Magazin > Heft 06-2008

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 — Leben aus zweiter Hand
REPORTAGE 2 — Neues Leben — Die Kirche bringt Hoffnung und Heilung
INTERVIEW — Aktham Suliman
HINTERGRUND — Am Anfang steht die Frau
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 06-2008:

Leben aus zweiter Hand

Sie sind halbtot, wenn sie im „Infant Jesus Children’s Home“ abgeliefert werden: 
Kinder mit Aids. Eigentlich haben sie keine Zukunft in Indien. Es sei denn sie geraten in die Hände der „Dienerinnen der Armen“.

Text: Veronika Buter

Fotos: Paul Hahn

   

Eigentlich spricht sie nicht viel. Aber heute ist Rani ganz außer sich. „Anti, Anti!“, ruft sie aufgeregt. Ihr magerer Körper steckt in einem himmelblauen Spitzenkleidchen, aus dem Arme und Beine wie dürre Äste hervorschauen. Rani hat die Plastikrutsche im Garten des Kinderheimes entdeckt — vermutlich die erste in ihrem Leben. Jedesmal, wenn sie auf ihren wackeligen Beinchen die Stufen zur Rutsche hinauf geklettert ist und die kurze „Abfahrt“ gemeistert hat, kreischt sie vergnügt, klatscht in ihre Hände und ruft: „Anti, Anti“, das heißt soviel wie „Tante, Tante, schau doch mal her!“

Die „Tante“ im fleischfarbenen Sari der „Dienerinnen der Armen“ muss gerade einen Jungen auf der Schaukel anschubsen. Aber Rani lässt nicht locker, die Aufmerksamkeit der Ordensfrau auf sich zu lenken. Sie lebt erst seit einer Woche im „Infant Jesu Childrens Home“ und entfaltet jeden Tag ein Quäntchen mehr von ihren wieder erstarkenden Lebenskräften. Rani ist sechs Jahre alt, doch ihr körperlicher Zustand entspricht dem einer Dreijährigen. Die Kleine wiegt gerade mal 10 Kilogramm. Groß und dunkel treten die schwarzen Augen aus dem spitzen Gesichtchen hervor. Die Haut an Armen und Beinen ist mit Ausschlag übersät. Ranis Eltern starben an Aids. Auch sie ist HIV-positiv.

Aber sie lebt. „Kinder, die in einem sehr schlechten Zustand zu uns gebracht werden, sterben meistens innerhalb von einer Woche“, sagt Schwester Jeevalatha. Die 35-jährige Nonne mit der tiefen sanften Stimme ist eine von zehn „Dienerinnen der Armen“, die sich in Kothanur, am Rande der Metropole Bangalore, denjenigen widmen, die in der gegenwärtigen indischen Gesellschaft ganz unten rangieren: Menschen mit HIV-Aids.
 

 

 

REPORTAGE 2 – 06-2008:

Neues Leben — Die Kirche bringt Hoffnung und Heilung

„Erst müssen wir die Menschen wieder aufrichten, dann können wir uns darum kümmern, dass sie zum Beten kommen“, sagt der Spiritaner Peter Marzinkowski, Bischof der Diözese Alindao in der Zentralafrikanischen Republik. Durch bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen Ende der 1990er Jahre liegt das einst blühende Land in jeder Hinsicht darnieder: wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell. Die Kirche bringt Bildung, Heilung und Hoffnung. Sie übernimmt staatliche Schulen, errichtet Kindergärten, engagiert sich für Kranke und fördert in Kooperativen die Mitarbeit der Menschen beim Wiederaufbau. Zum Beispiel in einer Behinderten-Kooperative.
 

 

Text: Hildegard Mathies

Fotos: Günther Menn

 

„Du brauchst drei Liter Wasser und neun Liter Palmöl. Und dann noch 1,5 Kilo Sud caustique und dann musst Du nur noch rühren.“ Die Frauen könnten sich ausschütten vor Lachen. Dass jemand nicht weiß, wie man Seife macht! Das kann doch jeder! Vorsichtig gießen sie noch etwas Palmöl nach. Dann wird wieder gerührt, sanft, aber stetig. Das Stimmengewirr und Gelächter klingt jetzt noch fröhlicher. Neben dem großen Plastikbottich wartet die Holzform, mit Folie ausgeschlagen, auf die Lauge, die in ihr zu einem Seifenblock erstarren wird. 56 Stück Seife ergibt das. Die ganze Prozedur dauert gerade mal 45 Minuten. Die Seife werden die Frauen von der Behinderten- Kooperative später auf dem Markt von Alindao und in ihrem Stadtviertel verkaufen. Die Männer bieten Grasbesen an, geschnitzte Tiere und Figuren aus Bambus, einen Jäger mit einem Elefanten etwa oder ein Krokodil.

