Magazin > Heft 03-2008

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Blind Date in Guantánamo
REPORTAGE 2 - Don Renato: Der Freund der Gypsies
INTERVIEW mit dem Apostel Paulus
HINTERGRUND - Warum in die Ferne schweifen?
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 03-2008:

Blind Date in Guantánamo

Er ist der Diener zweier Herren: Als katholischer Militärpfarrer auf der US-amerikanischen Marinebasis Guantanamo Bay fühlt er sich dem Papst ebenso verpflichtet wie dem Präsidenten der USA. Doch der Texaner Sal Aguilera (53), der auf Seelsorge in Krisenfällen spezialisiert ist, hat mit dieser Zwickmühle zu leben gelernt: „Es ist das gleiche Dilemma, das Christus auf dieser Welt erlebte“, kommentiert er gelassen den Umstand, dass seine beiden höchsten Chefs sehr unterschiedliche Auffassungen zu Menschenrechtsfragen vertreten. Dies gilt vor allem für das wohl umstrittenste Gefasngenenlager der Welt, das in der Bucht von Guantanamo mutmaßliche Taliban-Kämpfer beherbergt.

Text: Franz Jussen

Fotos: Fritz Stark

   

Die abgesonderte Lage des ältesten Militärstützpunkts der US-Amerikaner in der idyllischen Karibikbucht an der Südostküste Kubas und das dichte Minenfeld, das die Basis vom Staatsgebiet des Erzfeindes Castro trennt, isolieren den „kommandierenden Kaplan“ nicht nur vom Rest der Welt, sondern auch von seiner Nachbarpfarrei. Obwohl sie Zaun an Zaun leben, ist er seinem katholischen Kollegen in der angrenzenden Pfarrei des Südteils von Guantanamo-Stadt nie begegnet. Er kennt nicht einmal seinen Namen. Doch Minenfelder und politische Gegensätze halten Father Sal nicht davon ab zu träumen: Eines Tages hofft er mit dem Herz-Jesu-Missionar aus der Nachbargemeinde gemeinsam einen Gottesdienst feiern — und anschließend ein Glas Bier trinken zu können.

 

 

REPORTAGE 2 – 03-2008:

Mission unter Muslimen: „Mitgefühl zeigen und helfen, das ist mein Leben“, so Don Renato, 
		Seelsorger für 300000 Nomaden in Bangladesch.

Don Renato: Der Freund der Gypsies

Seine „Kathedrale“ passt in die Westentasche. Sie ist immer dabei, wenn Don Renato zu „seinen Nomaden“ geht, den „Zigeunern“ von Bangladesch. In dem südasiatischen Land, in dem der Islam Staatsreligion ist, darf der italienische Priester niemanden zum Christentum bekehren; seine Mission sieht er darin, Muslime und Hindus „näher zu Gott zu bringen“.

 

Text und Fotos: Toni Görtz

 

Schon als 19-Jähriger lehnte sich Don Renato gegen die Obrigkeit im heimischen Alba auf: Wenn in der italienischen Kleinstadt „ Fahrendes Volk“ nach einem Lagerplatz suchte und schroff abgewiesen wurde, dann war es Renato, der die Öffentlichkeit für sie mobilisierte. Seitdem hat Renato Rosso, 62, sein Leben als Missionar für „Zigeuner“ eingerichtet — und wurde damit selbst ein „Fahrender“: Er wirkte in Brasilien, heute arbeitet er in Bangladesch und Indien, und er begleitet Seelsorgeprojekte für Nomaden auf den Philippinen und in Indonesien.  

Unser Reporter Toni Görtz hat ihn in Bangladesch aufgespürt. Für kontinente dokumentiert er, wie der italienische Missionar ungezählten Menschen, die bislang als „Abschaum“ gemieden werden, zu neuen Lebensperspektiven verhilft: Don Renato ist es gelungen, hunderte Wanderschulen aufzubauen — wodurch die Nomadenkinder erstmals Anschluss an die Gesellschaft ihrer Heimatländer finden.

 

 

 

INTERVIEW 03-2008

Apostel der Heiden: Der heilige Paulus gilt als Vater des christlichen Europas.

Interview mit dem Apostel Paulus

„Was will denn dieser Schwätzer?“ ...

... spotteten die Philosophen in Athen und führten Paulus zum Areopag, damit er dort seine Lehre vortrage. Bis heute ist der umtriebige Apostel eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Christenheit. kontinente hat ihn anlässlich seines Geburtstages vor 2000 Jahren interviewt.

Foto: pa/Graetz

Wie redet man einen so großen Heiligen eigentlich an? Darf ich Sie Paulus nennen?

Ja, gerne. Aber lassen Sie den großen Heiligen bitte weg. Ich bin nur ein Heiliger wie alle Christen, das habe ich schon im Korintherbrief geschrieben: indem wir abgewaschen sind, sind wir geheiligt.

Nicht so bescheiden. Ohne Sie wäre aus der kleinen Splittergruppe von damals wohl keine Weltreligion hervorgegangen.

Ich konnte einfach nicht anders. Mein Erlebnis vor Damaskus ...

Sie meinen den Sturz vom Pferd und Ihre Bekehrung?

