Magazin > Heft 01-2009

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Die Friedhofskinder von La Paz
REPORTAGE 2 - Die Hüter des Waldes
INTERVIEW - Gesine Schwan
HINTERGRUND - Eine neue Weise Kirche zu sein
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 01-2009:

Die Friedhofskinder von La Paz:
Aufwachsen und Arbeiten auf dem riesigen Zentralfriedhof

Das Leben pulsiert in der Stadt der Toten, dem Zentralfriedhof der bolivianischen Metropole La Paz. Täglich schwärmen Mayra und ihre Freunde durch die Grabreihen und verdienen sich ihren Lebensunterhalt.

Text: Constanze Bandwoski

Fotos: Michael Kottmeier

   

Christian Flores hat Kundschaft. Endlich! Viel zu lange schon ist er mit seinem Eimer und den Putzlappen über den Friedhof geschlendert, hat Leute angesprochen und Blickkontakt aufgenommen. Aber niemand konnte einen Grabputzer gebrauchen. Jetzt kommt eine ältere Dame auf ihn zu. Ziemlich vornehm sieht sie aus in ihrem blauen Hosenanzug und der hellen Seidenbluse. In der Hand trägt sie einen Strauß weißer Strohblumen, lachfarbener Nelken und zartrosa Lilien. „Hilfst du mir?“, fragt sie freundlich. Christian nickt. Schnell flitzt er zu Mayra, die an der Ecke Leitern verleiht, schnappt sich eine hellblaue und eilt damit zu der Grabstelle. „Dort liegt mein Vater“, sagt die Dame. Sie heißt Kiky García und zeigt auf eine der oberen Grabnischen des langen Betonbaus.Dieses „Totenhaus“ hat sieben Stockwerke und es ist 40 Nischen lang, das sind ungefähr zwanzig Meter. In Bolivien werden die Toten in Särgen oder Urnen in solch kleine Löcher geschoben, dann kommen eine Mauer und die Grabplatte davor. Ganz vorne bleibt etwas Platz für Vasen, Bilder oder kleine Gegenstände, die für den Toten im Leben einmal wichtig waren. Bei Kindern sind das oft Stofftiere, Autos oder Puppen..

Christian lehnt die Leiter an die Wand und klettert hinauf. Vorsichtig öffnet er die Glasscheibe, nimmt die schwere Bronzevase aus der Nische und reicht sie Frau García. Dann wischt er mit Zeitungspapier den Schmutz aus dem Kämmerchen. „Alles muss schön sauber sein“, murmelt er. Mit dem Lappen reibt er die Grabplatte an der Wand ab. „ Alejandro Ramos“ steht darauf. „Geboren am 13.5.1935“, „gestorben am 1.11.1960“, lange, bevor Christian auf die Welt kam. Er ist zwölf Jahre alt und geht in die sechste Klasse der Oberschule. Nach dem Unterricht fährt er mit dem Bus auf den Zentralfriedhof von La Paz. In dieser riesigen Stadt der Toten verdient er sich das Geld fürs Essen, für Hefte, Stifte und etwas zum Anziehen. „Ich arbeite hier, weil ich mir Sachen kaufen will“, sagt Christian, während er gründlich die Vase poliert. „Die Arbeit ist nicht so anstrengend. Manchmal verdiene ich 60 bis 80 Bolivianos am Tag.“ Das sind fünf Euro fünfzig bis sieben Euro zwanzig, ein ziemlich guter Verdienst. Heute, am Sonntag, hat er allerdings nur 23 Bolivianos eingenommen — zwei Euro in sieben Stunden! Das reicht gerade für vier Mahlzeiten. Morgen ist wieder Schule, da kann er nur vier Stunden arbeiten. Christian seufzt und blickt an sich hinunter. Die Turnschuhe haben ein Loch am großen Zeh, die Jogginghose ist viel zu groß und schlabberig. Auf seine schicke Trainingsjacke ist er jedoch stolz. Die hat er sich selbst verdient.
 

 

 

REPORTAGE 2 – 01-2009:

Die Hüter des Waldes

Sie kämpfen für ihren Lebensraum und bezahlen dies manchmal mit dem Leben: die Garo, ein überwiegend christlicher Stamm in Bangladesch. An ihrer Seite kämpft der 80-jährige Heilig-Kreuz- Missionar Father Eugene Homrich.
 

 

Text: Hildegard Mathies
Fotos: Akash

Mehrere Garo-Führer sind in den vergangenen Jahren verhaftet, gefoltert und ermordet worden. Sie kämpften dagegen, dass ihr Volk aus dem Modhupur-Wald vertrieben wird und dass die Garo den Wald nicht mehr nutzen dürfen, wie sie es seit Jahrhunderten tun. Die Regierung von Bangladesch will aus dem Wald einen „Öko-Park“ machen, um mit Touristen Geld ins Land zu bringen. Eine Mauer soll die Garo fernhalten von diesem Gebiet.

Father Eugene gibt den Kampf nicht auf, auch wenn ihn die Gesundheit manchmal im Stich lässt und er in ständiger Bedrohung lebt, aus dem muslimischen Land ausgewiesen zu werden. Er kämpft nicht nur für den Erhalt des Waldes und der Kultur der Garo, die mit ihrem Lebensraum zu verschwinden droht. Father Eugene will auch, dass die Mörder der Garo-Führer identifiziert und bestraft werden. Allerdings sind die Täter meistens Soldaten. Die kommen immer wieder in die Dörfer der Garo, um nach deren Führern zu suchen…

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INTERVIEW 01-2009

Gesine Schwan

Interview mit Gesine Schwan

„Das Gewissen ist die letzte Instanz“

Foto: Michael Trippel/Ostkreuz

Sie ist klug, schlagfertig und unkonventionell. In der SPD galt sie früher als rechts, heute als links. Denn bloße Parteiraison hat Gesine Schwan noch nie überzeugt. Die gläubige Katholikin orientiert ihr Handeln an christlichen Werten. Und das will sie auch als Bundespräsidentin.

