heft 02-2009

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Endlose Flucht
REPORTAGE 2 - Auf glühenden Kohlen
INTERVIEW - Willi Lemke
HINTERGRUND - Auftauchen aus dem Trauma
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 02-2009:

Frauen und Kinder mit ihrem Hab und Gut auf der Flucht.

Endlose Flucht

Niemand weiß, wie viele Flüchtlinge durch den Ost-Kongo ziehen. Hin und her. Immer auf der Suche nach Schutz und Sicherheit. Und mit der Hoffnung im Herzen, nach Hause zurückkehren zu können.

Text: Hildegard Mathies

Fotos: Jürgen Escher

   

Der Regen hat den roten Boden in braune Schlammbrühe verwandelt. Die Nässe kriecht in jede Pore. Von unten durch den Boden, von oben durch den ständig fallenden Regen. An solchen Tagen möchte niemand draußen sein, sehnt sich jeder danach, am Feuer in seiner Hütte zu sitzen. Doch hier im Lager von Kibati gibt es keine trockene Hütte. Für keinen der 30 000 Flüchtlinge, die vor dem jüngsten Kriegsschub in der Demokratischen Republik Kongo hierher geflohen sind. Die Nässe macht nicht halt vor den Unterständen, die aus Holz, Blech, Planen oder anderem Material zusammengestückelt sind.

Ein kleines Mädchen in grünlich-schmutzigem Kleid und mit rosa Schlappen an den Füßen ist als einzige draußen. Weil sie Wasser holen musste. In dem gelben Kanister auf ihrem Kopf schwappt es hin und her, als sie ihn mit leise schmatzenden Schritten durch den Matsch „nach Hause“, zu dem mit weißer Plane behängten Unterstand, trägt.

Schutzlos: Auch in Flüchtlingslagern wie Kibati bei Goma sind die Menschen nicht in Sicherheit.

Bislang hat die Kleine Glück gehabt. Sie wurde noch nicht missbraucht, nicht vergewaltigt. Nicht als Sexsklavin verschleppt. Doch keiner weiß, ob dieses Glück hält. Nichts ist sicher hier im Kongo. Kein Lager. Kein Dorf. Keine Stadt. Keine Kirche. Kein Zufluchtsort. Bis zu hunderttausend Mädchen und Frauen sind nach Schätzung der Vereinten Nationen allein in den letzten Monaten, in denen sich der seit über einem Jahrzehnt schwelende und immer wieder ausbrechende Krieg verschärft hat, sexuell missbraucht worden. Sie wurden verschleppt, vergewaltigt, verstümmelt oder getötet.

Eigentlich ist der Krieg, der in zehn Jahren drei Millionen Tote forderte, seit 2007 offiziell vorbei. Doch in Wirklichkeit hat er nie aufgehört, vor allem nicht hier im Osten, an den Grenzen zu Uganda, Ruanda und dem Sudan.

850000 Menschen sind seit Herbst des vergangenen Jahres auf der Flucht. So lauten die Schätzungen. Wie viele es wirklich sind und wie viele Flüchtlingslager es gibt, weiß nur Gott. In Minova, 40 Kilometer von Goma, leben 35 000 Menschen in einem Lager, das erst vor kurzem von der Hilfsorganisation CAP ANAMUR entdeckt worden ist und eigentlich nur Platz für 5000 Menschen hat. Zur Zeit der Entdeckung gab es bloß zwei Latrinen...
 

 

 

REPORTAGE 2 – 02-2009:

Auf glühenden Kohlen

In giftige Schwefeldämpfe gehüllt kämpfen Adivasi im indischen Kohlerevier ums Überleben. Die Industrialisierung hat ihnen ihr Land und ihre Würde genommen. Eine Ordensfrau riskiert ihr Leben im Einsatz für die Rechte der Ureinwohner.
 

Text: Veronika Buter
Fotos: Paul Hahn

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bagger wiederkommen. Shanti weiß es. Aber sie hat Hunger. Um vier Uhr morgens ist die zierliche Frau im Sari mit ihrem Korb bereits aufgebrochen und hat den halsbrecherischen Abstieg in die stillgelegte Kohlegrube im Dunkeln gemacht. Jetzt brennt die Morgensonne ihr den Schweiß vom Gesicht. Ein hüftschmaler, staubtrockener Trampelpfad führt steil hinunter in den Krater, in dem sich ein grün schimmernder See gebildet hat. Shanti meistert ihn aufrecht, beinahe beschwingt. Ihre nackten Zehen suchen Halt im schwarzen Geröll. Weiter unten kratzt ihr Sohn Ganyu schwarze Gesteinsbrocken aus der Wand. Es sind Reste von Steinkohle, die der Bagger nicht erwischt hat. Shanti füllt wortlos ihren Korb. Der Sohn fasst mit an, um die 40 Kilo in die Höhe zu stemmen und auf Shantis Kopf zu setzen. Die Halssehnen der 50-Jährigen spannen sich, ihre Armreifen klimpern, ihr Kopf wackelt bedrohlich unter der Last. Vorsichtig und hoch konzentriert setzt sie Fuß vor Fuß. Ein Klettersteig ohne Sicherung. Bergauf ist die Tour mörderisch. Für Shanti ist es die neunte an diesem Morgen. Balanceakt: Ein Fehltritt könnte den Tod bringen. Mit nackten Füßen und ohne Sicherung wuchtet die Adivasi-Frau geklaute Kohle hinauf an den Kraterrand.

Shanti lebt vom Kohlenklau. Sie ist eine von tausenden Adivasi, die sich nicht mehr anders über Wasser halten können. Sie verkoken den Rohstoff in einer giftigen Prozedur, transportieren ihn zig Kilometer weit auf überladenen Fahrrädern in die nächste Stadt und verkaufen ihn für umgerechnet 53 Cent den Sack. Der Erlös reicht gerade, um ihren knurrenden Magen zu beruhigen. Manchmal kommt die Polizei ins Dorf, sagt die Kohle sei gestohlen und lädt die prall gefüllten Säcke auf ihre eigenen Lastwagen, um sie zu Geld zu machen.