Was Lukas in der Apostelgeschichte über mich verbreitet hat, ist größtenteils Legende. Und Bekehrung ist auch das falsche Wort. Ich habe mich ja keiner neuen Religion angeschlossen, sondern blieb Jude, ein Jude, der an Christus als den Gottessohn und Messias glaubte.

Das haben Ihnen Ihre jüdischen Glaubensbrüder ziemlich übel genommen ...

Ich wurde als Irrlehrer verschrien, in der Synagoge ausgepeitscht, ich habe eine Steinigung überlebt. Aber das kennt ihr ja. Heute werden Christen, die das alte Denken sprengen, in der Kirche nicht mehr ausgepeitscht, sondern bekommen einen Maulkorb verpasst.

Sie waren der erste christliche Intellektuelle. An Ihrer Theologie beißen sich Theologen und Gläubige bis heute die Zähne aus.

Nun ja, ich war ein gebildeter jüdischer Schriftgelehrter. Aber ich war kein Professor, sondern Apostel! Vom Herrn ausgesandt, um das Evangelium zu verkünden. Meine Theologie ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern immer aus den Anforderungen des Alltags erwachsen, aus konkreten Anfragen und Krisen der urchristlichen Gemeinden.

Was haben Sie denn eigentlich erlebt vor Damaskus?

Ich bin dem auferstandenen Herrn begegnet. Ich habe ihn gesehen.

Sie hatten eine tiefe mystische Erfahrung?

Ja, kann man so sagen. Eine Christusvision. Jedenfalls eine Begegnung, die eine starke und enge Beziehung zu Christus begründet hat, die mein ganzes Leben getragen hat.

Danach waren Sie nicht mehr zu bremsen. „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige“, schrieben Sie. Warum?

Weil ich fest davon überzeugt war, dass wir nur wenig Zeit hätten. Denn wenn der Erstgeborene von den Toten auferstanden war — und das war er —, dann konnte die Welt nicht so weitergehen wie bisher. Dann war klar: Wir leben jetzt in der Endzeit und die ist kurz! Vor allem deswegen bin ich so rastlos in der Weltunterwegs gewesen. Um den Boden für die Wiederkunft des Herrn vorzubereiten.

Darüber sind inzwischen mehr als 2000 Jahre vergangen, ohne dass der Herr sein Werk vollendet hat.

Ja, das hatte ich mir in der Tat anders vorgestellt. Und das wurde auch zu einem großen Problem in meiner Generation. Wir rechneten einfach nicht damit, dass jemand, der auf den Namen des Herrn getauft ist, sterben würde wie jeder andere, bevor der Herr wiederkommt. Ich habe erst wenige Jahre vor meinem Tod in Erwägung gezogen, dass ich eher beim Herrn sein könnte als er bei mir.

Heute ist das Ende der Welt auch wieder akut. Aber von Menschen gemacht.

Heute bedeutet es, dass alles den Bach runtergeht. Zu meiner Zeit war das Ende der Welt Chefsache und bedeutete nicht Zerstörung der Schöpfung, sondern Heilung und Wiederherstellung des Planes Gottes. Uns hat diese Vorstellung mit Freude und Elan erfüllt.

Angesichts von Umweltzerstörung, Krieg und Leid ist unübersehbar, dass sich diese Herrschaft Christi noch nicht durchgesetzt hat.

Das war zu meiner Zeit nicht anders. Wir waren eine kleine Splittergruppe im römischen Weltreich, das voller Ungerechtigkeit, Unterdrückung und heidnischen Götzenopfern war. Doch wir waren der festen Überzeugung, dass in unseren kleinen Zellen die Weltherrschaft des Gekreuzigten und die Wiederherstellung der Schöpfung exemplarisch schon angebrochen ist. Vor allem im Gottesdienst. Und deshalb sage ich euch: Wenn in euren Gemeinden wieder erfahrbar wird, wie die Schöpfung einmal sein wird, sozusagen als Vorwegnahme der Zukunft, dann geht von dort wieder eine Kraft aus, die es möglich macht, das Steuer noch herumzureißen.

Und aus dieser Erfahrung können wir die unerlöste Realität verwandeln?

Wenn der Gekreuzigte nicht auferstanden wäre, dann wären wir die größten Idioten auf der ganzen Welt. Aber er ist auferstanden! Weil ich das glaube, weiß ich, dass Zerstörung, Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Das müsst ihr in euren Gottesdiensten wieder erfahrbar machen. Das Herrenmahl ist keine dröge Veranstaltung, wo man ein Stück Brot isst, sondern die Feier des Auferstandenen, das Gedächtnis des Gekreuzigten und das Herbeirufen des Kommenden. In diesen Gottesdiensten findet Verwandlung statt, weil Menschen in Kontakt kommen mit einer neuen Welt, die ja bereits angebrochen ist.

Warum haben Sie sich ausdrücklich als Apostel der Heiden verstanden?

Kirche hieß für mich damals noch eine Glaubensgemeinschaft aus Juden und Heiden. Denn gerade diese Trennung der antiken Welt zwischen Jude und Heide, Sklave und Herr, Mann und Frau, war ja in Christus aufgehoben. Es ging bei meiner Arbeit um einen Befreiungs- und Einigungsakt, um die Erfahrung dieser Einheit aller Menschen im Gottesdienst. Zu meiner Zeit war es ja unmöglich, mit bestimmten Leuten an einem Tisch zu essen. Deswegen war die Mahlgemeinschaft im Gottesdienst eine echte Kontrasterfahrung zu der uns umgebenden Welt.