Keine Frage, die Frau meint es ernst. Ob in der Talkshow, im Interview oder vor ihren Studenten: Gesine Schwan macht keinen Hehl aus ihrem Glauben. Das Bibelwort „Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan“, ist ihr Antrieb — privat genauso wie in der Politik. Wenn ihr Gewissen sich meldet, wird die Politikprofessorin aktiv. So mahnte sie an, über Willy Brandts Entspannungspolitk die Menschenrechtsverletzungen im Ostblock nicht zu vergessen, und wurde prompt aus der SPD-Grundwertekommission ausgeschlossen. Heute gilt sie als links, weil sie sich wehrt, Menschen dem hemmungslosen Diktat der Ökonomie zu unterwerfen.

Gesine Schwan will Politik menschlicher machen und Menschen politischer. Denn eine Gesellschaft, glaubt sie, funktioniert nur, wenn jeder Verantwortung übernimmt. Das will sie vermitteln, und dafür bietet in ihren Augen das Amt der Bundespräsidentin eine einmalige Chance. Nach ihrer ersten Kandidatur 2004 will die Frau mit dem „Vogelnest“ auf dem Kopf nun im zweiten Anlauf im Schloss Bellevue einziehen. Die charmante Querdenkerin, die noch im Bleistiftkostüm elegant über Bierbänke steigt und ein Gespräch eine „ideale Beschäftigung“ nennt, strotzt auch mit 65 Jahren nur so vor Energie. Mit ihrer wirbelnden Gestik, humorvollen Herzlichkeit und mitreißenden Überzeugungskraft würde Gesine Schwan das höchste Amt im Staat vermutlich ganz schön verändern —  vielleicht sogar unser Land. Denn wo sie auftaucht, verbreitet sie Aufbruchstimmung und reißt die Menschen, denen sie sich so gerne zuwendet, mit.

Frau Professor Schwan, Sie sind aufgewachsen mit einer, wie Sie sagen, „unkonventionell katholischen“ Mutter und einem Vater, der der evangelischen Kirche, enttäuscht über deren Verhalten im Ersten Weltkrieg, den Rücken gewandt hatte. Sie selber haben sich erst mit 20 Jahren taufen lassen. Warum?

Für meine Mutter war es nicht leicht, mit einem Mann verheiratet zu sein, der ihr abverlangt hat, dass beide Kinder nicht getauft wurden. Aber sie ist mit meinem Bruder und mir zur Messe gegangen und hat uns grundlegende Elemente und Überzeugungen des Christentums wie Nächstenliebe, Zuversicht, Gottesglaube vermittelt. Das Spannungsfeld zwischen dem aufklärungsorientierten Vater und meiner katholischen Mutter, deren Glaube nichts Kleinkariertes, Ängstliches hatte, war schön! Im Lauf der Zeit bin ich als Halbwüchsige regelmäßiger zur Kirche gegangen als sie, und mit 14, 15 Jahren wurde mir klar, dass das meine Wurzel ist. Ich hatte immer vorgehabt, mich taufen zu lassen, aber wollte — sozusagen in der Tradition meines Vaters — rational prüfen, ob die evangelische oder die katholische Theologie die richtige für mich ist.

Und was gab schließlich den Ausschlag für den katholischen Glauben?

Einerseits die Überzeugung, dass göttliche Gnade größer ist als die Erbsünde, andererseits aber auch, dass die Gewohnheit der Heiligen Messe für mich wichtig war und nicht alles vom Pfarrer und seiner Predigt abhängt.

Sie halten mit Ihrem Glauben nicht hinter dem Berg. Was bedeutet für Sie Christ sein in der Welt?

Dass ich damit nicht hinterm Berg halte, hängt vielleicht damit zusammen, dass ich mit anderen Sachen auch nicht hinterm Berg halte. Der Glaube ist für mich tragend — in wesentlichen Lebensentscheidungen genauso wie in der Grundbefindlichkeit. Das heißt nicht, dass ich ohne Zweifel wäre. Aber meine Lebensfreude rührt aus dem Gefühl, von Gott angenommen und geliebt zu sein. Ich werde oft gefragt, warum ich fröhlich bin — ich habe ja keinesfalls immer so fröhliche Zeiten gehabt. Letztlich bin ich ja auch nach dem Tod meines ersten Mannes durch jahrelange Krisen gekommen, weil ich mit Zuversicht umgeben bin. Ich sage auch immer sofort, dass ich katholisch bin — aber ich sage oft dazu, dass ich wahrscheinlich auf protestantische Art katholisch bin. Denn das Gewissen, und das kann man gut mit Thomas von Aquin begründen, also das individuelle, informierte Gewissen ist für mich die letzte Instanz.

Beeinflusst Ihr Glaube auch Ihre Auffassung von Politik und Ihr politisches Handeln?

Er ist meine Grundwurzel für politisches Handeln! „Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan“ ist für mich eine fundamentale Weisung.

Ist das sozusagen Ihre Handlungsmaxime?

Natürlich! Ich kann zum Beispiel nicht einfach sagen: Kapitalistische Wirtschaft hat eben auch unangenehme Folgen, nach dem Motto: wo gehobelt wird, da fallen Späne. Denn der Geringste ist auch ein solcher Span. Den muss man ernst nehmen und immer wieder nach Wegen suchen, dass es solche Späne nicht gibt.

Trotzdem sind Sie nicht der Partei mit dem „C“ beigetreten, sondern der SPD. Warum?