„Früher“, erzählt Shanti, „war hier überall dichter Wald. Wir hatten Äcker und Vieh.“ Jetzt gleicht das Stammland der indischen Ureinwohner nahe der Stadt Hazaribagh im indischen Bundesstaat Jharkhand einer karstigen Mondlandschaft. Wie eine Insel ragt das Dorf Ageria aus dem Meer von grauem Geröll. Eine Steinmauer riegelt das Dorf gegen eine steil abfallenden Wand zur Kohlegrube ab. Adivasi leben eigentlich ohne Zäune. „Die Bagger waren schon so nahe gekommen, dass unser Vieh in die Grube stürzte“, sagt Shanti. Viele Wasserquellen sind durch den Bergbau gekappt, wer frisches Wasser braucht in Ageria, muss morgens um zwei aufstehen und lange anstehen an der einzigen Quelle im Dorf. Nur den heiligen Hain, in dem die göttlichen Geister der Adivasi wohnen, haben die Bagger bislang nicht angetastet. Doch sie werden wiederkommen. Es ist nur eine Frage der Zeit...

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INTERVIEW 02-2009

Unter afrikanischen Schülern: 
		Die Aufgabe als UN-Sonderberater macht Wilfried Lemke sichtbar Freude.

Interview mit Wilfried Lemke

„Mir hat sich eine neue Welt eröffnet“

Foto: UNOSDP

Seit knapp einem Jahr ist er Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden. Warum das weltweit höchste Amt eines Sportdiplomaten für Wilfried Lemke, 62, ein Traumjob ist, verrät der Ex-Fußballmanager im kontinente-Interview.

Von knorrig oder wortkarg kann keine Rede sein. Den typischen Charaktereigenschaften, die das Klischee dem Norddeutschen zuschreibt, wird Wilfried, genannt Willi, Lemke gar nicht gerecht. In der Sache souverän und im Ton offen, verbindlich und ohne Anwandlungen von Starallüren stellt er sich dem Interview. Er hat dazu in die imposante Kuppelhalle im Bürgerpark, in Bremens „schönstes Wohnzimmer“, geladen, damit sich der Gast in „seiner Stadt“ auf Anhieb wohlfühlt. Der drahtige Politprofi, der auch mit über sechzig noch Marathon läuft, macht aus seiner tiefen Heimatverbundenheit keinen Hehl. Dabei musste der Ex-Senator und Ex-Fußballmanager seine Hansestadt noch nie so oft verlassen wie im vergangenen Jahr. Als Sonderberater des UN-Generalsekretärs lernt er die Welt auf eine ganz neue Art kennen.

Ihr Verein Werder Bremen hat gerade verloren. Sind Sie nach einer solchen Niederlage die ganze Woche schlecht gelaunt?

Nein, zumindest nicht bei Auswärtsniederlagen. Heimniederlagen tun mir dagegen richtig und viel länger weh. Aber diesmal war nur das Wochenende verdorben.

Aber wir wollten nicht über Fußball, sondern über Ihre Aufgabe als Sonderberater reden. Sind Sie jetzt ein „Ein-Dollar-Jobber“?

Ja, das ist richtig. Ich bekomme allerdings alle Spesen erstattet. Aus geldlichen Gründen bin ich nicht von Werder Bremen in die Politik gegangen. Vom Bundesligafußball in die Politik und jetzt von der Politik in die Diplomatie — das war finanziell ein gewaltiger Rückschritt. Für mich war das aber keine Frage des Geldes, sondern nur eine Frage der Ehre. Ich bin ja vorgeschlagen von der Bundesregierung. Schon die Nominierung war für mich sehr ehrenvoll.

Mit Ihrer sportlichen Vorgeschichte ist es aber doch sicher der „Traumjob“?

Das sehe ich hundertprozentig genauso. Ich habe mein ganzes bisheriges Leben dem Sport in unterschiedlichen Facetten gewidmet. Jetzt kann ich aus dem Erfahrungsschatz schöpfen. Das bringt mir wahnsinnig viel Spaß. Ich lerne die Welt aus einer neuen Perspektive kennen — nicht mehr als Manager, der nur die Flughäfen, Fußballstadien und Hotels sieht. Ich lerne jetzt Land und Leute kennen. Ich komme ganz nah ran an die Menschen und kann dennoch etwas auf internationalem Niveau bewegen. Das ist eine enorme Horizonterweiterung.

Was tun Sie denn als Sonderberater des UN-Generalsekretärs?

Mein Mandat besteht aus drei Säulen. Zum einen fördere ich das Verständnis, Sport als Instrument für Entwicklung und Frieden einzusetzen. Sport ist nicht nur wichtig als körperliche Ertüchtigung, sondern auch als Vermittler von Werten. Es geht um soziale Kompetenz, die Anerkennung von Leistung oder um schulische und berufliche Qualifizierung. Es geht um die Vorbildrolle des Sports. Die zweite Säule ist der Vermittler. Ich koordiniere die Tätigkeiten innerhalb der Vereinten Nationen und agiere als Schnittstelle zwischen der UN auf der einen Seite und Mitgliedsstaaten, Zivilgesellschaft, Sportverbänden und der Privatwirtschaft auf der anderen Seite. In Konfliktfällen möchte ich helfen, den Ball flach zu halten. Schließlich bin ich Repräsentant des UN-Generalsekretärs in allen Sportfragen. So war ich bei den Olympischen und bei den Paralympischen Spielen in Peking Delegationsleiter der Vereinten Nationen.

Treffen Sie Ihren Chef, den UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, regelmäßig oder nur bei Bedarf?

Von den vier Treffen, die ich bisher mit ihm hatte, hat er zwei veranlasst, zwei Mal habe ich ihn um ein Gespräch gebeten.

Ist Ihr Dienstsitz Bremen, Genf oder New York?