Davon ist in unseren Gottesdiensten keine Spur mehr

Das ist in der Tat ein Problem. Und wenn ich euch diesen Rat geben darf: Solange ihr in euren Gemeinden diese Kontrasterfahrung nicht mehr macht, etwa zur globalisierten, kapitalistischen, postkolonialen Welt mit der ungerechten Verteilung der Ressourcen und der Abhängigkeit ganzer Völker und Erdregionen — solange werdet ihr nicht missionarisch sein!

Sie hatten viele Frauen als Mitarbeiterinnen. Dennoch galten Sie als Frauenfeind.

Frauen waren für meine Missionsarbeit von zentraler Bedeutung. Gut, dass Bibelforscher endlich dahintergekommen sind, dass spätere Generationen mir so manche frauenfeindliche Aussage untergeschoben haben. Dass die Frau in der Gemeinde schweigen und sich dem Manne unterordnen soll — das stammt nicht von mir. Im Gegenteil: Ich habe im Korintherbrief geschrieben, dass sie im Gottesdienst betet und prophezeit wie der Mann.

Finden Sie es richtig, dass die Kirche Frauen vom Priesteramt ausschließt?

Fragen nach „Ämtern“ haben uns damals kaum beschäftigt. Ich habe meinen Gemeinden die innere Organisation meist selbst überlassen, denn Leitung und Lehre waren für uns von Gott geschenkte Geistesgaben. Vieles ergab sich dann von selbst, so auch der Vorsitz der Eucharistiefeiern. Allerdings halte ich die Koppelung von Macht und Priesteramt für problematisch. Weil damit Frauen von den Entscheidungsgremien in der Kirche ausgeschlossen sind. Diesen Rückschritt gegenüber meiner Zeit würde ich dringend überdenken. Es würde Sinn machen, Modelle der Urkirche aufzugreifen und weiter zu entwickeln, zum Beispiel das Diakonat der Frau.

Aus dem kleinen Häufchen von damals ist eine mächtige Weltkirche geworden. Sind Sie stolz darauf?

Ich bin überglücklich, dass das Evangelium tatsächlich in der ganzen Welt verkündet wird, aber auch schockiert über vieles, was im Namen des Evangeliums passiert ist. Dass die verfolgten Christen selbst zu Verfolgern wurden, auch der Juden. Es schockiert mich, dass Mission mit Feuer und Schwert betrieben wurde. Aber ich bin auch berührt von Missionaren, die bis heute meine Prinzipien beherzigt haben: Sie sind den Indios ein Indio, den Afrikanern ein Afrikaner .

Das fiktive Interview führte Veronika Buter mit Unterstützung von Hans-Ulrich Weidemann, Dozent für neutestamentliche Exegese an der Universität Tübingen. Mehr zum Paulusjahr: www.paulusjahr.info  

 

VITA
Paulus von Tarsus

Paulus wurde etwa im Jahr 6 nach Christus in Tarsus (heutige Türkei) geboren. Der gelernte Zeltmacher und strenggläubige Jude schloss sich den Pharisäern an und beteiligte sich an der Verfolgung der Urkirche, bevor ihm um 35 n. Chr. der auferstandene Christus erschien und ihn zum Apostel der Heiden berief. Nach einigen Jahren in den Gemeinden von Damaskus, Antiochia und Umgebung brach er 46 n. Chr. zu seinen Missionsreisen im Römischen Reich auf. Die Briefe an seine Gemeinden zählen zu den ältesten christlichen Schriften. Um 65 n. Chr. wurde Paulus in Rom vermutlich selbst Opfer der Christenverfolgung unter Kaiser Nero.

 

 

HINTERGRUND 03-2008

Warum in die Ferne schweifen?

Noch nie sind so viele Menschen so weit gereist wie heute. Je ferner das Land, desto stärker der Anstieg der Touristenzahlen. Kritiker werfen dieser Entwicklung vor, großen Schaden anzurichten. Lässt sich die Faszination fremder Kulturen folglich nur noch mit Gewissensbissen erleben?

Meist entscheidet der Geldbeutel darüber, wohin der nächste Urlaub führt. Ihre Sehnsucht nach Abenteuer, Erholung und Schönheit in exotischen Ländern zu erfüllen, können sich offenbar immer mehr Menschen leisten. Traditionelle Ferienziele wie Spanien oder die Türkei sind zwar weiter hoch im Kurs, die höchsten Zuwachsraten erzielen aber die ärmeren Staaten des Südens, meldet die Welttourismus-Organisation der Vereinten Nationen. Schon heute wird jeder sechste Urlaubs-Euro für den Aufenthalt in einem Entwicklungsland ausgegeben. Hurrikane, Flutwellen und Terrorgefahren verursachen dort zwar kurzzeitige Einbrüche, den langfristigen Trend vermögen derartige Katastrophen aber nicht zu stoppen. So hat auch der Reiseboom 2007 wieder Rekordniveau erreicht: Rund um den Globus wurden fast 900 Millionen Urlauber gezählt. Und in wenigen Jahren schon sollen es doppelt so viele sein. Der Tourismus hat sich zu einem der weltweit größten Wirtschaftszweige gemausert.