Ich komme aus einer linken Familie. Meine Eltern gehörten christlichen, sozialdemokratischen Widerstandskreisen an. Von meiner ganzen Grundausrichtung her kam für mich eigentlich nur die SPD in Frage. Aber auch wenn ich es heute reflektiert betrachte: Freiheit ist für mich die wichtigste Größe. Das bedeutet, auch jedem anderen jederzeit Freiheit nicht nur zuzugestehen, sondern ihn darin zu bestärken, ganz er selbst zu sein. Ich persönlich fühle mich zum Beispiel unwohl, wenn ich den Eindruck habe, dass jemand in meiner Umgebung bestimmte Dinge tut, um mir zu gefallen, aber selber gar nicht dahinter steht.

Das hängt eng mit Menschenwürde zusammen…

Das ist für mich der Ausdruck der Menschenwürde! Freiheit muss allen offen sein, sonst ist es nicht Freiheit, sondern ein Vorrecht, ein Privileg. Wenn Menschen die Chance auf Freiheit von vorneherein gar nicht haben, weil sie in Bedingungen aufwachsen, die ihnen vieles verwehren, ist das nicht gerecht. Da muss es eine Gruppe geben, die Ausgleich schaffen und denen Chancen eröffnen will, die abgehängt zu werden drohen. Das ist für mich die SPD. Freilich fühle ich mich in der SPD auch deswegen besonders wohl, weil sie erlaubt, sehr aufgeschlossen in die Zukunft zu blicken, und sich für ein breiteres Segment der Gesellschaft verantwortlich fühlt. Es ist ja leichter, sich nur für Intellektuelle einzusetzen, als für die, die zunächst nicht die eigene Lebenswelt teilen. Genau das aber ist für mich wichtig.

Das klingt nach Politik von unten…

Aber nicht notwendigerweise nur von unten, auch von oben! Gesellschaft funktioniert nur, wenn sich jeder verantwortlich fühlt. Das Problem heute ist, dass viele sagen: „Wir können ja doch nichts ausrichten gegen die da oben.“ Das muss man versuchen umzukrempeln. Denn viele haben durchaus Fähigkeiten, aber meinen, es zähle nur noch Angela Merkel. Dabei ist Politik viel mehr! Sie findet statt in der Gemeinde und Schule, im Krankenhaus oder in der Gewerkschaft…

Ich würde gerne mal empirisch untersuchen lassen, ob diejenigen, die sich in solchen Einrichtungen engagieren, auch das Gefühl von Ohnmacht und Schwäche empfinden. Oder ob sie sich trotz Enttäuschungen in der Regel nicht stärker fühlen als die, die passiv bleiben und sagen: Ich kann zwar alle vier Jahre wählen, aber eigentlich doch nichts bewirken. Wenn ich die, die so resigniert sind, frage: „Wie wollt ihr denn große Politik gestalten? Wäre es nicht ein bisschen merkwürdig, wenn jeder sich mit seiner Stimme durchsetzen würde?“ Dann kommen sie ins Nachdenken. Denn gestalten kann man dort, wo es übersichtlich ist, in einem bestimmten Segment. Das ist schwierig genug, und das ist oft auch enttäuschend. Aber genau dazu will ich ermuntern. Denn dafür gibt es in unserer Gesellschaft ein enormes Potenzial!

Glauben Sie, dass Demokratie für alle Menschen die richtige Gesellschaftsform ist?

Wenn man unter Demokratie die politische Form und Lebensweise versteht, in der Menschen in höchstmöglichem Maß ihre Freiheit leben, das in Solidarität tun und ihre politische Freiheit als Teilhaber an Entscheidungen verwirklichen können, dann denke ich ja. Natürlich gehört dazu auch eine bestimmte politische Kultur, und die ist noch nicht in allen Ländern vorhanden. Aber ich glaube, dass das Potenzial dahinzukommen besteht.

Warum gibt es zum Beispiel so wenig gut funktionierende Demokratien in Afrika?

Afrika hatte eine erhebliche Erbschaft durch den Kolonialismus. Dann ist es in die Freiheit entlassen worden, als die Diskrepanz zwischen Eliten und dem Rest der Bevölkerung und die Verführung zu korrupten Verhältnissen sehr groß war. Es gibt eine Korrelation zwischen Reichtum an Bodenschätzen und Armut in Afrika — was zeigt, wie Reichtum dazu verführt, andere kriminell auszubeuten. Aber ich wehre mich dagegen zu behaupten: Afrikaner sind korrumpierbar und korrupt!

Trotzdem: Die Aufklärung mit dem Entstehen eines individualistischen Menschenbildes hat in Europa stattgefunden, nicht in Afrika. Die französische Revolution und ihre Ideale „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“ sind hier entstanden, nicht auf dem schwarzen Kontinent. Warum fehlt in so vielen afrikanischen Ländern die Entwicklung einer Zivilgesellschaft?

Also, aktuell fehlt sie überhaupt nicht, sondern ist in Afrika und auch in Asien viel stärker, als wir uns das klar machen. Im Kongo, in Kenia, in Nigeria, in Ghana gibt es sehr mutige zivilgesellschaftliche Gruppen, wobei auch die Kirche eine große Rolle spielt. Aber diese Gruppen agieren nicht in einem Umfeld etablierter rechtsstaatlicher Demokratie, sondern im Umfeld von politisch verantwortlichen Eliten, die diese politische Kultur nicht verinnerlicht haben und so auch nicht handeln. Dennoch geht es auch anders: Botswana, das ja ein Vorzeigeland ist, hat unter seinem langjährigen Präsidenten Festus Mogae mit Hilfe aus dem Norden ein gut funktionierendes Gemeinwesen entwickelt. Meine Perspektive ist nicht, dass es Menschen, Landstriche, Regionen gibt, die definitiv für die Demokratie ungeeignet sind, sondern, dass man daran arbeiten und die mutigen Menschen unterstützen muss.