Francois Ndara, der 39-jährige Generalsekretär der Kooperative, zieht einen Zettel aus seiner Hose und hält eine kleine Rede, erklärt, was es mit der Kooperative auf sich hat: „Unser Ziel ist es, gemeinsam zu arbeiten, damit wir ein bisschen Geld verdienen und nicht als Bettler dastehen.“ Jeden Mittwoch trifft sich die Kooperative an der Hl.-Herz-Jesu-Kirche. Mühsam arbeiten sich einige Mitglieder mit ihren Krücken hierher. Doch die Motivation und der Stolz treiben sie voran: Sie sind nicht von anderen abhängig, können selbst für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Behinderte sind gebrandmarkt und werden ausgegrenzt. Oft kümmert sich nicht einmal die Familie um sie. Dank der Kooperative, die das Team um den deutschen Bischof Peter Marzinkowski initiiert hat, haben die Männer und Frauen eine Zukunft. „Bald wollen wir auch ein bisschen Landwirtschaft betreiben“, sagt Francois. Die Frauen nähen außerdem. Es ist die lebendigste und motivierteste der Kooperativen, die wir kennen lernen…  

 

 

 

 

 

 

INTERVIEW 06-2008

Interview mit Aktham Suliman

„Parallelgesellschaften gibt es nicht!“

Al Dschasira, das verbinden viele Europäer mit Hetzfunk und Terrorismus. „Falsch“, sagt Aktham Suliman. Der Deutschlandkorrespondent des Senders will zwischen zwei Welten vermitteln und findet, dass sich Islam und Christentum ganz schön ähnlich sind. Doch das schafft Konkurrenz.

Die Sekretärin entschuldigt sich mit ausgesuchter Höflichkeit, auch Aktham Suliman bittet mehrfach um Nachsicht. Das Interview muss verschoben werden. Das Auswärtige Amt hat kurzfristig ein Hintergrundgespräch zur Sicherheitslage in Palästina anberaumt. Als unser Termin am Nachmittag endlich stattfindet, sitzt Aktham Suliman, 38, schon wieder am Schreibtisch — mit weißem Hemd, Jeans und Turnschuhen, in denen die Füße oft ungeduldig auf- und abwippen. Es sieht nach Arbeit aus. Die freie Fläche vor ihm reduziert sich auf ein DIN-A4-Blatt. Neben ihm läuft im Fernseher leise das arabische Programm von Al Dschasira, über Internet gehen ständig die neuesten Nachrichten ein. Der Emir von Katar gönnt seinem Privatfunk eine gute Adresse: Al Dschasira sitzt im Internationalen Handelszentrum im Herzen der Hauptstadt. Suliman leitet das Berliner Büro seit sechs Jahren, aber lieber nennt er sich Deutschlandkorrespondent. Das klingt journalistischer und erinnert an den Auftrag, dem er sich verpflichtet fühlt: Fernsehen von Arabern für Araber zu machen: kritisch und unabhängig wie das britische Vorbild BBC, aus dessen gescheitertem Modellprojekt für den Nahen Osten Al Dschasira 1996 hervorging. Suliman will vermitteln: Themen und Nachrichten, aber auch zwischen dem Westen und der arabischen Welt — zwei Welten, die im Grunde so verschieden nicht sind, wie der Deutsch-Syrer findet.

Herr Suliman, Al Dschasira wurde scharf kritisiert, als es Videos von Taliban und Osama bin Laden ausstrahlte. Hat der Sender damit seinen Ruf als demokratische Stimme der arabischen Welt verspielt?

Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Taucht so ein Video irgendwo im Internet auf und eine Rundfunkanstalt greift es auf, ist das legitim. Wird es aber einem Sender direkt zugespielt, so wie uns, ist das schon verdächtig. Für den Westen waren wir der Inbegriff der Demokratie in der arabischen Welt. Kaum ging Osama bin Laden über den Bildschirm, galten wir als Al-Kaida-Sender.

Was macht das Verhältnis zwischen Westen und arabischer Welt, den Dialog zwischen Christen und Moslems so schwierig?

Islam und Christentum sind sich beinahe schon langweilig ähnlich: Beide Religionen sind monotheistisch, sprechen von Diesseits und Jenseits, von der Verantwortung des Menschen, von Propheten und Engeln… Diese Ähnlichkeit führt zu Konkurrenz. Das muss man anerkennen und damit leben. Andererseits fehlt vielen das Bewusstsein, wie wichtig der Dialog ist. Jeder Dialog, der erst nach dem 11. September begonnen hat und nicht davor, also, Dialog, der sich abhängig macht von einem Ereignis und noch dazu von einem Terrorereignis, ist fragwürdig.

Meinen Sie, dass manches, was als Dialog vermarktet wird, nicht ehrlich ist?

Nicht manches, vieles! Opportunisten verkaufen jede Konferenz, jeden Antrag auf Hilfsgelder als Dialog. Aber für einen ehrlichen Dialog muss man Sorge tragen.

Machen sich Europäer und Araber ein falsches Bild voneinander?

Man darf diese Bilder nicht verteufeln. Man braucht den anderen, um sich selbst zu definieren. Die Deutschen haben auch komische Bilder von Engländern und umgekehrt. Nur werden Vorurteile im Bezug auf die arabisch- muslimische Welt eher praktiziert. Man denkt inzwischen: Araber und Muslime, das sind diejenigen, die sich in die Luft sprengen, die zu extremer Gewalt neigen und leichtsinnig mit dem Leben umgehen. Hinter diesen Bildern steht oft die Aussage: Wir hier in Europa haben aber Demokratie, wir haben Frauenrechte.

Lassen sich solche Vorurteile überwinden?

Ich finde, man muss die Aussage richtig treffen und als Europäer sagen: „Ich bin stolz auf unsere Demokratie“, statt über andere herzufallen. Oder als Muslim: „Ich bin stolz auf unsere gesellschaftlichen Sitten“, statt den Westen immer gleich anzugreifen. Der Westen kann doch nicht aussehen wie die arabische Welt, sonst wäre er nicht der Westen, und umgekehrt.