Schattenseiten der Sonnenparadiese

Die Branche rühmt sich gar, inzwischen eine große Rolle im Kampf gegen die Armut in der Welt zu spielen — etwa weil sie Arbeitsplätze in den bereisten Regionen schafft. Solche Halbwahrheiten sind waghalsig: Sie könnten den Urlauber zum voreiligen Schluss verleiten, er tue mit seiner Reise nur Gutes. So einfach ist die Rechnung aber nicht.

Auf der Kehrseite der Tourismus-Medaille stehen beträchtliche Schäden für Umwelt und Menschen. Wer in ein Flugzeug steigt, muss wissen, dass er das Klima erheblich belastet. Wer sich in einer Ferienanlage niederlässt, sollte hinterfragen, ob für sein Wohlbefinden gewachsene Natur- und Kulturlandschaften zerstört, Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten geopfert oder gar Menschen vertrieben werden mussten. Wer in die Ferne schweift, sollte die Augen nicht davor verschließen, dass in vielen Urlaubsregionen die ökologische Belastung durch Energieverbrauch, Abwässer und Abfälle dramatisch ansteigt.

In teils grotesken Bildern werden diese Schattenseiten des Fernreisens in der Ausstellung „All-inclusive. Die Welt des Tourismus“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn thematisiert. In ihr haben internationale Künstler die Welteroberungsstimmung der Urlauber eingefangen und fragen: Wie echt sind Wüstensafaris, auf denen PS-starke Jeeps ihre Spuren im Sand und ihre Insassen nicht selten ihren Müll hinterlassen? Welchen Reiz haben bewässerte Golfplätze in Ländern mit chronischem Wassermangel? Was hat die Welt davon, dass reiche Touristen auf eine verarmte Bevölkerung stoßen? Für Schirn-Direktor Max Hollein steht fest: „Der Tourismus schafft Arbeitsplätze, aber er relativiert und dezimiert auch Kulturen, Brauchtümer und Sitten.“

Respekt vor dem Fremden

Mit dem kritischen Blick eines Religionsphilosophen betrachtet der buddhistische Mönch Sukthawee Suwannachairop den globalen Tourismus. Er sieht im Konsum von Erlebnissen in der Freizeitindustrie den Hauptgrund für Selbsttäuschung und Zerstreuung bei Menschen. Mit professionellen Werbeteams bombardiere die Tourismuswirtschaft sie mit Träumen, durch den Konsum fantastischer Reisen glücklich zu werden. Einzelne Menschen würden Opfer dieser Industrie und fragten dann ständig nach Erlebnissen, die noch unterhaltsamer, exklusiver, luxuriöser, exotischer als die vorangegangenen sind. Im Informationsdienst von „TourismWatch“ schließt allerdings auch der koreanische Mönch nicht aus, dass wundervolle Reiseziele den Rahmen bieten können, das „Verständnis für das Leben zu kultivieren“. Die Verantwortung, ob und wem eine Reise nutzt oder zumindest nicht schadet, ruht laut Suwannachairop vor allem auf den Schultern des Reisenden selbst.

Diese Verantwortung beginnt mit der Wahl des Reiseziels, die unweigerlich auch immer eine politische Entscheidung ist. Für einen Ferienaufenthalt auf Mallorca mögen die politischen Verhältnisse im Gastland keine ausschlaggebende Rolle spielen, bei einer Reise in die Türkei ist das schon anders. Und bei Fernreisezielen wie Myanmar, wo vor allem die regierende Militärjunta von den Einnahmen durch den Tourismus profitiert, ist es äußerst ratsam, sich vor Antritt der Reise seine Gedanken zu machen. Dabei ist gerade Myanmar ein Beispiel dafür, dass schwierige Verhältnisse nicht zwingend gegen den Aufenthalt sprechen müssen. Wer die Junta partout mit keinem Cent stützen will oder um seine eigene Sicherheit fürchtet, wird das Land der Goldenen Pagoden nicht besuchen. Wer aber wie einige Menschenrechtler die Chance sieht, mit den unterdrückten Minderheiten ins Gespräch zu kommen und ihnen eine Stimme zu geben, der wird den Schritt wagen.

Sich rechtzeitig und gut über Land und Leute zu informieren, bevor man sich auf den Weg macht, gehört für Armin Vielhaber, den Vorsitzenden des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, unbedingt zu einer verantwortungsbewussten Urlaubsreise. Vielhabers Organisation setzt sich für eine Entwicklung ein, die menschliche Würde, Sicherheit und Gerechtigkeit aller am Tourismus Beteiligten fördert. Einblicke in den Alltag anderer Länder verschaffen die Themenhefte des Studienkreises in der Reihe „SympathieMagazin“. Sie blicken hinter die Kulissen und werben für Respekt vor dem Fremden, vor Kulturen und Religionen. Sich eine Reisephilosophie zu eigen zu machen, die solche Werte bejaht, ist deshalb Vielhabers wichtigste Empfehlung an jeden Reisenden.