Wie kann ein Gemeinwesen gelingen?

Aristoteles hat in seiner „Politik“ die psychischen und sozialen Voraussetzungen dafür ganz gut beschrieben: Demokratie war einfach die Herrschaft der Armen. Grob gesagt, muss die Fähigkeit zu befehlen und zu gehorchen gegeben sein. Und das ist bei einem breiten Mittelstand der Fall. Voraussetzung muss eine soziale Unabhängigkeit sein, und die Einkommensunterschiede dürfen nicht zu groß sein. Sonst gewöhnen sich die einen daran, nur zu befehlen, und die anderen daran, nur zu gehorchen. Mal eine Führungsposition haben zu können und mal nicht, dieser Rollentausch faszinierte mich immer. Man lernt das am ehesten, wenn man in einer Schicht lebt, in die man sich zurückziehen kann, sobald man eine Führungsaufgabe abgegeben hat. Aber wer einmal Verantwortung getragen hat, ist auch in der Lage, Entscheidungen einer neuen Führung zu akzeptieren und verantwortlich umzusetzen. Dazu gehört eine Persönlichkeit, die nicht knechtisch unterwürfig, ängstlich und misstrauisch ist, sondern Selbstvertrauen besitzt, anderen gegenüber offen und verantwortungsfähig ist.

Spätestens seit der Globalisierung kann man Marktwirtschaft nicht mehr allein innerhalb nationalstaatlicher Grenzen betrachten. Welche Verantwortung haben wir reiche Staaten gegenüber Ländern des Südens?

Eine hohe! Wir müssen begreifen, dass Gerechtigkeit nicht nur innerhalb unseres kleinen Blickfeldes, sondern weltweit zu sehen ist. Deshalb ist es zu begrüßen, dass Länder wie Brasilien, Indien oder China mit der Globalisierung zu Partnern werden. Noch fällt es uns schwer, unsere Märkte zu öffnen und unsere Produkte nicht länger mit Subventionen nach Afrika zu exportieren, wo sie die landwirtschaftliche Selbständigkeit kaputtmachen. Aber wir müssen Partnerschaftlichkeit anstreben: mental, ökonomisch und politisch. Richtschnur muss sein, die Länder des Südens wirklich als Partner zu sehen, und damit auch eine Politik der Anerkennung zu verbinden. Im Kern geht es, glaube ich, überall um dasselbe: Wenn ich voraussetze, dass jeder Mensch ein Selbstwertgefühl hat, dann gehört der Respekt vor diesem Selbstwertgefühl, die Wahrung, vielleicht sogar Förderung dieses Selbstwertgefühls zum Fundamentalen, was man tun muss, um Menschen und ihre Selbständigkeit zu stärken.

Das sind aber rein moralische Gründe!

Es gibt immer zwei Begründungen: entweder die moralische oder die durch so genanntes wohlverstandenes langfristiges Interesse, was letztlich auch in einem moralischen Imperativ gründet. Aber Sie könnten auch folgendermaßen argumentieren: Wenn man versucht, die Menschen so zu sehen, dass sie durchaus ein Interesse haben, sich ganz passabel zu benehmen, und nicht am Bösen um des Bösen willen interessiert sind, dann muss man sie eben mit positiven Anreizen locken. Wie pessimistisch Kant auch immer war — als er über das Böse schreibt, sagt er: Das Böse um des Bösen willen wollen die wenigsten tun.

Gibt es Strukturen, die das Böse begünstigen?

Ja, es gibt Strukturen, die das Böse begünstigen, und das sind im Wesentlichen Strukturen, die Machtkumulationen begünstigen. Wenn man Macht hat, ist man versucht, keine Rücksicht mehr auf andere zu nehmen, wahrscheinlich auch nicht mal mehr zuzuhören, nicht mehr zu lernen…

Wobei Macht ja nicht per se negativ ist...

Macht im Max Weberschen Sinne bedeutet: Ich kann meine Macht durchsetzen. Die Macht, die ich mit Hannah Arendt vertrete, meint, im Diskurs mit anderen etwas auf die Beine stellen. So gesehen, ist Macht etwas völlig Positives.

Ist das Bedürfnis nach Macht dem Menschen eigen?

Naja, Menschen wollen sicher nicht ohnmächtig sein. Niemand möchte zum Spielball für andere werden. Und wenn man —  so wie Thomas Hobbes — die anderen von vorneherein als Feinde betrachtet, weil sie sich zur eigenen Selbsterhaltung gegen mich wenden, dann bedeutet Macht immer Übermacht, damit die anderen mir nichts anhaben können. Wenn ich aber den Eindruck habe, dass die anderen ganz in Ordnung sind, aber natürlich auch manchmal ein bisschen frech und gegen die Regeln, dann brauche ich diese Übermacht nicht. Dann brauche ich Macht, um verschiedene Ansprüche auszubalancieren, um gemeinsam etwas zu bewegen. Das ist mein Menschenbild.

Wie weit darf eine Regierung Regimen entgegenkommen, die ihre Macht missbrauchen und Menschenrechte offenkundig verletzen?

Das ist seit der Entspannungspolitik ein Thema! Wirksam ist meiner Meinung nach immer eine Doppelstrategie: Auf der einen Seite muss man die eigenen Normen aufrechterhalten, immer wieder klarstellen, wo die eigenen Werte liegen und Menschenrechtsverletzungen offen ansprechen. Politiker müssen einschätzen, wo und in welcher Form sie das vor Ort anbringen. Für die andere Seite muss erkennbar sein, wo die Überzeugungen der Kritiker liegen und in welche Richtung man sich bewegen will. Auf der anderen Seite muss man immer ein paar Kompromisse machen. Für mich sind zum Beispiel Programme wie eine Reform des Verwaltungsrechts in China durchaus plausibel. Denn dahinter steht die Absicht, über diesen Umweg Rechtsstaatlichkeit einzuführen. Das ist für mich plausibler und mühsamer, als plakativ vor deutschen Fernsehkameras zu sagen, China sei ein Unrechtsstaat. Denn davon werden sich die Chinesen kaum beeindrucken lassen!

