Magazin > Heft 04-2008

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 — Der gute Hirt von Kembe
REPORTAGE 2 — Jamaikas barmherzige Brüder
PORTRÄT — Jocelyn B. Smith
HINTERGRUND — Die Ungeduld der tibetischen Jugend und der politische Autoritätsverlust des Dalai Lama
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 04-2008:

Der gute Hirt von Kembe

Ohne Katechisten wie Pierre Ayadi geht in der zentralafrikanischen Diözese Alindao nichts. Für 38000 Christen auf 18475 Quadratkilometern gibt es nur 15 Priester.

Text: Hildegard Mathies

Fotos: Günther Menn

   

Wenn es hier doch nur so einfach wäre wie auf dem Feld! „Du musst nur etwas auf den Boden fallen lassen, dann kannst du bald ernten“, hatte Pierre am Morgen auf seinem Acker gesagt. Abplacken muss er sich natürlich auch auf dem Feld, aber es scheint tatsächlich die leichtere Arbeit zu sein. Pierre sitzt jetzt hier im Klassenraum vor fünf dösenden Jugendlichen. Sie liegen fast auf der Schulbank. Nur ein Mädchen ist aktiv. Sie strickt. Pierre Ayadi ist der Katechist von Kembe. Heute gibt er wieder Firmunterricht. Doch an diesem Nachmittag, an dem die heiße Luft über dem Städtchen steht, ist es schwer, die Aufmerksamkeit der Sechs zu erlangen. Und zu behalten.

Aber Pierre lässt sich nicht entmutigen. Immer wieder erzählt er den Firmlingen vom Heiligen Geist. „Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, gut zu sein. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, die Sache richtig zu machen. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, Gott zu mögen aus einem weißen Herzen.“ Pierre hat so ein weißes Herz. Es ist aufrichtig, stark und mutig und brennt mit ganzer Leidenschaft für die Sache Gottes. Deshalb lässt er nicht locker. Er will, dass sie es kapieren: „Das Wort Gottes ist das Licht, um den Weg zu sehen.“ Das Licht, das ihren Lebensweg ausleuchtet. Das sie Kraft schöpfen und weitermachen lässt, ganz gleich was passiert. So, wie es bei ihm ist.

Pierre, der als Junge gern Priester geworden wäre, hat es vom Laufburschen zum Lehrer gebracht, hat es dann vom Dorf in die Hauptstadt geschafft, wo er als Chauffeur gearbeitet hat — und heute ist er einer der angesehensten Männer in Kembe. Er ist Katechist und Küster und manch einer, der ihn predigen hört, sagt: „Da sollten sich die Pfarrer mal eine Scheibe von abschneiden.“ Er ist ein gefragter Ratgeber und stellvertretender Dorfchef in seinem Viertel und lässt sich nicht beirren bei seiner Mission, den Menschen Gottes Wort zu bringen und ihnen auf die richtige Lebensspur zu helfen…

 

 

REPORTAGE 2 – 04-2008:

Jamaikas barmherzige Brüder

Selbst die kriminellsten Banden in Kingston können sie nicht davon abhalten: Tag für Tag schwärmen im gefährlichsten Viertel der Hauptstadt Jamaikas Dutzende junger Ordensleute aus, um Ausgestoßenen zu helfen.

 

Text: Franz Jussen

Fotos: Fritz Stark

 

So schnell lässt sich Bruder Maximo Medina, 40, durch Nichts aus der Ruhe bringen. Eigentlich wird sein Geschick jetzt dringend bei seinen Mitbrüdern gebraucht, die damit begonnen haben, den maroden Dachstuhl des Häuschens abzureißen, in dem Jay Thomas, 52, und ihre zwölfjährige behinderte Tochter Daisha leben. Doch mit einer Engelsgeduld hört sich der stämmige Belizer, den alle nur Max rufen, die Bitten und Sorgen der Frauen an, die ihn umringen, seit der Lastwagen der „Missionare der Armen“ mit den Wellblechen in der Straße eingetroffen ist. Die Wunschliste der Damen ist lang: Der Einen würden ein paar Lebensmittel reichen, eine Andere hofft, dass auch der Dachstuhl ihres Hauses bald von den Brüdern repariert werden kann, und eine Weitere fleht den Bruder an, ihrer verwirrten Mutter einen Platz im Altersheim zu geben. Sorgfältig notiert Bruder Max Anliegen und Adressen. In den kommenden Wochen werden er und seine Mitbrüder jedem einzelnen Hilferuf nachgehen, verspricht er.
 