Ticketaufschlag zugunsten der Armen

Eine andere lautet, klimabewusst zu reisen. Praktisch umsetzen können Reisende dies, indem sie etwa freiwillig für die von ihnen verursachten Klimagase beim Fliegen zahlen. Wer langfristig denkt, dem leuchtet ein, dass es einen Flug dann nicht mehr zum Schnäppchen-Preis geben kann. Organisationen wie „myclimate“ oder „atmosfair“ helfen, den „Wert“ der Abgase, den ein Reisender verursacht, zu errechnen, und investieren seine daraus abgeleitete freiwillige Abgabe in Energiesparprojekte des Südens. Ein Ticketaufschlag zugunsten der armen Länder ist in Frankreich seit 2006 sogar verpflichtend. Dort beträgt er je nach Distanz und Reiseklasse zwischen einem und 40 Euro je Flugschein. Auf gesamteuropäischer Ebene ist eine solche Regelung jedoch noch in weiter Ferne.

Seltener, dafür länger in die weite Welt

Fernflugreisende sollten sich auch überlegen, so rät Vielhaber, ob das Verhältnis von Flugdauer und Urlaubsdauer stimmig ist: Weniger häufig, dafür länger in die weite Welt zu reisen, wäre ein ebenso wertvoller Beitrag zur Klimaschonung wie Ausgleichszahlungen. Die damit erzielten Erfolge könnten allerdings durch die zu erwartende Zunahme des Urlaubsflugverkehrs wieder neutralisiert werden. „Da dürfen wir uns nichts vormachen“, warnt der Tourismusexperte. Von einem radikalen Verzicht auf Flugreisen in Entwicklungsländer hält er wenig: „Das wäre jenen Menschen gegenüber, die dort vom Tourismus leben, sozial nicht verantwortbar.“

Die pauschale Behauptung, Tourismus leiste immer einen positiven Entwicklungsbeitrag, ist für Vielhaber genauso unhaltbar wie das Mutmaßen des Gegenteils. Er glaubt, dass die Versuche, den Tourismus umwelt- und sozialverträglicher und wirtschaftlich ergiebiger zu gestalten, langfristig mehr bewirken können, als nur den auftretenden Schaden zu begrenzen. Seine Zuversicht stützt er auf die Erkenntnis, dass das Interesse an „nachhaltigen Reisen“ spürbar zunimmt.

Auch die Welttourismus-Organisation will die negativen Auswirkungen des Tourismus verringern und die Vorteile für die „Bereisten“ erhöhen. Mit dem „Globalen Ethikkodex für den Tourismus“ hat sie Spielregeln für die Branche aufgestellt, an die sich alle Beteiligten halten sollten. Die Durchschlagskraft dieses Kodex ist allerdings bescheiden, da er lediglich Empfehlungscharakter hat und es keine „Schiedsrichter“ gibt, die über die Einhaltung der Regeln wachen könnten.

Also bleibt es dabei: Den Urlaub, vor allem die exotische Fernreise, verantwortungsvoll zu gestalten, das muss der Reisende selbst in die Hand nehmen. Dabei wird er schnell spüren, dass eine gewissenhafte Vorbereitung die Freude am Urlaub sogar erhöht – ganz gleich, wohin die Reise geht.   Franz Jussen
 

INFOS IM INTERNET
 

Welttourismus-Organisation: www.unwto.org
Studienkreis für Tourismus und Entwicklung: www.studienkreis.de, www.sympathiemagazin.de,
www.to-do-contest.org
Informationsdienst Dritte-Welt-Tourismus: www.tourism-watch.de
Nachhaltiger Tourismus: www.forumandersreisen.de
Fernweh: Forum Tourismus & Kritik: www.iz3w.org/fernweh
Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung: www.akte.ch
Institut für integrativen Tourismus und Entwicklung: www.respect.at
Reiseplanung: www.sanftes-reisen.org, www.reisekompass-online.de, www.naturallianz.de/verbraucher-ratgeber00.html
Katholische Arbeitsgemeinschaft Tourismus: www.kath.de/kasdbk/kaft/kaft.htm,
Klimabewusst reisen: www.atmosfair.de (Deutschland), www.myclimate.org (Österreich und Schweiz), www.treesfortravel.nl (Niederlande).
 

REISETIPPS
 

Tipps zur Vorbereitung eines verantwortungsbewussten Urlaubs vom Reise-Ratgeber des deutschen Bundesumweltministeriums:

  • Überlegen Sie vor einer Fernreise, ob die Entfernung des Reiseziels der Reisedauer angemessen ist.
  • Flugreisen schaden der Umwelt: Fernreisen verursachen 20 Prozent der Treibhausgasemissionen des touristischen Verkehrs.
  • Über die Wahl der Unterkunft sollte nicht nur der Preis entscheiden. Informieren Sie sich auch, wie Ihr Hotel etwa mit dem Abfall oder der Energieversorgung umgeht, wie es sich in die Landschaft einfügt oder wie die Arbeitsbedingungen sind.
  • Bevor Sie reisen, erkundigen Sie sich über die Lebensverhältnisse der Menschen vor Ort. Dazu gehört beispielsweise die Lebenssituation von Frauen und Kindern.
  • Fremde Kulturen entdecken oder die Tier- und Pflanzenwelt auf umweltschonende Weise erkunden, kann auch ohne Action wie Rallyetouren aufregend sein.
     

     

     

    Nachrichten 03-2008:

    KENIA

    Die Kirche und der Konflikt

    Zu „zögerlich“ und „schwach“ , meinen Kritiker, sei die Stimme der Kirche während der Gewalt in Kenia gewesen, die nach den Wahlen Ende 2007 ausbrach. Welche Rolle spielt die Kirche nun?