Sollte sich Kirche bei solchen Themen mehr einmischen?

Ich habe den Eindruck, dass sie das tut. Kirche hat natürlich als irdische Organisation, die sie ja neben der geistigen ist, auch sehr unterschiedliche Positionen. Die alle auf einen Nenner zu bringen, ist nicht so einfach. Aber Kirche sind ja nicht nur die Bischöfe, sondern Kirche ist auch das Kirchenvolk.

Die katholische Kirche ist ja nicht gerade ein Vorbild für Demokratie. Wie können Sie in und mit dieser Kirche leben?

Anfang der 60er-Jahre war ich in einer Arbeitsgruppe zur Demokratisierung der Kirche. Sie hat nicht dazu geführt, dass wir in eine Konzilsgemeinschaft aufgenommen worden wären. Aber ich kann in dieser Kirche leben, wenn ich erstens berücksichtige, dass Kirche immer zweierlei ist: geistige Stiftung und irdische Organisation. Zweitens, wenn ich bedenke, dass solche Organisationen immer das Problem der Orthodoxie haben. Irgendwann taucht überall die Frage auf: „Wer gehört noch dazu und wer nicht?“ — übrigens auch bei Nichtregierungsorganisationen. Außerdem glaube ich, dass Kirche notwendig ist, um die Frohe Botschaft weiterzugeben. Man kommt ohne so eine Organisation nicht aus. Dann ist mir klar, dass Macht und all das, was im menschlichen Miteinander üblich ist, auch in der Kirche eine Rolle spielt. Solange Kirche nicht wirklich weltliche Macht besitzt, hat man eine Chance, in ihr demokratisch zu leben. Aber wenn sie weltliche Macht hat, oder wenn sie in einem Regime lebt, das keine Demokratie ist, droht Kirche, hierarchisch zu werden. Und da hätte ich dann Schwierigkeiten.

Was motiviert Sie, für das Amt der Bundespräsidentin zu kandidieren?

Das Amt ist eine Chance, Demokratie zu stärken. Der Bundespräsident wird entweder als Schachfigur betrachtet, um irgendwelche Koalitionen vorzubereiten, oder als Repräsentant im oberflächlichsten Sinn. Aber „repraesentatio “ heißt Vergegenwärtigung. Wovon? Von dem, was wichtig ist in einer Gesellschaft. Ich möchte bei den Menschen demokratische Potenziale wecken. Bei meiner ersten Kandidatur habe ich erlebt, dass ich in dieser Rolle Leute ganz anders ansprechen konnte. Viele haben mir noch Jahre später gedankt, dass ich sie so ermutigt habe.

Läuft denn etwas falsch in unserer Gesellschaft? Hat das Diktat der Ökonomie menschliche Werte verdrängt?

Ja, etwas läuft falsch. Mit dem so genannten „globalen Wettbewerb“ werden Menschen in einer Weise wieder zu Objekten oder Anhängseln der Wirtschaft, wie es unvertretbar ist. Viele haben akzeptiert, dass nicht das Menschliche, das Zusammenleben, das Gemeinwesen wichtig sind, sondern ökonomische Effizienz. Dadurch entstehen Misstrauenskulturen, dadurch vertrocknen alle Reservoirs, die Demokratie braucht. Und das hängt wiederum mit der Menschenwürde zusammen. Die Würde des Menschen kann nicht in einer solchen Anhängsel-Lebensform existieren. Man kann sie in totalitären Systemen mit Füßen treten, malträtieren oder ins KZ sperren. Menschenwürde kann aber auch anonymer, doch genauso grausam zerstört werden: Wenn Inseln im Pazifik in fünfzig Jahren überschwemmt sind. Wenn Menschen durch Klimakatastrophen ihre Lebensgrundlage verlieren. Wenn aufgrund von Korruption, die von nördlichen Firmen ausgeht, Staudämme gebaut werden, die nirgends gebraucht werden, sondern nur für Tausende die Existenz zerstören.

Und daran wollen Sie etwas ändern?

Genau! Ich möchte den Blick wieder auf das wenden, was wirklich zählt im menschlichen Miteinander.

Das Gespräch führte Beatrix Gramlich, kontinente Aachen  

 

ZUR PERSON
Gesine Schwan

Gesine Schwan, wurde 1943 in Berlin geboren und drückte dort am Französichen Gymnasium mit Liedermacher Reinhard Mey die Schulbank. Dem Studium der Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Berlin und Freiburg folgten Promotion, Habilitation und Professur in Berlin. Von 1999 bis 2008 war Gesine Schwan Präsidentin der Europa-Univeristät Viadrina in Frankfurt/Oder. Mit ihrem ersten Mann, Alexander Schwan, der an Krebs starb, hat sie zwei Kinder. Seit 1970 gehört sie der SPD an, 2004 kandidierte sie zum ersten Mal als Bundespräsidentin.

 

 

HINTERGRUND 01-2009

Eine neue Weise Kirche zu sein

In Zeiten pastoraler Notstände bilden sich in Deutschland immer mehr so genannte „Kleine Christliche Gemeinschaften“. In Afrika und Asien haben sie sich längst als Erfolgsmodell für eine lebendige Kirche erwiesen. Aber eignet sich das Konzept aus der „Dritten Welt“ auch für uns?