Ich nutze zwei Zimmer in meinem Privathaus als UN-Büro, in dem mich eine studentische Hilfskraft unterstützt. Das eigentliche Hauptbüro mit vier Mitarbeitern und drei Praktikanten ist in Genf. Es ist das schönste Büro der Welt — in einer alten Villa mit Blick auf den Genfer See. In New York arbeiten zwei Mitarbeiter im Verbindungsbüro zum UN-Generalsekretariat.

Sie leiten also kein Hilfswerk?

Nein, dafür habe ich überhaupt kein Budget. Mein Budget reicht gerade aus, den Apparat aufrecht zu halten. Aber ich gucke, wo es Projekte mit Vorbildcharakter gibt. Leider fehlt es zum Teil noch an Koordinierung und Abstimmung unter den Hilfswerken. Das geht oft wie Kraut und Rüben durcheinander. So können Fehler leichter wiederholt werden. Es gilt, erfolgreiche Beispiele herauszufiltern, um sich an deren Erfahrungen zu orientieren.

Sind Sie dabei auch kirchlichen Initiativen begegnet?

Ja, in der Elfenbeinküste. In Abidjan habe ich ein tolles Projekt erlebt, das von Nonnen geleitet wurde. Es war ein HIV/Aids-Programm, bei dem der Sport infizierten Kindern ein Gemeinschaftserlebnis vermittelt. Das hat mich sehr beeindruckt.

Sind Sie selbst ein religiöser Mensch?

Ich gehe nicht jede Woche in die Kirche. Aber ich glaube an Jesus Christus und bete regelmäßig. Ich habe aber wenig Zeit, den Kontakt zu meiner Gemeinde in Bremen zu pflegen.

Dass die Olympischen Spiele in Peking nicht boykottiert wurden, war zweifellos ein Erfolg für die olympische Idee. Aber waren nicht gleichzeitig die Tibeter die großen Verlierer der Olympiade?

Hier handelt es sich zunächst einmal um einen rein innerchinesischen Konflikt. Als Berater des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden habe ich seine Position zu vertreten, nicht meine persönliche oder die der SPD, der CDU oder der Grünen in Deutschland.

Werden Sie sich dafür einsetzen, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 tatsächlich in Südafrika stattfinden kann?

Wir werden alles daran setzen, dass diese WM stattfinden kann. Der Generalsekretär persönlich möchte, dass sie ein großer Erfolg wird – nicht nur für Südafrika, sondern für ganz Afrika. Südafrika hat eine Vorbildfunktion für den ganzen Kontinent und kann Entwicklungen in ganz Afrika ankurbeln. Wir sollten alle gemeinsam überlegen, wie wir positiv dazu beitragen können: Das Ganze wird in einem wunderbaren Land mit tollen Menschen stattfinden. Die Vereinten Nationen haben größtes Interesse daran, dass die Völker in Südafrika dadurch näher zusammenrücken.

Wie Sport in die Gesellschaft hineinwirken kann, hat die Fußball-WM in Deutschland gezeigt. Ich habe nie vorher erlebt, dass Kinder den Text der Nationalhymne auswendig gelernt haben, um ihn vor dem Spiel mitsingen zu können. Ganze Schulen sind beflaggt worden. Das alles hat das Wir-Gefühl in einer sehr vorbildlichen Weise beflügelt. Zugleich ist der Ruf des Export orientierten Landes Deutschland als perfekter Organisator und verlässlicher Partner gestärkt worden. Das Sport eine solche Wirkung haben kann, erzähle ich gerne in anderen Ländern.

Afrika liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ja, Afrika ist vom UN-Generalsekretär im Rahmen der Milleniums-Entwicklungsziele als Schwerpunkt vorgegeben. Ich war in Südafrika, in Kenia, in Kamerun und in der Elfenbeinküste. Dort habe ich ein WM-Qualifikationsspiel gegen Madagaskar erlebt. In der Mannschaft der Elfenbeinküste gab es keine Trennung zwischen Anhängern der Rebellen und der Regierung. Es gab nur eine Nationalmannschaft, und alle haben den Sieg gefeiert. Das ist ein schönes Beispiel, wie Sport die Menschen zusammenführen kann.

Kann Sport wirklich den Frieden fördern?

Solange gekämpft wird, ist das hoffnungslos. Wenn geschossen wird, kann ich keine Kinder auf die Straße schicken, um Fußball zu spielen. Aber in dem Augenblick, wo die Waffen ruhen, ist Sport das ideale Mittel, die Menschen wieder zusammenzubringen. Sport kann etwa dazu beitragen, traumatisierte Kindersoldaten wieder ins normale Leben zurückzuführen.

Oder nehmen Sie einfach nur den Umgang der Kinder mit Sieg und Niederlage. Können Kinder — auch in unseren Breitengraden — heute noch angemessen damit umgehen? Beim einem Sieg muss man sie zurück auf den Teppich holen und ihnen klar machen, dass sie damit noch kein Abitur gemacht haben. Bei einer Niederlage schleichen sie weinend vom Platz, statt die Leistung des Gegners anzuerkennen und ihm fair zu gratulieren. Die Erfahrung, mit Sieg und Niederlage richtig umzugehen, kann friedensstiftend wirken nach dem Motto: Jetzt gehen wir anständig damit um und hauen wegen eines verlorenen Spiels nicht alles kurz und klein. Sport kann also durchaus eine positive demokratische Wirkung erzielen. Das gilt von der kleinsten Einheit im Dorf bis hin zu großen Staatssystemen.

Aber Sport hat auch seine Schattenseiten?

Doping ist die größte Bedrohung des Sports. Da gibt es kein Vertun. Leider haben erst 106 Nationen das internationale Übereinkommen gegen Doping im Sport unterschrieben. Ich rate den Weltverbänden des Sports, große internationale Veranstaltungen nur an Länder zu wie Gewalt in den Stadien, Rassismus und eine überzogene Kommerzialisierung.