    Kenia ist aus den Schlagzeilen verschwunden, doch die Probleme, die zur Jahreswende eine Gewaltwelle auslösten, sind geblieben: Armut und große soziale Unterschiede, Perspektivlosigkeit für die junge Generation und vor allem jahrhundertealte Landkonflikte und Spannungen zwischen den beiden großen Volksgruppen Kikuyu und Luo. Selbst Christen der zwei Völker kämpften gegeneinander.

    Auch Kenias Bischöfe können nicht immer die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe vergessen. So war es schwer für sie, sich während der bürgerkriegsähnlichen Kämpfe auf eine gemeinsame Meinung zu einigen. Schließlich sprachen sie sich gemeinsam für ein Ende der Gewalt aus. Das war manchen Kritikern zu wenig. Dass der Erzbischof von Nairobi und Vorsitzende der kenianischen Bischofskonferenz, Mwana N’zeki, und sein kurz darauf gewählter Nachfolger, Kardinal John Njue, damals unterschiedliche Ansichten vertraten, ob eine seit langem nötige neue Verfassung zentralistisch oder föderalistisch sein solle, führte zu weiterer Verunsicherung und zu einem Vertrauensverlust in die Kirche. Kirchen wurden auch zu Angriffszielen während der Unruhen. „Die Menschen könnten sich gegen die Kirche wenden“, fürchtete der Provinzial der Maristenbrüder in Kenia, Bruder Eugene Kabanguka aus Nairobi, angesichts all dessen. Die Kirche versucht nun Vertrauen zurückzugewinnen. Ihre soziale und karitative Arbeit wie die Hilfe für Flüchtlinge oder die Sorge für traumatisierte Frauen und Mädchen, die vergewaltigt wurden, kann dabei helfen. Die Kirche möchte auch therapeutische Hilfe aufbauen, so Pater Ludwig Peschen von den Weissen Vätern, der selbst auch Psychotherapeut und Arzt ist.

    Weiterhin rufen die Bischöfe zu Frieden und Versöhnung auf. Sie fordern alle Christen auf, den Flüchtlingen, von denen viele noch in Lagern leben, jede mögliche Unterstützung und Hilfe anzubieten. Darüber hinaus will die Kirche sich wie schon seit Jahren für eine neue Verfassung einsetzen. Zusammen mit den anderen Kirchen, wie der anglikanischen Kirche von Kenia, leistet die katholische Kirche schon lange Bildungsarbeit für eine demokratische Gesellschaft.

    Die Kritiker der Kirche sind allerdings noch nicht verstummt. Friedensappelle und soziale Arbeit reichen ihnen nicht. Der Journalist Okech Kendo vermisst echte Kirchenführer, die die Wahrheit aussprechen und Versöhnung herbeiführen. Er fordert in der Zeitung „The East African Standard“, dass die Kirche die Verantwortlichen für die Unruhen offen benennt und sich für ihre Bestrafung einsetzt.“  (hm)
     

    STANDPUNKT

    Pater Wolfgang Schonecke WV, 69
    Leiter „Netzwerk Afrika Deutschland“, zur Wahl in Kenia

    Das einstige Touristentraumland Kenia kam durch gefälschte Wahlergebnisse kurz nach Weihnachten an den Rand eines Bürgerkrieges. Wo war da die Kirche? Ein Jahrzehnt lang hatten sich Kenias Bischöfe als wortgewaltige Anwälte der Demokratie profiliert, eine neue Verfassung gefordert, Wahlbeobachter ausgebildet und Kampagnen für politische Bildung organisiert. Angesichts der Welle von Gewalt zeigten sie sich zunächst zögerlich. Dann kam die mutige Verlautbarung: Wer Gewalt verübt, darf keine Kommunion empfangen.

    Viele Christen vor Ort zeigten im Chaos selbstlose Solidarität, öffneten ihre Gebäude für Flüchtlinge, leisteten erste Hilfe und schenkten Sicherheit. Die Wunden der Gewalt sind tief, das Vertrauen zwischen den Ethnien ist zerbrochen, der Hass der Armen auf eine bodenlos korrupte politische Elite bleibt eine Zeitbombe.

    Die Kirche müsste das Stammesdenken in den eigenen Reihen überwinden, Traumata heilen, Korruption bekämpfen, Armut überwinden, Partizipation praktizieren.

    Eine übermenschliche Aufgabe.
     