Ein Beitrag von Veronika Buter
 

Ein nüchterner Raum in einem katholischen Pfarrheim im norddeutschen Celle. Dienstagabend. In der Mitte eines Stuhlkreises liegt aufgeschlagen eine Bibel auf einem schön drapierten Seidentuch. Daneben brennt eine Kerze. Sechs Frauen im Alter zwischen 45 und 75 Jahren, versammeln sich hier zum „Bibel Teilen“. Sie lesen gemeinsam aus der Heiligen Schrift, tauschen sich darüber aus und überlegen, wie sie die Impulse aus dem Evangelium in ihrer Nachbarschaft in Taten umsetzen können. Die Frauen verstehen sich als „Kleine Christliche Gemeinschaft“ (KCG), ein neues Modell von Kirche, das auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet...

Die ersten praktischen Erfahrungen mit KCG in Deutschland seien „ermutigend und überraschend“, heißt es im Grundsatzpapier des KCG-Nationalteams von 2008. Aber es gibt auch Scheitern und offene Fragen: Ist das Bibel Teilen, das sich als gutes Werkzeug für viele KCG in Afrika und Asien bewährt hat, auch das richtige Instrument für uns? Wie gehen wir mit dem zentralen Prinzip der „Nachbarschaftlichkeit“ angesichts unseres extrem individualisierten und vereinzelten Lebensstils um? Inwieweit können Kleine Christliche Gemeinschaften von oben verordnet werden, inwieweit müssen sie von unten wachsen? Wie viel und welche Art von Begleitung brauchen solche Gruppen und wie lässt sich verhindern, dass sie zu elitären „Kuschelgruppen“ in einer Pfarrei werden?

„Wir stehen noch am Anfang eines langen Prozesses, in dem wir ein Modell, das in Afrika und Asien sehr gut funktioniert, in unsere hiesigen Lebenszusammenhänge erst inkulturieren müssen“, betont Pfarrer Christian Henneke, Mitglied im KCG-Nationalteam.

 

 

Nachrichten 01-2009:

KONGO

Ein hoffnungsloser Fall?

Foto: Jürgen Escher

Eine humanitäre Katastrophe ungeheuren Ausmaßes ereignet sich im Ostkongo — nur zeitweise beachtet von der Weltöffentlichkeit. Die Menschen haben kaum Hoffnung auf ein Ende der Konflikte.

Täglich kommen neue Flüchtlinge an in Minova, dem einzigen Flüchtlingslager im Grenzgebiet von Nord- und Südkivu. Vor wenigen Wochen, Mitte November, lebten hier bereits 35000 Menschen. Viele müssen tagelang im Regen campieren, weil es nicht genug Unterkünfte gibt. Doch auch wer ein Strohdach über dem Kopf hat, ist nicht geschützt vor Wind und Regen. Rasend schnell breiten sich Malaria und Durchfallerkrankungen im Lager aus, berichtet die Hilfsorganisation CAP ANAMUR, die vor Ort mit einem medizinischen Team hilft und ein Krankenhaus in Kamituga unterhält, etwa eine Tagesreise entfernt. Nur zwei Latrinen, kein sauberes Trinkwasser, kaum Lebensmittel – diese Situation erlebten die Menschen, die Ende 2008 im Lager ankamen.

Die Demokratische Republik Kongo wird immer wieder von Kriegen erschüttert. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Jahren ihre Heimat verloren. Jeden Monat sterben 45000 Menschen, konstatierte ein Report des globalen Netzwerkes International Rescue Committee (Internationales Rettungskomitee) im vergangenen Januar.

Die Weltöffentlichkeit blickt immer mal wieder in das an Bodenschätzen reiche Land, wenn es von riesigen Flüchtlingsströmen durchzogen wird. 250000 Menschen waren im Ostkongo Ende 2008 auf der Flucht. Meist konzentriert sich die Aufmerksamkeit jedoch auf die Region um die Hauptstadt der Provinz Kivu, Goma, die von den Nachbarländern aus erreichbar ist. Viele Menschen haben kaum noch Hoffnung, dass die Konflikte um Bodenschätze und Grenzfragen enden könnten. Die Kirche harrt an der Seite der Menschen aus und hilft den Flüchtlingen und der Bevölkerung, wie etwa die Maristenbrüder in Minova oder die Weißen Väter in Goma.

Eine Reportage aus Minova folgt in kontinente Nr. 2  


 

STANDPUNKT

Dr. Werner Höfner, 59
Stellvertretender Vorsitzender von CAP ANAMUR

Seit 1997, seit dem Krieg gegen Mobutu, kommt es in diesem Gebiet immer wieder zu Kriegen, das ist die wahre Tragödie im Kongo. Sie verläuft weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, von kurzzeitigen Berichten über akute Krisen und große Flüchtlingsströme abgesehen. Es geht letztlich um Bodenschätze wie Coltan und um Land. Der Krieg wird weitergehen, das wissen die Menschen und deshalb verbreitet sich eine ungeheure Hoffnungslosigkeit und Fatalismus. Der Konflikt ist anscheinend unlösbar und wird ein zweiter „Palästinakonflikt“ werden.
Etwas verändern ließe sich nur, wenn es der Weltgemeinschaft gelänge, Druck auf die Parteien auszuüben. Aber man muss auch die Beziehungen mancher westlicher Staaten zu den beteiligten Ländern und ihre Verflechtungen in den Konflikt bedenken. Durch die Kirchen und Organisationen wie CAP ANAMUR wird der Kongo faktisch am Leben gehalten. Die Kirchen tragen einen Großteil des gesellschaftlichen Lebens, wo die staatlichen Strukturen nicht funktionieren.

Dr. Wolfgang Höfner war 2008 zweimal in Minova im Einsatz.