Wie kann Ihrer Meinung nach ein Dialog zwischen beiden Welten gelingen?

Menschen müssen miteinander zu tun haben, dann entstehen Dialoge automatisch. Gehen Sie mal nach Berlin Kreuzberg oder -Neukölln! Da wo Deutsche und Muslime im Alltag zusammen leben, entsteht etwas Gemeinsames. Auf religiöser Ebene ist das Ganze natürlich schwieriger.

Genau. Muss ich als Christ nicht annehmen, dass jeder Moslem mich missionieren will?

Missionierung gibt es in beide Richtungen. Aber ich behaupte, nicht die Religionen konkurrieren miteinander, sondern die Hierarchien. Im Christentum ist das die Kirche, im Islam sind das kirchenähnliche Strukturen, wenn auch viel latenter. Die wollen missionieren, aber nicht die Religionen an sich. Es ist nicht unbedingt ur-islamisch oder ur-christlich zu missionieren.

Aber im Koran heißt es: Du sollst die Ungläubigen mit dem Schwert bekämpfen. Und, anders als die Bibel, gilt der Koran als das direkte Wort Gottes, das streng genommen nicht auslegbar ist.

Im Koran steht, genauso wie in der Bibel, vieles, was man interpretieren kann. Natürlich, wenn man den Koran absolut betrachtet, wird das zum Problem. Aber wie kann ich Türken in Deutschland als Gefahr empfinden, wenn ich jeden Tag bei ihnen einkaufe?

Trotzdem breitet sich bei uns die Angst vor Parallelgesellschaften aus…

Das ist ein künstlicher Begriff. Parallelgesellschaften gibt es nicht! Es gibt Randerscheinungen, die von außen so bezeichnet werden. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ein Urdeutscher vom Land kommt nach Kreuzberg, geht zum Bäcker und merkt: Der ist ja dunkelhaarig. Er geht weiter und sieht ein paar Frauen mit Kopftüchern, dann hört er irgendwo aus einem Auto türkische Musik, und schon meint er: „Berlin ist in den Händen von Muslimen.“ Wer aber die Praxis kennt, weiß, Berlin ist niemals in den Händen einer religiösen oder ethnischen Gruppe, Gott sei Dank.

Unsere Ängste sind ja nicht ganz unbegründet. Es gibt Ehrenmorde, wir erleben, dass Frauen zwangsverheiratet werden…

Ach, Blödsinn! Wenn man den Teufel sehen will, sieht man ihn auch. Ich will das nicht totschweigen. Jeder Ehrenmord ist ein Mord und als solcher ohne wenn und aber abzulehnen. Jede Zwangsehe ist ein Anschlag auf eine Seele. Aber da wird ein Phänomen von den Medien völlig überbewertet.

Doch es gibt Stadtviertel, da ist das Realität!

Wo das so scheint! Nehmen Sie das Kopftuch: Ich kenne Kopftuchfrauen, die ich küssen kann, und andere, denen ich nicht die Hand geben kann. In den Debatten der 70er-Jahre war es wirklich ein Zeichen für die Unterdrückung der Frau, heute tragen es viele aus Gewohnheit. Nicht das Kopftuch ist das Problem, sondern der Zwang, es zu tragen oder abzulegen.

Ist die Kopftuch-Debatte also übertrieben?

Oh ja, von zwei Seiten. Die eine versucht, den Islam auf dieses Tuch zu reduzieren, die andere macht aus ihm eine Panzerfaust, eine Waffe, die uns angeblich bedroht. Dabei ist es für viele eher eine ästhetische Frage.

Welchen Sinn haben dann überhaupt die vom Innenminister initiierten Islamkonferenzen?

Herr Schäuble hat viel, viel bewegt: auf deutscher Seite, noch nicht auf muslimischer. In den Medien, politisch, in vielen gesellschaftlichen Gruppen ist das Thema Islam auf einmal „in“. Und als Journalist konnte ich seit Jahren endlich etwas Positives aus Deutschland über den Islam berichten. Früher ging es doch nur um Razzien, Rasterfahndung, Terrorverdächtige. Jetzt kann man zum ersten Mal sagen: Hier ist ein Staat, der versucht, mit den eigenen Muslimen, also praktisch mit sich selber, in Dialog zu treten. Und genau an diesem Punkt wird die Wirkung auf muslimischer Seite nicht lange auf sich warten lassen, zum Ärger der Radikalen auf allen Seiten.

Das Gespräch führte Beatrix Gramlich, kontinente Aachen  

 

ZUR PERSON
Suliman und Al Dschasira

Aktham Suliman wurde 1970 in Damaskus, Syrien, geboren. Nach dem Abitur verließ er seine Heimat und studierte in Berlin Publizistik und Islamwissenschaft. Nach Tätigkeiten für Abu Dhabi TV und für die Deutsche Welle folgte 2002 der Wechsel zu Al Dschasira, dessen Berliner Büro Suliman seitdem leitet.
Al Dschasira, ein privater Fernsehsender im Besitz des Emirs von Katar, sendet nach dem Vorbild des britischen Rundfunks BBC ein 24-Stunden-Programm in Englisch und Arabisch. Mit seinen 1600 Mitarbeitern erreicht er weltweit 35 Millionen Haushalte.