Die Missionare der Armen sind eine beliebte Anlaufstelle für Notleidende aller Art in Kingston. Doch seit Hurrikan „Dean“ im vergangenen August Spuren der Verwüstung hinterlassen hat, überblicken die Brüder kaum noch, bei wem der Schuh am stärksten drückt. Die Wut des Wirbelsturms, der mit Windstärken von 240 Kilometern in der Stunde über die Karibik jagte, hat unzählige Dächer in den ohnehin verwahrlosten Vierteln der Stadt verwüstet. Die Brüder rechnen seither in einer neuen Zeiteinheit: Die Baustelle, der sie sich heute mit ihrem Spezialtrupp annehmen, ist „ die 265. seit Dean“.

Die Missionare der Armen sind ein junger Orden. Zusammen mit ihrem Gründer Pater Richard Ho Lung leben und arbeiten Ordensmänner aus aller Welt in Kingston. Sie lassen sich nicht davon schrecken, dass die Stadt einen Spitzenplatz in der internationalen Verbrechensstatistik belegt und dass zwei der Ihren schon zu Märtyrern geworden sind…

 

 

 

PORTRÄT 04-2008

Jocelyn B. Smith:

Die Diva mit dem großen Herzen

Jocelyn B. Smith ist Musik. Mit einer temperamentvollen Mischung aus Jazz, Soul und Gospel begeistert sie seit Jahren ihre Fans. Mindestens genau so bekannt ist sie mittlerweile durch ihr Engagement für mehr Toleranz und Offenheit — gegen Armut und soziale Ausgrenzung.

Ein Porträt von Marion Weißkirchen (Text) und Paul Hahn (Fotos)

„Ihr seid wunderbar! Come on! Strahlen mit den Zähnen!“, feuert Jocelyn B. Smith nicht etwa ihr Publikum in einer ausverkauften Konzerthalle an: Hier laufen gerade die letzten Proben für die Uraufführung des Songs „Higher Love“(„Höhere Liebe“). Das Lied hat die afroamerikanische Jazz- und Soulsängerin speziell für eine Kampagne der Aktionsgruppe landmine.de geschrieben — gegen Streumunition und für Kinder, die Opfer dieser Waffen wurden.

Schwungvoll dirigiert die schlanke Frau mit den wilden Locken den 30-köpfigen Berliner Kinderchor, den sie eigens für den guten Zweck gegründet hat. Mit dem charmanten Akzent, der ihre Herkunft verrät und mit englischen Ausdrücken gespickt, gibt sie Kommandos. „Los, mit Power Gas geben! Lasst uns himmlische Energie schicken auf alle Kinder im Kosovo, in Vietnam und Mosambik.“ In diesen Ländern will die Musikerin das Stück in den kommenden Monaten noch in der jeweiligen Landessprache mit einheimischen Kindern aufnehmen.

Jocelyn Bernadette Smith wurde katholisch erzogen. Als Teenager war es ihr sehnlichster Wunsch Nonne zu werden und anderen Menschen zu helfen. „Besonders die Missionsarbeit interessierte mich sehr“, entsinnt sie sich, „aber in dem Alter hat man ja noch nicht wirklich den Überblick.“ Bald wurde der jungen Jocelyn klar, dass sie einmal heiraten und Kinder haben wollte. Für das Ordensleben war sie dann auch zu sehr dem Rock’n’Roll verschrieben. „I am too much of a Rock’n’Roller“, sagt sie und lacht auf ihre ansteckende Art.

Aber sie ist nicht nur Rock’n’Rollerin: Dass Musik heilen kann, ist eine ihrer tiefen Überzeugung. Und deshalb begleitet Jocelyn B. Smith Migrantinnen in den Kreißsaal. Migrantinnen, die oft keine Wahl hatten, sich für ein Kind zu entscheiden. Ein Kind mit dem Mann, mit dem sie zwangsverheiratet wurden…

 

 

HINTERGRUND 04-2008

„Der gewaltfreie Weg ist eine Sackgasse“:

Die Ungeduld der tibetischen Jugend und der politische Autoritätsverlust des Dalai Lama

Ein Beitrag von Klemens Ludwig
 

Foto Romana/getty images

Der Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besetzung vom März 2008 hat das Bild vom friedlichen, duldsamen Volk erschüttert, das sich gegen Unterdrückung nur streng gewaltfrei zur Wehr setzt und keinen Hass oder andere negative Emotionen entwickelt, so wie es der Buddhismus mit dem „edlen achtgliedrigen Pfad“ lehrt.