 

ANGOLA

Luanda ist der teuerste Flecken Erde

In keiner der großen Glitzermetropolen der Welt lebt es sich so teuer wie in Angolas Hauptstadt Luanda. Seit dem Ende des rund 30 Jahre dauernden Bürgerkriegs im Jahr 2002 hat der Aufschwung durch Erdölförderung immer mehr Menschen in die Metropole geschwemmt und die Lebenshaltungskosten in die Höhe getrieben. Gleichzeitig treibt die fortdauernde Armut auf dem Land zahlreiche Menschen in die Stadt. Rund zwei Drittel der 16 Millionen Angolaner leben in bitterer Armut. Die britische Beraterfirma ECA International hat nun ermittelt, dass Wohnung, Kleidung, Lebensmittel und vieles mehr nirgends so teuer sind wie in Luanda. Ein Apartment kann 15000 Dollar kosten — während ein vergleichbares in New York für 4500 zu haben ist. Vermieter, Hotelbesitzer und andere Unternehmer wollen an den gutsituierten Fremdarbeitern der Ölfirmen verdienen. Für die Angolaner wird ihre eigene Hauptstadt nahezu unerschwinglich.   (hm)
 

ABTREIBUNG

Rassistisches Ziel?

Die überdurchschnittlich hohe Zahl von Abtreibungen bei Afro-Amerikanerinnen ist nach Auffassung von Bischof Martin Holley das Werk einer „nationalen Abtreibungsindustrie“. Schwarze Frauen würden von ihr regelrecht „ins Visier genommen“, sagt der Washingtoner Weihbischof. Die Organisation „Planned Parent-hood“ (Geplante Elternschaft) betreibe 80 Prozent ihrer Abtreibungskliniken in Vierteln mit einer nicht-weißen Minderheit. Die Gründerin der Organisation für Geburtenkontrolle, Margaret Sanger (1879-1966) habe Planned Parenthood auch als „Neger-Projekt“ zur Reduzierung der schwarzen US-Bevölkerungsgruppe gesehen. Sie wollte schwarze Priester in ihrer Organisation haben, um dieses Ziel zu verschleiern, sagt Reverend Clenard H. Childress Jr.. Bischof Holley, der selbst Afroamerikaner ist, verweist auf Forschungsergebnisse, denen zufolge die Zahl von Abtreibungen bei Afroamerikanerinnen fünfmal höher sei als bei weißen Frauen. Seit der Legalisierung von Abtreibung im Jahr 1973 hätten mehr als 13 Millionen schwarze Mütter abgetrieben. Das entspreche einem Drittel der heute lebenden Afroamerikaner. Holley ist Mitglied der Anti-Abtreibungsorganisation Pro Life. Sie gilt als radikal und stellt etwa Abtreibungsärzte mit deren Privatadressen an den Internet-Pranger. Planned Parent-hood hat einen sehr prominenten Unterstützer: Barack Obama, der erste afroamerikanische US-Präsident. Er tritt für die „Wahlfreiheit der Frau“ und gegen Teenager-Schwangerschaften ein.   (kna/hm)
 

KOMPAKT

Brasilien setzt auf Biosprit

Einen einträglichen Markt wittert Brasiliens Regierung beim Biotreibstoff. Deshalb will sie bis 2025 ein Zehntel der weltweiten Nachfrage abdecken. Dafür muss etwa fünfmal soviel Zuckerrohr angebaut werden wie bisher — zu Lasten der Regenwälder.

Hunger: Indien folgt Afrika

Im Welt-Hunger-Index der Welthungerhilfe steht Indien auf Rang 2 der Weltregionen, in denen Hunger ein gravierendes Problem ist. Es steht damit hinter Afrika, doch in vielen indischen Bundesstaaten hungern mehr Menschen als in afrikanischen Ländern.

Geldmangel durch Kirche

Auf den Philippinen wird das Kleingeld knapp. Schuld daran ist die Kirche, die bei einer Spendenaktion dazu aufruft, 25-Centavo-Münzen in die Kollektenflasche zu geben. Mehr als 40 Millionen Münzen sind schon gespendet worden. Die Kirchenleitung fordert nun die Pfarrer auf, das Geld schnell zur Bank zu bringen.

 

GESUNDHEIT

Fieber­-Killergen

Gegen das gefährliche Dengue-Fieber könnten künftig genmanipulierte Mücken eingesetzt werden. Sie sollen die Tiere zurückdrängen, die mit dem Dengue-Erreger infiziert sind. Bislang gibt es keinen Impfschutz gegen das Fieber, das auch als Knochenbrecherfieber oder Sieben-Tage-Fieber bekannt ist und tödlich verlaufen kann. Jährlich sterben in Südostasien mehrere hundert Menschen. In Malaysia infizierten sich 2008 rund 36000 Menschen mit dem Fieber. Es gibt keine antivirale Behandlung, nur die Symptome können gelindert werden. Weltweit infizieren sich jedes Jahr 50 Millionen Menschen mit dem Dengue-Erreger, so die Weltgesundheitsbehörde. Ein eingeschleustes Gen soll die Larven der neuen Mücken töten. Mit einem Antibiotikum kann das tödliche Gen ausgeschaltet werden, so dass in Labors ausreichend Nachwuchs mit dem Killergen gezüchtet werden kann. Ihren Ursprung haben die Mücken im britischen Biotechunternehmen Oxitec, das auch an Malariamücken forscht. Ein geplanter Versuch mit den Genmücken in Malaysia scheiterte im vergangenen Herbst. Die Bevölkerung hatte Angst vor möglichen Gefahren durch die genmanipulierten Mücken.   (hm)

 