 

 

HINTERGRUND 06-2008

Am Anfang steht die Frau

Eine Ordensfrau, die auf den Salomon-Inseln Gewalt gegen Frauen bekämpft, ein Pastor, der in Simbabwe für mehr Gleichberechtigung wirbt: Frauenfragen betreffen immer die ganze Gesellschaft, meint nicht nur die deutsche Wissenschaftlerin Heide Göttner-Abendroth

Ein Beitrag von Barbara Leyendecker
 

Schwester Kathleen Kapei steht genau zwischen den beiden Kriegsparteien. Die Mitglieder der Malaita Eagle Force (Adlertruppe) signalisieren ihr, dass sie etwas mit ihr besprechen wollen. Sie geht hinüber. Die Krieger bitten die Ordensfrau, die andere Seite fünf Minuten bekämpfen zu dürfen. Doch Schwester Kathleen verweigert die Erlaubnis. Ihr Befehl wird den gesamten Tag über respektiert. Während der heftigen ethnischen Unruhen auf den Salomon-Inseln in den späten 90er-Jahren befand sich das Haus der anglikanischen Ordensfrauen „Sisters of theChurch“ mitten in der Kriegszone. Nicht erst seit dieser Zeit setzt sich die heute 39-jährigeSchwester Kathleen Kapei für Frieden und soziale Gerechtigkeit auf dem Inselstaat ein, der als einer der ärmsten Ozeaniens gilt. Bis heute widersetzt sich die Ordensfrau der zunehmenden Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder in ihrer Heimat. Sie ist sich sicher: „Wenn Frauen und Kinder als den Männern gleichgestellt anerkannt werden und ihre Menschenrechte ausüben dürfen, werden Männer und Frauen, Familien, Gemeinden und die gesamte Gesellschaft davon profitieren.“ Schwester Kathleen war eine von 1000 Frauen aus über 150 Ländern, die 2005 in einer Kampagne gemeinsam für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurden. Daraus entstand das Projekt „FriedensFrauen Weltweit“ mit dem Ziel, das Engagement von Frauen für eine gerechte Zukunft öffentlicher zu machen. Frauen, so das Netzwerk, müssen einen größeren Einfluss in Friedensverhandlungen bekommen und in offizielle politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Einerseits seien die Erfahrungen von Frauen und ihr ganzheitlicher Friedensansatz unschätzbar wichtig für eine sichere, gerechtere und nachhaltige Zukunft. Andererseits sei dies ihr politisches und bürgerliches Recht. Dieses Recht schreibt die UNO-Resolution1325 fest, die vor acht Jahren vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Die Resolution fordert unter anderem eine stärkere Beteiligung von Frauen in der institutionellen Prävention,der Bewältigung und Beilegung von Konflikten. In Konflikten soll der Fokus stärker auf die Bedürfnisse von Frauen gelegt werden, insbesondere auf die von Flüchtlingen. Viele Nichtregierungsorganisationen beklagen jedoch, dass für die Umsetzung der Resolution nicht viel getan wird.

Mütter stehen am Anfang

Frauenfragen sind „Menschheitsfragen, keine Randerscheinung“,sagt Heide Göttner-Abendroth, Philosophin und Wissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt matriarchale Gesellschaftsformen: „Die Höhe einer Gesellschaft und Kultur hängt davon ab, wie frei und kreativ sich Frauen darin bewegen können.“ Die Matriarchatsforschung ist sich sicher, dass Frauen nicht nur in den längsten Epochen der Menschheitsgeschichte Gesellschafts- und Kulturschöpferinnen waren, sondern auch, dass die von ihnen geschaffene Kultur die Grundlage jeder späteren Kulturentwicklung ist. Die Wissenschaftlerin betont immer wieder, dass das Matriarchat nicht als Gegenteil des Patriarchats im Sinne einer „Frauenherrschaft“ missverstanden werden darf. Ausgehend vom griechischen Wort archè, das sowohl Anfang als auch Herrschaft heißen kann, übersetzt sie Patriarchat mit „Herrschaft der Väter“, Matriarchat jedoch mit „Am Anfang die Mütter“. Denn Matriarchate seien kulturgeschichtlich wesentlich früher als Patriarchate aufgetreten. Zum anderen respektieren sie, dass die Mütter der Anfang jedes lebenden Wesens sind, und haben diese Tatsache kulturell umgesetzt.