    ENTWICKLUNG

    Die zwei Seiten der Auswanderung

    Grafik: Der Sohn wandert aus — die ganze Familie profitiert

     

    INDIEN

    Gewalt gegen Christen: Negativrekord

    Politische Gründe hat die zunehmende Gewalt gegen Christen in Indien. Fundamentalistische Hindus fürchten, dass sich immer mehr Kastenlose taufen lassen und somit das Kastensystem unterhöhlt wird, das den Dalits — Unberührbaren — und Stämmen wie den Adivasi keine Rechte zuspricht. Drei Viertel der indischen Christen sind Kastenlose. Mit mehr als 1000 Übergriffen gegen Christen im Jahr 2007 hat Indien einen Negativrekord seit seiner Staatsgründung 1947 verzeichnet. Radikale Hindus setzen nicht mehr nur auf Gewalt: Die „Vishwa Hindu Parishad“-Bewegung will bis zum Jahr 2011 in 100000 Adivasi-Dörfern „Projekte“ durchführen, um neue Taufen zu verhindern. Die indischen Bischöfe fordern ein Eingreifen des Staates. Gleichzeitig setzen sie sich für ein landesweit einheitliches Vorgehen der Kirche ein und wollen unter anderem die Lobbyarbeit bei Politikern und ihre eigene Medienpräsenz verbessern.   (hm)

     

    FAIRER HANDEL

    Heimische Märkte

    Auch in ärmeren Ländern gibt es einen Markt für fair produzierte und gehandelte Waren. Auf den Philippinen können kaufkräftige Bevölkerungsschichten in mehr als 300 Supermärkten rund um die Hauptstadt Manila aus einem wachsenden Angebot von fairen Produkten wählen. Dazu gehören etwa organisch erzeugter Reis, Fruchtaufstriche, Honig, Wein, Essig und Sardinen. Die Erzeugnisse haben Bioqualität und sind deshalb bei der gesundheitsbewussten Mittelschicht besonders beliebt. Soziale und ökologische Gesichtspunkte sind für die philippinischen Käufer bislang nicht so wichtig. Die Bauern profitieren dennoch von ihrem Einkaufsverhalten. Viele Bauernfamilien leben nicht mehr in wetteranfälligen Bambushütten, sondern in kleinen Steinhäusern, manche haben nun Wasserleitungen, andere können sich schon einen Fernseher oder ein Motorrad leisten. Hinter dem Erfolg dieses einheimischen Fairen Handels steckt die Vermarktungsorganisation „Upland Marketing Foundation“, UMFI. Sie vermarktet die Erzeugnisse von 110 Kooperativen aus allen Teilen der Philippinen. Als ihre Mission bezeichnet die UMFI es, den lokalen Markt weiterzuentwicklen und den Fairen Handel zu etablieren. Den Kooperativen will sie bezahlbaren Zugang zu modernen Technologien ermöglichen und eine stabile finanzielle Basis verschaffen.   (hm)

     

    KOMPAKT

    Christlicher Exodus

    Die Zahl der Christen im Irak nimmt weiterhin ab. Seit dem Ende des Saddam-Regimes haben rund 300000 Christen das Land verlassen. Die christliche Hilfsorganisation Open Doors fürchtet, dass in fünf Jahren keine Christen mehr im Irak leben werden.

    Gefragte Adoptivkinder

    Jedes sechste Adoptivkind weltweit kommt aus Guatemala. 5000 Kinder aus dem kleinen lateinamerikanischen Land wurden 2007 von ausländischen Paaren adoptiert. Viele dieser Kinder wurden ihren leiblichen Eltern geraubt.

    Weltweit tätige Orden

    Weltweit arbeiten 945210 Ordensleute, darunter 753400 Ordensfrauen und 136171 Ordenspriester. Dazu kommen 55107 Ordensbrüder und 532 Ständige Diakone. In Asien sind 177008 Ordensleute im Einsatz, in Afrika 72057. In Europa arbeiten 368271 Ordensfrauen und -männer, in Amerika 253477.

     

    BRASILIEN

    Befreite Sklaven

    Erfolge in ihrem unermüdlichen Kampf gegen Sklaverei kann die katholische Kirche von Brasilien verbuchen. Fast 5900 Sklavenarbeiter wurden im vergangenen Jahr von Einheiten der brasilianischen Bundespolizei und des Arbeitsministeriums befreit. Seit Großfarmen — ein Haupteinsatzgebiet moderner Sklaven — kontrolliert werden, ist dies eine Rekordbilanz. Insgesamt wurden seit der Einführung der Kontrollen im Jahr 1995 mehr als 27600 Sklaven befreit. Die Sozialorganisationen der Brasilianischen Bischofskonferenz erstatten die meisten Anzeigen gegen Sklavenfarmen. Regelmäßige Morddrohungen für diesen Einsatz erhält zum Beispiel eine von dem französischen Dominikaner und Anwalt Xavier Plassat geleitete Arbeitsgruppe. Vor allem die Agrarwirtschaft betrachtet den Kampf gegen Sklaverei als „geschäftsschädigend“. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation gibt es bis zu 48000 Sklaven in Brasilien. Viele werden mit falschen Versprechungen für hohen Lohn auf Farmen oder in Fabriken gelockt. Sklaven werden etwa bei der Abholzung des Regenwaldes eingesetzt, in der Landwirtschaft oder in städtischen Textilfabriken.   (hm)

     