UMWELT

Eine Welt ist nicht genug

Der Mensch verbraucht schon jetzt mehr natürliche Ressourcen, als die Erde eigentlich hergibt, um ihm eine sichere Zukunft auf seinem Heimatplaneten zu ermöglichen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Umweltorganisation World Wildlife Fund for Nature (WWF) zum ökologischen Zustand der Welt. Der „Living Planet Index“ untersucht die Artenvielfalt und den sogenannten ökologischen Fußabdruck, den jeder Mensch durch den Verbrauch von Rohstoffen wie Wasser und Energie hinterlässt. In Brasilien verschwindet jedes Jahr Regenwald in der Größe von Hessen, mehr als 21000 Quadratkilometer. Im Jahr 2035 wären bereits die Ressourcen einer zweiten Erde verbraucht, wenn der Mensch seinen Verbrauch nicht entscheidend verändert. „Bislang haben wir diesen Zeitpunkt für 2050 erwartet“, sagt Christoph Heinrich, WWF-Direktor Umwelt- und Naturschutz. Rund 40 Prozent des globalen Ressourcenverbrauchs gehen allein auf das Konto von China und den USA. Während der Verbrauch von Ressourcen dramatisch ansteigt, sinkt die Artenvielfalt. In den vergangenen 35 Jahren ist rund ein Drittel aller Arten verschwunden. Ein Viertel aller Säugetierarten gilt heute als vom Aussterben bedroht.

Die Studie ist — nur auf Englisch — abrufbar unter www.wwf.de   (hm)

 

ERNÄHRUNG

Knolliges Inkagold

Noch liegt die Kartoffel auf Platz drei der wichtigsten Ernährungspflanzen, doch sie holt auf. In Asien und Afrika werden immer mehr Kartoffeln verzehrt — die Knolle könnte künftig ein wichtiges Lebensmittel im Kampf gegen den Hunger sein. In Peru kümmert sich das Internationale Kartoffel-Zentrum um die Erforschung und Erhaltung der Kartoffel. Die einzige Kartoffel-Genbank der Welt lagert derzeit die Sprossen von 4500 Variationen und 5500 Experimente. Dabei geht es nicht um Gentechnik oder Lebensmittelchemie, sondern um das Potenzial der Kartoffel als Nahrungsmittel, Salbe und vieles mehr. Peru, das als Mutterland der Knollenfrucht gilt, bietet beste Voraussetzungen für die wissenschaftliche Nutzung der Kartoffel: Hier gedeiht die größte Fülle von Kartoffelsorten, darunter noch einige uralte Varianten. Nicht von ungefähr gilt die Kartoffel als das „wahre Gold der Inka“. Die Sorten haben so klingende Namen wie Pumakralle, Fröhliches Herz oder Albtraum der Schwiegertochter. Diese warzenförmige Knolle zu schälen, war seit Inkazeiten ein Härtetest für die Braut. Gelang es ihr zur Zufriedenheit der künftigen Schwiegermutter, war sie für die Ehe geeignet.   (hm)

 

 

 

MENSCHEN 01-2009

Lee Min-Pok

LEE MIN-POK

Flugblätter für die Freiheit

Foto: Martin Gottske

Das Sperrgebiet zwischen Nord- und Südkorea ist für Lee Min-Pok kein Hindernis. Der 50-Jährige überwindet es regelmäßig, um seine ehemaligen Landsleute in Nordkorea zur Flucht zu bewegen — mit Ballons, die pro Stück 60000 Flugblätter über dem kommunistischen Staat regnen lassen. „Jeder darf hingehen, wohin er möchte. Alle Menschen sind frei“ steht unter anderem darauf. Die Flucht ist zwar nicht einfach, aber sie gelingt einigen Tausend Nordkoreanern pro Jahr. Lee Min-Pok selbst ist vor Jahren geflohen und nach einer Odyssee inklusive Haft und zweiter Flucht in Südkorea gelandet. Der Agrarwissenschaftler hatte herausgefunden, dass sich die im Norden immer wiederkehrenden Hungersnöte durch bessere Produktionsweisen verhindern ließen. Die Regierung sperrte ihn daraufhin ein, weil er gegen ihre wirtschaftlichen Vorgaben verstoßen habe.“     (bba)

 

NORBERT KLEMENS STROTMANN HOPPE

„Die Kirche ist strategieunfähig“

Vor Konzeptlosigkeit hat Bischof Norbert Klemens Strotmann Hoppe die Kirche gewarnt. Der deutsche Herz-Jesu-Missionar ist Bischof der peruanischen Diözese Chosica. Im Verhältnis zum weltweiten Bevölkerungswachstum sei die katholische Kirche in den vergangenen 40 Jahren um 14 Prozent geschrumpft. „Wenn die Entwicklung geradlinig weiterginge, würden Lateinamerikas Katholiken im Jahr 2040 mit den Evangelikalen gleichauf liegen. Da muss ich doch irgendwann nachdenken, wie ich das abfange“, sagt der 62-Jährige. Nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Europa verliere die Kirche an Einfluss. „ Die Kirche ist strategieunfähig“, so der Bischof, „Sie hat weder Sensoren noch Entscheidungsmechanismen, um auf konkrete Situationen zu antworten.“ Dabei habe sie eine Anpassungsfähigkeit, „die ihresgleichen sucht“.     (hm/kna)

 

RENATA

Gegen Brustverstümmelung

Jedem vierten Mädchen in Kamerun werden die Brüste durch das sogenannte Brustbügeln verstümmelt. Das Aufpressen heißer Steine oder Abbinden soll den Busen in seiner Entwicklung behindern. Mütter hoffen, dass ihre Töchter dadurch nicht so früh zum Objekt männlicher Begierde werden. Bislang war diese Praxis ein Tabu. Dagegen kämpfen die „Kleinen Tanten“, die Mitglieder des Vereins RENATA. In bislang 61 Gruppierungen engagieren sich 6000 meist junge Frauen mutig gegen dieses Ritual, das oft dauerhafte Gesundheitschäden verursacht. Die Hälfte der Opfer ist unter neun Jahre alt.     (hm)