Die radikale Gewaltfreiheit ist die Ethik des Dalai Lama, des geistlichen und weltlichen Oberhauptes der Tibeter. Viele, vor allem Jüngere, reagieren jedoch wie andere Angehörige unterdrückter Völker: Sie wehren sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Besatzer. So war es auch schon früher. Nach dem Einmarsch 1950 formierte sich zunächst im Osten die tibetische Guerillabewegung Chushi Gangdruk.

Insbesondere der Tibetische Jugendkongress (TYC) stellt die politische Autorität des Dalai Lama in Frage. Er wurde 1970 im Exil gegründet. Der langjährige Vorsitzende Tseten Norbu meint zum Mittleren Weg des Dalai Lama: „Wir sind die einzige Organisation, die ihrem ursprünglichen Ziel treu geblieben ist — das der völligen Unabhängigkeit. Meine Eltern sind aus Tibet geflohen, weil sie in ein freies Tibet zurückkehren wollten. Das ist unsere Verpflichtung. Wir sind nicht hierher gekommen wegen des Mittleren Weges oder des gewaltfreien Kampfes, sondern nur um die Unabhängigkeit zu erlangen.“
 

 

 

Nachrichten 04-2008:

IRAK

Hoffnung für Flüchtlinge

Sie fliehen vor Tod, Folter und Vergewaltigung. Doch Christen und nicht-muslimische Minderheiten aus dem Irak sind in den Nachbarländern wenig willkommen. Nun will Deutschland sie aufnehmen.

Sie treibt die nackte Angst: Viele flüchten Hals über Kopf und lassen ihr gesamtes Hab und Gut in der Heimat zurück. Seit 2003 sind Angehörige nicht-muslimischer Minderheiten im Irak immer mehr zur Zielscheibe für islamische Extremisten geworden: Irakische Christen berichten von Drohbriefen, die sie zwingen, innerhalb von 24 Stunden zum Islam zu konvertieren oder das Land zu verlassen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Sie berichten von Schutzgelderpressungen, Überfällen, Folter und Vergewaltigung. Trauriger Tiefpunkt dieser Gewaltspirale ist der Tod des chaldäisch-katholischen Erzbischofs von Mossul, Paulos Faraj Rahho, der nach seiner Entführung an den Strapazen der Haft starb. Viele Stadtteile haben radikal-muslimische Milizen bereits zu christenfreien Zonen erklärt.

2,2 Millionen Menschen, schätzt das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen UNHCR, sind bereits aus dem Irak geflohen. Knapp anderthalb Millionen haben in Syrien Zuflucht gesucht, halb so viele leben offiziell in Jordanien, 45000 im Libanon, 10000 in der Türkei. Knapp zehn Prozent sind Christen, vor allem chaldäisch-katholische und assyrische, aber auch syrisch-orthodoxe, syrisch-katholische und armenische Christen. Ebenso bedroht sind Angehörige anderer nicht-muslimischer Minderheiten wie Mandäer und Jesiden.

Im Exil sind sie ungeliebte Gäste. Die Flüchtlinge erhalten weder Arbeitserlaubnis noch ein dauerhaftes Bleiberecht und versuchen mit Gelegenheitsjobs in den Armenvierteln der Städte zu überleben. Wenn sie das Geld für Visa nicht mehr aufbringen können, tauchen viele illegal unter.

Otmar Oehring verfolgt diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Wie ein Rufer in der Wüste hat der missio-Menschenrechtsexperte schon früh auf die Lage der Christen im Irak aufmerksam gemacht und beharrlich im Hintergrund daran gearbeitet, Politik und Gesellschaft für ihr Leid zu sensibilisieren. Im Herbst reiste er mit Bundestagsabgeordneten, hohen Beamten und Journalisten nach Jordanien, Syrien und in den Libanon und konfrontierte sie mit der Situation der Flüchtlinge. Diese Begegnungen hatten Folgen: Wenig später machte sich Innenminister Wolfgang Schäuble bei seinen europäischen Kollegen für die Aufnahme religiöser Minderheiten aus dem Irak stark. Deren Rückkehr und ein friedliches Zusammenleben der Religionen, so Oehring, sei derzeit schwer vorstellbar, auch wenn Kritiker vor einem christenfreien Orient warnen. Wie kontinente kurz vor Drucklegung erfuhr, gibt es Anzeichen, dass Deutschland möglicherweise schon vor der Konferenz der EU-Innen- und -Justizminister im September Flüchtlinge aus dem Irak aufnehmen könnte.   (bg)
 