Sind Sie ein Freund des Medaillenspiegels, der etwa bei den Olympischen Spielen in den Medien präsentiert wird?

Die Leistung des Einzelnen müsste im Mittelpunkt stehen und nicht der Nationenwettbewerb durch den Medaillenspiegel. Aber ich bin ehrlich: Ich gucke ihn mir auch immer an. Solange wir Zuschauer das machen, stellen die Journalisten den Medaillenspiegel so in den Focus. Eigentlich finde ich ihn nicht gut, aber kann mich seiner anziehenden Wirkung auch nicht ganz entziehen.

Was hat Sie in Afrika am stärksten bewegt?

Ich bin Menschen begegnet, die tolle Arbeit leisten. Andererseits erlebe ich bei meinen Reisen furchtbare Probleme der Armut, des Elends und der Hoffnungslosigkeit. Das ist schon heftig. Ich war vorher noch nie in einem Slum. Das ist sehr bedrückend. Wenn du da drin bist und spürst die 35 Grad, die du im Hotelzimmer nicht spürst, und du riechst den Gestank — es ist ein gewaltiger Unterschied, ob du das im Fernsehen siehst oder live erlebst.

Was können Sie denn tun?

Ich fordere Regierungen auf, Sport als Instrument für Entwicklung und Frieden einzusetzen. Außerdem koordiniere ich die UN- Aktivitäten, etwa bei der Fußball-WM 2010, damit Synergien genutzt werden. Besonders am Herzen liegen mir jedoch die Menschen vor Ort. In der Elfenbeinküste etwa arbeitet die UN gemeinsam mit Verbänden, NGOs und Regierungsbehörden an einem „Sport for Peace“-Projekt. Ebenfalls bin ich dabei, ein Schulpartnerschaftsprogramm zu initiieren. Darauf bin ich in einer Grundschule in Südafrika gestoßen. Als ich die Arbeitsbedingungen der Kinder dort sah, ist mir die Idee gekommen: Mensch, es wäre doch schön, wenn die eine Partnerschule hätten. Und da ich Bildungssenator in Bremen war, kenne ich dort alle 200 Schulen aus dem FF. So habe ich die erste Schulpartnerschaft begründet. Wenn das in Bremen geht, warum soll das dann nicht in der ganzen Welt gehen? Es kostet keinen Pfennig.

Ihr persönliches Fazit nach dem ersten Jahr als Sonderberater?

Mit der Aufgabe hat sich mir eine neue Welt eröffnet. Wenn ich nach einer Reise nach Deutschland zurückkehre, freue ich mich jedes Mal, wieder im Paradies angekommen zu sein — oder zumindest in einer Vorstufe des Paradieses — so gut geht es uns mit unserer sozialen Absicherung. Ich kann in jeder Etage unseres Hauses den Wasserhahn aufdrehen und trinken, muss es nicht abkochen. Das ist ein Traum. Ich weiß unseren Lebensstandard jetzt wirklich zu schätzen.

Das Gespräch führte Franz Jussen, Redaktion kontinente  

 

ZUR PERSON
Wilfried Lemke

Wilfried, bekannter als Willi, Lemke wurde am 19. August 1946 in Pönitz geboren. Er studierte Erziehungs- und Sportwissenschaften in Hamburg. Von 1981 bis 1999 war er Manager des Fußballvereins Werder Bremen, dessen Aufsichtsratsvorsitzender er heute ist. Von 1999 bis 2007 war der Sozialdemokrat Senator für Bildung und Wissenschaft und von 2007 bis April 2008 Senator für Inneres und Sport der Freien Hansestadt Bremen. Im März 2008 ernannte ihn UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum Sonderbeauftragten für Sport. Lemke ist verheiratet und hat vier Kinder.

Mehr über Willi Lemke im Internet unter:
www.willilemke.com und
www.un.org/themes/sport/brochure.pdf

 

 

HINTERGRUND 02-2009

Auftauchen aus dem Trauma

Während des Völkermordes in Ruanda wurden binnen 100 Tagen 800 000 Menschen vor den Augen der Weltöffentlichkeit abgeschlachtet. Die Kirche im katholischsten Land Afrikas war auch betroffen: als Opfer und Täter. Fünfzehn Jahre danach ist sie zur Tagesordnung übergegangen.

Text: Veronika Buter
Foto: Torfinn/laif
 

Spuren: Die Vergangenheit lebt in den Gebeinen der Toten und den Narben der Lebenden.

Wir Deutschen kennen die quälende Frage: Wie konnte so etwas nur passieren? In Ruanda starben 800000 Menschen in hundert Tagen. Männer, Frauen und Kinder, mit Macheten abgeschlachtet wie Vieh. Eine schnellere Mordrate als die Nazis in Deutschland sie erzielten, rechnen Kommentatoren, um die Dimension der Verbrechen zu verdeutlichen. Als Fernsehzuschauer wurde die westliche Welt Augenzeuge dieses Blutrausches. Doch die Völkergemeinschaft griff nicht ein. Bis heute stehen wir fassungslos vor dem Wahnsinn, der sich von April bis Juni 1994 zwischen den rivalisierenden Volksgruppen der Hutu und Tutsi ereignete. Wie war es möglich, fragten sich auch die Bischöfe Afrikas, die zur selben Zeit ihre erste kontinentale Synode abhielten, dass sich in dem katholischsten Land Afrikas Menschen gegenseitig umbringen, die gerade erst die Ostergeheimnisse miteinander gefeiert hatten? Hat die Evangelisierung versagt?