    CHINA

    Die Einwanderer kommen

    Das bevölkerungsreichste Land der Erde, China, könnte zum Einwanderungsland werden. Mit dem wirtschaftlichen Wachstum kommen die Ausländer: westliche Wirtschaftsfachleute, afrikanische Händler, japanische Autobauer. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch die Zahl der „offiziell registrierten“ Ausländer soll mehr als 300000 betragen. Rechnet man Taiwanesen und Tibeter hinzu, die das Regime als Chinesen betrachtet, steigt die Zahl auf rund 800000 Menschen. Die kommunistische Regierung muss erst lernen damit umzugehen: Einerseits will es „das Volk“ vor zu vielen, vermeintlich gefährlichen oder schlechten Einflüssen von außen bewahren. Andererseits braucht sie Arbeitskräfte und Einwirkungen von außen, um das wirtschaftliche Wachstum weiterhin sicherzustellen. Aus dem Westen zieht es nicht nur die Mitarbeiter großer Unternehmen, die einen neuen Markt wittern, nach China: auch Lehrer, Discjockeys oder Gastronomen hoffen auf ihren Anteil am Wachstum im großen Reich der Mitte. Angesichts einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden ist die Zahl der Ausländer gering, dennoch zeigen sich schon die offenbar unvermeidlichen Probleme einer Gesellschaft, die sich mit „Fremden“ konfrontiert sieht: in Blogs, das heißt Internettagebüchern, wettern Chinesen etwa gegen „die mädchenbesessenen Schwarzen“.   (hm)

     

    DEUTSCHLAND

    Haushaltssklavin

    Eingesperrt in eine Wohnung, schuften von früh bis spät, mangelhafte Verpflegung und Versorgung: so leben Haushaltssklaven. Und das auch mitten in Deutschland und nicht nur in vermeintlich rückständigen Entwicklungsländern. Möglich wird das durch die rechtsfreien Räume für Diplomaten. Die sind zwar seit 2004 verpflichtet, „sozial- und arbeitsrechtliche Mindeststandards“ wie ein Gehalt von mindestens 750 Euro, Kost und Logis für ihre Hausangestellten einzuhalten — aber kontrollieren kann dies niemand. Dazu trägt bei, dass die Angestellten des Diplomatenhaushalts sich nicht selbst anmelden müssen, wenn sie mit ihrem Dienstherrn herkommen. So ist es dem Zufall — oder wie im Fall einer jungen Indonesierin einer ernsten Erkrankung mit Klinikaufenthalt — überlassen, ob das Schicksal einer Haushaltssklavin bekannt wird. Dann kann das Auswärtige Amt versuchen, etwas für sie zu erreichen — doch der Handlungsspielraum ist sehr begrenzt.   (hm)

     

     

     

    MENSCHEN 03-2008

    Friedensmann: von Schwarzenfeld auf dem australischen Global Stone.

    WOLFGANG VON SCHWARZENFELD

    Steine für den Weltfrieden

    „Es hat noch nie jemand ein Monument für die Zukunft gemacht, ohne historische Belastungen oder als Gedenken an Katastrophen.“ Wolfgang von Schwarzenfeld errichtet dieses Monument seit 1999: Im Berliner Tiergarten setzt er „Global Stones“, mehrere Tonnen schwere Steine für den Weltfrieden. Es sind Steine von allen Kontinenten — und auf jedem Erdteil befindet sich ein Schwesterstein. Der letzte Stein fehlt noch — und ob er ihn je setzen kann, weiß Schwarzenfeld nicht. Es soll ein Stein aus Tibet sein, dessen Schwesterstein auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking platziert werden soll, dem Ort der brutalen Niederschlagung der Studentenproteste 1989. Was motiviert den 74-Jährigen? „Wir Menschen sind sehr unterschiedlich, aber wir sind eine Menschheit und füreinander verantwortlich, auch für unsere Feinde.&ldquo    (hm)Infos: www.globalstone.de

     

    ORHAN KEMAL CENGIZ

    Mutig für türkische Christen aktiv

    Orhan Kemal Cengiz lässt sich nicht einschüchtern. Der türkische Anwalt macht seit 15 Jahren Menschenrechtsarbeit in der Türkei und setzt sich besonders für die Rechte der christlichen Minderheit ein. Zuletzt hat ihm dies Drohungen aus ultranationalistischen Kreisen eingebracht, als er die Witwe eines der drei Opfer des Anschlags auf einen christlichen Verlag vertrat. Im April 2007 waren drei Männer in dem Verlag in Malayta getötet worden. Cengiz engagiert sich seit langem für die Freiheitsrechte von Christen und hat zudem verschiedene Menschenrechtsinitiativen in der Türkei gegründet. Rund um den Malaytaprozess bekam Cengiz deutliche „Warnungen“ in Presseartikeln und hatte, wie er sagt, zum ersten Mal Angst. Doch von seiner Arbeit hält ihn das nicht ab.     (hm)

     

    IRENE ABONYO

    Versöhnung mit den Peinigern

    „Ich will Frieden“, sagt Irene Abonyo. Deshalb hat die 62-jährige Uganderin Soldaten der Rebellenarmee „Lord’s Resistance Army“ (LRA) die Hand zur Versöhnung gereicht. Vor fast 17 Jahren hat ihr ein LRA-Trupp Lippen und Ohren abgeschnitten und ihren Mann Santonino getötet. Drei Frauen wurden mit ihr verstümmelt. Es war ihre „Strafe“ dafür, dass sie Santonino nicht selbst totschlagen wollten. Im Moment gibt es einen Waffenstillstand. LRA-Vertreter wollen nach altem Ritual um Vergebung bitten und sich so Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof ersparen. Diese wollen auch viele Opfer nicht, weil sie meinen, dass Gerichtsurteile den Versöhnungsprozess stören könnten. So denkt auch Irene Abonyo. „Gott wird diese Menschen richten“, sagt sie.     (jöt)