STANDPUNKT

Otmar Oehring, 43,
missio-Menschenrechtsexperte, zur Lage der Christen im Irak

Seit einigen Monaten diskutieren Politiker in Berlin und in den Bundesländern über die Aufnahme irakischer Flüchtlinge in Deutschland und in anderen EU-Mitgliedsstaaten. Die Kirche im Irak ist dagegen, weil sie die Entchristianisierung des Landes fürchtet. Das fürchten auch die Kirchen in den angrenzenden Staaten. Mittlerweile haben sie jedoch, genauso wie die Kirchen im „Westen“, das Dilemma erkannt: Die Flüchtlinge aus dem Irak können weder in ihre Heimat zurückkehren noch haben sie Zukunftsperspektiven in den Erstaufnahmeländern Syrien, Jordanien, Libanon und in der Türkei.

Deshalb fordert missio seit Monaten die Aufnahme von bis zu 30000 Angehörigen nicht-muslimischer Iraker — vor allem Christen, aber auch Mandäer und Jesiden.

Gemeinsam mit dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) kann die Aufnahme dieser Menschen zeitnah realisiert werden. Für die Flüchtlinge ist das eine Chance, für unsere Gesellschaft eine Bereicherung. Und nicht zuletzt ein Zeichen christlicher Nächstenliebe..
 

BRASILIEN

Gesetz gegen Kindstötungen geplant

Mehrere hundert Indio-Babys werden in Brasilien jedes Jahr umgebracht — weil sie eine Behinderung haben, Zwillinge sind oder weil ihre Mütter alleinstehend sind. Das Töten muss die Mutter meist selbst ausführen, durch Vergiften, lebendiges Begraben, Schüsse mit Bogenpfeilen, Ablegen im Wald oder andere Methoden. Bei mindestens 3 Ethnien in Brasilien sei der Infantizid verbreitet, haben Wissenschaftler laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Isto e“ festgestellt. Per Gesetz soll dies nun verboten werden.

Der brasilianische Abgeordnete Henrique Afonso sagte jedoch, dass das Gesetz für die Indigenen keine Strafen vorsehe. Bei diesen Stämmen sei die Kindstötung eine gesellschaftlich akzeptierte Vorschrift. Dagegen sollen Nicht-Indios wie Missionare und Anthropologen, die von vorgesehenen Kindstötungen wissen und nicht eingreifen, wegen unterlassener Hilfeleistung zur Rechenschaft gezogen werden.Deutschland möglicherweise schon vor der Konferenz der EU-Innen- und -Justizminister im September Flüchtlinge aus dem Irak aufnehmen könnte.   bly/kna
 

GESUNDHEIT

Die weiße Pest: Tuberkulose

Grafik zur Verbreitung der Tuberkulose

An keiner anderen Infektionskrankheit sterben so viele Menschen wie an Tuberkulose: 1,5 Millionen Tote forderte die weiße Pest 2006. 14,4 Millionen Menschen sind infiziert, die meisten in Afrika. 500000 Kranke tragen Erreger in sich, gegen die gängige Antibiotika machtlos sind.
 

ABSCHIEBUNG

Zynische Fluglinie

„Asylum Airlines“ ist der Name einer neuen Fluglinie, die drei Österreicher europaweit etablieren wollen. Die Flugzeuge des Managers Heinz Berger, des Rechtsanwalts Hermann Heller und des Luftfahrtexperten Carl Julius Wagner sollen künftig Abschiebehäftlinge transportieren. Menschen, die in ihre Heimatländer abgeschoben werden, weil ihre Gründe für die Bitte um Asyl nicht anerkannt werden. Das Leben vieler Flüchtlinge ist in ihrer Heimat jedoch in Gefahr. „Asylum Airlines“ propagiert eine kostengünstige, Personal sparende Abschiebung. Auf zwei „ Schüblinge“, wie die Fluglinienbetreiber die Abschiebehäftlinge nennen, käme jeweils ein Bewacher — derzeit ist das Verhältnis noch umgekehrt. Seine Fluglinie versteht Berger auch als „Beitrag zu einer humaneren Abschiebung“. Statt die Menschen zu knebeln oder zu fesseln, sollen sie bei ihm in speziell gepolsterten Sitzen transportiert und mit Bügeln „fixiert“ werden, wie es sie bei Sesselliften oder Karussels gibt. Derzeit lotet der Flugliniengründer Heinz Berger den Markt in Europa aus; die ersten Interessenten hat er bereits. Mehrere europäische Länder, darunter Deutschland, versuchen seit längerem grenzüberschreitende Sammelabschiebungen zu organisieren, um Kosten zu sparen.   (hm)

 

BOLIVIEN

Keine Sklaven?