Fünfzehn Jahre nach dem Genozid sind die Ereignisse Stoff für Kinofilme und Romane. Und gleichzeitig Gegenwart in den Gerichtssälen von Den Haag und Arusha sowie in zahlreichen ruandischen Dorfgerichten. Viele „Täter“ sind noch immer nicht bestraft. Unter den Angeklagten befinden sich auch Priester und Ordensleute, denn der Graben zwischen Hutu und Tutsi verlief mitten durch die Kirche. Einige wurden bereits der Komplizenschaft überführt und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Wie der katholische Priester Athanase Seromba, der 1994 nach Europa flüchtete und Jahre später in Italien enttarnt wurde. Im März 2008 verurteilte ihn das UN-Kriegsverbrechertribunal zu lebenslanger Haft. Es befand den Hutu für schuldig, den Tod von mindestens 1500 Tutsi geduldet, ja mitinitiiert zu haben, die in seiner Kirche Schutz vor den Milizen gesucht hatten. Seromba habe einen Baggerfahrer angewiesen, das Gotteshaus mit den Menschen darin niederzureißen.

Aber nicht alle Angeklagten sind schuldig. Wie viele aktive Täter es in den Reihen der Kirche gab, hat diese nie bekannt gegeben. Viele Kleriker, die im Gefängnis saßen, seien inzwischen wieder freigelassen worden. Andere seien noch inhaftiert und stünden unter Anklage, heißt es in Kirchenkreisen, einige „aufgrund falscher Zeugenaussagen, um die Kirche in Misskredit zu bringen“.
 

300 ermordete Priester und Ordensleute

Tatsächlich hat die aktuelle Tutsi-Regierung unter Paul Kagame jahrelang versucht, die Hauptschuld für den Völkermord dem belgischen Kolonialregime und der katholischen Kirche zuzuschieben. Dabei spricht der Blutzoll an Priestern und Kirchenpersonal eher für eine Opferrolle der Kirche. „So wurden alle Priester der Diözese Byumba umgebracht, auf gesamtstaatlicher Ebene hat allein die katholische Kirche 300 Priester und Ordensleute in den Massakern verloren“, zieht der Ruanda-Experte Helmut Strizek in einer Studie von 2003 Bilanz. Ein unparteiischer Blick auf die Geschichte zeige zudem, „dass die Kirche seit 1962 eine Integrationsrolle wahrgenommen“ und auch 1994 die Menschen aufgerufen habe, von der Gewalt abzulassen. Sie sei aber nicht stark genug gewesen, die Bevölkerung vom Massenmord abzuhalten.

„Zweifellos trifft die Kirche dennoch eine Mitschuld,“ betont Pater Wolfgang Schonecke, Leiter des „Netzwerk Afrika Deutschland“. „Sie reicht in die Anfänge der Missionierung des Landes zurück und hängt mit ihrer fragwürdigen ‘Ehe zwischen Thron und Altar’ während der Kolonialzeit und mit allen Regierungen danach zusammen. Dadurch vertiefte sie bereits existierende ethnische Rivalitäten.“
 

Gedenkstätte: Eine Kirche, die zur Todesfalle wurde.

Doch unter dem Druck der öffentlichen Hetze gegen die katholische Kirche in den Jahren nach dem Genozid hatten die Bischöfe nicht den Mut, offensiv mit ihrer Schuld umzugehen. „Hätte die Kirche damals selbst eine Untersuchungskommission eingesetzt und die schuldigen Priester und Ordensleute suspendiert und hätte sie ihr unkritisches Verhalten gegen die Menschenrechtsverletzungen der Hutu-Regime offen eingestanden, dann wäre die Glaubwürdigkeit der Kirche in Ruanda heute eine ganz andere“, sagt Schonecke. Bis heute gibt es zudem Stimmen, die fordern, der Papst müsse sich für das Versagen der Kirche in Ruanda entschuldigen. Johannes Paul II. hatte 1996 in einer Botschaft an die Christen in Ruanda zwar „alle Kirchenmitglieder, die während des Völkermordes gesündigt haben“ ermahnt, „die Konsequenzen ihrer Taten gegen Gott und die Mitmenschen zu tragen“. Die Kirche als Ganze könne man aber für das schuldhafte Verhalten einzelner Mitglieder nicht verantwortlich machen. Mehr als 50 Kirchen in Ruanda sind heute Gedenkstätten, in denen Tausende menschliche Schädel und Knochen an die Schlachterei von 1994 erinnern. Denn ebenso wichtig wie die Schuldfrage ist das Gelingen von Versöhnung. „Die geschichtlichen Katastrophen zwingen die Christen nun geradezu, die Einheit aller Ruanderinnen und Ruander zu verkörpern und in geschwisterlichem Geiste einen Weg in die Zukunft jenseits ethnischer Kampflinien zu weisen“, schreibt Strizek.

Doch davon ist die Kirche weit entfernt. Im Jahr 2000, dem 100. Geburtstag der Kirche in Ruanda, brachten die Bischöfe zwar einen Versöhnungsprozess auf Gemeindeebene in Gang. Doch der Erfolg sei abgesehen von wenigen Diözesen, die auf diesem Weg wirklich Fortschritte gemacht hätten, bescheiden, urteilt der ruandischen Theologe Laurien Ntezimana. Die Kirche habe nach wie vor Angst, sich der eigentlichen Wurzel des Übels, dem Problem der Ethnizität, zu nähern. „Wir sprechen einfach nicht darüber. Es ist so, als wenn wir das Unkraut in unserem Garten mit Erde zudecken, statt es auszureißen.“

Radikaler Wandel in den Köpfen

Ntezimana, der sich 1994 mehrfach den Todesschwadronen in den Weg stellte und den Völkermord nur knapp überlebte, fordert einen grundlegenden Neuanfang der Kirche in Ruanda. Bislang habe sie jedoch auf keiner Ebene ihres Wirkens eine Lehre aus dem Genozid gezogen. Weder in der Priesterausbildung, noch im Katechumenat oder in der Liturgie. „Die jungen Priester werden nicht auf die Verkündigung der Botschaft in einer post-genozidären Situation vorbereitet. Deswegen fürchten sie sich, die entscheidenden Fragen in ihren Predigten anzusprechen. Und die Gläubigen lehrt niemand, mündige und eigenständige Christen zu werden.“ Nur ein radikaler Wandel in den Köpfen und Herzen aller Ruander, so Ntezimana, nur eine völlig neue Anschauung von Ethnizität, könne ein Wiederaufflammen der Rivalitäten verhindern.