Feste sorgen für Umverteilung der Güter

Bei Patriarchaten handelt es sich meist um so genannte „Akkumulationsgesellschaften“, bei denen die Güter aller in den Händen weniger landen. Matriarchale Strukturen bieten ihren Mitgliedern nach Ansicht von Göttner-Abendroth die größeren Vorteile, da es sich um autarke Gesellschaften handelt, bei denen durch den Austausch der lebenswichtigen Güter ein ständiger Ausgleich stattfindet. Bei den Juchitàn, einem matriarchalen Volk in Mexiko, sorgen die Menschen mit ihren Festen für eine ständige Umverteilung des Reichtums. Von reicheren Händlerinnen wird erwartet, dass sie besonders rege teilnehmen. Auf diese Weise fließt ihr Verdienst in die lokale Geld- und Warenzirkulation zurück. Es entsteht ein dichtes Netz gegenseitiger Hilfe. Matriarchale Gesellschaften bilden auch die Aschanti in Westafrika, die Khasi in Ostindien und die Hopi im Südwesten Nordamerikas. Bei den Rhadés, einem Bergvolk in Vietnam, ist es üblich, dass die Frau sich ihren Ehemann aussucht. Wenn Besuch kommt, ist er es, der die Gäste bedient, während seine Frau die Unterhaltung übernimmt. Bis heute sind es vor allem Frauen, die sich für den Zusammenhalt der Gesellschaft einsetzen, indem sie sogenannte „wahlverwandte Clans“ initiieren, tragen und leiten: Das können Nachbarschaftsgemeinschaften oder Netzwerke sein. Als Maßstab gelten dabei, so Göttner-Abendroth, „die Bedürfnisse von Frauen und Kindern, die Zukunft der Menschheit und nicht die Macht- und Potenzwünsche von patriarchalen Männern.“ Der simbabwische Pastor Jonah Gokova setzt sich zwar nicht für eine matriarchale Gesellschaft ein, wirbt aber in seiner Heimat für ein neues Verständnis von Männlichkeit. Von der Gleichberechtigung von Frau und Mann profitieren nach der Erfahrung des afrikanischen Pastors auch die Männer: Sie leben länger, haben ein besseres Verhältnis zu ihren Frauen und Kindern und sind glücklicher. Gokova ist Vorstandsmitglied der „Antisexistischen Männerorganisation Padare, Männerorum für Genderfragen“.

Die Suche nach einem neuen Männerbild

In Gruppen, die es im ganzen Land gibt,werden die ausschließlich männlichen Teilnehmer ermutigt, ihren Frauen zuzuhören, wenn sie davon erzählen, wie Männer sie unterdrücken: „Wir versuchen, bei den Männern ein kritischeres Verständnis gegenüber der Männerdominanz unserer Gesellschaft zu wecken“, sagt der Pastor. Dazu gehört auch die Suche nach einem neuen Bild von Männlichkeit, das frei ist von den üblichen Stereotypen: „Wir suchen Männlichkeitsmodelle, die nicht nur durch Abgrenzung von dem, was als weiblich gilt, bestimmt sind. Wir wollen uns frei entfalten können“, formuliert Pastor Gokova den Wunsch der Männer, die mit ihm auf der Suche sind. Und er geht noch einen Schritt weiter: „Wenn Mannsein bedeutet, nicht auf die Forderungen der Frauen nach Gerechtigkeit einzugehen, dann lehne ich es ab, ein Mann zu sein.“ Seinen Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit von Frau und Mann begründet Gokova mit seinem Glauben: „Ich habe erkannt, dass christliche Nachfolge für alle Christen und Christinnen bedeutet, jede Art von Unterdrückung zu bekämpfen. Mein Engagement hängt mit meinem Verständnis von Heil und Rettung zusammen. Die Botschaft des Evangeliums zielt auf Befreiung und soziale Gerechtigkeit.“

Jesus als Vorbild für Beziehungen

Diese Botschaft der Befreiung treibt auch die evangelische Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel um. In den Anfängen der feministischen Theologie bekam sie die Suche vieler Frauen mit, die sich in der Kirche, die einen patriarchal-männlichen Gott vertrat, nicht mehr zu Hause fühlten. Die Folge war eine Neubesinnung auf Jesus. In ihm und in seinen Beziehungen zu Frauen entdeckten sie etwas „von einer neuen menschlichen Beziehungskraft, der Gegenseitigkeit, der Dynamik des Voneinanderlebens, das jede Abhängigkeits- und Gehorsamsstruktur ausschließt“, beschreibt Moltmann-Wendel die Entwicklung. Die Theologin empfiehlt das Vertrauen auf die Wirkung des Heiligen Geistes, der im Hebräischen den weiblichenNamen ruach trägt. Dieser Geist könne verstanden werden als Leben, Vitalität und Gemeinschaft gebende Energie: „Ein Modell, in das Frauen ihr Subjektsein einbringen können.“ Denn nach christlicher Tradition werde Geist allen gleichermaßen gegeben, er verbinde die Menschen miteinander und mit dem Atem der Schöpfung: „Geist in diesem Sinn sprengt alte Kirchenmauern.“
 

Resolution 1325

Die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats vom 31. Oktober 2000 schreibt die Teilnahme von Frauen an Friedensprozessen und Interimsregierungen völkerrechtlich vor. Frauen müssen „in den nationalen, regionalen und internationalen Institutionen und Mechanismen zur Verhütung, Bewältigung und Beilegung von Konflikten auf allen Entscheidungsebenen“ stärker vertreten sein, heißt es.
 

 

 

Nachrichten 06-2008:

MIKROKREDITE

Kleines Geld, große Wirkung

In Zeiten von Kreditkrisen und Bankenpleiten erweisen sich Geldanlagen in Mikrokreditfonds als attraktive Alternative: Für Anleger, die Armen helfen und außerdem selber davon profitieren wollen.