Ob es in Bolivien Sklaven gibt, ist eine Frage, die seit Jahresbeginn heiß diskutiert wird. Im Verlauf der Debatte war auch Kardinal Julio Terrazas, Erzbischof von Santa Cruz, in die Kritik geraten. Auslöser für die Diskussion waren Ankündigungen von Präsident Evo Morales, dass Landgüter enteignet werden sollten, auf denen Arbeiter wie Sklaven gehalten würden. Terrazas soll in einer Predigt die Sklaverei geleugnet haben. Eine Kommission mit Vertretern der Regierung, der Kirche und der Parteien hatte im April dann eine viertägige Rundreise unternommen und verkün-dete als Ergebnis, sie habe extreme Armut, aber keine Sklaverei vorgefunden. Die Internationale Arbeitsorganisation spricht allerdings von 130000 Menschen, die in sklavenähnlichen Verhältnissen gehalten werden. Die meisten sind Guarani-Indianer und arbeiten unter extremen Bedingungen auf großen Plantagen. Noch ist die Frage unbeantwortet, in Kirchenkreisen werden allerdings Gegenfragen gestellt: „Welche Motive stecken hinter den Äußerungen von Morales? Warum spricht die Regierung gerade in dieser Region von Sklaverei, da es die gleiche Struktur der Armut auch in anderen Gebieten gibt?“   (hm)

 

KOMPAKT

Kindersterblichkeit

Jeden Tag sterben laut Unicef mehr als 26000 Kinder unter fünf Jahren. 5000 Kinder sterben täglich, weil sauberes Wasser und Toiletten fehlen. Die höchste Kindersterblichkeit haben Angola, Sierra Leone und Afghanistan, die niedrigste Rate hat Kuba.

Verschwindende Sprachen

Mehr als 3000 Sprachen sind nach Angaben der Unesco vom Aussterben bedroht. Alle zwei Wochen verschwindet eine von der Welt. Mit der Sprache verliert eine Kultur Geschichte und Traditionen. Die Aktion „Language matters“ („Sprache zählt“) soll abhelfen.

Volle Priesterseminare

In Afrika und Asien steigt die Zahl der Priester- und Ordensberufungen stetig. Die jetzt für das Jahr 2005 veröffentlichten Daten der letzten Erhebung verzeichnen 23580 Seminaristen in Afrika (gegenüber 19078 im Jahr 1997) und 30066 in Asien (1997: 25342). In Europa sank die Zahl auf 22958 (1997: 27853).

 

STUDIE

Die Freiheitsträume der Muslime

Freiheit, Wohlstand, die Gleichberechtigung der Frau: für die Mehrheit der Muslime sind dies laut einer Gallup-Studie wichtige Werte. „Wer spricht für den Islam — was eine Milliarde Moslems wirklich denken“ lautet der Titel der Studie, die Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen und westlichen Nichtmuslimen ergründet hat. Wie die meisten Menschen wünschen sich Muslime demnach Sicherheit und einen besseren Arbeitsplatz und wollen keine Gewalt oder Konflikte. Gewalt gegen Zivilisten lehnten 81 Prozent von ihnen ab, so die Studie. Als Gemeinsamkeit stuft die Studie auch die Besorgnis von Muslimen und Westlern über den moralischen Verfall und den Zusammenbruch traditioneller Werte wie der Familie im Westen ein. Allerdings benennen fundamentale oder terroristische Muslime diese Besorgnis auch als Grund für ihre anti-westliche Haltung oder Gewaltakte. Die Studie wurde in 35 Ländern durchgeführt; es wurden 50000 Muslime befragt. Das Problem dieser — wie jeder — Studie ist die Repräsentativität. Hinzu kommt, dass es keine gemeinsame und gemäßigte „Stimme der Muslime“ gibt, die ein ausgewogenes Bild der Muslime zeichnen könnte. Als „politisch moderat“ können aber laut Studie 93 Prozent der Muslime gelten.   (hm)

 

BIO-SIEGEL

Öko bringt Geld

Asnakech Thomas war es leid: Die äthiopische Kaffeeproduzentin sah, dass die kleinen Kaffeebauern aus ihrer Region „bio“ produzierten, sich ihre Erträge aber zu „miesen Preisen“ von Zwischenhändlern abkaufen lassen mussten — weil sie sich das Bio-Siegel nicht leisten können.