Doch für solch prophetische Mahnungen scheint die Kirche kein Ohr zu haben. Vielleicht ist das Trauma des Völkermordes auch 15 Jahre danach noch zu frisch und die Zeit für einen wirklichen Paradigmenwechsel in der Kirche noch nicht reif.„Vielleicht ist auch „eine objektive und tiefgehende Analyse der Ereignisse vor, während und nach dem Völkermord von 1994 in der jetzigen politischen Situation noch nicht möglich“, sagt Wolfgang Schonecke. „Dazu bedarf es wohl einer neuen Generation. Denn auch Verantwortliche der jetzigen Führungselite tragen eine Mitschuld und sind an einer Aufarbeitung nicht interessiert.“

Derweil ist die Kirche weitgehend zur Tagesordnung übergegangen. Nach dem Genozid hatten sich viele Menschen von ihr ab- und anderen Religionsgemeinschaften zugewandt. Inzwischen sind die Kirchen längst wieder voll, Seminare und Noviziate zu klein für alle Bewerber. Unterdessen brauen sich neue Wolken über Ruanda zusammen. Äußerlich gesehen entwickelt sich das Land äußerst positiv. Gleichzeitig klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Und es wird buchstäblich eng in dem Zwergstaat, dessen Bevölkerung viermal so schnell wächst wie die in Deutschland. Deswegen halten viele Beobachter, „eine erneute Explosion der Gewalt zwischen Hutu und Tutsi durchaus für möglich, wenn sich historisch mal wieder eine Chance ergäbe“, sagt Schonecke. „Eben weil das Problem der Ethnizität nicht aufgearbeitet wurde, weder in der Kirche noch in der zivilen Gesellschaft.“  Veronika Buter

 

 

Nachrichten 02-2009:

SIMBABWE

Kampf ums Überleben

Eine Cholera-Epidemie, die galoppierende Inflation und der alltägliche Wahnsinn der fast 30-jährigen diktatorischen Herrschaft von Präsident Robert Mugabe und seiner ZANU-PF-Partei bestimmen das Leben in Simbabwe. Das einst blühende afrikanische Land kämpft ums Überleben und um den Wandel.

Bald werden die Nullen nicht mehr auf die Geldscheine der Zentralbank passen. Im Januar hat die Regierung simbabwische Dollar in Trillionenhöhe herausgegeben. Doch mit dem Geld kann die Bevölkerung nichts anfangen. Nur wer Devisen hat, am besten US-Dollar, hat eine Chance Lebensmittel, Medikamente oder anderes zu bezahlen. Doch die Preise sind so hoch, dass kaum ein Simbabwer die Beträge zusammenkratzen kann, auch nicht, wenn er Angehörige im Ausland hat, die ihm Geld schicken.

Das „UN-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten“ berichtet etwa von der eigentlich zur Mittelklasse gehörenden Familie Nkomo in Bulawayo: Sie kann das Schulgeld für die drei Kinder nicht mehr bezahlen. Für das erste Halbjahr verlangten die Schulen 1900 US-Dollar. Zusammengerechnet verdienen die Krankenschwester Lucia Nkomo und ihr Mann, Buchhalter bei einer Zeitung, umgerechnet 25 US-Dollar. Durch den Verkauf des Kühlschranks und anderer Sachen hat das Ehepaar 250 Dollar zusammenbekommen. Mit Bettelbriefen an Verwandte hoffen sie auf weitere Beträge, doch es ist unwahrscheinlich, dass das Geld reichen wird, um die Töchter weiter zur Schule zu schicken.

Wer kann, verlässt das Land, so wie etwa viele Ärzte und Krankenschwestern. Bei der Cholera-Epidemie mit bis Ende Januar über 3200 Toten und fast 63000 Infizierten fehlen sie ebenso wie bei der Betreuung von Aids-Kranken und in der normalen medizinischen Versorgung.

Manche Beobachter meinen, das simbabwische Volk habe sich in sein Schicksal ergeben. Die Menschen hätten keine Kraft mehr, um für Veränderungen zu kämpfen. Doch es gärt im Land. Die militante Vereinigung „National Constitutional Assembly“ (NCA) hat zu Jahresbeginn Protestaktionen angekündigt. Demonstrationen und Streiks, aber auch kriminelle und terroristische Akte sollen den Wandel bringen. „Demokratie wird nicht morgen kommen, aber sie wird niemals kommen, wenn wir nicht dafür kämpfen“, sagt die NCA. Das Regime ließ schon vor der ersten Aktion dagegen Panzer auffahren und versetzte die Armee in höchste Alarmbereitschaft.

Kurz vor Drucklegung erreichte uns die Meldung, dass eine Machtteilung zwischen Mugabe und Oppositionsführer Morgan Tsvangirai, wie sie dem Regime nach den Wahlen 2008 mit internationaler Hilfe verordnet worden war, bevorstünde. Mitte Februar wollte Tsvangirai den Amtseid leisten.  (hm)

Schriften von Pater Oskar Wermter zu Simbabwe gibt es bei
missio, Fachstelle Menschenrechte,
Tel. 0241-750700,
menschenrechte@missio.de


 

STANDPUNKT

Pater Oskar Wermter SJ, 67
Seelsorger und Publizist in Mbare, Simbabwe

Simbabwe hat keine legitime Führung. Robert Mugabe verlor die Wahlen im März 2008 und erzwang einen „Sieg“ im Juni durch Terror und Tortur. Der Plan, eine Einheitsregierung zu schaffen, ist bislang gescheitert. Mugabe ist ein Mann der Gewalt, kennt keinen Kompromiss und kann die Macht nicht teilen. Er muss gehen. Den Bürgern muss die Freiheit zugestanden werden, sich eine neue Verfassung zu geben, die autokratische Willkür- herrschaft unmöglich macht. Dann müssen Neuwahlen stattfinden, mit internationaler Überwachung. Die Kirche ist damit befasst, die Menschen am Leben zu erhalten: sie verteilt Nahrungsmittel und versucht durch ihre Krankenhäuser ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung sicherzustellen.