Sie ist nicht üppig — die finanzielle Rendite aus dem „responsAbility“-Fonds, der Geld an Mikrofinanzinstitutionen in Entwicklungsländern verleiht. Aber Immerhin liegen die erwarteten Erträge mit fünf bis sechs Prozent über Geldmarktniveau, sagt Michael P. Sommer von der Bank im Bistum Essen (BiB). Außerdem ist Mikrofinanz (MF) gegenüber den Turbulenzen an den globalen Kapitalmärkten unempfindlich. Denn Juanita in Mexiko, die einen Kredit von 50 Euro bekommt, damit sie an der Straße Tortillas backen und verkaufen kann, um ihre fünf Kinder zu ernähren, wirtschaftet weitgehend unabhängig vom Weltmarktgeschehen und politischen Entscheidungen. Und zwar sehr erfolgreich: 99 Prozent der Mikrokredite samt Zinsen werden pünktlich zurückgezahlt. — Die Idee von Kleinstkrediten für Arme erobert den Globus. Das Modell, für das Muhammad Yunus aus Bangladesch 2006 den Friedensnobelpreis bekam, beruht auf Vertrauen und sozialer Kontrolle. Und es funktioniert überall, wo es wirtschaftlich aktive, arme Menschen gibt: in Lateinamerika, Osteuropa, Asien und Afrika. Für Sommer, den ehemaligen stellvertretenden Geschäftsführer von „Adveniat“, ist die MF „das effizienteste Instrument der Entwicklungshilfe schlechthin“ und „eine echte Alternative zur“ — fragwürdig gewordenen „staatlichen Entwicklungshilfe: weil es bei den Selbsthilfekräften und der Eigeninitiative des Menschen ansetzt.“ Die BiB Essen, in Deutschland führend im Bereich der Mikrofinanzierung, hat zusammen mit der Stadtsparkasse Düsseldorf den „responsAbility“-Fonds aufgelegt. Mit einem Volumen von 45 Millionen Euro erreicht er 50 000 Kunden in 23 Ländern. Stiftungen, Orden und Hilfswerke investieren in ihn, so etwa das Missionswerk missio in Aachen. Aber auch der Privat-Anleger kann ab 1000 Euro „doppelte Rendite“ erzielen, wie Sommer für den Ethikfonds wirbt: „ Überdurchschnittlicher Ertrag verbunden mit der Übernahme sozialer Verantwortung.“ Doch er warnt vor allzu hohen Erwartungen an die MF und vor schwarzen Schafen, die nur eine Profitmaximierung auf dem Rücken der Armen im Sinn haben. „MF funktioniert nur, wenn sie gut gemeint und gut gemacht ist“, sagt Sommer mit Blick auf die Kritik von Menschenrechtsorganisationen, die ungeprüfte Vergabe von Kleinkrediten an Familien in Bangladesch fördere dort die Kinderarbeit. „Deshalb ist uns der direkte Kontakt zu unseren Kunden so extrem wichtig“, betont der studierte Jurist, der viel Zeit im Jahr „vor Ort“ verbringt. Dennoch: „Mikrokredite machen die Armen nicht zu Millionären und sind auch nur ein Instrument für diejenigen, die in der Lage sind, selbst etwas für sich zu tun“, sagt Sommer. „Deshalb ersetzt die Mikrofinanz auch nicht das Spenden.“  (vb)

Ausführliche Informationen: Michael P. Sommer, Bank im Bistum Essen e.G, Tel.: 0201-2209-380.
E-Mail: michael.sommer@bibessen.de
oder im Netz: www.bibessen.de


 

STANDPUNKT

Ass. jur. Michael P. Sommer, 52
Nachhaltigkeits-Manager bei der Bank im Bistum Essen eG

Die Armut bekämpfen und damit Geld verdienen: Ist das nicht unanständig? Nein. Denn eine Bank, auch eine kirchliche, muss kostendeckend arbeiten und Erträge erwirtschaften, sonst ist sie bald pleite. Auch bei Mikrokrediten für Arme ist eine angemessene finanzielle Rendite möglich und mit Blick auf die immens hohen Verwaltungskosten auch notwendig. Dabei geht es gerade nicht um eine Bereicherung auf Kosten der Armen, sondern darum, dass Menschen im Vertrauen auf ihren Leistungswillen und ihre Leistungsfähigkeit Mittel an die Hand gegeben werden, sich selbst aus der Armut zu befreien. Und: dass sie dabei wie Partner und nicht wie Almosenempfänger behandelt werden. Deswegen sind sie sehr daran interessiert, ihren Kredit samt Zinsen zurückzuzahlen. Damit zeigen sie: Wir haben Erfolg mit dem, was wir unternehmen. Und das zeugt von einem ganz neuen Selbstwertgefühl. Nicht Zinsen an sich sind ein Problem, sondern ihre Angemessenheit. Wer sich nicht befreit von der Gier nach Gewinnmaximierung um jeden Preis, hat auf dem Mikrofinanz-Markt nichts zu suchen.
 