Für die roten Kaffeebohnen zahlt die Geschäftsfrau ihren Pflückern inzwischen das Doppelte der ortsüblichen Summen und verkauft ihren Arabica-Kaffee als „bio-zertifiziert“, berichtet sie in einem Artikel der Berliner tageszeitung (taz). Asnakech Thomas hat sich dafür eine Exportlizenz besorgt und arbeitet mit einer deutschen Öko-Kontrollstelle zusammen, denn „Bauern sollen mehr verdienen“ — das ist möglich, solange der Bioboom in Europa anhält.

Und während der Leiter der UN-Organisation für Welternährung, Jacques Diouf, erklärt, nur der „vernünftige Einsatz von chemischem Dünger“ könne Nahrungsmittelsicherheit garantieren, sieht Sophia Twarog von der UN-Organisation für Handel und Entwicklung im Bioboom laut taz-Artikel Chancen für afrikanische Bauern, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.   (bly)

 

 

 

MENSCHEN 04-2008

JUANES

„Mein Blut“ für Minenopfer

„Ich könnte nicht damit leben, nichts gegen diese grausamen Zustände zu unternehmen“, sagt der Musikstar Juanes über seine Heimat Kolumbien. Für die Opfer von Landminen und gegen die Macht der Drogenkartelle, die mit den Minen ihre Kokafelder schützen, engagiert sich der bald 36-Jährige bereits seit Jahren. Viele kennen ihn jedoch bislang vor allem als Sänger des fetzigen Sommerhits 2005: „La Camisa Negra — das schwarze Hemd“. Oft wissen nur Fans, dass der tiefgläubige Musiker eine Stiftung gegründet hat, damit Kolumbien nicht das Land mit den weltweit meisten Minenopfern bleibt: die „Fundación Mi Sangre — Mein Blut“. Sie hilft bei der körperlichen und seelischen Rehabilitation sowie bei der Re-Integration in die Gesellschaft. Wichtigstes Anliegen ist für den zweifachen Vater Juanes aber die Friedenserziehung für eine hoffentlich minenfreie Zukunft.     (hm)

 

HU XIAOYAN

Stimme der Wanderarbeiter

Chinas rund 200 Millionen Wanderarbeiter haben in diesem Jahr drei Parlamentsvertreter bekommen. Die erste der Abgeordneten, die sich für die meist ausgebeuteten und armen Arbeiter einsetzen will, ist Hu Xiaoyan, eine 34-jährige Fabrik-Vorarbeiterin, die selbst Wanderarbeiterin ist. Bei einem Treffen mit Premierminister Wen Jiabao hat sie sich dafür stark gemacht, dass neben den Lebensbedingungen der Arbeiter vor allem die Schulbildung der Kinder verbessert werden muss. Die Eltern haben oft kein Geld, um die Kinder zur Schule zu schicken. Viele Schulen verlangen eine Sonderabgabe von den „Nicht-Niedergelassenen“. Kritiker finden, dass die Vorzeige-Arbeiterin Hu Xiaoyan nach dem Besuch beim Premier zu enthusiastisch war und dass die drei Abgeordneten nur Chinas Image dienen sollen.     (hm)

 

KÖNIG ABDULLAH

Mäßigung für Imame

Für eine gemeinsame Friedensmission der großen Religionen setzt sich Saudi-Arabiens König Abdullah, 84, ein. Als erster arabischer König hatte er Ende 2007 den Papst besucht. Nun plant der westlich gebildete König eine Art Religionsgipfel in Saudi-Arabien. Noch ist die öffentliche Ausübung des Christentums oder anderer Religionen in seinem Staat allerdings verboten. Und erst im März war der 23-jährige Abdruajman Mohamed Saleh wegen der „Hinwendung zum Christentum“ hingerichtet worden. König Abdullah setzt allerdings weiter auf seinen vorsichtigen Reformkurs. So will der „Hüter der Moscheen“, wie er auch heißt, die 50000 Imame umerziehen: zu Mäßigung.     (hm)