Die Kirche muss weiterhin die Gewalttaten der gegenwärtigen Staatsmacht dokumentieren und anprangern. Die verängstigten Menschen müssen wissen, dass es eine Alternative gibt zu Gewalt und Diktatur. Dass nicht Furcht und Angst ein Land zusammenhält, sondern Gerechtigkeit und Menschlichkeit, Achtung für Menschenwürde, Recht und Gesetz. Die Menschen setzen ihre Hoffnung auf die Kirche(n).


 

ÄTHIOPIEN

Gegen die Macht der Kaffeebarone

Kaffee ist das wichtigste Exportgut Äthiopiens, doch vor allem die kleinen Kaffeebauern profitieren kaum davon, dass ihre roten Bohnen so heiß begehrt sind. Das soll sich ändern. Die im Jahr 2008 gegründete erste Warenterminbörse soll jetzt auch Kaffeebauern zugute kommen. Indem an der Börse Preise notiert werden, die sich am Weltmarkt orientieren, sollen die Bauern nicht mehr der Preispolitik der westlichen Kaffeeimperien und der örtlichen Kaffeebarone ausgeliefert sein. Das Ziel ist, innerhalb von fünf Jahren die Hälfte der jährlich exportierten rund 170000 Tonnen Kaffee über die Börse zu verkaufen. Doch noch dürfen die Großbauern ihren Kaffee direkt an die großen Kaffeeröstereien und Firmen verkaufen. Langfristig soll die Börse den gesamten Rohstoffmarkt und damit verbundene Branchen wie Transport, Logistik und Finanzdienstleistungen umwandeln — und Äthiopien so stärken.   (hm)
 

AFRIKASYNODE

Wenn Papst Benedikt XVI. Ende März Kamerun und Angola besucht, wird er auch das Arbeitspapier für die zweite Afrikasynode vorstellen. Unter dem Thema „Die Kirche in Afrika im Dienst von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden“ wird sie vom 4. bis 25. Oktober im Vatikan stattfinden. Traditionell soll die Synode ein Glaubensereignis sein. Doch die Bedeutung der Kirche auf dem Kontinent und die Probleme in Afrika sind zu groß, als dass die Bischöfe und der Papst sie außer Acht lassen könnten. Bereits bei der Vorstellung der Leitlinien zur Synode 2006 wurden Themen benannt: Aids, Kriege, Korruption, Missionsdruck durch Evangelikale und vieles mehr. Dem gegenüber stehen das Wachstum der Kirche und positive wirtschaftliche Entwicklungen wie etwa in Kamerun. Experten wie der Jesuit Karl H. Neufeld betonen, dass die Synode „möglichst nah an den Erfahrungen und Schwierigkeiten der Kirchen in Afrika bleiben“ müsse, um Ergebnisse zu bringen, „die dort als echte Hilfe breite Annahme finden können“. Ein Problem werde die Selbstständigkeit der afrikanischen Kirche sein. Afrika solle bei der Synode auch als Heimat Jesu in den Blick genommen werden, so Neufeld. Er fragt: „Lässt man die Afrikaner in diese Richtung gehen, auch wenn dies zu neuen und überraschenden Ausdrucksformen von Kirche führt?“   (hm)
 

KOMPAKT

Konkurrenz für Rios Jesus

Die Christusstatue auf dem „Zuckerhut“-Berg in Rio de Janeiro ist ein Wahrzeichen Brasiliens. Jetzt baut die Stadt Sertaozinho ein neues Jesusmonument, das mit 57 Metern fast 19 Meter höher sein wird als das 1931 in Rio errichtete Monument.

Minderheit im Kloster

Von knapp einer Million Ordensleute weltweit leben nur etwa 61000 innerhalb von Klostermauern, meldet der Vatikan. 48500 Ordensfrauen wohnen in rund 3500 Köstern, zwei Drittel davon in Europa. 12800 Ordensmänner sind in 900 Klöstern zu Hause.

Weibliche Job-Nomaden

Die Hälfte der 200 Millionen Wanderarbeiter weltweit sind Frauen. Meistens müssen sie ihre Familien zurücklassen, um im Ausland den Lebensunterhalt für sie zu verdienen. 62 Millionen Migranten leben in Industriestaaten, 61 in Entwicklungsländern. Bis 2050 werden jährlich 2,3 Millionen mehr Wanderarbeiter erwartet.

 

REISANBAU

Nach Jesuitenart

Madagaskar hat eine „Grüne Revolution“ ausgerufen, um Hunger und Elend zu überwinden. Dabei setzt die Regierung auch auf eine Methode zum Reisanbau, die der Jesuit Henri de Laulanié Anfang der 1980er-Jahre in dem Inselstaat vor der Ostküste Afrikas entwickelt hat: SRI heißt das „System zur Intensivierung des Reisanbaus“. Pro Hektar werden dabei weniger Schösslinge als üblich gesetzt. Die Felder werden nicht geflutet, sondern nur feucht gehalten und mit organischem Dünger wie Kuhdung versorgt. Unkraut jäten die Bauern per Hand, was den Boden besser belüftet und das Wachstum der Pflanzen fördert. Der Lohn für die im Vergleich zur herkömmlichen Methode höheren Mühen: mehr Triebe, Ähren und Reiskörner. Um 50 bis 100 Prozent lasse sich mit SRI der Ertrag pro Hektar steigern, sagt Pater de Laulanié. Madagaskars Präsident Marc Ravalomanana will die Reisproduktion bis 2012 verdoppeln. Sein Land, einst ein großer Reisexporteur, soll nicht mehr auf Importe angewiesen sein. Madagaskar führt jährlich 300000 Tonnen ein. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 120 Kilo im Jahr — weltweit Spitze.   (hm)