GESUNDHEIT

Gefährlich viel Arsen im Reis

Die Hälfte der Menschheit ernährt sich vor allem von Reis — und immer mehr von ihnen nehmen täglich das giftige Halbmetall Arsen mit dem Reis auf. Über natürlich vorkommendes Arsen im Grundwasser und die damit bewässerten Felder, etwa in Asien, gelangt der giftige Stoff in den Reis. Ein weiterer Grund: Wegen der weltweiten Nahrungsmittelkrise wird immer mehr Reis angebaut. Bauern nutzen dafür zunehmend Anbauflächen, die bereits stark mit Arsen belastet sind, zum Beispiel ehemalige Baumwollfelder oder Felder in der Umgebung von Minen und Metallhütten. Zehn Mikrogramm Arsen täglich gilt Gesundheitsexperten als „wünschenswerter“ Grenzwert; tatsächlich legen viele Länder andere, vielfach höhere Grenzwerte fest. Krebs kann die Folge eines täglichen erhöhten Arsenkonsums seins. Produkte aus asiatischer Reiskleie oder Reis aus Asien, der in Europa verkauft wird, können mit Arsen belastet sein.   (hm)
 

PAKISTAN

Lebend ins Grab

Drei Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren sind in Pakistan gefoltert und lebendig begraben worden. Sie wollten die von den Stammesältesten ausgewählten Ehemänner nicht akzeptieren. Mit den Mädchen starben zwei ältere Frauen, die ihnen helfen wollten. Schlagzeilen machten diese sogenannten Ehrenmorde, weil dem Bericht über den Mord in einer Zeitung eine Parlamentsdebatte folgte. Senator Israr Ullah Zehri verteidigte dabei vehement diese „ jahrhunderte-alten Traditionen“ und sagte: „Wir sollten dieses Ereignis nicht politisieren und negativ bewerten.“ Dieser Brauch diene dazu, „Obszönitäten zu stoppen“. Zwar protestierten andere Abgeordnete dagegen und mögliche Täter wurden verhaftet, jedoch wird sich die Praxis des Ehrenmordes auf absehbare Zeit kaum ausrotten lassen, vor allem nicht in den entlegenen Stammesgebieten Pakistans. Jedes Jahr werden mindestens mehrere hundert Frauen Opfer solcher Morde. Genau weiß man es nicht, da die Dunkelziffer sehr hoch ist und viele Morde als Unfall oder Selbstmord getarnt sind. Oft reicht der Verdacht, eine Frau könne untreu sein. Auch Vergewaltigung oder dass sich „der falsche Mann“ in sie verliebt, kann ein Todesurteil sein. Einer betroffenen Familie lässt die Stammesgesellschaft bislang kaum eine Wahl: Tötet sie nicht die beschuldigte Frau — Symbol der Familienehre — sind alle anderen Frauen der Familie Freiwild und die Männer werden ausgegrenzt und bedroht.   (hm)
 

KOMPAKT

Weniger Schlafmohnfelder

Um fast ein Fünftel ist die Anbaufläche für Schlafmohn, aus dem Opium hergestellt wird, in Afghanistan zurückgegangen. Das liegt an Dürren, aber auch an Druck von Geistlichen, Dorfältesten und Politikern auf die Bauern. Der Ertrag pro Feld nimmt allerdings zu.

Erfolg bei Blutdiamanten

Drastisch zurückgegangen ist der illegale Handel mit Blutdiamanten, den Edelsteinen aus Kriegs- und Konfliktgebieten. Nur noch 0,2 Prozent der weltweit gehandelten Diamanten zählen dazu — ein Erfolg von Nichtregierungsorganisationen.

„Guten Appetit?

„Esst Ratten“, empfiehlt der indische Bundesstaat Bihar seinen Bürgern im Kampf gegen steigende Lebensmittelpreise. So würde weniger Getreide durch die Nager vernichtet und gleichzeitig weniger Getreide verbraucht. Ratten fressen fast die Hälfte der Ernte. Für einige indische Völker sind die Tiere heilig.

 

STEUERFLUCHT

Tödliche Folgen

„Es ist das ekelhafteste Kapitel der Weltwirtschaft seit der Sklaverei.“ Das sagt Raymond W. Baker vom US-Zentrum für Internationale Politik. Baker hat in 550 Interviews in elf Ländern ermittelt, wie internationale Großkonzerne durch Steuerflucht Entwicklungsländer schädigen, in denen sie tätig sind und bestens verdienen. Unter dem übersetzten Titel „Tod und Steuern: das wahre Werkzeug der Steuerflucht“ hat die britische Entwicklungsorganisation Christian Aid (Christliche Hilfe) die Ergebnisse beschrieben und bewertet. Multinationale Konzerne wie etwa BP entziehen Entwicklungsländern jedes Jahr Steuereinnahmen in Höhe von 160 Milliarden US-Dollar. Das ist etwa dreimal so viel, wie nötig wäre, um die Milleniumsziele der Vereinten Nationen zu erreichen und bis 2015 die Armut weltweit zu halbieren. Außerdem ist es eineinhalb mal so viel, wie 2007 insgesamt in Entwicklungshilfe geflossen ist. Durch die Steuerflucht werden laut Christian Aid bis 2015 5,6 Millionen Kinder sterben, weil es etwa an Geld für Gesundheitsprojekte fehlt, „1000 jeden Tag“. Und: „Die Hälfte ist schon tot.“ Gefordert sei ein weltweites, striktes und schnelles Vorgehen gegen diese Praxis.   (hm)

 

STUDIUM

Wie hilft man Straßenkindern?