 

MISSION

Die Bibel „en vogue“

Sie präsentiert sich in Hochglanz und Format der Mode-Zeitschrift Vogue: die Bibel des schwedischen Marketingmannes Dag Soderberg. Im Inneren stößt der Leser auf das Neue Testament und auf große, oft schreckliche Bilder: Kindersoldaten in Afrika etwa, die Misshandlung von Menschen im einstigen Belgisch-Kongo oder ein Mann in Chile, der sich aus Protest verbrennt, betitelt mit „Revelation, Offenbarung“ und die Offenbarung des Johannes einleitend. Daneben gibt es andere Bilder: einen schwimmenden Eisbär, eine Frau in einem Fastfood-Restaurant und Porträts bekannter Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Mahatma Gandhi oder die nebenberuflichen Eine-Welt-Aktivisten Angelina Jolie, Schauspielerin, und Bono, Sänger der Rockband U2. Soderberg will Menschen die Bibel nahebringen, die sie sonst nicht in die Hand nehmen. So hat er seine „Bible Illuminated“ zunächst in Boutiquen, Galerien und Einrichtungshäusern verkauft. Der Erfolg gibt ihm recht: Werden sonst in Schweden jährlich nur 60000 Bibeln verkauft, ging allein die Soderberg-Bibel 30000 Mal über den Ladentisch. Jetzt ist die niedrigschwellige Bibel in den USA erschienen.   (hm)

 

SPANIEN

Integrationsprofi?

Spanien hat in zehn Jahren rund fünf Millionen Einwanderer aufgenommen und gilt als Europas Musterland der Integration. Nach pogromartigen rassistischen Ausschreitungen in El Ejido im Jahr 2000 und einer Protestwelle von Immigranten in Barcelona 2005 für die Rechte von Einwanderern hatte sich die Lage verbessert: Regularisierungen bescherten Hunderttausenden, die sich nachweislich einige Jahre in Spanien aufhielten, Papiere. Der Eintrag ins Melderegister erfolgt unabhängig vom Aufenthaltsstatus und öffnet etwa den Zugang zu medizinischer Versorgung. Und wer in Spanien geboren wird, ist Staatsbürger. Die globale Wirtschaftskrise stellt den Integrationserfolg auf den Prüfstand. Die Arbeitslosigkeit ist 2008 auf 3,1 Millionen gestiegen — so hoch wie nie seit Einführung der Demokratie. Schon werden Spanier und Immigranten zu Konkurrenten, etwa bei der Olivenernte, die bislang eine Domäne afrikanischer und rumänischer Erntehelfer war. Die Regierung bietet jedem eine Rückfahrkarte und Geld, der auf seine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verzichtet und verspricht, drei Jahre wegzubleiben.   (hm)

 

 

MENSCHEN 02-2009

TIM BAUER

Der Rikscha-Mann

Dicke Luft herrscht in den asiatischen Metropolen auch durch Millionen Rikschas, die mit heftigem Abgas-Ausstoß über die Straßen knattern. Mit den Fahrrad-Taxen verdienen Millionen Asiaten ihren Lebensunterhalt. Dabei sind sie den giftigen Abgasen ebenso ausgesetzt wie ihre Fahrgäste und die Stadtbewohner. Der amerikanische Ingenieur Tim Bauer und sein Kollege Nathan Lorenz haben ein System entwickelt, das den Feinstaub-Ausstoß um 70 Prozent reduziert und die CO2-Emission um 35 Prozent. Außerdem sinkt der Benzinverbrauch um 35 Prozent. Das für Schneemobile im US-Nationalpark Yellowstone entwickelte System lassen die Ingenieure jetzt als Bausatz in Asien fertigen und verkaufen. Die Fahrer finanzieren das Set mit Mikrokrediten. Bauer, der als Kind mit seinen Eltern Asien bereist hat, träumt davon, dass künftig Millionen Rikschas umweltverträglicher unterwegs sind.“     (hm)

 

YOANI SÀNCHEZ

Bloggen für die Freiheit

„Ich bin ein radioaktiver Mensch“, hat die kubanische Regimekritikerin Yoani Sánchez der Frankfurter Rundschau gesagt. „Viele haben Angst mit mir in Kontakt zu treten.“ Sanchez schreibt Internet-Tagebuch, sie bloggt unter „Generación Y“. Die 33-Jährige beschreibt dabei offen die Probleme in Kuba: Armut, Stillstand und enttäuschte Hoffnungen wie die auf eine Agrarreform unter Raúl Castro. Der Preis für Sánchez’ Kritik: Ständige Überwachung und Restriktionen. Oft wird die Seite lahmgelegt. Offiziell kann Sánchez’ Blog in Kuba nicht gelesen werden. Doch in E-Mails aus dem Ausland finden die Texte den Weg zurück, auf CDs und USB-Sticks werden sie heimlich verbreitet. „Wenn wir wenigstens freier wären“, schreibt sie in einem Eintrag. Für dieses Ziel bloggt Yoani Sánchez.
Deutsche Fassung: http://desdecuba.com/generationy_de/

 

THABANG SKWAMBANE

Schutzengel der Aids-Infizierten

„Unser Ziel ist es, dass niemand stirbt, während wir an Bord sind.“ Der schwarze Südafrikaner Thabang Skwambane und sein weißer Partner Justin Savage kämpfen mit ihrer Firma Kaelo, übersetzt Schutzengel, gegen Aids und dafür, dass sich Unternehmen um ihre HIV-positiven Mitarbeiter kümmern. Sie helfen bei der Beratung, psychologischen Betreuung und Versorgung der Mitarbeiter mit Medikamenten. Kaelo haben sie gegründet, um am katastrophalen Gesundheitssystem etwas zu ändern. Mittlerweile kümmern sie sich auch um Diabetes und Bluthochdruck. Fast jeden Rand stecken sie wieder in die Firma und mancher Angestellte verdient mehr als die Chefs.     (clb)