Um an Straßenkinder heranzukommen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen helfen zu können, braucht es mehr als Fingerspitzengefühl. Im deutschlandweit einmaligen Masterstudiengang Straßenkinderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg können Studenten lernen, wie sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten können. Die Gründe für ein Leben auf der Straße sind vielfältig: Straßenkinder suchen Schutz vor familiärer Brutalität, sie fliehen vor Problemen mit den Eltern, sie wollen nicht zur Schule gehen, sie suchen Freiheit und Abenteuer und vieles mehr. In armen Ländern kann die Familie sie oft nicht mehr versorgen und überlässt die Kinder sich selbst. Viele geraten in einen Teufelskreis aus Betteln, Banden, Drogen, Prostitution und Gewalt — in Europa genauso wie in Entwicklungsländern. Ziel des Studiengangs ist, zielgruppengerechte und nachhaltige Bildungsangebote machen zu können, um den Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen zu ermöglichen. Der Studiengang besteht seit dem Wintersemester 2007/2008. Gefördert wird er vom Don-Bosco-Hilfswerk „JUGEND DRITTE WELT“. Er wurde dieses Jahr mit dem Innovationspreis „Ausgewählter Ort“ von Bundesregierung und deutscher Wirtschaft ausgezeichnet.   (hm)

 

BRASILIEN

Boomender Kult

Der afro-brasilianische Kult Candomblé boomt und entwickelt sich zu einem Exportgut Brasiliens. Immer mehr Anhänger kommen aus der weißen, gebildeten Mittelschicht. Viele Gläubige sind gleichzeitig katholisch und nicht wenige vollziehen auch buddhistische oder andere Rituale. Candomblé ist ein Verwandter des haitianischen Voodoo-Kultes. Im Mittelpunkt stehen Götter, Geister, Gebete und Tänze in Trance. Die Priesterinnen — „ Mae de Santo“, Mutter des Heiligen genannt — geben Orientierung und Lebenshilfe. Immer mehr von ihnen haben einen Doktortitel, sind Theologen, Anthropologen oder Soziologen, berichtet Professor Afonso Soares. Evangelikal-radikale Pfingstgemeinden bereiten nicht nur den Katholiken, sondern auch den Candomblé-Tempeln Probleme. Sie sehen sie als Konkurrenz im Kampf um die Gläubigen und deren Geld. So versuchen sie die Candomblé- Häuser zu verdrängen — auch mit Unterstützung von Kriminellen. Entstanden ist Candomblé aus Religionen, die afrikanische Sklaven mitbrachten. Mittlerweile kommen Afrikaner nach Brasilien, um etwas über die Tradition ihrer Vorfahren zu lernen und Candomblé nach Hause zu reimportieren.   (hm)

 

 

 

MENSCHEN 06-2008

SENOVIA RIOS FIGUEROA

Erfolgreiche Wächterin des Waldes

Dass Holzhändler illegal ihren Lebensraum besetzen, ausplündern und zerstören, wollte Senovia Ríos Figueroa nicht hinnehmen. Gemeinsam mit ihrem Sohn und Stammesgenossen kämpfte sie hartnäckig um die Rechte ihres Volkes und ihren Regenwald. Senovia Ríos Figueroa gehört zum indigenen, vielstämmigen Volk der Asháninka, übersetzt „ Brüder der Menschen“, und lebt in Peru. Dort wehrten sich die Ureinwohner in diesem Jahr verstärkt gegen die Ausbeutung der Ressourcen, an denen Privatfirmen gut verdienen. Die Firmen verletzen dabei die in der Verfassung und in mehreren Abkommen festgeschriebenen Rechte der Ureinwohner. Hart kämpften die „Wächter des Waldes“ wie Senovia Ríos Figueroa um ihr Recht. Ihr Sohn war ein Jahr lang im Gefängnis. Schließlich hatten seine Mutter und ihre Mitstreiter Erfolg: Die Holzfäller haben das illegal besetzte Land verlassen.“     (hm)

 

MAY CHIDIAC

Unbeugsames Terroropfer

„Sie haben mir die Hälfte meines Körpers genommen. Sie können auch die andere Hälfte nehmen, aber sie können mich nicht mundtot machen.“ May Chidiac, 44, ist das bekannteste Fernsehgesicht des Libanon und eine unerschrockene Kämpferin für die Freiheit ihres Volkes. 2005 explodierte eine Bombe unter dem Auto der christlichen Journalistin. Das linke Bein und der linke Unterarm mussten amputiert werden. Davon, von ihren Schmerzen und von Augenblicken der Verzweiflung lässt sich May Chidiac ebenso wenig besiegen wie von den Bombenlegern und ihren möglichen Auftraggebern aus der syrischen Regierung. Die hatte May Chidiac vor dem Attentat immer wieder für ihre Politik im Libanon kritisiert. Das tut sie noch immer, wieder vor der Kamera. Ihre neue Polit-Talkshow heißt „ Unerschrocken“.     (hm)

 

SCHWESTER GOSIA POPLAWSKA

Missionarin, Künstlerin, Heilerin

„Viele Menschen glauben, dass eine Missionsschwester Schulunterricht gibt, in einem Krankenhaus Medikamente verteilt oder in einer Gemeinde hilft. Aber eine Schwester, die Künstlerin ist? Ist das wertvoll? Hilft das irgendwem?“ Mit solchen Gedanken und Fragen wird Schwester Gosia Poplawska konfrontiert, wenn sie aus Afrika auf Besuch nach Europa kommt. So schildert sie es in einem Interview mit dem Magazin der Weissen Väter und Weissen Schwestern in Großbritannien. Antworten gibt die junge Weisse Schwester mit ihrer Arbeit in Arusha, Tanzania. Sie hilft Patienten und Straßenkindern die heilende und verändernde Kraft der Kunst zu entdecken und auszuleben.     (hm)